mini|E. Marlitt 1868 E. Marlitt, bürgerlicher Name Friederike Henriette Christiane Eugenie John (* 5. Dezember 1825 in Arnstadt;Kirchenamtsangabe in Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 24. Dezember 1824, S. 248. † 22. Juni 1887 ebenda), war eine deutsche Schriftstellerin. Neben Ottilie Wildermuth, Friedrich Wilhelm Hackländer und Marie Nathusius zählte Marlitt zu den meistgelesenen deutschen Romanautoren ihrer Zeit.
Fast ihr gesamtes Werk erschien zunächst in Form von Fortsetzungsprosa in der Familienwochenschrift Die Gartenlaube. In den darauf folgenden ersten Buchveröffentlichungen waren alle Texte durch namhafte Künstler der Zeit reich illustriert.
Leben mini|Marlittsheim (Gartenlaube, 1887) mini|Villa Marlittstraße 9 in Arnstadt. Die klassizistische Villa befindet sich in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden. (2017) Eugenie John wurde als zweites von fünf Kindern von Ernst Johann Friedrich John und dessen Frau Johanna, geborene Böhm, in Arnstadt, dem Zentrum der Schwarzburg-Sondershäuser Oberherrschaft, geboren. Ernst John, zunächst Kaufmann und Leihbibliothekar, verdiente das Familieneinkommen nach seinem Bankrott als Porträtmaler. Eugenie John zeigte bereits früh schriftstellerische und auch stimmliche Begabung. Die Fürstin Mathilde von Schwarzburg-Sondershausen ließ sie zunächst am Hof zu Schwarzburg-Sondershausen, später in Wien in allgemeinbildenden Fächern, am Klavier und als Sängerin ausbilden.Im September 1846 zur Kammersängerin ernannt: Fürstlich Schwarzb. Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 26. September 1846, S. 329.Cornelia Hobohm: Die Marlitt und ihre Zeit. Eine kurze chronologische Übersicht. In: Ich kann nicht lachen, wenn ich weinen möchte. Die bisher unveröffentlichten Briefe der Marlitt. Gleichen Verlag, Wandersleben 1996, S. 5–13, hier: S. 7–8. Nach ersten Bühnenerfolgen in Sondershausen, Arnstadt,Vgl. z. B. ihre Ankündigungen in Privilegirtes Arnstädtisches Regierungs- und Intelligenz-Blatt vom 2. Juni 1849, S. 200, und vom 12. Januar 1850, S. 18. Linz, Graz und Lemberg musste Eugenie John allerdings wegen eines Gehörleidens 1853 den Beruf einer fürstlichen Kammersängerin aufgeben. Sie wurde stattdessen Vorleserin und Gesellschaftsdame bei der Fürstin und begleitete sie auf ihren vielen Reisen. Finanzielle Probleme der Fürstin zwangen diese später, ihre Hofhaltung einzuschränken und John 1863 zu entlassen. Von da an lebte sie bei der Familie ihres Bruders Alfred, der Realschullehrer in Arnstadt war, und verdiente sich Geld mit Näh- und Stickarbeiten, Klavier- und Gesangsunterricht.
1865 sandte Eugenie John unter dem Pseudonym „E. Marlitt“ zwei Novellen nach Leipzig an den Herausgeber der Monatszeitschrift Die Gartenlaube, Ernst Keil. Die Verwendung eines männlich klingenden Pseudonyms war ein Kunstgriff, den viele Nachwuchsautorinnen der Zeit zu ihrem eigenen Schutz gewählt haben (George Sand, Geschwister Brontë, George Eliot, Louisa May Alcott). Wie sie gerade auf den Namen „Marlitt“ kam, hat sie nie öffentlich geäußert. Keil veröffentlichte in der Gartenlaube ihre Erzählung Die zwölf Apostel und nur wenig später auch ihren Erstlingsroman Goldelse, den die Autorin eigentlich für seine Verlagsbuchhandlung angeboten hatte. Der Erfolg war immens, Marlitt avancierte zur Starautorin der Gartenlaube. Der Verkaufserlös der Buchausgabe ihres dritten Romans, Reichsgräfin Gisela, war so groß, dass sie davon eine prächtige Villa am Stadtrand von Arnstadt erwerben konnte, die sie „Marlittsheim“ nannte.
Bis 1885 veröffentlichte sie in der Gartenlaube insgesamt neun Romane, ein zehnter, für den Marlitt nur wenig mehr als ihren Namen gab – Hauptautorin war Wilhelmine Heimburg –, folgte postum. Marlitt wird, nach Harriet Beecher Stowe, als eine der ersten Bestsellerautorinnen der Welt angesehen; sie hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Zahl der Abonnenten der Gartenlaube zwischen 1865 und Mitte der 1880er Jahre von 100.000 auf etwa 400.000 stieg.
mini|Ihr Grab auf dem Alten Friedhof (Gartenlaube, 1894) E. Marlitt war nie verheiratet. In die Villa Marlittsheim übersiedelte sie 1871 gemeinsam mit ihrem Vater, ihrem Bruder Alfred und dessen Familie. Ab 1868 – also ab der Publikation ihres zweiten Romans, Das Geheimnis der alten Mamsell – war sie durch Arthritis auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie verstarb 1887 in Arnstadt und wurde auf dem dortigen Alten Friedhof in der Unterstadt in einem Wandgrab beigesetzt.
Walter John (auch: Walter John Marlitt), ein Sohn von Marlitts Bruder Alfred und dessen Frau Ida, wurde ebenfalls Schriftsteller (Inter noctem, 1906; Die Schulratsjungen, 1907). Nach einer gescheiterten Spekulation Walter Johns war die Familie 1911 gezwungen, die Villa zu verkaufen.
Charakteristik des Romanwerks Akteure Die Marlittschen Trotzköpfe Zentraler Protagonist ist in Marlitts Romanen immer weiblich, und zwar ein – oft hübsches – junges Mädchen zwischen 17 und 21 Jahren; in mehreren Fällen wird auch ihre Kindheitsgeschichte einbezogen. Charakteristisch für die Marlittschen Heldinnen ist, dass sie eigenständig denken und mit einem starken Bedürfnis nach Selbstständigkeit und Freiheit ausgestattet sind. Ihre Sozialisation erfolgt meist außerhalb institutionalisierter Formen und unter außergewöhnlichen Umständen, mit der Folge, dass freie und durchsetzungsfähige Persönlichkeiten entstehen, die ohne weiteres allein mit dem Leben zurechtkommen würden. So erhält die Erziehung der Margarete in Die Frau mit den Karfunkelsteinen ihren letzten Schliff dadurch, dass die junge Frau fünf Jahre lang einen Verwandten – Geschichtsprofessor – auf dessen archäologischen Forschungsreisen begleiten darf. Von der realen Mädchenerziehung der Zeit, in deren Mittelpunkt das Stillsitzen mit der oftmals verhassten textilen Handarbeit stand, wichen diese Porträts stark ab. Mit ihren widerborstigen, unangepassten Mädchengestalten ging Marlitt auch Emmy von Rhodens Trotzkopf-Romanen (ab 1885) voran.
Ein weiteres Merkmal der Marlittschen Trotzköpfe ist ihr Drang nach Bildung. Beispielhaft hierfür ist die Figur der Felicitas in Das Geheimnis der alten Mamsell, die gegen den ihr verordneten geistigen Tod kämpft, indem sie heimlich die von der Familie verstoßene freigeistige Tante besucht, die ihre Mentorin wird. Auch Liane als die Protagonistin in Die zweite Frau rebelliert mit Erfolg gegen das „grausam ausgeklügelte Programm geistiger Tötung“ in der Ehe. Fast alle Marlittschen Heldinnen sind musisch begabt und gebildet. Hobohm meinte daher, dass Marlitts Romane direkt als Plädoyer für bessere Bildungschancen für Frauen zu lesen seien. Kennzeichnend für Marlitts Protagonistinnen ist weiterhin ihr starkes bürgerliches Arbeitsethos; rastlose Tätigkeit empfinden sie nicht als unangenehme Notwendigkeit oder sogar Zwang, sondern als etwas, das dem Leben einen Sinn verleiht. Am weitesten geht Marlitt im Falle der Käthe (Im Hause des Commerzienrathes), die zur erfolgreichen Geschäftsfrau wird.
Reichsgräfin Gisela und Das Haideprinzeßchen sind Entwicklungsromane, in denen die Hauptfiguren erst durch läuternde Lebenserfahrungen zu den moralischen Werten finden, die für die Marlittschen Heldinnen charakteristisch sind. Eine weitere Ausnahme von Marlitts Protagonistinnenhandhabung stellt der Roman Im Schillingshof dar, in dem erst in der zweiten Hälfte ersichtlich wird, welche der Figuren eigentlich die positive Heldin ist. Auch Amtmanns Magd fällt aus dem Rahmen, da die Geschichte nicht aus der Perspektive der weiblichen Hauptfigur, sondern aus der ihres späteren Liebespartners erzählt wird.
Die Liebespartner Die männlichen Liebespartner der Protagonistinnen werden in Marlitts Romanwerk – außer in Amtmanns Magd – von außen und ohne Einblick in ihre Gefühlswelt dargestellt. Sie vertreten mehrheitlich denselben Typus: eher unansehnlich, manchmal geradezu hässlich, mindestens zehn Jahre älter als die Protagonistin, erfahren und im Beruf fest etabliert. Einige Männer sind adlig (Goldelse, Die zweite Frau, Im Schillingshof), die meisten aber gehen einer bürgerlichen Tätigkeit nach: als Arzt, Kaufmann, Industrieller oder höherer Verwaltungsbeamter. Insgesamt folgen sie dem Muster des Herrn von Walde (Goldelse), den Rudolf Gottschall 1870 folgendermaßen beschrieb: „‚jeder Zoll ein Mann‘, edel, selbstbewusst, durchgreifend, energisch, den Schein verachtend, human selbst unter rauhen Formen.“
Die männlichen Liebespartner sind nicht nur flach charakterisiert, sondern zeigen im Handlungsverlauf meist nur wenig Entwicklung. Wichtigste Ausnahme ist Baron von Mainau (Die zweite Frau), ein leichtfertiger Spötter, der seine Güter vernachlässigt und sich mit Theaterdamen amüsiert; zu mehr Solidität findet er erst durch die läuternde Begegnung mit der Protagonistin. In schwächerer Ausprägung findet sich dieses Schema der Läuterung auch bei anderen Liebhaberfiguren Marlitts, etwa bei Johannes Hellwig (Das Geheimnis der alten Mamsell), der zunächst ganz auf der Seite seiner frömmlerischen Mutter steht, sich von ihr unter dem Eindruck der feenhaften Felicitas aber immer mehr distanziert.
Die Antihelden Ein Element von Marlitts Prosa, das Interpreten darin ermutigt hat, diese der Trivialliteratur zuzuordnen, ist ihre Schwarzweißmalerei. Der Protagonistin und anderen positiven Figuren werden in vielen von Marlitts Werken durch Spiegelverkehrung negative Figuren gegenübergestellt. Mehrheitlich erfolgt die Charakterisierung bereits beim Einsetzen der Haupthandlung, und mit wenigen Ausnahmen entwickeln die Figuren sich danach auch nicht weiter. Die Antihelden sind beschränkt, bigott, eitel, verzogen, lieblos und haben keinen Sinn für Kunst und Musik; vereinzelt erleichtert Marlitt ihren Lesern die richtige Einstufung noch weiter, indem sie negative Gestalten noch dazu als hässlich einführt (Im Schillingshof: Clementine, Veit).
Gelegentlich ist Marlitt von diesem Prinzip abgewichen. Zu ihren komplexeren Figuren zählt etwa Bärbchen in der Novelle Blaubart (1866), die als positive Figur eingeführt wird, dann aber auch eine dunkle Seite offenbart. Noch weiter ist Marlitt vom Gut-Böse-Schema in ihrem Entwicklungsroman Das Haideprinzeßchen abgewichen, in dem die anfangs sympathisch gezeichneten Figuren Charlotte und Dagobert sich nach und nach als charakterlich zweifelhaft erweisen (Charlotte vermag sich später durch Buße und Liebe teilweise zu rehabilitieren), während umgekehrt Erich Claudius zunächst unsympathisch und verdächtig erscheint, sich im Handlungsverlauf dann aber als makellos positive Figur entpuppt. Auch Reichsgräfin Gisela ist ein Entwicklungsroman, in dem die Titelfigur erst zu einem positiven Charakter heranwächst. In Amtmanns Magd kommt gar keine eindeutig negative Figur vor.
Gegen die Einstufung von Marlitts Werk als Trivialliteratur spricht unter anderem ihr zum Teil bewusster Umgang mit Intertextualität. Marlitt hat viel gelesen und in ihre Arbeiten oft implizite und explizite Bezüge zu anderen Texten einfließen lassen.
Das Geheimnis