mini|hochkant|Michel Hazanavicius beim Festival d’Animation Annecy 2024 Michel Hazanavicius (* 29. März 1967 in Paris) ist ein französischer Film- und Fernsehregisseur sowie Drehbuchautor. Im Komödienfach beheimatet, erlangte er in Frankreich vor allem durch die beliebten Agentenparodien OSS 117 – Der Spion, der sich liebte (2006) und OSS 117 – Er selbst ist sich genug (2009) Bekanntheit. Internationale Anerkennung brachte ihm die Stummfilm-Hommage The Artist (2011) ein, die u. a. mit fünf Oscars und drei Golden Globe Awards ausgezeichnet wurde. Hazanavicius selbst wurde als erster französischer Filmemacher mit dem Regie-Oscar preisgekrönt. Wiederholt arbeitete er mit dem Schauspieler Jean Dujardin zusammen.

Leben Kindheit und erste Filmarbeiten Michel Hazanavicius wurde in eine jüdische Familie polnisch-litauischer Herkunft hineingeboren.Ruben V. Nepales: Meet the director behind surprise Best Picture Contender bei entertainment.inquirer.net, 10. Dezember 2011 (abgerufen am 27. Februar 2012). Seine Eltern überlebten als Kinder den Zweiten Weltkrieg in Frankreich, indem sie untertauchten.Emotional 'Artist' connection. In: New York Post, 3. Februar 2012, S. 13.

Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Serge (* 1963) wuchs Hazanavicius in seiner Heimatstadt Paris auf. Obwohl sein Onkel von Beruf Toningenieur ist,Nick Allen: ‘The Artist’ Interview with Director Michel Hazanavicius bei thescorecardreview.com, 24. Dezember 2011 (abgerufen am 31. Dezember 2011). stammte er aus einer Familie, die kaum mit dem Filmgeschäft in Berührung kam.Eric Libiot: The Artist Le silence est d'or. In: L’Express, 5. Oktober 2011, Nr. 3144, S. 160. Bereits als Kind begann Hazanavicius eigenen Angaben zufolge mit seinem Humor andere zu unterhalten.Adam Woodward: bei littlewhitelies.co.uk, 21. Dezember 2011 (abgerufen am 31. Dezember 2011). Sein Großvater nahm ihn mit zu Stummfilm-Vorstellungen.Stuart Jeffries: The Artist: the silent film they said no one wanted to see bei guardian.co.uk, 8. Dezember 2011 (abgerufen am 31. Dezember 2011). Bereits im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren hatte er laut eigenen Angaben zahlreiche Filmklassiker gesehen, darunter Akira Kurosawas Die sieben Samurai, Der dritte Mann von Carol Reed, Billy Wilders Das Appartement oder Spiel mir das Lied vom Tod von Sergio Leone. Hazanavicius entwickelte in dieser Zeit eine Vorliebe für das amerikanische Kino und den Western. Vor allem aber Der dritte Mann habe Hazanavicius dazu inspiriert, Filmregisseur zu werden – ein Berufswunsch, der ihn lange Zeit beschäftigte. Sein Bruder Serge sollte ab Anfang der 1990er Jahre eine Karriere als Schauspieler starten.

Hazanavicius besuchte die École nationale supérieure d’arts de Cergy-Pontoise (ENSAPC). bei ensapc.fr (französisch; abgerufen am 2. März 2012). Erste Erfahrung beim Fernsehen sammelte er ab 1988 als Praktikant beim französischen Bezahlfernsehsender Canal+. Schnell stieg Hazanavicius u. a. als Sketchschreiber für die sendereigene Komikergruppe „Les Nuls“ auf, die Ende der 1980er Jahre von Bruno Carette, Alain Chabat, Dominique Farrugia und Chantal Lauby gegründet worden war. Daneben arbeitete Hazanavicius auch als Autor für das Radio.Profil von Michel Hazanavicius bei allocine.fr (französisch; abgerufen am 31. Dezember 2011). 1992 übernahm er gemeinsam mit Dominique Mezerette die Regie an Derrick contre Superman, der auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Unter Zuhilfenahme zahlreicher Ausschnitte aus bekannten Fernsehserien sowie deren Neusynchronisation erzählt der Kurzfilm eine neue Geschichte um den deutschen Serienkommissar Derrick, der sich gemeinsam mit u. a. Starsky & Hutch und Captain Kirk aufmacht, einen Fernsehsender zu retten- und dabei gegen Superman, Roger Moore und Nummer 6 anzukämpfen hat.Derrick contre Superman bei allocine.fr (französisch; abgerufen am 31. Dezember 2011). Nach demselben Muster angelegt waren die Fernsehfilme Ca détourne (1992) und La classe américaine (1993). Beim letztgenannten Film, der zu Silvester im französischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, durften sich Hazanavicius und Mezerette legal am Filmarchiv von Warner Bros. bedienen, so dass u. a. Szenen aus Hollywood-Streifen mit John Wayne, James Stewart, Henry Fonda, Paul Newman, Dustin Hoffman oder Robert Redford genutzt werden konnten. Auch konnten für La classe américaine teilweise die französischen Original-Synchronsprecher gewonnen werden.Le cinéma d'Hazanavicius, du pastiche au muet bei culture.ulg.ac.be (abgerufen am 31. Dezember 2011).

Parallel zu seiner Arbeit beim Fernsehen fasste Hazanavicius in der Werbebranche Fuß und war an der Produktion von mehr als 40 Werbespots beteiligt. 1997 war er alleinverantwortlicher Regisseur an dem 14-minütigen Kurzfilm Échec au capital. Die Komödie hat Karl Marx’ Schreibprozess an Das Kapital zum Thema und dessen Entschluss, das Hauptwerk nicht zu vollenden.Échec au capital bei allocine.fr (französisch; abgerufen am 31. Dezember 2011). Auch schuf Hazanavicius die Drehbücher zu den Kinokomödien Delphine 1, Yvan 0 der Les-Nuls-Komödiantin Dominique Farrugia (1996) und Le clone von Fabio Conversi (1998).

Erste Spielfilm-Projekte und Erfolge mit „OSS 117“ 1999 führte Michel Hazanavicius Regie bei seinem ersten eigenen Spielfilmprojekt, für das er auch das Drehbuch verfasste. Bei Mes amis handelt es sich um eine schwarze Komödie, die im Fernsehmilieu angesiedelt ist – ein Produzent und ein befreundeter Schauspieler (dargestellt von Yvan Attal und Hazanavicius’ Bruder Serge) versuchen trotz hektischem Drehplan an einer französischen Sitcom die Leiche einer nächtlichen Zufallsbekanntschaft (Karin Viard) zu entsorgen. Die französische Tageszeitung Le Figaro lobte, dass Mes amis als „burleske Phantasie“ recht erfolgreich sei und verglich das Werk mit Danny Boyles Kleine Morde unter Freunden (1994).Claude Baigneres: ' Mes amis ' de Michel Hazanavicius : Satirique et macabre. In: Le Figaro, 3. Juni 1999 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).

2004 schuf Hazanavicius das Drehbuch zu Tuez-les tous! einer Fernsehdokumentation über den Völkermord in Ruanda, die er mit seiner 2002 gegründeten Produktionsfirma La Classe Américaine koproduzierte. bei theartist-derfilm.de (abgerufen am 14. Januar 2002). Im selben Jahr folgte gemeinsam mit dem bekannten französischen Komiker-Duo Éric Judor und Ramzy Bédia das Drehbuch zur Comic-Realverfilmung Die Daltons gegen Lucky Luke nach Morris. Die französisch-deutsch-spanische Koproduktion von Philippe Haïm – mit Judor und Bédia in den Hauptrollen sowie Til Schweiger als Lucky Luke – konnte in Frankreich 1,6 Mio. Kinobesucher erreichen,Die Daltons gegen Lucky Luke in der Lumiere-Datenbank (abgerufen am 31. Dezember 2011). wurde aber in Deutschland als „misslungene, als Nummernrevue inszenierte Komödie“ bewertet.Andrea Dittgen: Die Daltons gegen Lucky Luke. In: film-dienst. 17/2005 (abgerufen via Munzinger Online).

Nicht in den deutschen Kinoverleih gelangte Hazanavicius’ zweiter Spielfilm OSS 117 – Der Spion, der sich liebte, der ihm 2006 den Durchbruch als Kinoregisseur in Frankreich bescherte. Basierend auf den OSS-117-Romanen von Jean Bruce übernahm Jean Dujardin die Titelrolle des Hubert Bonisseur de La Bath in der gediegen ausgestatteten Agentenfilm-Parodie. Im Stil der frühen James-Bond-Filme gehalten, ist die Geschichte im Ägypten der 1950er Jahre angesiedelt. Hauptdarsteller Dujardin hatte zuvor an Die Daltons gegen Lucky Luke mitgewirkt. Laut Hazanavicius hatten mehrere Regisseure vor ihm das Filmprojekt abgelehnt, das in der ersten Drehbuchfassung viele rassistische Witze und mehr Gewalt enthielt. Er überarbeitete das Filmskript, woraufhin sich OSS 117 – Der Spion, der sich liebte zum Publikumserfolg in Frankreich entwickelte. Fast 2,3 Mio. Besucher sahen den Film,OSS 117 – Der Spion, der sich liebte in der Lumiere-Datenbank (abgerufen am 31. Dezember 2011). der auch in der Gunst der französischen Fachkritik standDidier Peron: Le gang des pastiches. In: Libération, 19. April 2006, Nr. 7759, S. 1–2.Isabelle Regnier: Retour gagnant pour l'espion OSS 117. In: Le Monde, 19. April 2006 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft). und eine erfolgreiche Fortsetzung (OSS 117 – Er selbst ist sich genug, 2009) mit über 2,6 Mio. Kinobesucher in Frankreich nach sich zog.OSS 117 – Er selbst ist sich genug in der Lumiere-Datenbank (abgerufen am 28. August 2016).

Internationaler Erfolg mit „The Artist“ Der Erfolg der OSS 117-Filme machte es Hazanavicius 2011 möglich, seine bereits zu Anfang der 2000er Jahre geplante Stummfilm-Hommage The Artist zu realisieren. (PDF; 4,9 MB) bei festival-cannes.com, S. 5 (abgerufen am 1. Januar 2012). Der Regisseur, der u. a. die beim Stummfilm gestarteten Filmemacher Alfred Hitchcock, Walter Lang, John Ford, Ernst Lubitsch, Friedrich Wilhelm Murnau und Billy Wilder zu seinen Vorbildern zählt, hatte nicht die Wiederbelebung des Slapsticks eines Buster Keaton oder Charlie Chaplin im Sinn: „Es war nicht der Slapstick, der mir so viel bedeutete. Es waren die Melodramen. Der Knoten war, die sinnliche Erfahrung zu teilen, die ich im Kino beim Ansehen von Murnaus 'Sunrise' fühlte.“, so Hazanavicius. In Vorbereitung auf das Drehbuch, das er innerhalb von vier Monaten verfasste, sah Hazanavicius laut eigenen Angaben 150 Stummfilme. Neben Sunrise sei er auch von Murnaus City Girl, den Filmen von Frank Borzage sowie King Vidors The Crowd inspiriert worden. (PDF; 4,9 MB) bei festival-cannes.com, S. 6–8 (abgerufen am 1. Januar 2012). Für die Dreharbeiten zu The Artist, den Thomas Langmann produzierte, arbeitete er erneut mit Jean Dujardin sowie Kameramann Guillaume Schiffman und Filmkomponist Ludovic Bource zusammen. Die Geschichte um einen amerikanischen Stummfilmstar (Dujardin), dem in den 1920er Jahren der Übergang zum Tonfilm nicht gelingt, wurde von Hazanavicius im Stummfilmformat 1,33:1 in Schwarzweiß-Bildern mit Zwischentiteln und so gut wie keinem gesprochenen Worten in 35 Tagen an Originalschauplätzen in Hollywood abgedreht. (PDF; 4,9 MB) bei festival-cannes.com, S. 49 (abgerufen am 1. Januar 2012). „Was ich liebe ist, Show zu kreieren, und dass die Leute das als Freude empfinden, während sie sich immer dabei bewusst sind, dass es Show ist. Mich interessiert es, die Wirklichkeit zu stilisieren, die Möglichkeit mit Codes zu jonglieren. So hat sich die Idee eines Hollywood-Sets der späten 20er, früher 30er Jahren, in Schwarzweiß, herausgeformt.“, so Hazanavicius.

mini|Hazanavicius mit dem gewonnenen César für The Artist