mini|Die Abteikirche Sant Pere de Rodes von innen

Die katalanische Romanik () war in all ihren Perioden und Ausprägungen eingebettet in gesamteuropäische Kunsttrends. In mancherlei Hinsicht spielte sie eine Vorreiterrolle; in anderen Hinsichten nahm sie Neuerungen aus anderen Kunst-Regionen auf. Es besteht aber keinerlei Zweifel daran, dass die katalanisch-romanische Architektur des 11. Jahrhunderts mit ihren monumentalen Stein-Dekorationen (realisiert z. B. in der Basilika des Klosters Sant Pere de Rodes), oft als „Erste Katalanische Romanik“ bezeichnet, und dem Reichtum und der Vielfalt ihrer romanischen Wand- und Tafelmalerei aus dem 12. Jahrhundert (z. B. die Wandmalereien in der Apsis der Kirche Sant Climent de Taüll, zu sehen im Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC)) eine absolute Vorreiterrolle in Europa eingenommen hat.

Einführung und Einbettung des Begriffes mini|links|Der Pantokrator in der Apsis der Kirche Santa Climent de Taüll Romanik bezeichnet eine mittelalterliche, westeuropäische Kunstepoche, die grob nach Region vom 11. bis zum 13. Jahrhundert dauerte. Der Begriff wurde im frühen 19. Jahrhundert von französischen Kunstwissenschaftlern mit Bezug auf die monumentalen Rundbögen dieses Baustils geprägt, die an die Architektur der Römer erinnerten.Siehe die Artikel Romanik (in der Wikipedia) und Romanik im Wiktionary. Der Architekt Elies Rogent, der die Restaurierung der Kirchen Santa Maria de Ripoll und Sant Llorenc de Munt durchführte, verwandte in seiner Festschrift der Escola d’Architectura de Barcelona für das Jahr 1873–1874 das Konzept des „romanischen Stils“, womit er in erster Linie den Architektur-Stil des 11. Jahrhunderts bezeichnete. Der Begriff wurde in weiteren Werken der 1880er Jahre vor allem für die Kirchen im Vall de Boí und für andere Gebäude wie z. B. den Turm der Kirche Sant Martí del Canígo verwendet.Nach: Castiñeiras et al.: An Introduction to Catalan Romanesque. S. 9.

Die Wiederentdeckung der katalanischen Romanik fiel mit der romantischen Kulturbewegung der Renaixença (katalanische Renaissance) des späten 19. Jahrhunderts zusammen, die nach nationalen katalanischen Identitäten zurück bis ins Mittelalter forschte. Die in den Blick genommene Romanik war die Zeitspanne, in der die katalanischen Regionen eine eigene kulturelle Identität herausgebildet hatten. Wissenschaftliche Feldstudien – organisiert z. B. durch die 1876 gegründete Associació Catalana d’Excursions und 1891 umbenannt in Centre Excursionista de Catalunya – gefolgt von zahlreichen Publikationen ließen das Bewusstsein eines spezifisch-katalanischen Erbes aus dem Mittelalter heraus erstarken. Der modernistische Architekt Lluís Domènech i Montaner sammelte und veröffentlichte die Ergebnisse in seiner Història de l’art romànic a Catalunya. Das Bewusstwerden dieser eigenen Geschichte förderte Restaurierungen von Bauwerken wie des Klosters von Ripoll durch den Bischof von Vic Josep Morgades und den Architekten Elies Rogent.Nach: Castiñeiras et al.: An Introduction to Catalan Romanesque. S. 9.

Die katalanische Frühromanik Anfang des 11. Jahrhunderts setzte in Katalonien eine rege Bautätigkeit in Hinsicht auf sakrale Gebäude ein. Neu aufgekommene Ideen hinsichtlich der Grundrissgestaltung, neue Techniken wie die nahezu perfekte Einbeziehung von Tonnengewölben in die tragenden Elemente der Gebäude und die neuartige künstlerische Gestaltung von Mauerwerk veranlassten den katalanischen Architekten, Kunsthistoriker und Politiker Josep Puig i Cadafalch, den Baustil als „erste (katalanische) Romanik“ zu qualifizieren.

Eine Gruppe von Gebäuden wurzelte in den Traditionen des Altertums und des frühen Mittelalters. Hierher gehört in vorderster Linie die im ersten Drittel des 11. Jahrhunderts erbaute Abteikirche von Sant Pere de Rodes. Diese Kirche steht für das Konzept der Trennung von Haupt- und Seitenschiff durch Säulen und in diese künstlerisch integrierte Pilaster. Diese in zwei Ebenen aufeinander arrangierten Säulenkonstruktionen referierten auf Architekturelemente aus der Antike und der Karolingischen Welt. Weiterhin steht Sant Pere de Rodes für einen speziellen Typ von Skulpturverzierungen an korinthischen Kapitellen mit systematischen Geflechten und zahlreichen romanischen Wandskulptierungen. Flache Wandreliefe mit Theophanie-Visionen mit steinskulptierten Rahmen aus Pflanzen- und geometrischen Motiven versehen treten uns in Sant Genís de Fontanes (datiert auf 1019–1020) und Sant Andreu de Sureda entgegen. Diese Techniken „wanderten“ im Laufe des 11. Jahrhunderts nach Süden und sind dann beispielsweise in der romanischen Kathedrale von Barcelona (1058 eingeweiht) zu finden. Dieser neue Stil von skulptierten Kapitellen und Fassaden bildete sich originär im frühen 11. Jahrhundert im östlichen Pyrenäen-Gebiet zwischen dem Roussillon und dem Empordan heraus.

mini|Die Krypta der Kirche Sant Vicenç de Cardona Auch die Außenfassaden von Sakralbauten wurden mit vertikalen Bändern, mit blinden, vorstehenden Bögen verziert. Solche Elemente produzierten allein durch das Licht-Schatten-Spiel einen Ornament-Effekt. Oft waren sie aber auch mit weißer Farbe oder auch mehrfarbig verziert. Beispiele für solche Außen-Ornamentik und Bemalung finden wir noch in Überresten des ursprünglichen Portals der Kirche Santa Maria de Ripoll, das an manchen Stellen hinter dem „neuen“ Portal aus dem 12. Jahrhundert zum Vorschein kommt. Generell kann man sagen, dass solche Zierbänder an den Außenfassaden das opus latericium, das Ziegelmauerwerk der Römer referieren.

Die vielfachen Analogien dieser „ersten katalanischen Romanik“ mit der sogenannten lombardischen Romanik hat die ersten Forscher auf diesem Gebiet (wie auch Josep Puig i Cadafalch) zu der Annahme verleitet, lombardische Steinmetze und Steinhauer hätten diese Kirchen im nordöstlichen Katalonien erbaut. Ohne diese Analogien oder mögliche Kontakte nach Norditalien leugnen zu wollen, muss man heute diese katalanische Frühromanik in der Architektur als eine einzigartige und originäre Integrationsleistung von Römischer und Karolingischer Architektur und gegebenenfalls auch lombardischer Romanik werten.

Viele der Bauwerke aus dieser Periode sind verloren gegangen, wie z. B. die ursprüngliche, 1032 konsekrierte Abteikirche von Ripoll mit ihrem breiten Querschiff und den sieben Apsidialkapellen, die nach dem Vorbild von Sankt Peter in Rom errichtet wurde. Eines der auf uns heil überkommenen Meisterwerke ist die 1040 konsekrierte Kirche Sant Vicenç de Cardona. Der Innenraum wird vollkommen und idealtypisch durch Steingewölbe „aufgezogen“. Jedem Tonnengewölbe-Abschnitt des Hauptschiffes sind drei Tonnengewölbe-Abschnitte der Seitenschiffe zugeordnet. Der Erfolg dieser katalanischen Frühromanik ist daran abzulesen, dass sie in ihrem Grundtyp bis weit in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts z. B. im Vall de Boí und in anderen Teilen der Pyrenäen am Leben blieb.Nach: Castiñeiras et al.: An Introduction to Catalan Romanesque. S. 10–14.

Die romanische Freskenmalerei in Katalonien Ein anderer bedeutender Beitrag der katalanischen Romanik besteht in den zahlreichen Wandmalereien vor allem aus dem östlichen Pyrenäen-Gebiet. Viele der auf uns überkommenen Freskenmalereien haben hinter neueren Altarausgestaltungen oder unter Schichten von neueren Anstrichen und Putzen überlebt.

Das ikonografische Programm mini|Die Apsis der Kirche Sant Pere de Brugal mit ihren Wandmalereien Die großartige katalanisch-romanische Architektur des 11. Jahrhunderts war charakterisiert durch „nackte“, nicht durch Malereien dekorierte Steinwände. Die erste große Welle von Kirchendekorationen durch Wandmalereien setzte im frühen 12. Jahrhundert ein wie dies Kirchen in den Tälern von Pallars und Ribagorça belegen. Viele Hinweise sprechen dafür, dass auch große Kirchen wie die des bereits erwähnten Klosters von Ripoll mit bedeutenden Bilderzyklen ausgestattet wurden. Obwohl wesentliche Informationen darüber fehlen, wie die Freskenmaler arbeiteten, hat man die Künstler nach Stilvergleichen in verschiedene Gruppen klassifiziert. Eine dieser Gruppen (repräsentiert durch die Kirche Sant Joan de Boí) schien eingebunden in zentral- und südfranzösische Traditionen der Freskenmalerei, während eine andere (repräsentiert durch die Arbeiten in den Kirchen Sant Quirze de Pedret und Sant Pere del Burgal) eher norditalienisch-lombardischen Traditionen nahestand. Wie dem auch sei: Gerade aber diese norditalienischen Stilelemente ließen sich besser durch die Kirchenreform der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, der sogenannten „Gregorianischen Reform“ erklären. Religiöse Szenenbücher, die nach Vorgaben aus Rom erstellt worden waren, haben offensichtlich in verschiedenen Teilen des Kirchengebietes als Vorlage für großformatige Freskenmalereien in Kirchen gedient und so zu Analogien in der Freskenmalerei der verschiedenen Regionen geführt. Die Wandmalereien von Sant Joan de Boí sind ein exzellentes Beispiel für den Einfluss von Miniatur-Malereien auf das Großformat des Freskos. So wurden szenische Bilder aus der Bibel von Ripoll (Mitte 11. Jahrhundert) als direkte Vorlagen für Freskenmalereien verwendet. Die Künstler scheinen zudem ihre Laufbahn zunächst als Maler von Tafelbildern gestartet zu haben, ehe sie sich mit der Wandmalerei beschäftigt haben.

Wie aus den gut dokumentierten Fällen aus der romanischen Abteilung des Museu Nacional d’Art de Catalunya in Barcelona ersichtlich ist, konnte sich das ikonografische Programm in einem konsistenten und kohärenten Konzept über den gesamten Innenraum einer Kirche erstrecken. Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament verzieren die Wände des Haupt- und der Seitenschiffe. Auf der Westseite werden Szenen des Letzten Gerichtes illustriert (wie z. B. in Santa Maria de Taüll), während die Gottheit in der gegenüberliegenden Apsis ihren Ehrenplatz einnimmt.Nach: Castiñeiras et al.: An Introduction to Catalan Romanesque. S. 14.

Die künstlerischen Wurzeln dieser ikonografischen Programme liegen tief in der byzantinischen und spätantiken christlichen Kunst. Sie stehen im Kontext der Gregorianischen Kirchenreform und dienen dem Versuch, die Ursprünge der Römischen Kirche wiederzugewinnen. Dies verdeutlicht vor allem die bildhafte Dekoration der Apsis von Sant Pere de Brugal. Diese weist eine Einteilung in drei Register auf. Im obersten Register residiert Christus als Majestät des Jüngsten Gerichtes flankiert von den Erzengeln Gabriel und Michael. Darunter, im zentralen Register, befindet sich der Himmel in Form einer halbkreisförmigen Bank, die an das Synthronon einer Kirche erinnert. Auf dieser Bank sitzen einige Apostel, die Jungfrau Maria sowie Johannes der Täufer. Die zentrale Präsenz von Peter und Paul sowie die implizite Betonung der Eucharistie in den Attributen Marias, die die Schale mit dem Blut Christi in Händen hält, heben auf Kernpunkte der Gregorianischen Reform wie den Primat des Papstes und die Präsenz Christi in der Heiligen Eucharistie gegen die Ideen eines Berengar von Tours ab.

Im untersten Register ist schließlich die Figur der Gräfin Llucia von Pellars – zu identifizieren an der Inschrift LLUCIA CONMITESA – abgebildet. Diese Gräfin hat von 1081 an zehn Jahre lang nach dem Tode ihres Mannes ihre Besitztümer verwaltet. Anhand dieses „Dokumentes“ ist eine absolute Frühdatierung der romanischen Wandmalereien Kataloniens gegeben. Jedoch ist es hoch wahrscheinlich, dass erst ihre Söhne die Wandmalereien der Apsis von Sant Pere de Brugal in Auftrag gegeben und ihre Mutter dort verewigen lassen haben. Demgemäß wird das Einsetzen der romanischen Wandmalereien in Katalonien auf das frühe 12. Jahrhundert datiert.

Die Maler und ihr Handwerk Die in der katalanischen Wandmalerei benutzten Farbpigmente waren vorwiegend anorganischer Natur, was die lange Haltbarkeit der Werke erklärt. Folgende mineralische Ausgangsstoffe, die alle im Umfeld der Pyrenäen natürlicherweise vorkommen, wurden für die Herstellung der Farben verwandt: