mini|300px|Startfahrzeug 2P16 mit Rakete 3R9 des Raketenkomplexes 2K6 Luna 2K6 Luna () ist der Name einer ab 1956 in der Sowjetunion entwickelten Kurzstreckenrakete. Es war der erste in größeren Stückzahlen produzierte und eingeführte taktische Raketenkomplex der Sowjetarmee, der zum Verschuss von nuklearen Sprengköpfen in der Lage war. Luna wurden 1960 in Dienst gestellt und bis 1982 aus der Bewaffnung der Sowjetarmee herausgelöst. Das Waffensystem wurde auch in die Volksrepublik Polen, die ČSSR, die Sozialistische Republik Rumänien, die DDR, die Demokratische Volksrepublik Korea sowie Kuba exportiert.

Bezeichnungen Die sowjetischen Einsatzgrundsätze unterschieden bei Boden-Boden-Raketen strategische, operative und taktische Raketen. Raketensysteme strategischer Bedeutung wurden in den Strategischen Raketentruppen zusammengefasst. Truppenteile, die mit operativ-taktischen Raketenkomplexen mit Reichweiten von mehreren hundert Kilometern ausgerüstet waren, wurden den Armeen bzw. Armeekorps (im Frieden den Militärbezirken) zugeordnet. Taktische Raketenkomplexe wurden den motorisierten Schützen- und Panzerdivisionen zugeordnet. Sie dienten der Bekämpfung von Zielen im Verantwortungsbereich der Division und hatten eine Reichweite von bis zu 120 km. Nach Zweckbestimmung und taktisch-technischen Daten wird das System 2K1 als taktischer Raketenkomplex (тактический ракетный комплекс) bezeichnet. Im westlichen Sprachgebrauch wird für derartige Waffensysteme der Begriff Gefechtsfeld-Kurzstreckenrakete oder Battlefield Short Range Ballistic Missile (BSRBM) benutzt.

Der GRAU-Index des Waffensystems ist 2K6, Luna ist der Gebrauchsname. Das Air Standardization Coordinating Committee (ASCC) vergab sowohl für das System, die verschiedenen Raketen und Prototypen die Namen Frog-3, Frog-4, Frog-5 und Frog-6. Die Exportbezeichnung des Waffensystems lautet R-30 (Р-30).

Entwicklung mini|Die 1953 eingeführte 280-mm-Haubitze T-131 war das erste taktische Nuklearwaffensystem der US Army Seit dem Bruch des Nuklearmonopols der USA 1949 verfügte auch die Sowjetunion über Nuklearwaffen. Diese Waffen waren vorläufig verhältnismäßig groß und schwer, so dass als Träger nur strategische Bombenflugzeuge zur Verfügung standen. Diese waren jedoch zur Bekämpfung taktischer Ziele auf dem Gefechtsfeld nicht geeignet. Der technologische Fortschritt ließ jedoch bereits zum damaligen Zeitpunkt die Konstruktion von nuklearen Gefechtsköpfen erwarten, die nur wenige hundert Kilogramm wogen. Damit erschien der Einsatz von taktischen Atomwaffen möglich. In den USA wurde 1952 die 280-mm-Haubitze T-131 in Dienst gestellt. Das Geschütz war zum Verschuss von Granaten mit nuklearen Sprengköpfen geeignet. Im Folgejahr begann die Indienststellung des Raketensystems MGR-1 Honest John, das ungelenkte Feststoffraketen mit nuklearen Gefechtsköpfen starten konnte. In der Sowjetunion wurden Vorarbeiten zur Entwicklung nuklearfähiger taktischer Raketen 1948 bis 1951 im Wissenschaftlichen Forschungsinstitut Nr. 1 (НИИ-1) (seit 1967 Moskauer Institut für Wärmetechnik) unter Führung von N. P. Masurow (Н.П.Мазуров) geleistet, jedoch erst mit Indienststellung der Honest John wurden die Arbeiten energischer vorangetrieben.А.Ф. Рябец: Первые отечественные подвижные средства хранения и стыковки СБЧ (russisch)

Die damals in der Sowjetunion verfügbaren nuklearen Gefechtsköpfe hatten einen Durchmesser von ungefähr 800 mm. Für den Verschuss mit herkömmlichen Geschützen waren diese Gefechtsköpfe zu groß und zu schwer. Als Träger konnten daher nur Raketen eingesetzt werden. Das Waffensystem musste insgesamt eine hohe taktische Beweglichkeit haben und die Rakete innerhalb weniger Minuten einsatzbereit sein, daher kamen grundsätzlich nur Feststoffraketen in Frage. Die seinerzeitigen Trägheitsnavigationssysteme wiesen auf Entfernungen von rund 30 km – dies war die angenommene Einsatzreichweite – eine Genauigkeit von 500 bis 1000 m auf. Dieser Wert konnte jedoch auch einfacher mit ungelenkten Raketen erreicht werden. Eine Funkfernsteuerung erschien problematisch, da diese das System anfällig gegen Störungen gemacht hätte. Das bei der MGM-1 Matador eingesetzte Shanicle-Steuersystem (Short Range Navigation Vehicle) war zwar wesentlich genauer, erforderte jedoch eine Reihe bodengestützter Mikrowellen-Sender, die ein Funknetz zur Darstellung von Entfernung und Azimut generierten, auf dessen Basis die Matador navigierte. Dieses Funknetz konnte jedoch nicht über gegnerischem Territorium errichtet werden, so dass hier wieder auf die Trägheitsnavigation zurückgegriffen werden musste. Bei einer Gefechtsfeldrakete, bei der sich der größte Teil der Flugbahn über gegnerischem Territorium befand, war dieses System nicht sinnvoll einzusetzen.

Am 11. Mai 1954 erließ die Sowjetregierung eine Weisung zur Beschleunigung der Entwicklung taktischer Nuklearwaffen. Infolge dieser Weisung entstanden in relativ kurzer Zeit eine Vielzahl von Waffensystemen. Im Spezialkonstruktionsbüro 1 (СКБ-1) des Wissenschaftlichen Forschungsinstitutes 88 (НИИ-88) wurde unter Leitung von Sergei Pawlowitsch Koroljow die erste operativ-taktische Rakete R-11 entwickelt. Gleichzeitig entstanden die Flügelraketen KS-1 Kometa (КС-1 Комета) und KS-7 (КС-7). Im NII-1 entstand unter Leitung von N. P. Masurow (Н.П. Мазуров) die taktischen Raketensysteme 2K1 Mars und 2K4 Filin. Das Problem der Entwicklung kleinkalibriger nuklearer Gefechtsköpfe konnte hier relativ leicht umgangen werden, indem Überkaliber-Gefechtsköpfe verwendet wurden. Der erhöhte Stirnwiderstand und die ungünstige aerodynamische Form schränkten jedoch die Reichweite ein. Die Systeme 2K1 Mars und 2K4 Filin litten unter zahlreichen Problemen und wurden nur in sehr geringer Stückzahl hergestellt. Von der 2K1 Mars kamen 25 Systeme in den Truppendienst, während die 36 produzierten 2K4 Filin nicht an die Truppe ausgeliefert wurden. mini|Der selbstfahrende 420-mm-Granatwerfer 2B1 Oka kam nicht über das Versuchsstadium hinaus Am 18. April 1955 hatte der Ministerrat der UdSSR die Entwicklung großkalibriger Geschütze angewiesen. Dies betraf die 406,4-mm-Kanone SM-54 (406,4-мм пушки СМ-54), den 420-mm-Granatwerfer Oka (420-мм миномета Ока) und das 420-mm-rückstossfreie Geschütz S-103 (420-мм безоткатного орудия С-103). Bei der Entwicklung entsprechend kleiner Gefechtsköpfe mit einem Durchmesser von 406 bzw. 420 mm ergaben sich jedoch zahlreiche Schwierigkeiten, ebenso traten ballistische Probleme auf. Letztendlich waren die Entwicklungen nicht erfolgreich, keines der Projekte wurde in die Serienproduktion überführt.

Im Jahr 1953 gab die Hauptverwaltung Artillerie (Главное артиллерийское управление МО, ГАУ) die Aufgabenstellung zur Entwicklung einer taktischen Rakete mit einer Reichweite von 50 km heraus. Im gleichen Jahr begannen im Wissenschaftlichen Forschungsinstitut Nr. 1 (НИИ-1) unter Führung von N. P. Masurow die Arbeiten am Projekt zeitgleich zur Entwicklung der Systeme 2K1 Mars und 2K4 Filin. In die Entwicklung des Waffensystems wurden verschiedene Konstruktionsbüros einbezogen. Die Arbeiten an der Startrampe mit dem Werksindex S-123 (С-123) und dem Transport-Ladefahrzeug mit dem Werksindex S-124 (С-124) wurden 1956 im Konstruktionsbüro des Stalingrader Traktorenwerkesin diesem Artikel werden die zum damaligen Zeitpunkt üblichen Ortsnamen verwendet (Сталинградский тракторный завод) unter Leitung von Wassili Gawrilowitsch Grabin aufgenommen. Die als Objekt 160 (объект 160) und Objekt 161 (объект 161) bezeichneten Chassis basierten auf dem leichten schwimmfähigen Panzer PT-76. Am 16. Mai 1957 erließ der Ministerrat der UdSSR eine WeisungПостановление Совмина № 558–583 über die Fertigstellung der Fahrzeuge und die Erprobung des Waffensystems.

Im Herbst 1958 wurde der Komplex zusammen mit anderer Militärtechnik in Kapustin Jar der sowjetischen Staats- und Parteiführung vorgestellt. Während der Vorführung entschied Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, dass das Projekt des Transport- und Ladefahrzeuges einzustellen sei. Daher nahm an der Klimaerprobung in der Transbaikalregion nur noch das Startfahrzeug teil, das inzwischen den GAU-Index 2P16 erhalten hatte. An der Erprobung waren auch Elemente des taktischen Raketenkomplexes 2K1 Mars beteiligt. Der Komplex 2K6 Luna zeigte sich überlegen, dennoch wurden noch zahlreiche Mängel sichtbar.

Inzwischen wurde im NII-1 die vorgesehene Bewaffnung überarbeitet. Anstelle der Rakete 3R5 (3Р5) wurde die Entwicklung von zwei Raketen vorgeschlagen: der Rakete 3R9 (3Р9) mit einem Splitterspreng-Gefechtskopf und der Rakete 3R10 (3Р10) mit dem nuklearen Überkaliber-Gefechtskopf 3N14 (3Н14). Grundlage der Entwicklung bildete wieder die Rakete 3R1 (3Р1) des Waffensystems 2K1 Mars. Das Triebwerk war in beiden Varianten gleich. Es wurde vom Wissenschaftlichen Forschungsinstitut 125 (НИИ-125) zusammen mit dem NII-1 entwickelt.

Am 8. April 1959 fasste der Ministerrat der UdSSR einen Beschluss,Постановление Совмина № 378–180 der die Vorgaben der Weisung von 1953 präzisierte. Das NII-1 wurde beauftragt, die Raketen 3R9 und 3R10 fertig zu entwickeln und im scharfen Schuss zu erproben. Die Startrampe 2P16 sollte grundlegend überarbeitet werden. Die Hauptverwaltung Artillerie und das NII-1 sollten eine Entscheidung über die Komplettierung des Waffensystems mit einem Autokran und Transportfahrzeugen festlegen. Für Erprobungszwecke sollten das NII-1 und das Werk Barrikady (завод Баррикады) Vorserienmuster herstellen. Diese Vorgaben wurden in den taktisch-technischen Forderungen Nr. 007428 (тактико-технические требования № 007428) zusammengefasst. Weiterhin wurde im Beschluss die Entwicklung einer Startrampe auf einem Radfahrgestell angewiesen, die Vorgaben dazu wurden in den taktisch-technischen Forderungen Nr. 007762 (тактико-технические требования № 007762) festgelegt.

Im Jahr 1959 wurde weiter an der Entwicklung der Startrampe und der Raketen gearbeitet. Um die geforderte Reichweite und Treffergenauigkeit zu erreichen, erhielt die Rakete ein zusätzliches Rotationstriebwerk. Die hintere Brennkammer erhielt zusätzliche Austrittsdüsen, die zur Längsachse der Rakete geneigt waren. Durch diese Maßnahmen wurde die exzentrische Verteilung des Schubes um die Lenkachse der Rakete ausgeglichen. Für den nuklearen Gefechtskopf wurden die Funkmesszünder I-37 Dreieck (И-37 Треугольник) und I-38 Vibrator (И-38 Вибратор) entwickelt. Im März und April 1959 wurden die Raketen zusammen mit der überarbeiteten Startrampe 2P16 in Kapustin Jar im scharfen Schuss erprobt. Zur Erprobung der Zünder waren weitere Starts notwendig, die sich bis Juni 1959 hinzogen.

Im Ergebnis der geforderten Überarbeitung der Startrampe wurde die Konstruktion der Startschiene geändert. Dadurch erhöhte sich die Masse des Fahrzeuges auf 18 t, was eine Überarbeitung des Laufwerkes notwendig machte. Diese Arbeiten zogen sich über das Jahr 1959 hin. Da das ursprünglich vorgesehene Transport-Ladefahrzeug von Chruschtschow gestrichen worden war, musste für das Be- und Entladen der Startrampe eine neue Lösung gefunden werden. Zu diesem Zweck sollte der auf dem Fahrgestell des Lkw MAZ-200P aufgebaute Autodrehkran K-61 mit einer Tragfähigkeit von 6 t zum Einsatz kommen. Das Fahrzeug war nicht geländegängig, was die Beweglichkeit des Komplexes beeinträchtigte. Auch für den Transport der Raketen bzw. Triebwerke war ein Fahrzeug erforderlich. Das NII-1 entschied sich für das Transportfahrzeug 2U663, einen Sattelauflieger mit angetriebener Achse. Zugfahrzeug war ein Lkw ZIL-157K. Zwei Prototypen des Transportfahrzeuges wurden bis zum 12. November 1959 fertiggestellt und anschließend erprobt. Die Ergebnisse waren zufriedenstellend, Einfachheit der Konstruktion und Zuverlässigkeit wurden besonders hervorgehoben.