Hebephilie (von Hebe, griechische Göttin der Jugend, und „Freundschaft“) ist die erotische und sexuelle Präferenz eines Erwachsenen für pubertierende Personen, etwa im Alter zwischen 11 und 16 Jahren. Eine genaue Eingrenzung des Alters ist wegen des unterschiedlichen körperlichen und psychischen Einsetzens der Pubertät schwierig. Sie grenzt sich immer zur Pädophilie, der Zuneigung für vorpubertäre Kinder, ab. Im Falle einer Attraktion zu männlichen Jugendlichen spricht man meist von Ephebophilie, bei weiblichen Jugendlichen von Parthenophilie. Manchmal wird der Begriff Hebephilie aber auch auf die frühe Pubertät bezogen, und die anderen beiden auf die mittlere und späte. Der Name Hebephilie wurde erstmals in den 1950er Jahren in Nordamerika verwendet; eine intensivere Erforschung dieser Präferenz findet insbesondere seit den frühen 2000er Jahren statt.James M. Cantor, Ian V. McPhail: Sensitivity and Specificity of the Phallometric Test for Hebephilia. In: The Journal of Sexual Medicine. Sept. 2015, S. 1940–1950, doi:10.1111/jsm.12970.R. Prentky, H. Barbaree: Commentary: Hebephilia–a would-be paraphilia caught in the twilight zone between prepubescence and adulthood. In: The journal of the American Academy of Psychiatry and the Law, Band 39, Nummer 4, 2011, S. 506–510, PMID 22159978.

In den Sexualwissenschaften wird mehrheitlich die Auffassung vertreten, dass es sich bei der Hebephilie um eine eigenständige und klar von anderen Neigungen abgrenzbare Chronophilie handelt. Intensiv debattiert wird hingegen die Frage, ob sie als Paraphilie oder als nicht-pathologische Sexualpräferenz eingeordnet werden muss.Patrick Singy: Hebephilia: A Postmortem Dissection. In: Archives of sexual behavior, Band 44, Nummer 5, Juli 2015, S. 1109–1116.Michael C. Seto: Child Pornography Use and Internet Solicitation in the Diagnosis of Pedophilia. In: Archives of Sexual Behavior, 39, 2010, S. 593, doi:10.1007/s10508-010-9603-6. Sie ist derzeit weder im DSM-5 noch in der ICD-11 als psychische Störung erfasst,K. Franklin: Hebephilia: quintessence of diagnostic pretextuality. In: Behavioral sciences & the law, Band 28, Nummer 6, November/Dezember 2010, S. 751–768, doi:10.1002/bsl.934. jedoch wird seit 2008 regelmäßig über eine Aufnahme in zukünftige Auflagen der beiden Klassifikationssysteme diskutiert.K. Beier, T. Amelung, L. Kuhle, D. Grundmann, G. Scherner, J. Neutze: Hebephilia as a Sexual Disorder. In: Fortschritte der Neurologie – Psychiatrie. 83, 2015, S. e1, doi:10.1055/s-0034-1398960.

Etymologie Der Begriff wurde 1955/56 von dem Nordamerikaner Bernard C. Glueck eingeführt.Bernard C. Glueck, Jr.: Final report: Research project for the study and treatment of persons convicted of crimes involving sexual aberrations. June 1952 to June 1955. New York State Department of Mental Hygiene, New York 1955 oder 1956; University of Minnesota, Minneapolis 1956Zentralblatt fuer die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 1965, S. 179; „das 12. Lebensjahr überschreitend“ Nach frühen Quellen von 1955 und 1957 wurde er von Paul Benedict 1955 oder früher geprägt.Proceedings of the annual meeting / American Psychopathological Association. 1955, S. 159New York (State). Dept. of Mental Hygiene, SpringerLink (Online service): Psychiatric Quarterly Nr. 31, Human Sciences Press, 1957, S. 326 Namensgeberin ist Hebe, die griechische Göttin der Jugend.

Glueck verwendete den Begriff damals zur Unterscheidung von fünf Kategorien von (männlichen) Sexualverbrechern:H. L. P. Resnik, Marvin E. Wolfgang: Sexual Behaviors: Social, Clinical, and Legal Aspects. Little, Brown, 1972, S. 173 Vergewaltigung (Koitus mit Frauen) heterosexuelle Hebephilie heterosexuelle Pädophilie homosexuelle Hebephilie homosexuelle Pädophilie

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Begriff in Europa von manchen zur Bezeichnung einer „sexuellen Perversion“ verwendet, des weiblichen Gegenstücks zum „echten männlichen Fetischismus“, die etwa unter der Form des „Stofffetischismus“ vorkomme. Verwendet haben den Begriff beispielsweise Clérambault, Langlois und Kurt Beas.Alleburg, Bloch (Hrsg.): Zeitschrift für Sexualwissenschaft. Nr. 1–2, A. Marcus & E. Webers Verlag, Bonn 1914–1916, S. 470, 481Kurt Beas: Über Hebephilie, eine angebliche Form des weiblichen Fetischismus. In: Archiv für Kriminalanthropologie. Band 61, 1914, S. 1–38

Definition Im Einzelfall hängt die Präferenz für einen bestimmten Jungen oder ein bestimmtes Mädchen von deren ganz individueller körperlicher und geistiger Entwicklung ab. Auch ist die Präferenz einmal weiter und einmal sehr spezifisch. Bei Bezeichnungen in Statistiken muss man sich meist aufgrund des Datenmaterials auf ein Alter einigen.

In der Pubertät beginnt sich der Körper zuerst unmerklich zu verändern, und durchschnittlich ab 11/12 Jahren zeigen sich in Europa und den USA die sichtbaren Veränderungen wie Entwicklung der Schamhaare, Entwicklung der Brüste, Hoden- und Peniswachstum. Auch beginnen sich das Verhalten und die Interessen zu ändern. Für viele Pädophile schwindet die empfundene Anziehung, bestehende pädophile Missbrauchsverhältnisse enden oder verändern sich wesentlich zu einem distanzierteren Verhältnis. Auch passt die eigentliche Definition der Pädophilie nicht mehr, die sich zentral auf präpubertäre, sehr kindhafte Jungen und Mädchen richtet.

Hebephilie beginnt somit in Abgrenzung zur Pädophilie, wenn die pubertären Veränderungen einsetzen.Johan Mohr, R. E. Turner, M. B. Jerry erwähnt in: Ronald B. Flowers: The Victimization and Exploitation of Women and Children: A Study of Physical, Mental and Sexual Maltreatment in the United States. McFarland, 1994, ISBN 0-89950-978-9, S. 74:„[…] fünf Typen der Pädophilie: heterosexuelle Hebephilie […] pubertierend […] heterosexuelle Pädophilie […] weiblicher Partner zeigt keine pubertären Veränderungen […] homosexuelle Hebephilie […] homosexuelle Pädophilie […] undifferenzierte Pädophilie“Walter Cade Reckless: The Crime Problem. Appleton-Century-Crofts, 1967, S. 236, 237;„(heterosexuell und homosexuell) pubertär (welche definitive Merkmale der sekundären sexuellen Charakteristika zeigen, z. B. Entwicklung der Brüste, Schamhaare), oder adoleszent bis zum Alter von 16 Jahren“ Somit ist das untere Alter für Hebephilie in Europa und Nordamerika mit 11 oder 12 Jahren anzusetzen.R. Blanchard, A. D. Lykins, D. Wherrett, M. E. Kuban, J. M. Cantor, T. Blak, R. Dickey, P. E. Klassen: Pedophilia, Hebephilia, and the DSM-V. Archive of Sexual Behavior, 7. August 2008:„grob, Alter 11 oder 12 bis 14, (Pädophilie unter 11)“Bradford et al. (1992) zitiert in: Harold V. Hall: Lethal Violence: A Sourcebook on Fatal Domestic, Acquaintance, and Stranger Violence. CRC Press, 1998, ISBN 0-8493-7003-5, S. 342:„12 bis 16 Jahre (heterosexuell und homosexuell, neben präpubertärer Pädophilie)“Adrian Powell: Paedophiles, Child Abuse and the Internet: A Practical Guide to Identification, Action and Prevention. Radcliffe Publishing, 2007, ISBN 1-85775-774-2, S. 5:„Adoleszente (unter 18) […] heterosexuelle Hebephilie […] sexuelle und erotische Präferenz für pubertierende junge Leute des anderen Geschlechts, üblicherweise im Alter von 11 bis 14 für Mädchen und 15 oder 16 für Jungen […] homosexuelle Hebephilie […] sexuelle und erotische Präferenz für pubertierende junge Leute desselben Geschlechts (selbes Alter)“Kurt Freund, Ray Blanchard: Is the Distant Relationship of Fathers and Homosexual Sons Related to the Sons Erotic Preference for Male Partners, or the Sons Atypical Gender Identity, or to Both? In: Michael W. Ross: Homosexuality and Social Sex Roles. Haworth Press, 1983, ISBN 0-86656-235-4, S. 7 ff, S. 10:„Heterosexuelle Pädophilie ist eine erotische Präferenz für weibliche Kinder unter 11, und homosexuelle Pädophilie ist eine solche Präferenz zu männlichen Kindern. ‚Echte‘ Hebephilie ist eine erotische Präferenz für Pubertierende; da der Beginn der Pubertät für männliche etwas später kommt als für weibliche, ist das meist präferierte Alter für homosexuelle Hebephilie ein wenig höher. Somit liegt bei heterosexueller Hebephilie die Präferenz bei 12- bis 13-jährigen Mädchen, kann sich aber hinunter bis zum Alter von 11 Jahren erweitern und hinauf bis zum Alter von 14 oder 15. Bei homosexueller Hebephilie ist das präferierte Alter irgendwo zwischen 11 und 16 Jahren, wobei die mittlere Alterspanne etwas höher liegt als bei heterosexueller Hebephilie. Bei Pedohebephilie liegt die meist präferierte Altersperiode in einer Spanne im Rahmen der Kindheit, dehnt sich aber bis inklusive zu einem Alter von 12 aus, und manchmal 14, möglicherweise 15 Jahre.“ Das zentrale Alter für Mädchen liegt bei 12 bis 13 Jahren. Da bei Jungen die Pubertät in der Regel etwas später einsetzt, ist dort das Alter der Anziehung („Age of attraction“, AoA) in der Regel etwas höher anzusetzen. Die obere Grenze kann man bei 14 oder auch 15 Jahren ansetzen, speziell bei Jungen auch bei 16 Jahren.

Da der Zweck des Reifevorgangs die biologische Fortpflanzungsfähigkeit ist, wird die Pubertät im wörtlichen Sinne mit ihr abgeschlossen. Diese tritt nach einer neueren schweizerischen Untersuchung im Mittel zwischen 11,9 und 13,5 Jahren ein.Meldung im Deutschen Ärzteblatt vom 24. April 2009. Spätere Veränderungen des jugendlichen Erscheinungsbildes sind daher von der Fortpflanzungsfähigkeit und damit auch von deren Reifevorgang unabhängig. Dabei treten abweichende Verwendungen auf. Bei der gemischten Pädo-Hebephilie liegt die präferierte Altersperiode zwischen der Kindheit bis inklusive 12 Jahre, manchmal 14, möglicherweise 15 Jahre.

Eine alternative Definition wird mit Hilfe der Tanner-Klassifikation vorgenommen. Die Hebephilie beschreibt demnach eine Präferenz für Kinder und Jugendliche, die sich in ihrer Entwicklung in den Tanner-Stadien II und III befinden. In Deutschland weisen Pubertierende eine diesen Stadien entsprechende Schambehaarung durchschnittlich zwischen 10,8 und 12,2 Jahren (Mädchen) bzw. zwischen 10,9 und 13,3 Jahren (Jungen) auf.H. Kahl, A. Schaffrath Rosario, M. Schlaud: [Sexual maturation of children and adolescents in Germany. Results of the German Health Interview and Examination Survey for Children and Adolescents (KiGGS)]. In: Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, Band 50, Nummer 5–6, 2007 May-Jun, S. 677–685, doi:10.1007/s00103-007-0229-3.

In der Szene der Knabenliebhaber („Boy Lover“) ist dieser Altersbereich im Begriff „Teenboy Lover“ enthalten und in etwa dessen zentraler Altersbereich. An die Hebephilie schließen Ephebophilie resp. Parthenophilie an.Robert L. Snow: Sex Crimes Investigation: Catching and Prosecuting the Perpetrators. Greenwood Publishing Group, 2006, ISBN 0-275-98934-8, S. 106;„Pädiphilie […] 13 Jahre oder jünger […] Hebephilie […] 13 bis 16, während Ephebophilie […] zu Teenagern“

Forschung Verbreitung bei Männern Es gibt (genau wie für sämtliche weitere ChronophilienRay Blanchard, Michael E. Kuban u. a.: Sexual Attraction to Others: A Comparison of Two Models of Alloerotic Responding in Men. In: Archives of Sexual Behavior. 41, 2012, S. 13, doi:10.1007/s10508-010-9675-3) bisher keine zuverlässigen Daten darüber, wie häufig hebephile Neigungen in der Bevölkerung anzutreffen sind. Generell wird davon ausgegangen, dass es deutlich mehr Hebe- als Pädophile gibt,