mini|340px|Nicolaes Visschers 1656 entstandene Karte Novi Belgii Novæque Angliæ, hier in einer Version von 1685, ist die bekannteste zeitgenössische Abbildung Nieuw Nederlands. Sie wurde häufig nachgedruckt und galt lange Zeit als die beste Karte der niederländischen Kolonie. Nach der Einnahme Nieuw Nederlands durch die Briten wurde sie sogar zur Grenzziehung zwischen der Provinz New York und der Province of New Jersey verwendet. Nova Belgica oder Novum Belgium war der lateinische Name der Kolonie, entsprechend der lateinischen Bezeichnung für Niederlande: Belgium.
Nieuw Nederland () () war eine von 1624 bis 1667 bestehende niederländische Kolonie an der Ostküste Nordamerikas, der heutigen Ostküste der Vereinigten Staaten.
Die Niederländische Westindien-Kompanie (WIC), welche die Niederlassung gegründet hatte und verwaltete, beanspruchte ein Gebiet, das von der Newport Bay im Osten zum Delaware River im Westen und zum Sankt-Lorenz-Strom im Norden reichte und Gebiete der heutigen US-Bundesstaaten Delaware, Pennsylvania, New York, New Jersey, Massachusetts, Vermont, New Hampshire, Connecticut und Rhode Island umfasste. Die hauptsächlichen Siedlungsgebiete lagen auf den Inseln Manhattan und Long Island sowie entlang der Flüsse Hudson, Delaware und Connecticut. Verwaltungssitz war Nieuw Amsterdam, das spätere New York.
Die wichtigsten Exportgüter der Kolonie, die unter ihrem letzten Direktor, Petrus Stuyvesant, einen raschen Aufschwung nahm, waren Pelze und der auf den fruchtbaren Böden angebaute Tabak. 1664, kurz vor Beginn des zweiten englisch-niederländischen Seekrieges, wurde Nieuw Amsterdam von den Briten erobert. Im Frieden von Breda traten die Niederlande 1667 die Kolonie an England ab. Nach einer kurzfristigen Rückeroberung Nieuw Amsterdams fiel das Gebiet im Frieden von Westminster 1674 endgültig an die britische Krone.
Geschichte Pelzhändler und Handelskompanien Obwohl der Küstenstreifen im Mündungsgebiet des später als „Hudson River“ bezeichneten Flusses schon seit Verrazzanos und Gomes’ Entdeckungsreisen im 16. Jahrhundert bekannt war, begann das Interesse der Niederländer an dieser Gegend erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Der Engländer Henry Hudson war den später nach ihm benannten Fluss 1609 hinaufgesegelt und hatte bei einigen der dort lebenden Indianer Tabak und Pelze eingetauscht. Als die Nachricht von Hudsons Reise in die Vereinigten Niederlande gelangte, versprachen sich Teile der Amsterdamer Kaufmannschaft hohe Gewinne aus dem lukrativen Pelzhandel. Mehrere konkurrierende Gruppen von Kaufleuten, Reedern und Schiffern schickten in den Jahren nach 1610 Schiffe nach Nordamerika und überboten sich gegenseitig im Preis für die von den Indianern eingehandelten Pelze.
mini|330px|Niederländischer Ostindien- und Westindienfahrer, um 1650 Da bald klar wurde, dass die zu erzielende Gewinnspanne im ohnehin kostenintensiven und risikobehafteten Überseegeschäft durch diese Praxis drastisch sank, verständigten sich die einstmaligen Konkurrenten und gründeten die Compagnie van Nieuwnederlant (Neuniederland-Kompanie). Diese Handelskompanie erhielt von den Generalstaaten am 27. März 1614 ein Monopol, das ihnen für die folgenden drei Jahre vier Schiffsreisen in das Gebiet zwischen 40° und 45° nördlicher Breite erlaubte. Im Oktober 1618, zehn Monate nach Ablauf des Handelsmonopols, bewarb sich die Kompanie um ein neues Oktroi. Zu diesem Zeitpunkt wurde von den Generalstaaten aber bereits die Gründung einer neuen Kompanie, der Geoctroyeerde West-Indische Compagnie (Niederländische Westindien-Kompanie, kurz WIC) als Pendant zur VOC erwogen.
Kurz nachdem 1621 nach zwölfjährigem Waffenstillstand der Unabhängigkeitskampf der Niederländer gegen die Spanier wieder aufgeflammt war, oktroyierten die Generalstaaten ein Handelspatent für die neu gegründete Westindien-Kompanie aus. Dabei hatten sie nicht so sehr die Besiedlung überseeischer Gebiete als vielmehr deren wirtschaftliche Ausbeutung und zugleich eine militärische Unterstützung durch die Schiffe der privat finanzierten Handelskompanie im Sinn. Aus diesem Grund dauerte es auch zwei Jahre, bis ausreichende Geldmittel bereitstanden, da die niederländische Finanzwelt dem Projekt zunächst abwartend gegenüberstand. So erreichte erst im Herbst 1623 mit der Maackreel ein Kompanieschiff die Neue Welt. Die Maackreel handelte während des folgenden Winters entlang des Hudson und kehrte im Sommer 1624 in die Heimat zurück. 1624 kamen mit der Eendracht und der Nieu Nederlandt die ersten Siedler an der amerikanischen Ostküste an.
Erste Kolonisten Da der englische Botschafter im Haag 1622 britische Ansprüche auf das Gebiet um den Hudson River (ndl. Noortrivier) angemeldet hatte, war es aus Sicht der Niederländer nötig, rasch Tatsachen zu schaffen, um die eigenen Interessen zu untermauern. Um möglichst weite Gebietsansprüche zu manifestieren, wurden die mit der Eendracht angekommenen Kolonisten unter Adrian Joriszoon Thienpont auf mehrere Punkte am Connecticut River (ndl. Versche rivier), am Delaware River (ndl. Zuidrivier), an der Mündung des Hudson und weiter stromaufwärts verteilt. An dem Punkt, an dem die heutige Stadt Albany liegt, wurde 1624 Fort Oranje gegründet.
mini|170px|rechts|Ureinwohner Virginias nach einem Stich von Wenzel Hollar, 1645 Die Siedler, die mit der Nieu Nederlandt in der später ebenso genannten Kolonie ankamen, waren protestantische Wallonen, die aus den Spanischen Niederlanden vertrieben worden waren, 30 Familien, bestehend aus 110 Personen um Cornelis Jacobszoon May. Um sich besser gegen befürchtete Angriffe schützen zu können, ließen sie sich zunächst auf der kleinen, Manhattan vorgelagerten Insel Pagganack (ndl. Noten Eylandt) nieder, dem heutigen Governors Island.
Die Siedler fanden ein Land vor, das fruchtbar war, gute Jagd- und Fischgründe besaß und vor allem ein verträglicheres Klima bot als etwa die niederländischen Kolonien an der Westküste Afrikas oder in der Karibik. In zeitgenössischen Beschreibungen wurden die geografischen Gegebenheiten in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit beurteilt. Den größten Raum in zeitgenössischen Beschreibungen nahmen jedoch die Indianer ein, die in niederländischen Quellen zumeist als die wilden bezeichnet werden.Jaap Jacobs: New Netherland. A Dutch Colony in Seventeenth-Century America. Brill, Leiden 2005, S. 31. Unter ihnen waren die westlich von Fort Oranje lebenden Mohawk die wichtigsten Pelzlieferanten der Niederländer. Obwohl sich vor allem die Kommunikation zwischen Siedlern und Indianern aufgrund der gegenseitigen Sprachunkenntnis schwierig gestaltete, lebten beide Gruppen bis zum Ende der 1630er Jahre weitgehend konfliktfrei nebeneinander.
Gründung von „Nieuw Amsterdam“ mini|170px|Der Schaghen-Brief, 1626 Der Vertrag von Cornelis Jacobszoon May als Direktor der Kolonie lief nach einem Jahr aus. Sein Nachfolger Willem Verhulst erhielt im April 1625 von der WIC die Anweisung, die Siedler in einer größeren Ansiedlung zu konzentrieren – wahrscheinlich um Kosten zu sparen und sich zugleich besser gegen mögliche Angriffe verteidigen zu können. Als Verhulst bei der Gründung Nieuw Amsterdams an der südlichen Spitze der Insel Manhattan Führungsschwächen erkennen ließ, wurde er im Frühjahr 1626 durch Peter Minuit ersetzt. Minuit kaufte den Indianern die Insel Manhattan im Jahr 1626 für die legendäre Summe von 60 Gulden ab, wobei die Indianer den Gegenwert wahrscheinlich in Form verschiedener Handelswaren erhielten. Im November 1626 erreichte die Nachricht Amsterdam, und Pieter Janszoon Schaghen, mit der Leitung der Westindien-Angelegenheiten betraut, gab die Nachricht in dem heute berühmten Schaghen-Brief an die Generalstaaten weiter.
Während die weiter im Landesinneren gelegenen Siedlungen bis zum Ende der niederländischen Ära Nieuw Nederlands größtenteils ihren Charakter als reine Pelzhandelsstationen inmitten indianischen Stammesgebiets behielten, war Nieuw Amsterdam nicht nur das Zentrum für Handel und Schifffahrt der Kolonie, sondern wurde allmählich auch zum Standort unterschiedlicher Gewerbebetriebe.
Siedlungsproblematik und die Reaktion der „WIC“ Menschen, die im 17. Jahrhundert Europa verließen und in die Neue Welt aufbrachen, hatten verschiedene Gründe für ihre Entscheidung. Die wichtigsten Motive für eine Emigration waren wirtschaftlicher oder religiöser Natur. Daran gemessen hatten die Niederländer nur wenig Anlass, die Strapazen der im Schnitt zwei- bis dreimonatigen Schiffsreise auf sich zu nehmen. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts boomte die Wirtschaft der Niederlande; man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Gouden eeuw, dem Goldenen Zeitalter. Ähnlich sah es mit der religiös motivierten Auswanderung aus: im Unterschied zu den englischen Kolonien kamen nur sehr wenige Religionsflüchtlinge nach Nieuw Nederland, weil die Republik der Vereinigten Niederlande im Vergleich zu anderen europäischen Staaten der Zeit in Glaubensfragen toleranter war. Die Folge hiervon war, dass Nieuw Nederland bis zur Mitte des Jahrhunderts unter einem chronischen Mangel an Siedlern zu leiden hatte, was die Kolonie – im Vergleich zu anderen Territorien an der Ostküste Nordamerikas – in ihrer Entwicklung hemmte.
mini|220px|rechts|Haus der WIC in Amsterdam, 1655 Die WIC begegnete diesem Problem mit unterschiedlichen Maßnahmen. Zum einen warb sie über Werbeschriften im Ausland verstärkt um deutsche, flämische und wallonische Emigranten, zum anderen versuchte sie potentielle Siedler durch eine Lockerung der Handelsbestimmungen zu gewinnen. Hierbei standen sich in der WIC zwei Interessenlager gegenüber: Die Handelsfraktion wollte die Besiedlungskosten niedrig halten und möglichst große Gewinne aus dem Pelzhandel erzielen. Die Siedlungsfraktion verfolgte den genau entgegengesetzten Ansatz und erhoffte sich aus einer stärkeren landwirtschaftlichen Nutzung der Kolonie auf lange Sicht gesehen eine Ablösung des Baltikums als Lieferanten für das in den Niederlanden benötigte Getreide. Ein breitflächiger Getreideanbau direkt in Übersee hätte zudem womöglich die äußerst kostspieligen Versorgungslieferungen nach Brasilien oder Curaçao ersetzen können. Im Juni 1629 kam es zu einem Kompromiss. Das Monopol der WIC auf den lukrativen Pelzhandel blieb zunächst bestehen, und im Gegenzug ermöglichte die Handelskompanie einigen ihrer finanzstarken Direktoren den Aufbau einer erblichen Grundherrschaft in Übersee. Die WIC überließ den Grundherren, den so genannten Patroonen, kleine Einheiten privaten Landbesitzes, auf denen diese weitgehende Rechte – von der Steuererhebung bis hin zur Rechtsprechung – erhielten.Zu den patroonships vgl. Jaap Jacobs: Dutch Proprietary Manors in America: the Patroonships in New Netherland. In: Louis H. Roper, Bertrand van Ruymbeke (Hrsg.): Constructing early modern empires: proprietary ventures in the Atlantic world, 1500–1750. Leiden [u. a.] 2007, ISBN 90-04-15676-3, S. 301–326. Im Gegenzug verpflichtete sich der patroon, innerhalb von vier Jahren mindestens fünfzig Menschen im Alter von über fünfzehn Jahren auf seinem Besitz anzusiedeln. Doch das Patronatsystem scheiterte. Immer wieder kam es zu Konflikten zwischen den Eigentümern und der WIC oder zwischen Siedlern und Indianern. Noch stärker wog, dass trotz großzügiger Angebote der patroone nicht genügend Auswanderer als Arbeitskräfte angeworben werden konnten. In den nach 1639 ausbrechenden Konflikten mit den Indianern gingen alle Siedlungen bis auf das östlich der heutigen Stadt Albany gelegene Rensselaerswijck unter.
Aufgabe des Pelzhandelsmonopols und Indianerkrieg mini|340px|rechts|Der Ausschnitt aus der um 1634 entstandenen Karte Nova Belgica et Anglia Nova des Niederländers Joan Blaeu zeigt die Region um den Hudson River. Übergroße Abbildungen von Ottern und Bibern sollen den Pelzreichtum des Landes betonen.