mini|Theodor Mommsen in hohem Alter Christian Matthias Theodor Mommsen (* 30. November 1817 in Garding, Herzogtum Schleswig; † 1. November 1903 in Charlottenburg bei Berlin) war ein deutscher Historiker und gilt als einer der bedeutendsten Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Seine Werke und Editionen zur römischen Geschichte sind für die heutige Forschung noch immer von grundlegender Bedeutung. Unter anderem wegen seines Werks Römische Geschichte wurde er 1902 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.
Leben Herkunft, Jugend, Studium mini|Geburtshaus in Garding Theodor Mommsen stammte aus einer Pfarrerfamilie; sein Vater Jens Mommsen war seit 1821 Pfarrer in Oldesloe im Herzogtum Holstein, wo der älteste Sohn Theodor zusammen mit seinen zwei Brüdern Tycho (1819–1900) und August (1821–1913) sowie seiner Schwester Marie (1828–1893) aufwuchs. Den strengen christlichen Glaubensvorstellungen des Vaters entzogen sich die Kinder nach und nach, jedoch blieb Mommsen bis ans Lebensende ein überzeugter liberaler Protestant, mit einer deutlichen Abneigung gegen den Katholizismus. Obwohl die Familie in eher ärmlichen Verhältnissen lebte, weckte Jens Mommsen bei seinen Kindern früh das Interesse an den antiken Klassikern.
Nach anfänglichem Privatunterricht besuchte Theodor Mommsen ab Oktober 1835 das Christianeum in Altona und begann im Mai 1838 ein Jurastudium an der Universität Kiel. Hier trat er der Burschenschaft Albertina (heute Teutonia) bei und lernte 1839 den später als Dichter berühmt gewordenen Jurastudenten Theodor Storm kennen. Mit diesem teilte er sich zeitweise eine Wohnung in der Flämischen Straße und veröffentlichte zusammen mit ihm und seinem jüngeren Bruder Tycho 1843 das Liederbuch dreier Freunde, eine Gedichtsammlung, die von der Literaturkritik freundlich aufgenommen wurde. Im selben Jahr wurde Mommsen in Kiel bei Georg Christian Burchardi mit der Arbeit Ad legem de scribis et viatoribus et De auctoritate promoviert. Wiewohl eigentlich Jurist, widmete er sich fortan ausgehend von seinen Studien zum Römischen Recht fast ausschließlich der Alten Geschichte, die erst um diese Zeit als eigene Disziplin entstand.
Lehrtätigkeit und Reisen Mommsen strebte eine wissenschaftliche Laufbahn an, musste zunächst aber seinen Lebensunterhalt als Aushilfslehrer an zwei Mädchenpensionaten bestreiten, die Tanten von ihm in Altona leiteten. 1844 erhielt er ein dänisches Reisestipendium (das Herzogtum Schleswig gehörte damals zum Dänischen Gesamtstaat und stand in Personalunion mit Dänemark und Holstein) und besuchte zunächst Frankreich, dann vor allem Italien, wo er seine Beschäftigung mit römischen Inschriften begann. Er trat in Kontakt mit dem Instituto di corrispondenza archeologica und plante eine Sammlung aller bekannten lateinischen Inschriften, die im Gegensatz zu früheren Corpora auf dem Autopsieprinzip beruhen sollte. Als ersten Schritt sammelte Mommsen die Inschriften des damaligen Königreichs Neapel.
1847 kehrte Mommsen nach Deutschland zurück, musste vorerst aber wieder als Lehrer arbeiten. Während der Märzrevolution von 1848 wurde er Journalist in Rendsburg und vertrat energisch seine liberalen Überzeugungen.
Anfänge als Akademiker mini|hochkant|Der junge Theodor Mommsen (Mitte) mit Moriz Haupt und Otto Jahn (Daguerreotypie, Leipzig 1848) Im Herbst 1848 erhielt Mommsen einen Ruf als außerordentlicher Professor für Rechtswissenschaft nach Leipzig und konnte so endlich die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Er begann eine umfangreiche Publikationstätigkeit, blieb aber auch politisch aktiv, zusammen mit seinen Freunden und Professorenkollegen Moriz Haupt und Otto Jahn. Wegen ihrer Beteiligung am sächsischen Maiaufstand 1849 wurden die drei angeklagt und 1851 aus dem Hochschuldienst entlassen.
Nach dem politisch bedingten Verlust der Professur in Leipzig folgte er einem Ruf an den neugeschaffenen Lehrstuhl für Römisches Recht an die Universität Zürich. Hier lehrte er vom 29. April 1852 bis zum 27. August 1854. Ein Vortrag jener Zeit für die Antiquarische Gesellschaft in Zürich erschien später im Druck unter dem Titel Die Schweiz in römischer Zeit. In Zürich fühlte er sich jedoch sehr unwohl; er klagte in einem Brief über die Schweizer: „Die gehören zum Froschgeschlecht, und man muss Gott danken, wenn sie Hochdeutsch sprechen und eine Serviette auf den Tisch legen.“ Er wollte daher gern nach Deutschland zurückkehren und folgte 1854 einer Berufung nach Breslau, wo er mit dem Privatdozenten Jacob Bernays Freundschaft schloss. Allerdings gefiel Mommsen auch Breslau nicht; vor allem stießen ihn die dortigen Studenten ab: „Die meisten stinken, alle sind faul“.Die beiden Zitate bei Stefan Rebenich: Theodor Mommsen: Wissenschaftler, Politiker, Literaturnobelpreisträger. In: Numismatisches Nachrichtenblatt. 52, 2003, S. 445 ff. 1858 erfüllte sich dann Mommsens sehnlichster Wunsch: Er wurde auf eine Forschungsprofessur an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin berufen und erhielt 1861 einen Lehrstuhl für römische Altertumskunde an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, wo er bis 1885 Vorlesungen hielt (eine Aufgabe, die für ihn deutlich hinter die Forschungsaktivitäten zurücktrat).
Höhepunkt der akademischen Laufbahn mini|hochkant|Theodor Mommsen (Stich von Louis Jacoby, 1863) mini|hochkant|Der Historiker Theodor Mommsen (Gemälde von Ludwig Knaus, 1881) Rufe an andere Universitäten, die er erhielt, nutzte Mommsen fortan zu Verbesserungen seiner Stellung in Berlin. Rasch stieg er zu einem international und weit über die Fachgrenzen hinweg berühmten Gelehrten auf. Mommsen war Mitglied der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig sowie ab 1852 auswärtiges Mitglied der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, ab 1864 Ehrenmitglied (Honorary Fellow) der Royal Society of Edinburgh, seit 1866 assoziiertes Mitglied der Königlichen Akademie von Belgien, seit 1872 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, seit 1876 socio straniero der Accademia Nazionale dei Lincei in Rom und ab 1895 auswärtiges Mitglied der Académie des inscriptions et belles-lettres. 1856 verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Greifswald seine erste Ehrendoktorwürde. Bereits 1877 wurde er zum Ehrenmitglied der philosophisch-historischen Klasse der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien gewählt, 1893 wurde er Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.
Bei seinen Studenten war Mommsen unbeliebt, er galt als schlechter und herrischer Dozent. Immer wieder griff er in Berufungsverfahren jedoch zugunsten seiner akademischen Schüler ein und sicherte ihnen Lehrstühle, etwa im Falle Otto Seecks und Ulrich Wilckens. Beide Male hatte Karl Julius Beloch, der mit Mommsen zerstritten war, das Nachsehen. Den meisten von Mommsens Schülern gelang es nie, aus dem Schatten ihres übermächtigen Lehrers zu treten, zumal dieser auf die meisten von ihnen als „die junge Impotenz“ herabblickte. Andere jüngere Gelehrte und einige Schüler Mommsens bemühten sich hingegen bewusst, sich von ihrem akademischen Lehrer zu emanzipieren. Unter diesen ist Max Weber der bedeutendste, den Mommsen angeblich für seinen einzig würdigen Nachfolger hielt, der sich aber noch vor der Promotion der Soziologie zuwandte.
Bei einem Wohnungsbrand am 12. Juli 1880 ging in Mommsens Arbeitszimmer die damals besterhaltene Abschrift der Gotengeschichte des Jordanes verloren. Seine Bibliothek wurde fast ganz zerstört. Auch seine Vorlesungsskripte, die er eigentlich als Grundlage für eine Publikation vorgesehen hatte, wurden ein Raub der Flammen.
Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde Mommsen hoch geehrt (Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste 1868, Ehrenbürgerschaft von Rom). Er war inzwischen auch jenseits der Fachkreise weltberühmt; Mark Twain etwa begegnete ihm 1892 in Berlin und war tief beeindruckt. Mommsen erhielt 1902 für sein Hauptwerk, die Römische Geschichte, den Nobelpreis für Literatur. Von dem Preisgeld spendete er 5000 Mark für den Magistrat der damaligen Stadt Charlottenburg, die der Volksbibliothek (1000 Mark), den beiden Gymnasien (je 1000 Mark) und den Armen (2000 Mark) zugutekommen sollten.(rechte Spalte): Professor Theodor Mommsen hat [...] Charlottenburg [...] 5000 Mark überwiesen, in: Königlich privilegierte Berlinische Zeitung, 21. Dezember 1902. mini|hochkant|Theodor Mommsen (Porträt von Franz von Lenbach, 1897)
Ehe und Nachkommen Mit seiner Frau Marie Auguste (1832–1907), einer Tochter des Leipziger Verlegers Karl August Reimer, mit der er seit 1854 verheiratet war, hatte Mommsen 16 Kinder, von denen zwölf das Erwachsenenalter erreichten. Eine Universitätslaufbahn schlug keines der Kinder ein: Der älteste Sohn Wolfgang war Kaufmann im Wollhandel, Karl studierte Jura, arbeitete zunächst als Syndikus bei Siemens & Halske und wurde dann Direktor der Mitteldeutschen Kreditbank sowie liberaler Reichstagsabgeordneter, Ernst wurde Arzt, war Patensohn von Carl Ludwig und heiratete Clara Weber, die Schwester von Max Weber Marie heiratete den Klassischen Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Hans war Ingenieur und Gaswerkdirektor, Konrad war Admiral und Flottenchef der Reichsmarine.
Zu Theodor Mommsens Enkeln zählen die Historiker Wilhelm Mommsen und Theodor E. Mommsen, der spätere Präsident des Bundesarchivs Wolfgang A. Mommsen, sowie der Manager und Regierungsbeamte Ernst Wolf Mommsen. Theodor Mommsens Urenkel Hans Mommsen und Wolfgang J. Mommsen haben die Geschichtswissenschaft im Nachkriegsdeutschland entscheidend mitgeprägt. Sein Ururenkel Oliver Mommsen schlug eine Karriere als Schauspieler ein.
Das Grab Mommsens befindet sich auf dem Dreifaltigkeitskirchhof II an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg, als Ehrengrab des Landes Berlin, im Feld M1.knerger.de: Das Grab von Theodor Mommsen.
Wissenschaftliche Werke Mommsen verfasste über 1500 wissenschaftliche Studien und Abhandlungen zu verschiedenen Forschungsthemen, vor allem zu Geschichte und Rechtswesen des Römischen Reiches von der Frühzeit bis in die ausgehende Spätantike. Seine berühmteste Publikation ist dabei die zu Beginn seiner Karriere verfasste Römische Geschichte. Sie erschien von 1854 bis 1856 in drei Bänden und schilderte die Geschichte Roms bis zum Ende der römischen Republik und der Herrschaft Gaius Iulius Caesars, den Mommsen als genialen Staatsmann darstellte. Damit prägte Mommsen das höchst positive Caesarbild der deutschen Forschung für fast ein Jahrhundert. Die politischen Auseinandersetzungen vor allem der späten Republik werden von Mommsen in der Terminologie mit den politischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts (Nationalstaat, Demokratie) verglichen. Das engagiert geschriebene Werk gilt, wiewohl in vielem überholt, nicht zuletzt aufgrund seiner literarischen Qualität als Klassiker der Geschichtsschreibung.
Eine Fortsetzung der römischen Geschichte in die Kaiserzeit hinein schrieb Mommsen, dessen wissenschaftliche Herangehensweise an die Antike sich in späteren Jahren sehr stark wandelte, nie; nur Mitschriften seiner Vorlesungen über die römische Kaisergeschichte wurden (erst 1992) veröffentlicht. 1885 erschien als Band 5 der Römischen Geschichte eine systematische Darstellung der römischen Provinzen in der frühen Kaiserzeit.
Für die althistorische und rechtshistorische Forschung nach wie vor von großer Bedeutung ist die dreibändige (1871–1888) systematische Darstellung des römischen Staatsrechts in seinem Werk Römisches Staatsrecht. Des Weiteren schrieb er ein Werk über das römische Strafrecht (Römisches Strafrecht, 1899).
Mommsen als Wissenschaftsorganisator