mini|hochkant|Erich Arendt (1956) Erich Arendt (* 15. April 1903 in Neuruppin; † 25. September 1984 in Wilhelmshorst) war ein deutscher Lyriker und Übersetzer. Er übersetzte insbesondere die Werke Pablo Nerudas ins Deutsche und lebte von 1950 bis zu seinem Tod in der DDR.
Leben 1903 bis 1933 Erich Otto Reinhold Arendt war der Sohn eines Schulhausmeisters und -heizers und einer Waschfrau. Die Lebensbedingungen der Familie waren ärmlich, man wohnte eine Zeitlang „in einer feuchten Kellerwohnung“.Selbstaussage Arendts. Siehe Arendt beschreibt ein gespanntes Verhältnis zu seinem Vater, den er in seinem Hörigkeitsgefühl gegenüber den Autoritäten der traditionellen Kleinstadt zugleich als Repräsentant und Opfer der Neuruppiner Kleinbürgerlichkeit erlebte. Bereits als Jugendlicher suchte Arendt den Kontakt zu einfachen Arbeitern und Künstlern, etwa in der Kunsthandwerkersiedlung Gildenhall. Dennoch machte er das Abitur und besuchte bis 1923 das Lehrerseminar in Neuruppin. Danach arbeitete er als Theatermaler, Fahnennäher, Bankangestellter und Hilfsjournalist. Er unternahm ausgedehnte Wanderungen und Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Spanien.
Im Jahr 1925 erschienen erste Gedichte von ihm in Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm. Vorbild Arendts war August Stramm. 1926 zog er nach Berlin und trat der KPD und 1928 dem von Johannes R. Becher geleiteten Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) bei. In Berlin-Neukölln, wo er mit seiner Lebensgefährtin Käthe Hayek im Truseweg 8 wohnte, arbeitete er von 1928 bis 1933 als Lehrer an der reformpädagogischen Karl-Marx-Schule. Die Lehrer an dieser als „Lebensgemeinschaftsschule“Erich Arendt im Duden-Schülerlexikon, abgerufen am 29. August 2026. bezeichneten Versuchsschule waren alle Sozialdemokraten oder Kommunisten und weniger auf Wissensvermittlung als auf die Gemeinschaft der Kinder und deren individuelle Entwicklung im Kollektiv bedacht. Gleichzeitig war Arendt Zeichner in einer Theatermalerei und schrieb als Journalist für verschiedene Berliner Zeitungen. 1929 kritisierte Becher Arendts Gedichte öffentlich als zu bürgerlich und bezeichnete sie als „Wortgeklingel“, was Arendt für Monate am Schreiben hinderte. Erich Arendt und Käthe Hayek (1900–1979, später Katja Hayek-Arendt, auch Kitty oder Kate genannt), die aus einer jüdischen Familie stammte und in Heidelberg französische Literaturwissenschaft studiert hatte, heirateten im Jahr 1930.Werner Abel: Übersetzen und Dolmetschen im Krieg. Deutsche Emigrantinnen und Emigranten als Übersetzerinnen und Übersetzer im Spanischen Krieg 1936–1939. In: Aleksey Tashinskiy, Julija Boguna, Tomasz Rozmysłowicz (Hrsg.): Translation und Exil (1933–1945) I. Namen und Orte. Recherchen zur Geschichte des Übersetzens (= Transkulturalität – Translation – Transfer. Band 53). Frank & Timme, Berlin 2022, ISBN 978-3-7329-0744-1, S. 207–241 (zu Erich und Käthe Arendt: S. 227–230).
1933 bis 1950 Da sich Arendt als Kommunist in der Roten Hilfe betätigt und in den Jahren vor der Machtergreifung eine Sprechchorbewegung gegen die Nazis geleitet hatte, musste er das nationalsozialistische Deutschland schnell verlassen und emigrierte im März 1933 nach Ascona in die Schweiz. Seine als „Halbjüdin“ diskriminierte Frau, die ebenfalls der Roten Hilfe angehört hatte, folgte ihm wenig später. Im Januar 1934 ging er nach Spanien und fand eine Unterkunft auf Mallorca in Cala Ratjada, wo er als Hauslehrer arbeitete und seine Frau, die zunächst noch eine Zeit als Erzieherin in Frankreich tätig war, zu sich holen konnte. Als die Insel im Juli 1936 gleich zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs durch rechtsgerichtete Militärs und Putschisten unter dem Franco-Vertrauten General Manuel Goded übernommen wurde, gelang dem Paar die Flucht auf einem britischen Kriegsschiff nach Italien. Sie brachen sofort wieder nach Katalonien auf, wo beide Mitglied der im selben Jahr entstandenen Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens (PSUC) wurden, der katalanischen Schwesterpartei der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE), und im Haus der jüdischen Geschwister Edgar (1903–1982) und Margarete Linick (ermordet 1943) unterkamen. Sie arbeiteten als Übersetzer und Redakteure für die deutsche Informationspresse der Internationalen Brigaden und die parteinahe spanische Presse und trafen unter anderem mit Ernst Busch zusammen. Im Frühjahr 1937 ging Erich Arendt als Kulturbeauftragter im Politkommissariat der 27. katalanischen Division Carlos Marx, die vor allem aus Parteimilizen der PSUC bestand, an die Aragon-Front und nahm dort am Kriegsgeschehen teil. Im Verlag der 27. Division erschien 1938 das von Erich Arendt und Joan Morera i Falcó zweisprachig auf Katalanisch und Spanisch verfasste Soldatenbuch Herois. Narracions per a combatents (Héroes. Narraciones para soldados).
Nach der Besetzung Kataloniens durch die Nationalspanier im Februar 1939 floh das Paar bedingt durch eine medizinische Behandlung Katja Arendts erst relativ spät, im März, nach Frankreich, wohin sie mit einem von Artur London bereitgestellten Krankenwagen gelangten und so den Internierungslagern für Spanienkämpfer ausweichen und unbehelligt bis nach Paris gelangen konnten.Stefan Wieczorek: Erich Arendt und Peter Huchel. Kleine Duographie sowie vergleichende Lektüren der lyrischen Werke, Textum Verlag, Baden-Baden 2001 (Auszug auf Planet Lyrik). Während Katja krank in Paris zurückblieb, wurde Erich Arendt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen seiner deutschen Herkunft als „feindlicher Ausländer“ zunächst im Stadion Colombes und anschließend im Sammellager Bassens nahe Bordeaux interniert. Nach der Kapitulation Frankreichs flüchtete er von dort nach Marseille im unbesetzten Frankreich, wo er untertauchte und das Ehepaar sich mit Hilfe von Anna Seghers und Noël Field wieder vereinigen und 1941 Visa für Kolumbien beschaffen konnte. Im selben Jahr wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. Auf der Reise nach Südamerika, die das Paar im September 1941 von Bilbao aus antrat, hielten die Engländer Arendt für fünf Monate auf Curaçao und Trinidad fest, weil sie ihn für einen Spion hielten. In Kolumbien, wo Arendt im März 1942 ankam und hauptsächlich in Bogotá lebte, war er weiter politisch tätig, übersetzte revolutionäre lateinamerikanische Lyrik (gesammelt in Die Indios steigen vom Mixco nieder, 1951), schrieb an den Texten für den späteren eigenen Gedichtband Trug doch die Nacht den Albatros (1951), gab Nachhilfeunterricht, gründete mit seiner Frau mit Hilfe der jüdischen Hilfsorganisation HICEM eine Schokoladen- und Pralinenproduktion und bereiste die Karibik. Einen tiefen Eindruck hinterließen das damals noch beschauliche Fischerdorf Tolú am Golf von Morrosquillo (nordwestlich von Sincelejo) und dessen Bewohner auf ihn.Lothar Jordan (Red.): Lyriker treffen Münster / Treffen der Lyriker, 18.–27. Mai 1979. Stadt Münster, Münster 1979, S. 10 (Programmheft zum Lyrikertreffen Münster). Im November 1943 wurde er Gründungsmitglied im kolumbianischen „Demokratischen Komitee Freies Deutschland“.
1950 bis 1976 Doch die politische Lage Kolumbiens änderte sich: Nach dem Attentat auf einen liberalen Politiker durchzog eine Verfolgungswelle das Land, die sich auch gegen politische Emigranten richtete. Nachdem die Wahl von Laureano Gómez zum künftigen Präsidenten das Klima der Angst verschärft hatte, verließ Arendt Kolumbien im März 1950 und siedelte in Absprache mit Paul Merker in die DDR über. Während der Überfahrt an Bord des polnischen Schiffes Sobieski schrieb er das programmatische Gedicht Gruß an Europa, in dem er die Zeit seines Exils kritisch reflektiert und letztlich optimistisch in die Zukunft im neuen sozialistischen Deutschland blickt.Stefan H. Kaszynksi: Strukturen und Erfahrungen im lyrischen Werk Erich Arendts. In: Gregor Laschen, Manfred Schlösser (Hrsg.): Der zerstückte Traum. Für Erich Arendt. Agora Verlag, Darmstadt 1978 (Auszug auf Planet Lyrik). In der DDR lebte er als freier Schriftsteller und widmete sich von Beginn an besonders der Übersetzung spanischsprachiger Dichter und Autoren. Er wurde in die Akademie der Künste der DDR aufgenommen, der Eintritt in die SED wurde ihm allerdings verwehrt. Er nahm an reformsozialistischen Zirkeln teil und bereitete eine Anthologie expressionistischer Lyrik vor, die von der Zensur in der DDR verboten wurde. „Das Schwert über die Greise, die nicht jung werden wollen!“, schrieb er 1960 an Johannes Bobrowski aus Ärger über die restriktive Kulturpolitik in der DDR.
Zunächst reiste Arendt weiterhin viel, oft ans Mittelmeer, vor allem nach Griechenland. Im Ergebnis dieser Reisen entstanden mehrere Bild-Text-Bände mit Gedichten und Fotografien, die seine Hinwendung zum Mythos und eine Entwicklung weg vom linearen kommunistischen Geschichtsverständnis greifbar werden lassen, die bis zu seinem Tod anhielt. 1959 besuchte er in Paris den Dichter Paul Celan.Paul Celan: „etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934–1970. 1. Auflage. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp, Berlin 2019, ISBN 978-3-518-42888-7. Celan bat anschließend Karl Krolow um eine Besprechung der Flug-Oden. Er sei „sowohl von den Gedichten als auch von dem Autor auf das freudigste überrascht“, schrieb Celan an Krolow.
Die verschärften Auswirkungen des Kalten Krieges und der Bau der Berliner Mauer waren traumatische Einschnitte für den Autor. Als er 1963 nach Brasilien wollte, untersagten es ihm die Behörden. Rückzugsort für Arendt und seine Frau wurden ein Haus auf Hiddensee und Reisen nach Nessebar in Bulgarien. Wie aus den vor allem auf Hiddensee entstandenen Übersetzungsmanuskripten ersichtlich, wirkte seine Frau Käthe, die selbst ausgebildete Romanistin war, redigierend und ordnend an den Übersetzungen mit, sodass diese auch als Gemeinschaftswerk des Paares betrachtet werden können.Douglas Pompeu: Übersetzer im Dialog. Spuren einer zwiesprachigen Kunst in den Nachlässen von Erich Arendt und Curt Meyer-Clason. In: Ders. u. a. (Hrsg.): Übersetzungen im Archiv. Potenziale und Perspektiven (= Marbacher Schriften. Neue Folge, Band 19). Wallstein, Göttingen 2024, ISBN 978-3-8353-3995-8, S. 283–308, hier S. 292 f. passim, doi:10.46500/83533995-021 (wallstein-open-library.de [PDF; 660 kB]). Wirtschaftlich war er vor allem durch seine vom Dichter autorisierte Stellung als deutschsprachiger Alleinübersetzer für Pablo Neruda abgesichert.
Die Wohnung der Arendts in Ost-Berlin war Treffpunkt für internationale Intellektuelle und Künstler wie Nâzım Hikmet, Simone Signoret, Renato Guttuso und Jorge Amado. Mitte der 1960er Jahre trennte sich Erich Arendt von seiner Frau und zog mit der Malerin Hannelore Teutsch in eine Wohnung im Prenzlauer Berg. Auch dort fanden regelmäßig Lesungen statt, an denen Lyriker wie Adolf Endler, Sarah Kirsch, Elke Erb, Jürgen Rennert und Richard Pietraß teilnahmen. Auch Günter Grass nahm ab 1974 an Lesungen nach Art der Gruppe 47 mit Arendt teil.Alexandra Pontzen: Im Zerrspiegel: Der Einheitsathlet. In: literaturkritik.de, 20. Juli 2010, abgerufen am 30. August 2026. Nach seinem Renteneintritt mit 65 Jahren durfte er wieder häufiger in den Westen reisen, auch nach Westdeutschland, wo er vor großem Publikum las und zunehmend den Ruf als ein sich vom SED-Regime distanzierender Intellektueller gewann. Seit 1971 lebte er in Wilhelmshorst bei Potsdam im Haus seines Freundes Peter Huchel, der in den Westen übergesiedelt war und ihm das Haus überließ.