Das Neue Rathaus ist ein Baudenkmal am Marienplatz im Bezirk Altstadt-Lehel der bayerischen Landeshauptstadt München. Der neugotische Profanbau wurde 1867 bis 1905 von Georg von Hauberrisser errichtet und dient als Sitz des Oberbürgermeisters, des Stadtrats und Teilen der Stadtverwaltung.
Im Erdgeschoss befinden sich Einzelhandelsgeschäfte, an der Rückseite die Baustelle eines neuen Bahnhofs.
Geschichte mini|Die drei Bauabschnitte von Baubeginn 1867 bis zur Fertigstellung 1905: 1. Bauabschnitt: 1867–1874 (rot), 2. Bauabschnitt: 1889–1892 (blau), 3. Bauabschnitt: 1898–1905 (gelb) mini|Neues Rathaus, 1. Bauabschnitt, 1874
Baubeschluss Aufgrund der Raumnot im Alten Rathaus (1944 zerstört und wieder aufgebaut) und im Kleinen Rathaus am Petersbergl (als Anbau an den alten Rathausturm, 1944 zerstört und nicht wieder aufgebaut) wurde um 1865 durch den Magistrat der königlichen Haupt- und Residenzstadt München die Errichtung eines Neubaus des Rathauses beschlossen. Als Bauplatz wurde die Nordseite des Marienplatzes gewählt, wo noch die Landschaftshäuser standen, die im ausgehenden Mittelalter als eine Art Vertretung der Landschaften gegenüber dem bayerischen Herzog bzw. Kurfürsten errichtet worden waren.
Bauabschnitte Der erste Bauabschnitt am Marienplatz, Ecke Dienerstraße ist heute ein südöstlicher Teil des Rathauses. Er entstand als Ergebnis eines Ideenwettbewerbes, den Georg Hauberrisser gewann. Sein Entwurf im neugotischen Stil setzte durch den Gegensatz zu den Bauten des Königshauses einen architektonischen Akzent. Die Grundsteinlegung erfolgte am 25. August 1867, dem Geburts- und Namenstag von König Ludwig II. Der Neubau wurde von 1867 bis 1874 errichtet.
Als deutlich wurde, dass der Neubau nicht ausreichen würde, die gesamte Verwaltung aufzunehmen, begann die Stadt ab 1887 sämtliche dem Rathaus benachbarte Anwesen an der Dienerstraße, der Landschaftstraße und der Weinstraße aufzukaufen. Von 1889 bis 1892 entstand daraufhin der zweite Bauabschnitt an der Dienerstraße/Ecke Landschaftstraße.
1897 entschieden sich Magistrat und Gemeindekollegium, das Rathaus durch Erweiterungsbauten am Marienplatz sowie in der Weinstraße und Landschaftstraße zu einem vierseitigen Komplex zu ergänzen. Dazu wurde die gesamte Fläche zwischen Marienplatz und Landschaftstraße einerseits und zwischen Weinstraße und Dienerstraße andererseits für den Neubau herangezogen. Vorbilder für den Erweiterungsbau waren das Rathaus in Brüssel sowie das Neue Rathaus in Wien. 1898 begannen die Arbeiten für die Erweiterung mit dem Rathausturm, ebenfalls unter Architekt Georg von Hauberrisser. Im Dezember 1905 war mit dem Setzen des Schlusssteins auf dem 85 Meter hohen Rathausturm der Rohbau des dritten Bauabschnitts beendet.
Bis zum Jahresende 1906 konnten die Büro- und Kanzleiräume ihrer Bestimmung übergeben werden. Die Frontlänge am Marienplatz beträgt seitdem 98,5 Meter, wovon 48 Meter auf den ersten Bauabschnitt entfallen.Rundgang durch das neue Rathaus muenchen.de, siehe Überblick über die Bauabschnitte.
Das Rathaus St. Johann im heutigen Saarbrücken wurde von 1897 bis 1900 ebenfalls nach Plänen von Hauberrisser erbaut. Seine Fassade und die des Neuen Münchner Rathauses, wie sie im dritten Bauabschnitt ab 1898 vollendet wurde, weisen unverkennbare Ähnlichkeiten auf (siehe Details).
Nachkriegszeit Bei den Luftangriffen auf München 1944 wurde das Rathaus leicht beschädigt, die meisten Fenster wurden zerstört. Die meisten beschädigten Objekte konnten mit Hilfe von Spenden wieder in der ursprünglichen Gestalt restauriert werden. Nach dem Krieg wurde das Rathaus umgebaut. Die Bauabschnitte am Marienplatz erhielten ein zusätzliches Stockwerk, das sich hinter der neugotischen Balustrade versteckt, so dass der alte Eindruck erhalten blieb. Die Fassade an der Landschaftsstraße wurde sehr vereinfacht wiederhergestellt.
Ende der 1990er Jahre wurde das Neue Rathaus generalsaniert und in Details rekonstruiert, so zum Beispiel das neugotische Ziergeschmiede, welches das Dach krönt.
Äußeres mini|Außenansicht des Neuen Rathauses mini|hochkant|Prunkhof
Der Komplex aus Back- und Muschelkalkhaustein besitzt sechs Innenhöfe. Auf einer Grundstücksfläche von 9159 m² sind 7115 m² überbaut. Die Rathausfassade besteht, anders als bei vielen gotischen Bauten, nicht aus massivem Naturstein, sondern aus Ziegeln mit vorgesetztem Naturstein.
Schmuck Die fast 100 m lange Hauptfassade zum Marienplatz hin ist reich geschmückt. Sie zeigt den Welfenherzog Heinrich den Löwen und fast die gesamte Linie des Wittelsbacher Herrscherhauses in Bayern und ist der umfangreichste Fürstenzyklus an einem deutschen Rathaus. Als zentrales Denkmal in der Mitte der Hauptfassade zwischen beiden Bauabschnitten am Marienplatz oberhalb des Wachenhauses ist ein Reiterstandbild des Prinzregenten Luitpold zu sehen. An der Hauptfassade am Marienplatz und an der in der Weinstraße sind Münchner Originale, neugotische Wasserspeier in Form von Fratzen und Masken, allegorische Bilder, Themen aus dem Leben von Heiligen und volkstümliche Sagengestalten zu entdecken. Die Ecke Marienplatz/Weinstraße wird Wurmeck, die Ecke Weinstraße/Landschaftsstraße Kleubereck genannt. Zahlreiche Glasfenster mit lokalen, regionalen, nationalen, internationalen und religiösen Motiven zieren das Gebäude.
Prunkhof Durch das Turmportal gelangt der Besucher in den Innenhof des Neuen Rathauses, den sogenannten Prunkhof, der vom mächtigen Wendeltreppenturm der Treppe der Lebensalter beherrscht wird. Im Prunkhof befinden sich außerdem die Zugänge zur ehemaligen Kassenhalle, die nun als Rathausgalerie dient, und ein Zugang zum Ratskeller, der am 1. Januar 2026 als Gasthaus geschlossen wurde und weiter unten im Artikel beschrieben wird.
Während der Advents- und bis zum Ende der Weihnachtszeit kann im Prunkhof in direkter räumlichen Nähe zum Christkindlmarkt die altbaierische Weihnachtskrippe des 1903 geborenen Holzbildhauers Reinhold Zellner besichtigt werden. Die Weihnachtskrippe wurde 1954 von dem Künstler für den Christkindlmarkt gestaltet und besteht aus 33 teils alpenländisch und teils orientalisch gekleideten Figuren und 28 Tieren. Als Besonderheit wird der Kraxenträger betrachtet, der anachronistischerweise zur Geburt Jesu ein Kruzifix mit sich führt. Im Laufe der Jahrzehnte verschwanden einige Figuren und es entstanden witterungs- und alterungsbedingte Schäden an dem Gesamtensemble. Im Jahre 2000 erfolgte für 30.000 DM eine umfassende Sanierung des Kunstwerks, in deren Rahmen auch die abhandengekommenen Krippenfiguren ersetzt wurden. Mit Abschluss der Erneuerungsarbeiten ging das Werk in das Eigentum des Münchner Fremdenverkehrsamts über.
Turm mini|hochkant|Das Münchner Kindl auf dem Rathausturm
Bei der architektonischen Gestaltung des 85 Meter hohen Rathausturms ließ sich der Architekt Hauberrisser deutlich vom Brüsseler Rathausturm inspirieren. Der Turm wird gekrönt von dem Münchner Kindl, das von Anton Schmid gestaltet wurde, wobei dessen Sohn Wiggerl (Ludwig Schmid-Wildy) Modell stand.Corinna Erhard: München in 50 Antworten, MünchenVerlag, München 2011, ISBN 978-3-937090-57-3, S. 16: Das Münchner Kindl auf dem Rathaus – wer stand Modell? Die Figur wurde von Hygin Kiene in Kupfer getrieben.
Der Rathausturm besitzt eine Aussichtsgalerie, die mit einem Lift erreicht werden kann. Von dort aus ergibt sich bei klarem Wetter in Richtung Süden ein Blick auf die Alpenkette, den Alten Peter, die Heilig-Geist-Kirche, den Marienplatz, das Alte Rathaus und das Talburgtor. Im Norden zeigen sich die Theatinerkirche und der Olympiaturm, im Westen kann man zur Frauenkirche und zur St.-Pauls-Kirche hinüberschauen.
Unterhalb der Aussichtsgalerie befindet sich das weithin bekannte Glockenspiel (siehe unten).
Balkon Auf dem Balkon des Neuen Rathauses finden in der Regel die Empfänge und Ehrungen für erfolgreiche Münchner Sportler und Mannschaften statt. Die Tradition gibt es seit 1975, als der FC Bayern München auf dem Rathaus-Balkon den UEFA-Landesmeisterpokal präsentierte.
Glockenspiel Im Rathausturm befindet sich das fünftgrößte Glockenspiel Europas.
Beschreibung mini|hochkant|Glockenspiel
Das Glockenspiel ertönt täglich um 11 und 12 Uhr sowie von März bis Oktober um 17 Uhr. Die 43 Glocken der mechanischen Uhr spielen nacheinander vier verschiedene Melodien, zu denen insgesamt 32 Figuren den Schäfflertanz und ein Ritterturnier bei der Hochzeit des bayerischen Herzogs Wilhelm V. mit Renata von Lothringen im Jahr 1568 darstellen. Die Melodien werden im Laufe des Jahres gewechselt. Es kommen sechs verschiedene Kombinationen von jeweils vier Liedern zum Einsatz. In den Erkern des siebten Turmgeschosses erscheint ein Münchner Nachtwächter, der auf seinen Horn bläst, sowie ein Engel, der das Münchner Kindl segnet.Das Neue Rathaus: Rundgang außen muenchen.de, Abschnitt Glockenspiel.
Das eigentliche Spielwerk befindet sich unter dem Turmhelm und ist auch über eine Klaviatur individuell spielbar. Die kleinste der Glocken wiegt 10 kg und hat einen Durchmesser von 18 cm, die größte wiegt 1300 kg mit 125 cm Durchmesser, insgesamt wiegen die Glocken 7000 kg. Der Spielerker, in dem sich das Glockenspiel befindet, ist in Kupfer getrieben. Die 32 Spielfiguren beziehen sich auf Motive aus der Geschichte und Sage Münchens.
Im oberen Teil des Erkers ist ein „Turnier“ dargestellt, das zur Vermählung des Herzogs Wilhelms V. mit Renata von Lothringen 1568 auf dem Marienplatz abgehalten wurde. Herolde, Narren, Fanfarenbläser, Pagen und Standartenträger säumten das Turnierfeld, auf dem Bayern und Lothringer im mittelalterlichen Feudal-Geschicklichkeitsspiel die Kräfte maßen. Dass dabei die weiß-blauen Bayern über die schwarz-gelben Lothringer siegten, darf nur symbolisch gedeutet werden. In der unteren Etage wird der Schäfflertanz gezeigt, der an die überstandene Pest von 1515 bis 1517 erinnert. Als sich aus Furcht vor der Seuche niemand mehr aus den Häusern auf die Straßen der Stadt traute, sollen die Schäffler in ihrer bunten Zunftkleidung mit Tanz und Musizieren die verängstigten Bürger wieder ins Freie und damit „ins Leben“ gelockt haben.
Daneben gibt es noch eine zweiminütige Variante am späten Abend um 21 Uhr, dann erleuchten Scheinwerfer zwei seitliche Erker. Auf der linken Seite tritt der Nachtwächter hervor und dreht seine Runde; er trägt eine Hellebarde, ein Horn und eine Lampe, sein Hund folgt ihm. Dazu erklingt der Nachtwächterruf aus Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Nach kurzer Pause erklingt das Wiegenlied von Johannes Brahms. Im rechten Erkerturm marschiert nun das Münchner Kindl nach links, gefolgt vom Schutzengel (Friedensengel) (Vorbild ist wohl die Darstellung eines Bürgerkindes mit Schutzengel von Ignaz Günther im Münchner Bürgersaal der Marianischen Kongregation). Nachdem beide wieder im Turm angelangt sind, erlischt das Licht. Der Nachtwärter und der Schutzengel haben das Münchner Kindl zur Ruhe geleitet und München taucht in die Nacht.
Geschichte des Glockenspiels
Die Idee, ein Glockenspiel in den Turm des Neuen Rathauses zu integrieren, geht auf Georg von Hauberrisser zurück. 1899 entwickelte Christian Reithmann, der Erfinder des Viertaktmotors, die kinematische Anordnung. Das Glockenspiel wurde von der Glockengießerei Oberascher gegossen.
Die Kosten für das Glockenspiel im Turm des Neuen Rathauses waren erheblich. Einen wesentlichen Beitrag leistete der Münchner Möbel- und Antiquitätenhändler und Kommerzienrat Karl Rosipal. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens seiner Möbelfirma stiftete er 1904 einen Betrag von 32.000 Mark für das Glockenspiel.