mini|Informations- und Daʿwa-Zentrum für Missionierung in Toronto Daʿwa () ist ein arabischer Begriff, der allgemeinsprachlich ein weites Spektrum von Bedeutungen („Ruf, Aufruf, Einladung, Werbung, Propaganda, Anrufung, Segenswunsch“)Vgl. Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Harrasowitz Verlag, 1985. S. 392 umfasst, im spezifischen Sinn aber heute zumeist den „Ruf zum Islam“ bzw. „Ruf zu Gott“ in Form von missionarischer Aktivität bezeichnet. Eine Person, die Daʿwa durchführt, wird Dāʿī oder Dāʿiya genannt, der zugehörige Plural ist Duʿāt. In der islamischen Geschichte gab es mehrere Daʿwa-Bewegungen, die mit politischen Herrschaftsansprüchen verbunden waren, so die Daʿwa der Banū Hāschim, die die Abbasiden an die Macht brachte, und die ismailitische Daʿwa, auf die sich die Fatimiden stützten. Daʿwa im Sinne der Werbung für den Islam ist heute in zahlreichen Organisationen institutionalisiert. Einige davon, wie die Islamische Weltliga und die Muslimbruderschaft, operieren international. mini|Islamic Dawah Center im Gebäude der Old Houston National Bank in Houston, Texas

Daʿwa im Koran Der Begriff Daʿwa begegnet schon an mehreren Stellen im Koran, hat dort allerdings vor allem die Bedeutung der Anrufung einer Gottheit durch den Menschen. So bekräftigt Gott in Sure 2:186, dass er „die Anrufung eines Anrufenden“ (daʿwat dāʿin) beantworten werde, und in Sure 13:14 wird erklärt, dass Gott allein die wahre Anrufung (daʿwat al-ḥaqq) gebührt, während die Anrufung anderer Wesen oder Naturgewalten nutzlos ist. In Sure 10:89 bestätigt Gott Mose und Aaron, dass ihr Bittgebet (daʿwa) erhört sei. In diesem Sinne ist das Wort gleichbedeutend mit dem arabischen Begriff duʿā', der von derselben Wortwurzel abgeleitet ist. Die Aussage in Sure 40:43, dass dem, wozu die beigesellenden Mekkaner den Propheten aufrufen, „eine Anrufung weder im Diesseits, noch im Jenseits“ zusteht (laisa la-hū daʿwa fī d-dunyā wa-lā fī l-āchira), soll wahrscheinlich ebenfalls die Machtlosigkeit der anderen Götter zum Ausdruck bringen.Vgl. die Übersetzung des betreffenden Verses durch Paret.

Gott erscheint im Koran allerdings nicht nur als Adressat, sondern auch als Ausgangspunkt eines Rufs. In Sure 30:25 wird zum Beispiel die Erweckung der Toten aus den Gräbern durch Gott am Tag des Jüngsten Gerichts als „Ruf aus der Erde“ (daʿwa min al-arḍ) bezeichnet. Am Tag der Auferstehung sollen diejenigen, die gefrevelt haben, Gott vergeblich um Aufschub bitten, um seinem Aufruf (daʿwa) Gehör schenken und seinem Gesandten Folge leisten zu können (Sure 14:44).

Für das Verständnis der Daʿwa im Sinne missionarischer Aktivität sind andere Koranstellen wichtiger, in denen nicht das Nomen daʿwa, wohl aber das Verb daʿā („rufen“) vorkommt, von dem der Begriff abgeleitet ist. An verschiedenen Stellen aus mittel- und spätmekkanischer Zeit erscheint zunächst der Prophet Mohammed als Rufer. So wird er in Sure 23:73 mit den Worten angesprochen: „Du rufst die Menschen auf einen geraden Weg“. Und in Sure 16:125 wird er aufgefordert: „Ruf (die Menschen) mit Weisheit und einer guten Ermahnung auf den Weg deines Herrn und streite mit ihnen auf eine möglichst gute Art“. In Sure 57, die ganz oder teilweise für mekkanisch gehalten wird,Theodor Nöldeke: Geschichte des Qorāns. Bd. 1: Über den Ursprung des Qorāns. Leipzig 1909. S. 195. Digitalisat heißt es, an die Menschen gerichtet: „Warum wollt ihr (denn) nicht an Gott glauben, wo doch der Gesandte euch dazu aufruft, an euren Herrn zu glauben“ (Sure 57:8). Umgekehrt gibt es aber auch einen „Ruf“ zum Schlechten. So bringt in Sure 40:41 der Gläubige aus dem Hause Pharaos seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass er sein Volk zum Heil ruft, während dieses ihn zum Höllenfeuer ruft.

In Sure 12:108, die der spätmekkanischen Zeit zugeordnet wird, wird der Ruf zu Gott zum ersten Mal als eine Aufgabe beschrieben, die nicht nur der Prophet erfüllt, sondern auch all diejenigen, die ihm folgen. An einer anderen Stelle, die etwa derselben Zeit entstammt, wird die Frage formuliert: „Wer hätte etwas Besseres zu sagen, als einer, der die Menschen zu Gott ruft, tut, was recht ist und sagt: ‚Ich bin (einer) von denen, die sich (Gott) ergeben haben‘?“ (Sure 41:33). Ein Koranwort, das der medinischen Zeit entstammt, beschreibt Daʿwa schließlich als eine der gesamten Umma obliegende Aufgabe und hebt sie gleichzeitig auf eine moralische Ebene: „Aus euch soll eine Gemeinschaft (von Leuten) werden, die zum Guten aufrufen, gebieten, was recht ist und verbieten, was verwerflich ist. Denen wird es wohlergehen“ (Sure 3:104).

Daʿwa-Bewegungen im Mittelalter

Die hāschimidische Daʿwa Die erste Daʿwa-Bewegung in der islamischen Geschichte entstand im frühen 8. Jahrhundert. In dieser Zeit versuchten die Banū Hāschim, derjenige Clan aus dem mekkanischen Stamm Quraisch, dem auch Mohammed angehört hatte, die Umayyaden von der Macht zu verdrängen, und bauten zu diesem Zweck ein weitgespanntes Propagandanetzwerk auf, das als daʿwat Banī Hāschim („Propaganda der Haschimiden“) bezeichnet wurde. Die Werbeagenten (duʿāt), die die haschimitische Propaganda bis in die arabischen Garnisonen Ostirans trugen, operierten geheim und traten nur verdeckt mit Pseudonym auf. Die Werbung wurde im Namen eines noch Namenlosen betrieben, „desjenigen aus dem Hause Mohammeds, der Zustimmung findet“ (ar-riḍā min āl Muḥammad). Innerhalb der Banū Hāschim gab es zwei große Familien, die Abbasiden und die Aliden. Ihre Werbeagenten arbeiteten teilweise zusammen, häufig aber auch gegeneinander.

Ein Gedicht des Dichters Safwān al-Ansārī, das al-Dschāhiz zitiert, berichtet davon, dass um die Mitte des 8. Jahrhunderts auch Wāsil ibn ʿAtāʾ, der als der Gründer der Muʿtazila gilt, von Basra aus Duʿāt in die verschiedenen Gebiete des islamischen Reiches (Kufa, Arabische Halbinsel, Jemen, Chorasan, Armenien und Maghreb) entsandte.Vgl. Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. 6 Bde. Berlin-New York 1991–1997. Bd. II, S. 310–316. Seine Daʿwa verfolgte aber keine direkten politischen Ambitionen, sondern diente allein der Verbreitung seiner theologischen Lehre. Allerdings hatte Wāsil enge Beziehungen zu den Aliden in Medina.Vgl. van Ess 248–253.

Die hāschimidische Daʿwa brachte schließlich 749 die Familie der Abbasiden an die Macht.Vgl. dazu Moshe Sharon: Black banners from the East. Jerusalem 1983. Die Aliden gingen bei der Verteilung von Posten nach der abbasidischen Machtübernahme leer aus. Die Abbasiden beanspruchten die Macht vollständig für sich und ließen die Aliden verfolgen. Eine Rückbesinnung auf die Prinzipien der hāschimitische Daʿwa erfolgte erst unter dem abbasidischen Kalifen al-Ma'mūn. Er setzte im Jahre 817 den Aliden ʿAlī ibn Mūsā ar-Ridā als Thronfolger ein, um damit die Aliden mit den Abbasiden zu versöhnen.

Schiitische Daʿwa-Bewegungen Als nach der Machtübernahme von al-Mutawakkil nach 847 die Abbasiden wieder zu einer anti-alidischen Politik übergingen, begannen verschiedene schiitische Gruppen mit neuen Daʿwa-Aktivitäten. Al-Hasan ibn Zaid, der „große Werber“ (ad-dāʿī al-kabīr) der Zaiditen, gründete im Jahre 864 im nordiranischen Tabaristan ein eigenes zaiditisches Imamat.

Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts organisierte ein Mann namens ʿAbdallāh al-Akbar von Chusistan aus eine neue Daʿwa und sandte Werber aus, die Anhänger für den zu erwartenden Mahdi werben sollten. In nur 25 Jahren – von etwa 875 bis 900 – knüpfte die neue daʿwa ein Netz von Zellen und Gemeinden, das die ganze islamische Welt von Nordafrika bis Südasien, vom Kaspischen Meer bis zum Jemen überspannte. Die Bewegung führte zunächst zu Aufständen in Syrien und im Irak und im Jahre 909 in Nordafrika zur Machtergreifung der Fatimiden. Da Ismāʿīl, der Sohn des sechsten Imams Dschaʿfar as-Sādiq, in der Anfangszeit dieser Daʿwa-Bewegung eine sehr wichtige Rolle gespielte, wurde die Bewegung insgesamt als Ismāʿīliyya bezeichnet.Vgl. dazu Heinz Halm: Die Schia. Darmstadt 1988. S. 198–205.

Nachdem die Fatimiden 969 Kairo erobert hatten, setzten sie von dort aus ihre Daʿwa-Aktivitäten fort. An die Spitze der inneren wie der äußeren Mission wurde ein Ober-Dāʿī gesetzt. Er hielt im Palast von Kairo allwöchentlich donnerstags öffentliche Lehrsitzungen ab, die sogenannten madschālis al-hikma („Sitzungen der Weisheit“), in denen die Adepten nach Ablegung des Gelübdes (mīthāq) in die ismailitische Geheimlehre eingewiesen wurden.Vgl. Halm 211f und Hamdani. Außerhalb der Grenzen des Fatimidenreiches wurde die Daʿwa, die nach wie vor auf den Sturz des Bagdader Kalifen hinarbeitete, weiterhin konspirativ betrieben. Ein Ergebnis dieser Daʿwa-Aktivitäten war es, dass 1047 im Jemen der Dāʿī ʿAlī ibn Muḥammad mit den Sulaihiden eine neue den Fatimiden gegenüber loyale ismailitische Dynastie begründete und Sanaa und Aden in seine Gewalt brachte.

Das Daʿwa-Netzwerk der Fatimiden erlebte ab dem 11. Jahrhundert einige Aufspaltungen. So trat im Jahre 1017 der ostiranische Dāʿī Hamza ibn ʿAlī mit der Behauptung auf, die Ära des Qāʾim (eschatologischer Herrscher) sei angebrochen und der regierende fatimdische Kalif al-Hākim bi-amr Allāh sei Gott. Aus dieser Daʿwa-Bewegung, die auch auf zahlreiche Gebiete außerhalb des Fatimidenreiches ausgeweitet wurde, ging die Gemeinschaft der Drusen hervor.Vgl. Halm 219–224.

Als im Jahre 1094 der Fatimidenkalif al-Mustansir starb, spaltete die Frage seiner Nachfolge die ismailitischen Gemeinden. Der Kalif hatte seinen Sohn Nizār als künftigen Imam designiert, doch der Wesir und Armeechef al-Afdal Schahanschah, der eigentliche Lenker der ägyptischen Politik, erhob einen anderen Prinzen, seinen Schwiegersohn al-Mustaʿlī auf den Thron. Nizār floh nach Alexandria; seine bewaffnete Rebellion wurde jedoch niedergeschlagen, er selbst gefangen genommen und beseitigt. Die persischen Werber der Ismāʿīlīya unter Führung von Hasan-i Sabbāh lösten sich daraufhin von Kairo und begründeten eine neue Daʿwa (daʿwa dschadīda). Aus dieser Daʿwa-Bewegung, die auch stark nach Syrien und Indien wirkte, ging die Gemeinschaft der nizāritischen Ismāʿīliten hervor.Vgl. Halm 225–232.

Neben den Nizāriten existiert bis heute noch eine weitere ismāʿīlitische Gruppierung. Sie wird Mustaʿlī-Ṭayyibīya bezeichnet und von einem „obersten Dāʿī“ (dāʿī muṭlaq) angeführt.

Daʿwa im 20. Jahrhundert Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Daʿwa-Gedanke wieder aufgegriffen und im Sinne eines Rufs zum Islam neu interpretiert. Schon 1911 gründete Raschīd Ridā auf der Nilinsel Roda bei Kairo das „Haus für Daʿwa und geistige Anleitung“ (Dār ad-daʿwa wa-l-iršād). Es handelte sich um eine Schule, die vor allem von muslimischen Jungen aus Niederländisch-Indien und der Swahilibevölkerung Ostafrikas besucht wurde.Vgl. Ignaz Goldziher: Die Richtungen der islamischen Koranauslegung. Leiden 1920. S. 344f.

Hasan al-Bannā und die Muslimbruderschaft Von grundlegender Bedeutung für die weitere Entwicklung des Daʿwa-Konzeptes war die 1935 veröffentlichte Schrift Daʿwatu-nā („Unsere Daʿwa“; 1935) von Hasan al-Bannā, dem Gründer der Muslimbruderschaft.Zur Datierung vgl. Israel Gershoni u. James Jankowski: Redefining the Egyptian Nation, 1930-1945. Cambridge 1995. S. 235. Er rief hier zu einer islamischen Daʿwa auf, die alle Bereiche des Lebens umfassen sollte:

In der gleichen Schrift betonte al-Bannā, dass die Daʿwa auch mit modernen Mitteln wie Zeitungen, Theaterstücken, Filmen, Grammophon (ḥākk) und Radio (miḏyāʿ) erfolgen sollte.Vgl. Daʿwatu-nā in ar-Rasā'il ath-thalāth. Kairo: Dār aṭ-ṭibāʿa wa-n-našr ca. 1977. http://www.2muslims.com/directory/Detailed/227082.shtml#methods (hier ist das Grammophon nicht übersetzt).