Der Herbst des Patriarchen (span. El otoño del patriarca) ist ein Diktatorenroman des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez, den der Autor nach achtjähriger Arbeitszeit 1975 veröffentlichte. Die deutsche Übersetzung von Curt Meyer-Clason wurde 1978 publiziert.Verwendete Ausgabe
Überblick García Marquez‘ Roman schildert die lange Herrschaft des Diktators eines fiktiven südamerikanischen Landesnach Curt Meyer-Clason ein „Konzentrat aus einem Dutzend realer südamerikanischer Despoten“. Gabriel García Márquez: „Der Herbst des Patriarchen“. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1980, Nachwort S. 263.Vorbilder für den Patriarchen seien nach Aussage des Autors hauptsächlich Juan Vicente Gómez, aber auch Rafael Trujillo, die Familie Somoza und General Franco gewesen. Semskow, S. 162, 21. Z.v.u. an der Karibikküstemit Amazonas-Nebenflüssen (S. 63), Andengrotten und Valledupar (S. 143), wie dies für Kolumbien zutrifft. in einem großen Erzähl- und Bilderstrom, in den sich die Stimmen der Protagonisten und vieler Einwohner des Landes einblenden. Dadurch entsteht ein polyperspektivisches Mosaikbild aus persönlichen Eindrücken und ins Sagenhafte gesteigerten Gerüchten über den Regenten, mit Lücken und unsicherer Faktenlage seiner Biographienicht einmal das Alter des Titel gebenden „granitharten Greises“, es soll irgendwo zwischen 107 und 232 Jahren liegen. Verwendete Ausgabe, S. 85, 2. Z.v.u., S. 140, 2. Z.v.o. und der Machtstrukturen, was Interpretationsspielraum zulässt. Jedes der sechs Kapitel des Buches beginnt mit dem Tod des Patriarchen in seinem zerfallenen Palast. Dann wird jeweils zurückgeblickt auf die sich wiederholenden Zyklen der Herrschaft und die Vereinsamung des Patriarchen. Jedes Kapitel behandelt in chronologischer Reihenfolge einen Schwerpunkt seines Lebens: Doppelgänger Patricio Aragonés (Kp. 1), „Königin“ Manuela Sánchez (Kp. 2), Machtkämpfe und Rodrigo de Aguilars Rolle (Kp. 3), Tod der Mutter Bendición Alvarado (Kp. 4), Ehe mit Leticia Nazareno (Kp. 5), Geheimdienstchef José Ignacio Saenz de la Barra und die letzte Phase der Despotie (Kp. 6).
Handlung 1 Erst als die Aasgeier über den Präsidentenpalast herfallen, „erwacht[-] die Stadt aus ihrer Lethargie von Jahrhunderten“Verwendete Ausgabe, S. 5 und die verschüchterte Bevölkerung, darunter der Erzähler, wagt in das brüchige verlassene Gebäude einzutreten. Inmitten der „Trümmergruben“ und des Moders stoßen sie auf eine Leiche in der Kleidung des Generals mit zerhacktem Gesicht. Offenbar ist es der Patriarch und der Erzähler beginnt mit der Geschichte des Präsidenten:
Als er an die Macht geputscht wird, kann er weder lesen noch schreiben. So signiert er seine Erlasse mit dem Daumenabdruck. Er regiert das Land mit Hilfe seiner Offiziere von einem weitläufigen Palast aus, bespringt während der Siesta mal diese mal jene seiner zahlreichen Konkubinen und zeugt in solchem Kurzschlaf im Laufe seines Lebens mehr als 5000 Siebenmonatskinder. Er herrscht mit unbeschränkter Macht und das ängstliche Volk führt widerspruchslos jeden seiner willkürlichen und oft spontanen Befehle aus. Während der Mittagspausen erstarrt alles Leben. Das ängstliche Volk hält den Atem an und flüstert, „den Zeigefinger auf den Lippen, ohne zu atmen, still, der General vögelt“.Verwendete Ausgabe, S. 12, 9. Z.v.u. Doch der aus dem Volk emporgestiegene Präsident ist zugleich äußerst vorsichtig. Er scheint sich zu vervielfältigen und taucht gerüchteweise an mehreren Orten gleichzeitig auf. Dabei lebt er meistens in seinem Palast versteckt und verliert zunehmend den Kontakt zur Wirklichkeit. Der „hochwohllöbliche Divisionsgeneral“, Kriegsminister, Kommandeur der Präsidentengarde, Direktor des Staatssicherheitsdienstes, Rodrigo de Aguilar schirmt ihn ab, organisiert seine öffentlichen Auftritte und bestellt das Jubelpublikum, das dem Präsidenten die Liebe seines Volkes vorspielt. Im Schlafzimmer vergisst er nie die Sicherung mit drei Schließhaken, drei Schubriegeln und drei Sperrklinken. Bei Fahrten durch die Stadt beobachtet er die Menschen durch einen Vorhangspalt seines Kutschfensters. Seinen Doppelgänger Patricio Aragonés, ein einfacher Glasbläser, nutzt er für gefährliche Auftritte in der Öffentlichkeit. Sechs Attentate hat er bereits überstanden, beim siebten kommt er durch Gift ums Leben. Der Sterbende rechnet mit dem Patriarchen ab und nennt ihn einen Feigling. Der Präsident lässt die Nachricht von seinem eigenen Tod verbreiten, um das um seinen Vater weinende Volk beobachten zu können. Doch der Ministerrat dementiert den Tod des Führers, um die Nachfolge zu regeln. Rodrigo de Aguilar will die Macht an sich reißen und organisiert zum Zeitpunkt der Beratung einen Anschlag auf den Palast. Als jedoch der Patriarch wieder auftaucht, ändert Aguilar seine Strategie und ordnet sich ihm sofort unter. Inzwischen hat sich die Nachricht in der Bevölkerung herumgesprochen, die Unzufriedenen rebellieren, versuchen den Palast zu stürmen und schänden die Leiche Aragonés. Rodrigo de Aguilar schlägt mit seiner Präsidentengarde den Aufstand nieder. Es gibt Verhaftungen, einige Minister fliehen ins Ausland, der Patriarch übernimmt selbst die Verhöre und nach Folterungen gestehen alle Angeklagten, von Verschwörern bestochen worden zu sein. Nach der Hinrichtung der Beschuldigten erlässt der alte und neue Diktator eine Generalamnestie, beschenkt seine Getreuen und kündigt dem Volk Wohltaten an. Ein neuer Kreislauf der Herrschaft des großen Volksführers nach dem alten Muster beginnt.
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Nach dem vorgetäuschten Tod wird der Beginn der Herrschaft erzählt. Die letzten Caudillos helfen ihm, den General und Poeten Lautaro Muñoz zu stürzen und die Republik zu beenden. Die sechs letzten der am Putsch beteiligten und miteinander rivalisierenden Offiziere des Generalstabs, die sich an den Möbeln der Republik bereichert haben, lockt er bei seiner Geburtstagsfeier in eine Falle und lässt sie in der Nacht töten. Im offiziellen Kommuniqué steht, sie seien von ihren wahnsinnig gewordenen Eskorten ermordet worden. Sie erhalten ein „bischofswürdiges Leichenbegängnis“ im „Pantheon der Vaterlandshelden“. Den einzigen Überlebenden, Oberst Saturno Santos, den Träger der „mythischen Harfe“, macht er zu seinem Leibwächter und „heil im Schiffbruch der Macht [bleibt] nur er.“ Sein starker Begleiter ist ein mit Zauberkräften der Verwandlung in ein Gürteltier ausgerüsteter Indianer.
Mehrmals landen im Laufe der Zeit Gringos an der Küste und besetzen das Land. Der Patriarch arrangiert sich mit ihnen und profitiert von den Invasionen. So erhält er nach Abzug der Marineinfanteristen unter Admiral Higginsons wieder „die Ehrenzeichen eines Staatschefs“. Dann überwacht er wieder, vom Sicherheitsdienst General Aguilars abgeschirmt, wie ein Hausvater persönlich die Abläufe und Sicherheitsvorkehrungen im Palast und ordnet alles mit „rasendem Befehlswahn“Verwendete Ausgabe, S. 165 bis zur Veränderung der Tageszeiten: aus Mittag wird Abend. Er häuft mit Regierungsgeschäften ein märchenhaftes Vermögen an und lässt es auf dem Namen seiner Mutter verbuchen, die jedoch bis zu ihrem Tod von ihrer und ihres Sohnes Armut überzeugt ist. Da „jede Spur seiner Herkunft aus den Schriften verschwunden“ ist, spielt sie die zentrale Rolle in seinem Leben. Er kommt jeden Nachmittag in ihre Vorstadtvilla, bestreitet die Gerüchte über seine Gräueltaten als böswillige Verleumdungen und beruhigt sie, wenn sie ihn vor seinen Feinden warnt, mit der Versicherung, das Volk liebe ihn. Sie lebt sehr einfach, malt Vögel bunt an und verkauft sie auf dem Markt. Die ehemalige auf dem Hochland umherziehende Vogelhändlerin sieht im Präsidenten des Landes immer noch ihren kleinen vaterlosen Jungen Zacarías, den „Niemandssohn“, den sie im „Kloster der Mildtätigkeit“ allein geboren hat,Verwendete Ausgabe, S. 133 und den im Bürgerkrieg von ihr gepflegten für die „liberale Partei“ und den „Föderalismus“ kämpfenden verletzten Rebellen.Verwendete Ausgabe, S. 137 Sie verzeiht ihrem „armen Sohn“ alles, auch die Übergriffe auf ihre Dienstmädchen bei seinen Besuchen.
Eines Tages wird sie durch Manuela Sánchez, die Schönheitskönigin des Armenviertels der „Hundekämpfe“, verdrängt. Er lernt sie bei ihrer Inthronisation kennen, besucht sie oft anstelle seiner Mutter in ihrem Elternhaus und ernennt sie zu seiner Königin. Um seine zahllosen märchenhaften Geschenke unterzubringen, muss er sogar Nachbarhäuser beschlagnahmen. Zu ihrem Geburtstag lässt er das Elendsviertel abreißen und neu bebauen, damit sie von ihrem Fenster aus einen schönen Blick hat. Doch das unnahbare Mädchen entzieht sich seinen Werbungen. Mit seiner „Raubtierhand“ lässt er ihre alten Verehrer an den unwahrscheinlichsten Krankheiten sterben und ihre Freundinnen in andere Stadtteile verschleppen, um ihr alleiniger Lebensmittelpunkt zu werden. Aber sie will nichts wissen von einer „Altersheimliebe“ an seiner Seite. Seit ihr das Unglück widerfuhr, auserwählt zu werden, ist für sie „die Welt zu Ende“. Bei der gemeinsamen Betrachtung einer Sonnenfinsternis versucht er ihre Hand zu fassen, doch er greift ins Leere. Seine Königin hat sich in Luft aufgelöst und bleibt verschwunden.
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