Das Sächsische Krankenhaus Rodewisch, Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie (SKH Rodewisch, in Abgrenzung zum Klinikum Obergöltzsch in Rodewisch auch „Untergöltzsch“ genannt) ist ein Fachkrankenhaus mit den Schwerpunkten Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Neurologie und Forensische Psychiatrie sowie das größere und ältere von zwei Krankenhäusern in Rodewisch. Das SKH Rodewisch ist akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Leipzig.

Träger des Krankenhauses ist der Freistaat Sachsen. Neben dem Hauptsitz in Rodewisch existieren zusätzlich drei Tageskliniken in Plauen, Werdau und Annaberg-Buchholz.

Geschichte

Gründungszeit

mini|links|Siegelmarke der Königlich Sächsischen Heil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch Ende des 19. Jahrhunderts kämpften die bestehenden psychiatrischen Landesanstalten mit zunehmender Überfüllung. Aufgrund dessen beschloss der Landtag in Dresden in der Legislaturperiode 1888/89 den Bau einer neuen Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke. Bei der Wahl des Standortes fand die noch unzureichende psychiatrische Versorgung im Erzgebirge und im Vogtland Berücksichtigung. Als Grundstück wählte man das dem Rittergutsbesitzer und Friedensrichter Hermann August Waltz gehörende Rittergut Untergöltzsch bei Rodewisch. Verkauft wurde das Grundstück zu einem Preis von 135.000 RM.Maria Rank, Kerstin Eisenschmidt: Die Geschichte der gelben Häuser. 2018, S. 8. Die Planung und der Bau dieser Einrichtung fielen in die Neugestaltung des „staatlichen Irrewesens“ zwischen 1887 und 1895 im Königreich Sachsen.

Das Sächsische Krankenhaus Rodewisch wurde am 25. Juli 1893 als „Königlich Sächsische Landes-, Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke zu Untergöltzsch“ eingeweiht. Zum Zeitpunkt der Eröffnung bot die Anstalt etwa 400 Kranken Platz und verfügte über 29 Gebäude. Die meisten davon im Schweizer Stil mit geräumigen hellen Veranden mit gelben, roten oder braunen Backsteinen. In den folgenden Jahren musste die Anstalt bereits erweitert werden, so war sie nun für die Aufnahme von etwa 600 Kranken vorgesehen und bis 1913 entstanden 41 neue Gebäude. Damit wurde die für diese Zeit modernste architektonische Konzeption für psychiatrische Einrichtungen realisiert.

mini|links|Gebäude der Gerontopsychiatrie mini|Historische Postkarte mit Blick auf die Geländeseite A des Sächsischen Krankenhauses Rodewisch

Die Anstalt setzte schon damals darauf, mit modernen und humanen Therapien zu heilen und die Würde der Kranken zu achten. Sie verfügte über eine vorbildliche Milieu- und Soziotherapie. Des Weiteren bestand eine extramurale Arbeitstherapie. Die fortschrittliche Anstalt erwarb sich im In- und Ausland einen guten Ruf. Zu den bekanntesten Besuchern gehörten König Friedrich August von Sachsen am 2. Juli 1908 und Robert Koch. Frauen und Männer wurden getrennt therapiert. Weiterhin wurden die Kranken – je nach sozialem Status – in unterschiedliche Verpflegklassen eingeteilt.

Erster Weltkrieg und Zweiter Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs, Ende 1917, mussten alle Patienten der Anstalt Untergöltzsch auf die übrigen Einrichtungen Sachsens verteilt werden, weil die Militärverwaltung das Haus als Reservelazarett beanspruchte. Ab 1920 wurde die Anstalt wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs galt es vorrangig, die Kriegsschäden zu beseitigen. Umfangreiche Neuanschaffungen waren nötig, denn der Bestand an Bekleidung, Bettwäsche, Matratzen und anderen Wirtschaftsgütern war stark dezimiert. Die Direktion bemühte sich deshalb intensiv, durch organisierte Arbeitstherapie die Kranken nicht nur sinnvoll zu beschäftigen, sondern auf diese Weise auch ökonomischen Nutzen zu erzielen und Werte zu schaffen. 1922 bestand das Personal für etwa 550 Kranke aus 3 Ärzten, 29 Pflegern, 45 Schwestern, 17 „Wärterinnen“ und 3 Hausmädchen.

Mit der Errichtung der faschistischen Diktatur 1933 brach in Deutschland für die Psychiatrie das düsterste Kapitel der Geschichte an. In den Landesanstalten kam es zu Einschränkungen der offenen und freizügigen Behandlung der Geisteskrankheiten. Höhepunkt der Gewalt gegen psychisch Kranke und Behinderte waren die Massenvernichtungsmaßnahmen. Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers wird 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet. Auch in der Landesanstalt Untergöltzsch wurden Patienten aufgrund dieses Sterilisationsgesetzes zwangssterilisiert.Maria Rank, Kerstin Eisenschmidt: Die Geschichte der gelben Häuser. 2018, S. 74–80. Im Zuge des „Euthanasieprogramms“ (Aktion T4) wurden mehrere hundert Kranke aus Untergöltzsch in der NS-Tötungsanstalt Sonnenstein bei Pirna ermordet.Maria Rank, Kerstin Eisenschmidt: Die Geschichte der gelben Häuser. 2018, S. 89.Bericht auf der Webseite NS-medical-victims.org, Zugriff am 20. August 2025 Zugleich wurden Häuser für eine Lungenstation sowie das Kreisstift (Altersheim) Obergöltzsch geräumt. Während des gesamten Krieges verschlechterten sich die Behandlungs- und Unterbringungsbedingungen für die Patienten kontinuierlich. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges trug die Anstalt Untergöltzsch eher den Charakter einer Verwahreinrichtung.

Nach Kriegsende 1945 wurde erneut mit dem Wiederaufbau der Anstalt begonnen. Schon bald konnten wieder etwa 450 Patienten betreut werden. Bei der Volkszählung am 3. November 1945 lebten auf dem Anstaltsgebiet 743 Personen, davon 556 Kranke. Von 1947 bis 1956 führte die Einrichtung die Bezeichnung „Krankenanstalten Rodewisch“. Trotz Mangel an Ärzten und Pflegepersonal stieg die Zahl der Patienten kontinuierlich an; 1949 waren es 780, 1955 bereits 1507 bei ursprünglich geplanten 600 Betten.Maria Rank, Kerstin Eisenschmidt: Die Geschichte der gelben Häuser. 2018, S. 98.

Mitte der 1950er: Medizinischer Fortschritt und Öffnung des Krankenhauses

Eine neue Etappe in der psychiatrischen Therapie, die als „Ära der Pharmakopsychiatrie“ bezeichnet wurde, nahm in Untergöltzsch 1956 ihren Anfang. Dies führte zur Wandlung der Einrichtung von einer Anstalt hin zu einem modernen Fachkrankenhaus. Im Zuge dessen wurde das Haus 1956 auch in „Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Rodewisch“ umbenannt. Als Träger der Einrichtung fungierte der Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt. Unter der Leitung des Ärztlichen Direktors Dr. Rolf Walther begannen ab 1955 tiefgreifende Veränderungen in der Krankenhausstruktur. Stationen wurden zunehmend offener geführt, wohnlich eingerichtet, Gitter entfernt sowie neue Therapieformen etabliert. Für die technische und personelle Organisation brachte das Jahr 1956 eine entscheidende Wende. Mit der Einführung und klinikverbindlichen Anwendung von körperlich wirksamen psychiatrischen Behandlungsmaßnahmen und ihre Komplettierung durch kollektive gruppentherapeutische Verfahren stiegen die Ansprüche, die an das mittlere medizinische Personal gestellt wurden. Deshalb legte man besonderen Wert auf die Qualifizierung und auf eine gründliche theoretische und praktische Ausbildung der Schwesternschülerinnen. Für Ärzte und Pflegepersonal wurden monatliche Fortbildungsveranstaltungen sowie das Drei-Schicht-System eingeführt. Es folgten die Einrichtung eines Pförtnerdienstes und eine durchgehend besetzte Telefonzentrale. Ein Jahr später 1957 eröffnete die Poliklinik, um eine Nachbetreuung der stationär entlassenen Patienten zu gewährleisten. Darüber hinaus entwickelte sich im selben Jahr aus einer Station für Kranke mit chronischen Nervenleiden eine moderne diagnostisch-therapeutische neurologische Fachabteilung. Ihr standen eine Röntgendiagnostik, eine Neuroelektrodiagnostik, eine physiotherapeutische Abteilung sowie ein neurochemisches Labor zur Verfügung. Im selben Jahr wurde ein neues Röntgengerät D 500 mit drei Arbeitsplätzen installiert. Eine wesentliche qualitative Verbesserung erfuhr die Abteilung 1968 durch die Inbetriebnahme eines aus Schweden importierten Spezial-Röntgenaufnahmegerätes nach Schönander. Parallel dazu erfolgte erstmals in der Frauenabteilung mit dem Haus B7 eine Dreiteilung der Krankenbereiche in Aufnahme, Behandlung und Entlassung.Maria Rank, Kerstin Eisenschmidt: Die Geschichte der gelben Häuser. 2018, S. 103 ff.

1963 fand im Krankenhaus eine internationale Tagung statt, in deren Ergebnis die Rodewischer Thesen formuliert wurden.

Im April 1966 wurde die seit 1954 im Krankenhaus integrierte kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung, die sich bis dahin im Gebäude B9 befand, nach Bad Reiboldsgrün verlegt. Im November 1966 wurde die Tagesklinik und im Dezember 1976 die Psychotherapeutische Abteilung eröffnet. Zum Zeitpunkt der Wende 1989 verfügte das Krankenhaus über 933 Betten und war für die Versorgung von 14 bis 15 Landkreisen zuständig.

Entwicklung seit 1990

Nach der Wende wurde das Krankenhaus in die Trägerschaft des Freistaates Sachsen, heute vertreten durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, übernommen und erhielt den Namen „Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Rodewisch“. In dieser Zeit des Umbruchs wurde in Sachsen mit der Reformierung der psychiatrischen Versorgung begonnen. Hierbei wurden auch wieder die Ziele der Rodewischer Thesen verfolgt. 1991 wurde die kinderpsychiatrische Klinik in Bad Reiboldsgrün vom Land übernommen und erhielt zunächst die Bezeichnung „Sächsisches Krankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie Bad Reiboldsgrün“. In den folgenden Jahren wurde systematisch die Eingliederung in das SKH Rodewisch vorbereitet. Seit 1. Januar 1998 war die Klinik in Bad Reiboldsgrün wieder eine Abteilung des Rodewischer Krankenhauses.

Zwischen 1991 und 1993 wurden mit beträchtlichen finanziellen Mitteln von ca. 40 Mio. DM im Krankenhaus erhebliche Verbesserungen erzielt.Maria Rank, Kerstin Eisenschmidt: Die Geschichte der gelben Häuser. 2018, S. 205. So konnte z. B. im November 1992 ein neues Küchen-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude seiner Bestimmung übergeben werden. Im Jahr 1993 wurde die Einrichtung in „Sächsisches Krankenhaus für Neurologie und Psychiatrie“. In den folgenden Jahren sank der Bettenbestand durch Auflockerung und Enthospitalisierung. Die einstigen Schlafsäle wurden durch Ein- und Zweibettzimmer ersetzt. Waren in den 1950er Jahren noch über 1500 Patienten untergebracht, so verkleinerte sich die Bettenzahl nun auf etwa 635. Gleichzeitig erhöhte sich der Personalbestand in fast allen Berufsgruppen von 370 auf 429. Unter großer Beachtung und teilweise erheblicher Kritik in der Öffentlichkeit wurde am 10. April 1996 die Forensische Abteilung im Haus A15 eingeweiht.Maria Rank, Kerstin Eisenschmidt: Die Geschichte der gelben Häuser. 2018, S. 242 f.