mini|hochkant=1.5|Vergil liest vor Augustus und Octavia aus der Aeneis, von Angelika Kauffmann, 1788 – es stellt eine Legende dar, die Macrobius tradierte, wonach Octavia in Ohnmacht fiel, als Vergil ihr und Kaiser Augustus eine Passage aus dem sechsten Buch des Epos vortrug über eine Begegnung ihres kürzlich verstorbenen Sohnes Marcellus mit dem mythologischen Helden Aeneas Aeneis oder veraltet Äneide ist ein Epos, das der römische Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) auf der Grundlage insbesondere der Homer zugeschriebenen Epen Ilias und Odyssee gestaltete.

Es schildert die Flucht des mythologischen Aeneas aus dem brennenden Troja und seine Irrfahrten, die ihn schließlich nach Latium (heutiges Mittelitalien) führen, wo er in der Gegend von Torvaianica an Land gegangen sein soll und zum Stammvater der Römer wird. Die ganze Aeneis erzählt damit einen wichtigen Gründungsmythos des Römischen Reiches als Herkunftssage (Ansippung) an die Trojaner.

Vergil arbeitete ab 29 v. Chr. bis zu seinem Tode an dem Epos. Es besteht aus 12 Büchern mit insgesamt rund 10.000 hexametrischen Versen.

Die Aeneis ist ein Epos auf die Größe Roms und feiert die niemals endende Herrschaft (imperium sine fine) der Römer. Zugleich wirbt die Aeneis um Mitgefühl für die Opfer der römischen Vorherrschaft, die im Macht- und Intrigenspiel der Götter, im sinnlosen Aufbegehren der Göttin Juno gegen das Schicksal (fatum), ihr Leben lassen. In der Gestalt des Aeneas hat Vergil das Ideal des römischen Princeps dargestellt, des „ersten Bürgers“ als offizieller Titel der römischen Kaiser. Damit hat er einen Helden geschaffen, der sich nicht durch kriegerisches Draufgängertum auszeichnet, sondern durch sein Pflichtbewusstsein (pietas), das ihn alle eigenen Belange hintanstellen lässt. Aeneas ordnet sich bedingungslos seinem Ziel unter und zeigt starke Bindung an Autoritäten wie seinen Vater Anchises und an die Weisungen der Götter.

Aufbau und Inhalt mini|Karte der Fahrt des Aeneas Der Aufbau der Aeneis verbindet mehrere Gliederungskonzepte. Am auffälligsten ist die Aufteilung in eine „odysseische“ und eine „iliadische“ Hälfte: Die ersten sechs Bücher der Aeneis übernehmen viele Motive aus Homers Odyssee (zum Beispiel Seesturm, Irrfahrten, Abstieg in die Unterwelt). In den weiteren sechs Büchern, die die Kämpfe in Latium beschreiben, orientiert Vergil sich vornehmlich an der Ilias. Ferner gibt es Vierer-, Dreier- und Zweiergruppen.

Die Bücher 1 und 4 bilden einen Rahmen: Aeneas landet nach einem Seesturm, den Juno aus anhaltendem Zorn über das Urteil des Paris ihm und den entkommenen Trojanern geschickt hat, an der Küste Karthagos. Dort wird er von Königin Dido gastlich aufgenommen. Seine Mutter Venus möchte weitere Irrfahrten verhindern und sorgt deshalb dafür, dass sich Dido in den Gast verliebt. Zu diesem Zweck lässt sie den Liebesgott Amor die Gestalt von Aeneas’ Sohn Ascanius annehmen; dieser wird von Venus eingeschläfert und an ihren Kultort Idalium gebracht. Als sich Amor in Gestalt von Ascanius beim abendlichen Gastmahl auf Didos Schoß setzt, „vergiftet“ er die Königin mit Liebesleidenschaft zu Aeneas (Liebe wird als Gift und zerstörerische Flamme dargestellt).

mini|Federico Barocci: Aeneas’ Flucht aus Troja, 1598 In den Büchern 2 und 3 erzählt Aeneas bei diesem Gastmahl am Hofe Didos rückblickend vom Untergang Trojas und seinen Irrfahrten.

Im 2. Buch berichtet Aeneas vom Untergang Trojas und von seiner Flucht aus der brennenden Stadt. Auslöser für die Niederlage der Trojaner war eine Kriegslist der Griechen, die ein riesiges hölzernes Pferd erbauen und mit Kriegern im Bauch vor den Mauern der Stadt, getarnt als Weihegeschenk, stehen lassen, während sie sich auf der nahe gelegenen Insel Tenedos verbergen.

Erfreut über den vermeintlichen Abzug der Griechen, bewundern die Trojaner das zurückgelassene Pferd. Einige von ihnen wollen es in die Stadt ziehen, während andere dazu raten, es zu zerstören oder den Hohlraum des Bauchs zu untersuchen. Der Priester Laokoon warnt eindringlich vor einer möglichen List der Griechen und verweist darauf, dass man Odysseus kennen sollte und dass Geschenke der Danaer immer zu fürchten seien; dann schleudert er seine Lanze in die Flanke des Pferds, wo sie stecken bleibt. Die im Bauch versteckten Griechen werden beinahe enttarnt, doch das Schicksal lenkt die Trojaner ab.

Hirten bringen einen gefesselten jungen Mann zum König Priamus. Der gefangene Grieche Sinon behauptet, dass er von den Griechen als Menschenopfer für das Gelingen der Rückfahrt ausgewählt worden sei, ihm aber sei es gelungen, zu fliehen. Das Pferd sei als Weihegeschenk für Minerva bestimmt und auf Anweisung des Sehers Kalchas so groß gebaut, damit es nicht durch das Tor in die Stadt gebracht werden könne, weil es dort Troja unbesiegbar machen würde. Es gelingt Sinon, die Trojaner von seinen Lügengeschichten zu überzeugen.

Während Laokoon einen Stier als Opfer für Neptun schlachtet, kommen von Tenedos her zwei furchterregende Schlangen über das Meer zur Küste und streben auf Laokoon zu. Sie fallen zuerst über seine beiden kleinen Söhne her und umschlingen dann Laokoon und besudeln seine Priesterbinden mit Gift und Geifer, worauf dieser wie ein schlecht getroffener Opferstier entsetzliche Schreie ausstößt.

Die Trojaner sind nun überzeugt davon, dass Laokoon dafür bestraft wurde, dass er das geweihte Pferd mit seiner Lanze verletzt hat, und beschließen, das riesige Pferd in die Festung zum Tempel zu bringen. Sie schlagen eine Bresche in die Mauer, legen Rollen unter die Füße des Pferdes und ziehen es mit Seilen in die Stadt. Auch Kassandra warnt vor dem Pferd, doch wird ihr, wie vorbestimmt, kein Glauben geschenkt.

Als es Nacht wird, kommen die Griechen mit ihren Schiffen von Tenedos zurück. Sinon öffnet den Bauch des Pferdes und die darin versteckten Krieger lassen sich an Seilen herab, dringen in die Stadt ein und erschlagen die Wachen, dann holen sie ihre Gefährten durch die geöffneten Tore.

Währenddessen erscheint dem schlafenden Aeneas im Traum Hektor, schwer verwundet und weinend, und fordert ihn auf, Troja zu verlassen und sich und die Penaten Trojas zu retten. Er werde schließlich nach Durchirren des Meeres eine große Stadt gründen. Aeneas erwacht vom lauten Kampfgetöse und sieht vom Dach seines Hauses, das etwas abseits des Stadtkerns liegt, die tobende Schlacht. Er stürzt sich in den aussichtslosen Kampf und kann zwar kleinere Erfolge erringen, verliert aber viele seiner Mitstreiter. Er greift in die gewaltige Schlacht um den Palast des Priamus ein und es gelingt ihm zunächst, eine große Anzahl von Griechen zu überwältigen, indem er einen hohen Turm zum Einsturz bringt, doch es rücken weitere Griechen nach und sie dringen schließlich in den Palast ein.

Hekuba flüchtet mit ihren Töchtern zu einem großen Altar im Innenhof des Palasts und fordert den greisen Priamus, der sich trotz seiner Gebrechlichkeit noch bewaffnet hat, auf, sich auch in den Schutz des Altars zu begeben. Neoptolemus, der Sohn Achills, tötet nach einer längeren Verfolgungsjagd durch den Palast Polites, einen Sohn des Priamus, vor den Augen seiner Eltern. Priamus beschimpft Neoptolemus in einer zornigen Rede und wirft kraftlos seine Lanze gegen ihn. Dieser zerrt Priamus zum Altar und tötet ihn mit dem Schwert.

Aeneas, der dies vom Dach des Palasts mitansehen musste, ist entsetzt über die Lage Trojas. Seine Mutter Venus erscheint ihm, erinnert ihn an seine Familie und offenbart, dass mächtige Götter die Griechen im Kampf unterstützen, so dass sein Kampf aussichtslos sei. Sie fordert ihn auf zu fliehen und geleitet ihn zum Haus seines Vaters Anchises.

Anchises weigert sich, mit seiner Familie zu fliehen, da er nach Trojas Untergang nicht weiterleben will. Ohne ihn will jedoch Aeneas nicht fliehen, er bereitet sich darauf vor, erneut in den Kampf zu ziehen. Anchises wird umgestimmt, als er ein göttliches Zeichen in Gestalt einer harmlosen Flamme auf dem Kopf des kleinen Ascanius erblickt und nach seiner Bitte an Jupiter, dies zu bestätigen, krachender Donner zu hören ist und ein Stern vom Himmel gleitet, der eine leuchtende Spur über den Giebel des Hauses zum Idagebirge zieht.

Aeneas vereinbart mit seinen Dienern einen Treffpunkt an einem uralten Tempel der Ceres vor den Toren der Stadt, nimmt Anchises, der die heiligen Penaten trägt, auf seine Schultern und Ascanius an der Hand und verlässt das Haus, dicht gefolgt von seiner Frau Krëusa. Beim Tempel der Ceres angekommen, bemerkt er, dass Krëusa fehlt. Er eilt in die eroberte Stadt zurück, um seine Frau zu suchen. Krëusa erscheint ihm als Schatten und prophezeit ihm, dass ihn nach langen Irrfahrten ein neues Glück mit einem neuen Königreich und einer Prinzessin als Gemahlin erwarte. Sie fordert ihn auf, seine Flucht ohne sie fortzusetzen, ihr selbst sei es vorbestimmt, in Troja zu bleiben. Dreimal versucht er, Krëusa festzuhalten, doch es gelingt ihm nicht.

Am Ende der Nacht kehrt Aeneas zu seinen Gefährten zurück und findet zahlreiche neue Begleiter vor, Frauen und Männer, die sich ihm anschließen wollen und bereit sind, ihm als Siedler übers Meer in ein neues Land zu folgen. Sie ziehen fort in Richtung Gebirge, Aeneas trägt seinen Vater auf den Schultern.

Im 3. Buch berichtet Aeneas von seiner bisherigen Reise (von Troja nach Karthago): Nach der Abfahrt aus dem zerstörten Troja landet Aeneas zunächst in Thrakien, wo er eine Stadt nach seinem Namen zu gründen gedenkt. Doch als er die für das Opfer nötigen Zweige einiger Sträucher auf einem nahe gelegenen Hügel ausreißen möchte, tropft Blut aus ihnen hervor. Aeneas befindet sich auf einem Grabhügel, wie die Stimme des Bestatteten verrät – es handelt sich um Polydorus, einen jungen Sohn des Priamus –, die aus dem Inneren des Hügels dringt; die Zweige sind die Speere, mit denen der thrakische König Polymestor ihn ermordet hat. In der Versammlung wird der Beschluss gefasst, den Landsmann ordentlich zu bestatten und daraufhin das befleckte Land zu verlassen.

Auf Delos werden die Trojaner von König Anius empfangen; der dortige Orakelgott Apollo trägt den Trojanern auf, ihre „alte Mutter“ (antiqua mater) zu suchen; dort werde ihren künftigen Generationen die Weltherrschaft zuteil. Anchises, der Vater des Aeneas, deutet den Spruch auf die Kultheimat der Großen Mutter (Magna Mater) Kybele, nämlich Kreta, wohin die Trojaner auch gleich aufbrechen.

Die neu gegründete Stadt auf Kreta wird jedoch bald von einer Seuche heimgesucht, einer gefährlichen Dürre im Hochsommer; Tiere und Menschen lassen ihr Leben. Als Anchises eine Rückkehr zum Orakelgott erwägt, erscheinen nachts dem Aeneas im Auftrag des Apollo die Penaten, die Staatsgötter, und berichten ihm vom Unwillen des obersten Gottes Jupiter: Hier auf seiner Insel sei es ihnen nicht vergönnt zu bleiben, sie sollen vielmehr ihre Fahrt fortsetzen und Hesperien, auch Italien genannt, suchen.

Nach der Abfahrt aus Kreta geraten die Trojaner in einen dreitägigen Seesturm, der ihnen jede Orientierung raubt. Am vierten Tag landen sie auf den Strophaden, wo sie unbeaufsichtigte Rinder- und Kleintierherden vorfinden. Ausgehungert schlachten sie sie als Opfer für Jupiter und machen sich ans Schmausen; da greifen die Harpyien an und beflecken die Speisen mit ihren Ausscheidungen. Wiederholte Opferversuche werden durch immer neue Angriffe der widerlichen Vogelwesen vereitelt. Da entschließt sich Aeneas zum Krieg und legt einen Hinterhalt; mit dieser List werden die Harpyien zurückgetrieben, doch eine von ihnen namens Celaeno prophezeit ihnen mit Berufung auf die höchsten Autoritäten Apollo und Jupiter fluchartig eine schlimme Hungersnot bei ihrer Ankunft in Italien: sie werden sogar Tische verzehren müssen.