Namie (jap. , -machi) ist eine Kleinstadt im Landkreis Futaba der japanischen Präfektur Fukushima.
Geografie Namie liegt am Pazifischen Ozean. In 10 km Entfernung von der Küste steigt das Abukuma-Hochland an, das von Wäldern geprägt und weitgehend unbesiedelt ist. Tief in diesem Hochland erstreckt sich auch die westliche Hälfte von Namie, die nur mit einem vergleichsweise schmalen Korridor mit dem weitaus stärker bevölkerten Ostteil verbunden ist.
Namie ist umgeben von Minamisōma im Nordosten, Iitate im Norden, Kawamata im Nordwesten, Nihonmatsu und Tamura im Westen, Katsurao im Südwesten, sowie Ōkuma und Futaba im Süden.
Geschichte Die Gemeinde Namie entstand im Zuge der landesweiten Reorganisation des Gemeindewesens am 1. April 1889 und befand sich in dem damaligen Landkreis Shineha (, -gun). Dieser Landkreis wurde am 1. April 1896 mit dem Landkreis Naraha (, -gun) zum Landkreis Futaba (, -gun), wörtlich: „zwei ha ()“, zusammengelegt.
1898 erlangte Namie eine historische Aufwertung mit der Gründung einer Gemeindestation der Nippon Tetsudō. Am 1. März 1900 erfolgte die Aufstufung von einer Dorfgemeinde (mura) zur Kleinstadt (machi).
Am 10. Oktober 1953 wurden die Dörfer Ukedo (, -mura) und Kiyohashi (, -mura) südöstlich bzw. nordöstlich von Namie eingemeindet.Mitteilung 190 des Büros des Premierministers, vom 9. Oktober 1953 Am 1. Mai 1956 folgten Ōbori (, -mura) südwestlich, Karino (, -mura) westlich und Tsushima (, -mura) tief im Abukuma-Hochland westlich.Mitteilung 221 des Büros des Premierministers, vom 30. April 1956 1955 betrug die Einwohnerzahl von Namie 28.800. Am 1. April 1958 wurden der Ortsteil Nakano und Teile von Morotake, die Teil des früheren Ukedo waren, aus- und nach Futaba eingemeindet.Mitteilung 94 des Büros des Premierministers, vom selben Tag Genau zwei später wiederholte sich dies mit Teilen von Nakahama und wiederum Teilen von Morotake.Mitteilung 110 des Büros des Premierministers, vom selben Tag
Die Stadt strebte danach, einem Bevölkerungsrückgang und finanziellen Schwierigkeiten entgegenzuwirken. Als die Präfektur Fukushima 1960 Kernkraftwerke in ihrem Gebiet errichtete, wurde Namie zwar zunächst ein Standort-Kandidat, das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi jedoch schließlich in den nahe gelegenen Städten Futaba und Ōkuma gebaut. Das Kernkraftwerk trug in der Folge zur Verlangsamung des Bevölkerungsrückgangs und damit zur Streuung der Gesellschaft und Ökonomie bei. Viele Kernkraftwerk-Mitarbeiter (2010: rund 30 Prozent der Belegschaft) lebten in Namie und stärkten dessen Wirtschaftskraft. Von den 20.888 Einwohnern, die Namie im Dezember 2010 hatte, arbeiteten etwa 2.500 im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi.
Tōhoku-Erdbeben, -Tsunami und Nuklearkatastrophe 2011
Schäden und Opfer mini|Vom Tsunami am 11. März 2011 zerstörtes Haus in Namie (Foto: 11. April 2011) Die Stadt wurde am 11. März 2011 vom Tōhoku-Erdbeben und dem davon verursachten Tsunami schwer getroffen. Die Zahl der völlig zerstörten Wohngebäude wird mit 772 beziffert, die der teilweise zerstörten mit 2.384.
Die Brand- und Katastrophenschutzbehörde (Fire and Disaster Management Agency, FDMA) meldete bis zu ihrem 145. Schadensbericht vom 13. März 2012 insgesamt 182 Tote und 2 Vermisste für Namie als Folge der Dreifachkatastrophe (namentlich des Tsunamis) von 2011, (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 145. Bericht, 13. März 2012. (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 124. Bericht, 19. Mai 2011. erhöhte ihre Angabe dann in ihrem 146. Schadensbericht vom 28. September 2012 auf 344 Tote und 33 Vermisste (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 146. Bericht, 28. September 2012. und im 158. Schadensbericht (7. September 2018) auf 576 Tote und 31 Vermisste., 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 158. Schadensbericht, 7. September 2018.
Gemessen an der Gesamtbevölkerung Namies, die bei der Volkszählung von 2010 mit 20.905 angegeben worden war, (PDF, japanisch), stat.go.jp (Statistics Japan - Statistics Bureau, Ministry of Internal Affairs and communication), Volkszählung 2010, Zusammenfassung der Ergebnisse für die Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima, URL: https://www.stat.go.jp/data/kokusei/2010/index.html. betrug die Opferquote durch die Katastrophe von 2011 2,9 %, wenn alle in dem 157. FDMA-Schadensbericht registrierten Toten und Vermissten berücksichtigt werden. (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 7. März 2018.
Die Ukedo Grundschule der Stadt Namie, wenige hundert Meter von der Küste entfernt, wurde 2011 von einer fünf Meter hohen Wasserfront getroffen und verwüstet. Sie ist heute ein Mahnmal, das besichtigt werden kann. Alle 80 Kinder und 14 Lehrkräfte entkamen damals dem Tsunami: sie liefen auf einen nahe gelegenen Hügel.Neustart in Fukushima (Reportage, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 7. Januar 2024).
Evakuierung
Als Gegenmaßnahme zur Nuklearkatastrophe wurde ein Sperrgebiet um das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi in einem Umkreis von 20 km ausgewiesen. Es gab jedoch auch jenseits dieses 20-km-Radius viele andere Standorte mit hohen Strahlungswerten, da radioaktive Partikel über den Wind aus dem havarierten Kraftwerk fortgetragen wurden. Zu diesen Orten zählten Namie sowie 10 weitere Dörfer und Städte, darunter Minamisōma, Naraha, Tomioka, Kawauchi, Ōkuma, Futaba, Katsurao, Iitate, Tamura und Kawamata. Diese Regionen wurden entsprechend ihrer radioaktiven Belastung nach der Erlassung der Evakuierungsanordnungen vom 7. Mai 2013 in folgende vier verschiedene Kategorien eingeteilt: Gebiete mit einer Strahlenbelastung von weniger als 20 mSv pro Jahr, die von der Regierung als Schwellenwert für eine dauerhafte Rückkehr behandelt wurde, bildeten die Kategorie 1. Gebiete dieser Kategorie 1 konnten die Einwohner nach eigenem Ermessen und ohne Einsatz von Schutzausrüstung betreten mit der einzigen Einschränkung, dass sie dort nicht übernachten durften. Diese Gebiete waren bereit für eine Aufhebung des Evakuierungsbefehls. In Gebieten mit einer Strahlenbelastung zwischen 20 und 50 mSv pro Jahr (Kategorie 2) war den Einwohnern ein dauerhafter Aufenthalt untersagt. Gebiete mit über 50 mSv pro Jahr (Kategorie 3) wurden als langfristig ungeeignet für eine Rückkehr der Einwohner angesehen. Einen Sonderstatus nahm ein viertes Evakuierungsgebiet ein.
Aufgrund des Tsunamis und wegen der von der Naturkatastrophe ausgelösten Nuklearkatastrophe von Fukushima musste die ganze Stadt und der größte Teil der Gemeinde, deren Gebiet bis auf die schwächer bewohnte westliche Hälfte innerhalb der 20 km-Sperrzone liegt, evakuiert werden. Am 12. März evakuierten sich Einwohner selbst mithilfe ihrer eigenen Fahrzeuge und mit von der Stadt bereitgestellten Bussen. Die meisten von ihnen verließen das Gebiet in nordwestlicher Richtung – der gleichen Richtung, die auch die radioaktiven Wolken genommen hatten – auf der Nationalstraße 114 als einziger bestehender Fluchtroute und suchten Zuflucht im Tsushima-Kaseika-Zentrum, das innerhalb des Bereichs der stärksten Strahlenbelastungsgruppe lag. Es wird davon ausgegangen, dass die Einwohner Namies Strahlenbelastungen von 19 μSv/h ausgesetzt waren. Notunterkünfte außerhalb der 20-km-Evakuierungszone beherbergten in der Folge 14.000 Evakuierte, während 7.000 Evakuierte bald in anderen Präfekturen aufgenommen worden waren. Die Gemeindeverwaltung wurde nach Nihonmatsu verlegt. Der Bürgermeister von Namie, Tamotsu Baba, erklärte im Jahr 2012, man habe am Morgen des 12. März 2011 über das Fernsehprogramm von dem Nuklearstörfall gehört, als der Premierminister den Bewohnern der 10-km-Zone um das Kernkraftwerk die Evakuierung anordnete. Von der Regierung seien hingegen keinerlei Evakuierungsanordnungen erlassen worden. Das Übereinkommen der Stadt Namie mit dem Betreiber des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, der Tokyo Electric Power Company (TEPCO), im Fall jeglicher Störfälle informiert zu werden, habe nie funktioniert. Nach den von der japanischen Regierung aufgestellten Richtlinien muss TEPCO monatlich 100.000 Yen an jeden Bewohner zahlen, der zur Evakuierung gezwungen war, solange dieser evakuiert ist. Der Betrag wurde mit Bezug auf die monatliche Beihilfe von rund 120.000 Yen berechnet, die durch eine Kfz-Haftpflichtversicherung an Personen gezahlt wird, die infolge von Verkehrsunfällen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Die Stadtverwaltung von Namie argumentierte dagegen, der Betrag sei zu niedrig bemessen, da er nicht die Schäden berücksichtigt, die durch den Nuklearenstörfall verursacht wurden. Zudem berücksichtige auch nicht den Umstand, dass die Nuklearkatastrophe über viele Jahre aufgebaute Gemeinden aufgelöst hat. Die Regierung von Namie forderte, die monatliche Entschädigung auf 350.000 Yen für psychische Gewalt zu erhöhen.
Da die Dekontaminierung radioaktiv belasteter Gebiete eine lange Zeit in Anspruch nimmt, begannen die Kommunalverwaltungen von Namie, Okuma, Futaba und Tomioka Ende 2011, „temporäre Städte“ oder Migrantengemeinschaften für die aus ihren ursprünglichen Gemeinden Vertriebenen zu planen. Sowohl Gemeindeverwaltungen und öffentliche Einrichtungen als Auch die Einwohner wurden in diese temporären Städte verlegt. Im Dezember 2011 formulierte die Präfekturverwaltung von Fukushima einen Wiederaufbauplan, dessen Grundkonzepte darin bestanden, eine sichere und nachhaltige Gesellschaft ohne Kernenergie aufzubauen, Fukushima neu zu beleben und Städte wiederherzustellen. Im März 2012 wurde ein Gesetz der „besonderen Maßnahmen für die Wiedergeburt von Fukushima“ erlassen. Im Juli 2012 verabschiedete das Kabinett grundlegende Richtlinien für den Wiederaufbau in Fukushima, die das Ziel verfolgten, den Wiederaufbau und die Wiederbelebung nach dem Nuklearunfall in ganzheitlicher Weise zu fördern. Von September 2012 bis März 2013 formulierten die vier Gemeinden Namie, Ōkuma, Futaba und Tomioka – in die die Einwohner nicht zurückkehren konnten – Sanierungspläne. Da nicht bekannt war, wann die Menschen in ihre Heimatgemeinden zurückkehren könnten, umfassten die Pläne die Umsiedlung in andere Gemeinden, aber keinen detaillierten Wiederaufbau der ursprünglichen Gemeinden., Lizenz: Creative Commons Attribution CC BY 3.0 IGO.
Im März 2013 fuhren auf Einladung Babas Autos von Google durch die gesperrte Stadt, um Bilder für den Internetdienst Google Street View aufzunehmen.Tamotsu Baba: Imagery on Google Maps of Fukushima Exclusion Zone Town Namie-machi. In: Google Official Blog. 27. März 2013Tobias Dorfer: Google Street View zeigt Region um Fukushima – Streifzug durch eine Geisterstadt. In: Süddeutsche Zeitung. 28. März 2013