Die Schlacht (auch Durchbruchsschlacht) bei Gorlice-Tarnów fand im Ersten Weltkrieg Anfang Mai 1915 an der Ostfront bei den Städten Gorlice und Tarnów im Norden des damaligen österreichisch-ungarischen Kronlandes Galizien statt. Sie markiert einen Wendepunkt des Krieges an der Ostfront. Den Streitkräften der Mittelmächte (des Deutschen Kaiserreichs und Österreich-Ungarns) gelang in der Schlacht ein entscheidender Durchbruch durch die Stellungen der kaiserlich-russischen Armee. Eine schwere Niederlage der russischen 3. Armee war die Folge. Der Erfolg bei Gorlice-Tarnów ermöglichte den Mittelmächten am 22. Juni 1915 die Rückeroberung Lembergs, der Hauptstadt Galiziens, sowie bis zum Ende des Sommers 1915 die Besetzung von ganz Russisch-Polen.
Hintergrund mini|Generaloberst August von Mackensen, der Oberbefehlshaber der 11. Armee Bis Sommer 1915 konnte keine der an der Ostfront kämpfenden Kriegsparteien einen eindeutigen Vorteil erringen. So war es zwar den Mittelmächten noch 1914 gelungen, die strategische Offensive Russlands – die sogenannte russische Dampfwalze – zum Stehen zu bringen. Bei Tannenberg und an den Masurischen Seen war es den Streitkräften des Deutschen Reichs sogar gelungen, zwei russische Armeen aus Ostpreußen zurückzudrängen. Der anschließende Versuch einer Eroberung Polens noch im Herbst desselben Jahres scheiterte jedoch am russischen Widerstand. Der Donaumonarchie gelang es nach der schweren Niederlage in der Schlacht von Lemberg immerhin durch die Schlacht bei Limanowa–Lapanow eine direkte Bedrohung ihres Kernlands durch die russische Armee abzuwenden. Die folgende Winteroffensive in den Karpaten scheiterte jedoch unter schweren Verlusten. Der weiterhin drohende russische Durchbruch an der Karpatenfront in die ungarische Tiefebene und auf Budapest, sowie die sich abzeichnende Kriegserklärung Italiens setzte Österreich-Ungarn stark unter Handlungsdruck. Das Deutsche Reich wiederum wollte die brüchige Situation an der Ostfront durch Schaffung eines Puffers stabilisieren, letztlich um dadurch genug militärische Kräfte für ein Wiederergreifen der Initiative an der Westfront zur Verfügung zu haben, nachdem der ursprünglich verfolgte Schlieffen-Plan gescheitert war.
Planungen der Stäbe Am 1. April 1915 signalisierte der deutsche Militärbevollmächtigte beim k.u.k. Armeeoberkommando die Bereitschaft, deutsche Truppenverbände zu einer Entlastungsoffensive des österreich-ungarischen Verbündeten an der Ostfront bereitzustellen. Dieser Idee stimmte auch die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) am 13. April zu. Über die zu wählende Strategie herrschte allerdings zunächst keine Einigkeit in den militärischen Stellen der Mittelmächte. Vor allem Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg, die maßgeblich für den Sieg in der Schlacht von Tannenberg waren, setzten sich für eine breitangelegte, strategische Umfassung ein, die von Ostpreußen und Galizien aus die russische Front an ihren Flanken aufrollen und die russischen Truppen in einem ganz Polen umfassenden Kessel abschneiden sollten. Die Oberkommandierenden beider verbündeter Staaten setzten jedoch auf herkömmliche Strategien. So hatte der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf bereits nach der Schlacht in den Karpaten einen Plan für eine zentrale Durchbruchsschlacht am russischen Frontvorsprung zwischen Tarnów und der Region Gorlice aufgestellt. Auch Erich von Falkenhayn, der Chef der OHL, befürwortete den österreichischen Plan, den Hötzendorf ihm bereits im Januar 1915 skizziert hatte. Er fürchtete, dass der Plan einer großen Umfassung zu viele deutsche Truppen benötigt hätte und somit die Westfront zu sehr ausdünnen würde. So fiel die Entscheidung für eine eher begrenzte Operation, bei der von Falkenhayn jedoch auf der deutschen Leitung beharrte. Die OHL entsandte die im März 1915 neu aufgestellte 11. Armee unter Generaloberst August von Mackensen, der sich in den Kämpfen in Ostpreußen und bei Lodz ausgezeichnet hatte. Die Armee, die auch ein österreichisch-ungarisches Armeekorps umfasste, bestand aus insgesamt zehn Divisionen und sammelte sich ab 21. April in Westgalizien.
Operationsziel und Aufmarsch mini|Kaiser Wilhelm II. im Hauptquartier der 11. Armee, neben dem Kaiser General von Seeckt, rechts Generaloberst von Mackensen
Operatives Ziel der 11. Armee war es, zwischen dem IX. und X. Korps der russischen 3. Armee unter General Radko Dimitriew einen Keil zu treiben. Während dies den nördlichen Flügel der russischen Armee auf Jaroslau zurückwerfen werden würde, sollte der südliche Flügel auf die Karpatenfront der österreichisch-ungarischen 3. und 2. Armee abgedrängt und dort eingekreist werden. Im weiteren Verlauf würde der Fluss San erreicht und die sich daraus ergebende Bedrohung der rückwärtigen Linien der russischen 8. Armee unter Alexei Brussilow sollte die gesamte russische Südwestfront zur Aufgabe ihrer Stellungen im Raum Łupków und am Uschok-Pass gezwungen werden.
Die Geländebedingungen begünstigten die Operation: Die Flanken der Angriffsverbände waren im Norden durch die Weichsel, im Süden durch die Beskiden gedeckt, und das vorhandene Eisenbahnnetz erleichterte Anmarsch und Versorgung. Das nach Norden absinkende Gelände bot gute Beobachtungs- und Übersichtverhältnisse über das Gefechtsfeld mit Einsicht in die russischen Stellungen, während der eigene Anmarsch weitgehend verborgen erfolgen konnte. Problematisch waren jedoch die zahlreichen quer zur Angriffsachse in Süd-Nord-Richtung verlaufenden Weichselzuflüsse sowie das nur aus wenigen Hauptstraßen bestehende Wegenetz im Operationsgebiet. Der Armeegruppe Mackensen waren für ihren Angriff neben der deutschen 11. Armee im Zentrum auch die k.u.k. 4. Armee am nördlichen Flügel und die k.u.k. 3. Armee am südlichen Flügel unterstellt.
Den Hauptangriff im Zentrum führte die deutsche 11. Armee (August von Mackensen) an der Biala zwischen Tuschow und Grybow mit zehn Infanteriedivisionen – 216.000 Mann und 634 Geschütze – in Richtung auf Gorlice. Am linken Flügel stand das Gardekorps (General Karl von Plettenberg) mit der 1. und 2. Garde-Division und das k.u.k. VI. Korps (FML Arthur Arz von Straußenburg) mit der 12. Infanteriedivision (FML Paul Kestranek) und 39. Honved-Division (FML Hadfy). In der Mitte stand das XXXXI. Reserve-Korps (General der Infanterie Hermann von François) mit der 81. (Generalleutnant Leo von Stocken) und der 82. Reserve-Division (Generalleutnant Siegfried Fabarius). Am rechten Flügel stand das Kombinierte Korps (Generalmajor Paul von Kneußl) mit der 11. bayerischen Infanterie-Division und der 119. Infanterie-Division sowie in zweiter Staffel das X. Armee-Korps (General Otto von Emmich) mit der 19. und 20. Infanterie-Division.
Die k.u.k. 3. Armee (Svetozar Boroević) beteiligte sich nach dem Durchbruch am südlichen Flügel in den Beskiden zwischen Duklapass und Sztropko mit 10 Divisionen und 2 Kavalleriedivisionen. Das k.u.k. X. Korpskommando (FML Hugo Martiny) operierte mit der 21. Infanteriedivision (Generalmajor Alois Podhajský), der 2. Infanteriedivision (Generalmajor Anton Lipošćak) und der 24. Infanteriedivision (FML Josef Schneider-Manns-Au) im Raum Tylicz. Das k.u.k. III. Korps (FML Krautwald) mit der 22., 28. und 26. Infanteriedivision, das k.u.k. XVII. Korps (FML Karl Křitek) sowie das k.u.k. VII. Korps (FML Erzherzog Josef August) verblieben gegenüber dem rechten Flügel der russischen 8. Armee zwischen dem Duklapass bis zum Labrorcza-Tal defensiv.
Im Laborcza-Tal vor Mezölaborcz stand das deutsche Beskidenkorps (General von der Marwitz), daran anschließend die k.u.k. 2. Armee (Eduard von Böhm-Ermolli) mit weiteren 12 Divisionen bis zum Uschok-Pass und schließlich das k.u.k. Korps Szurmay, das die Verbindung zur deutschen Südarmee (Alexander von Linsingen) herstellte.
Südlich der Weichsel entlang des Dunajec stehend unterstützte die k.u.k. 4. Armee (Erzherzog Joseph Ferdinand) mit acht Infanteriedivisionen, einer Kavalleriedivision und 253 Geschützen den Angriff in Richtung auf Tarnów. Die Kombinierte 62. Infanteriedivision (Generalmajor Rudolf Stöger-Steiner) und Landwehrtruppen deckten die Nordflanke an der Weichsel. Das k.u.k. XIV. Korps (FML Josef Roth) mit der 3. Infanteriedivision (FML Ernst von Horsetzky) und der 8. Infanteriedivision (FML Ludwig von Fabini) sowie die deutsche 47. Reserve-Division (Generalleutnant Alfred von Besser) hatte den Durchbruch bei Tarnow zu führen. Das k.u.k. IX. Korps (FML. Rudolf Králíček) mit der 10. Infanteriedivision (Generalmajor Artur von Mecenseffy) und der 106. Infanteriedivision (Gmj. Ernst Kletter) operierte bei Gromnik in Richtung auf Brzostek.
Während die Infanteriekräfte beider Seiten in etwa gleich stark waren, konnten die Angreifer erheblich mehr Artillerie ins Feld führen:Stefan Felleckner: Kampf: ein vernachlässigter Bereich der Militärgeschichte. Augenzeugen aus dem Siebenjährigen Krieg (1756–63) und dem Ersten Weltkrieg (1914–18) berichten über Gefechte. Berlin 2004, ISBN 3-938262-16-8, S. 54. Artillerie Mittelmächte RusslandSchwere Geschütze 334 4Feldgeschütze 1.272 675Minenwerfer 52 —
Verlauf der Schlacht Durchbruch der russischen Linien
Die Mittelmächte starteten die Operation am 1. Mai 1915 mit einem ganztägigen massivem Feuer der Artillerie. Etwa alle 130 Meter feuerte ein schweres, alle 40 Meter ein Feldgeschütz, sowie zusätzliche Minenwerfer, was zur bis dahin massivsten Konzentration von Artillerie in einer Schlacht des Krieges führte. Aufgrund der guten Einsehbarkeit der russischen Stellungen richtete das eintägige Trommelfeuer dort große Verluste an. Der Befehlshaber der russischen 3. Armee, General Radko Dimitriew, verstärkte noch in der Frühe des 2. Mai zum Ausgleich der schweren Verluste das X. Korps mit Teilen der 63. und 81. Reserve-Division. Insgesamt verteidigte seine Truppe etwa 80 km Front, von der Weichsel bis westlich Żmigród mit 6 Infanterie- und Reserve-Divisionen sowie 5 Landwehr-Brigaden, dahinter 1 weitere Infanterie- und 5 Kavallerie-Divisionen als Reserve.
Am 2. Mai 1915 um 6 Uhr morgens, es herrschte weiterhin beste Sicht für die Artilleriebeobachter, eröffnete die Artillerie erneut ihr Feuer auf die russischen Stellungen. Im Hauptangriffsabschnitt waren zuvor fast unbemerkt vier deutsche Infanteriedivisionen nahe an die russischen Linien herangeführt worden. Unterstützt wurden sie vom österreichisch-ungarischen VI. Korps. An der linken Flanke dieses Abschnitts trat das österreichisch-ungarische XIV. Korps an mit dem Ziel, den Durchbruch bei Tarnów zu erreichen.
Um 9.45 Uhr wurden die russischen Stellungen mit Flachfeuer unter Beschuss genommen, während die Artillerie ihr Feuer vorverlegte. In den Artilleriekampf griff auch ein unter dem Decknamen Brieftaubenabteilung Ostende operierendes 20 Flugzeuge starkes Kampfgeschwader der Luftstreitkräfte ein, das die OHL ebenfalls bereitgestellt hatte.Janusz Piekałkiewicz: Der Erste Weltkrieg. Econ-Verlag, Düsseldorf 1988, ISBN 3-430-17481-3, S. 297.
Um 10 Uhr stürmten im Hauptangriffsabschnitt das preußische Gardekorps und das XXXXI. Reservekorps als erste Angriffswelle mit insgesamt etwa 40.000 Infanteristen durch das ca. 3 km breite Niemandsland die russischen Stellungen. Sie fanden diese in Folge des Artilleriebeschusses vielfach in desolatem Zustand vor, in denen sich nach Augenzeugenberichten die Leichenberge türmten.