Das Schloss Sonnenstein, früher auch Burg Sonnenstein, ist eine teilweise erhaltene Burg-Festung im Pirnaer Stadtteil Sonnenstein mit umfangreich angelegten Außenanlagen. Erstmals 1269 genannt, sicherte die oberhalb der Altstadt gelegene Festung die Wege von Stolpen nach Prag und vom Königstein nach Meißen. Die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein mahnt an die Funktion der ehemaligen Heilanstalt bei den über dreizehntausend NS-Krankenmorden zwischen 1940 und 1941. Seit Dezember 2011 ist es Verwaltungssitz des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. mini|Schloss Sonnenstein nach der Sanierung (2011) mini|Luftbild der Anlage (2025)
Burg, Festung und früher Verwaltungssitz Das auf einem Felsplateau etwa 70 Meter über der Elbe gelegene Schloss Sonnenstein geht auf eine slawische Ansiedlung und Befestigung zurück, die in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts angelegt wurde.„Pirnaer Schloss-Bastionen sind freigelegt“, Sächsische Zeitung (Ausgabe Pirna) vom 23. Juli 2009, siehe auch Mitteilung des Sächsischen Landesamtes für Archäologie vom 26. November 2009 Im Zuge des durch die Meißner Markgrafen betriebenen Landesausbaus entstand um 1200 eine Burg, die die Elbfurt zu ihren Füßen beherrschte. Im Schutz dieser wichtigen Grenzburg zwischen der Mark Meißen und dem Königreich Böhmen entstand um 1200 der Handelsplatz Pirna.
Die erste urkundliche Erwähnung des Castrum Pirne erfolgte am 5. Dezember 1269 in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich des Erlauchten. Seit 1293 unterstand die Burg der böhmischen Krone, die sie jedoch mehrfach verpfändete.
Am 15. November 1372 unterzeichnete hier Kaiser Karl IV. mit den Markgrafen Friedrich III., Balthasar und Wilhelm I. den Pirnaer Vertrag zur Grenzregelung zwischen dem Königreich Böhmen und der Mark Meißen. Der Pirnaer Vertrag war ein wichtiger Vorläufer der mit dem Vertrag von Eger (1459) geschaffenen umfassenden Grenzregelung zwischen Sachsen und Böhmen. 1405 gelangte die Burg mitsamt dem dazugehörigen umliegenden Verwaltungsgebiet (Pflege) in den Besitz der Meißner Markgrafen.
Mitte des 15. Jahrhunderts begann die Zusammenfassung der Pflege Pirna mit anderen benachbarten Verwaltungseinheiten (u. a. Dohna, Königstein, Rathen) zum Amt Pirna. Die Burg Sonnenstein wurde zum Verwaltungssitz des Amtes. Der hier residierende Amtshauptmann übte die richterliche und militärische Kontrolle aus, die wirtschaftliche Verwaltung oblag dem Schösser.Alfred Meiche: Historisch-Topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna. Dresden 1927, S. 215 ff.
Die frühe Burganlage verfügte über einen Bergfried, ein steinernes Wohngebäude und mehrere aus Holz und Lehm errichtete Nebengebäude. Umbaumaßnahmen ließen in den 1470er Jahren zwei Burgtürme und ein herrschaftliches Kemenatengebäude entstehen. Durch Brand (1486) und Unwetter (1489) wurde diese Anlage zerstört. Herzog Albrecht der Beherzte veranlasste ab 1491 den Wiederaufbau. Unter Kurfürst Moritz wurde zwischen 1545 und 1548 ein Schloss errichtet. Damit erfolgte eine bauliche Trennung zwischen den Anlagen zur Verteidigung (Burg) und zum Wohnen (Schloss). Kurfürst August forcierte den Ausbau der Verteidigungsanlagen zur sächsischen Landesfestung. Zwischen 1570 und 1573 entstand unter der Leitung des Festungsbaumeisters Rochus zu Lynar und des Landbaumeisters Hans Irmisch eine Festungsanlage mit drei Türmen und mehreren Bastionen.
Im Dreißigjährigen Krieg stand die Festung seit 1638 unter dem Kommando von Johann Siegmund von Liebenau. Ihm gelang 1639 die erfolgreiche Verteidigung des Sonnensteins gegen die Schweden unter Johan Banér. Während der mehrmonatigen Belagerung wurden die Gebäude der Festung durch Artilleriebeschuss teils schwer beschädigt. Nach dem Abzug der Schweden begann die Burgbesatzung mit der Wiederherrichtung der Wohnhäuser am Schlosshof, der Außenwerke und Brücken. Brunnen und Brauhaus entstanden neu. Von Liebenau erwirkte zudem die Trennung der militärischen Funktion der Festung von der Verwaltungsfunktion als Amtssitz. Auf sein Bestreben hin wurde die Amtsverwaltung 1674 in ein Gebäude am Markt von Pirna verlegt.
Ab 1688 war der Barockbaumeister Wolf Caspar von Klengel Festungskommandant. Unter Klengel erfolgte eine wesentliche Umgestaltung der Festungsanlagen, die u. a. den Bau des Kommandantenhauses beinhaltete. Weitere Um- und Neubauten erfolgten durch den Architekten Jean de Bodt, der zwischen 1735 und 1737 den bis heute erhaltenen Elbflügel der Festung sowie die Neue Kaserne errichten ließ. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts diente der Sonnenstein auch als Staatsgefängnis. Zu den prominenten Gefangenen zählte u. a. Johann Reinhold von Patkul.
Im Siebenjährigen Krieg kapitulierte die Festungsbesatzung erst, nachdem auch das Gros der Sächsischen Armee durch die Belagerung bei Pirna am 14. Oktober 1756 vor den preußischen Truppen die Waffen gestreckt hatte. Anschließend wurde die Festung mit preußischen Soldaten besetzt. 1758 wurde die Festung von der Reichsarmee unter Friedrich Michael von Zweibrücken belagert, am 5. September 1758 kapitulierte der Oberst Johann Heinrich von Grape.Johann Ferdinand Huschberg, Johann Ferdinand von Huschberg, Die drei Kriegsjahre 1756, 1757, 1758 in Deutschland, S. 520f Danach wurde die Festung geschleift. Am 14. April 1764 verlor die Festung Sonnenstein mit der Streichung aus der Liste der Landesfestungen offiziell ihren militärischen Status.
Heilanstalt Im Siebenjährigen Krieg teils verfallen und bereits seit 1764 zivil genutzt, diente die Anlage von Schloss Sonnenstein ab 1811 als Anstalt für als heilbar angesehene Geisteskranke. Diese waren bislang in Sachsen zusammen mit Strafgefangenen, Waisenkindern und Bettlern zusammen in Zucht-, Waisen- und Armenhäusern in Torgau und Waldheim untergebracht.
Die Konzeption der Anstalt wurde von Christian August Fürchtegott Hayner im Auftrag des sächsischen Ministers Gottlob Adolf Ernst von Nostitz und Jänkendorf erstellt. Nostitz hatte auch für die Ausbildung des ersten Hausarztes und Direktors der Heilanstalt Ernst Gottlob Pienitz in Paris bei Philippe Pinel gesorgt. Nach einigen Umbauten wurde die Anstalt am 18. Juli 1811 eröffnet.
Doch schon am 14. September 1813 besetzten französische Truppen den Sonnenstein und erzwangen die Evakuierung der 250 Patienten, beschlagnahmten Vorräte. Pienitz organisierte die Unterbringung und Versorgung der Patienten in der Stadt. Die Franzosen betrieben den Rückbau der Gebäude zur Festung. Dabei und beim Beschuss durch österreichische und russische Belagerer wurden große Schäden angerichtet. Bis zur Kapitulation Dresdens am 11. November verteidigten die Franzosen die Festung.
Bereits im Februar 1814 konnte der Betrieb der Heilanstalt wieder notdürftig aufgenommen werden, allerdings für einige Jahre nur mit einer verminderten Kapazität für etwa 135 Patienten. Die Wiederherstellungsarbeiten wurden 1817 mit der Weihe der Anstaltskirche abgeschlossen.
Die Heilanstalt erwarb sich aufgrund ihres reformpsychiatrischen Konzepts in kurzer Zeit einen guten Ruf als Musterinstitut. Aus anderen Anstalten und Ländern weilten wiederholt verschiedene Ärzte zur Weiterbildung bei Ernst Gottlob Pienitz, darunter Peter Willers Jessen (1820), Carl Friedrich Flemming (1823/24), Moritz Martini (1823), Albert Zeller (1825).
Pienitz fungierte bis 1830 allerdings als einziger Psychiater zur Patientenversorgung, erst ab da wurde ein zweiter Hausarzt fest angestellt. Nachdem die Belegungszahl der Anstalt auf über 190 Patienten anwuchs, wurde 1838 ein dritter Arzt fest angestellt. Zu Krankenpflege und Reinigungsdiensten kamen anfangs auch bis zu 50 Sträflinge mit geringen Vergehen zum Einsatz. Aufgrund ungenügender Qualifikationen und weiterer Probleme konnte Pienitz ab 1826 den schrittweisen Ersatz der Sträflinge durch qualifizierte Krankenwärter durchsetzen. Auch genesende Kranke selbst kamen als Pflegekräfte zum Einsatz.
Die Therapiemodelle der Anstalt Sonnenstein zielten auf einen geregelten Tagesablauf, Disziplin, Sport, diätische Maßnahmen, verschiedenste Bäder, die Einnahme von beruhigenden Medikamenten, Unterhaltung und eine ständige moralische Belehrung ab. Auch Frühformen von psychotherapeutischen Maßnahmen (Gespräche, Belehrungen etc.) wurden angewendet. Entsprechend dem Zeitgeist wurde die Betreuung von geisteskranken Menschen mit der Erziehung von Kindern verglichen, die durch eine autoritäre Vorbildwirkung moralisch-erzieherisch beeinflussbar waren. Grundsätzlich ließ sich Pienitz von humanistischen Formen der Krankenbetreuung leiten.Boris Böhm: Die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein 1811–1839. Pirna 2011, S. 34 ff.
mini|Schlosshof 2–4 Die Heilungserfolge der Anstalt Sonnenstein galten seinerzeit als äußerst bemerkenswert, so dass die Kapazität der Anstalt in den 1840er Jahren bis auf ca. 240 Plätze anstieg. Bereits 1826 wurde am Fuß des Sonnensteins nahe dem früheren Pirnaer Obertor ein Genesungshaus für bis zu 15 zur Entlassung bestimmte Patienten errichtet. Das Haus war die erste ambulante Nachsorgeeinrichtung für psychisch kranke Patienten in Deutschland.
Die wachsende Patientenzahl machte ab 1855 die bauliche Erweiterung der Heilanstalt notwendig. In den folgenden Jahren entstand unter dem Direktor des Geheimen Medizinalrats Friedrich Hermann Lessing (1811–1887),Oertliches und Sächsisches. In: Dresdner Nachrichten Jg. 40, Nr. 1, 1. Januar 1885, S. 2 (Web-Ressource). eines Großneffen des Dichters, bis 1875 schrittweise der Neubau des Frauenhauses (bis 1870), des Wirtschaftsflügels, ein Beamtenwohngebäude (1865–1866) und ein Männerkrankengebäude (1871–1875). Weiter steigende Patientenzahlen, damit einhergehend auch ein zunehmender Personalbestand, neue Behandlungsmethoden und die zunehmende Unvereinbarkeit der ursprünglich unter militärischen Gesichtspunkten errichteten Festungsgebäude mit den zeitgenössischen Ansprüchen der Psychiatrie erforderten ab 1890 ein weiteres umfangreiches Neubau- und Modernisierungsprogramm im Areal der Anstalt Sonnenstein. Nach Plänen des renommierten Dresdner Architekturbüros Schilling & Graebner erfolgte bis 1914 die Umgestaltung der Anlage. Dabei wuchs die Anstalt durch den Neubau von 13 verschiedenen Krankengebäuden im Pavillonstil, von Wohngebäuden für Ärzte und Pfleger, von Funktionsgebäuden (u. a. Begräbnishalle, Wäscherei) und einer neuen Anstaltskirche weit in Richtung Osten und Südosten. Es entstand eine weitläufige von Gebäuden durchsetzte Parkanlage, die alte Festung Sonnenstein hatte durch Abbruch von teils noch mittelalterlicher Bausubstanz und Überbauung der Wallanlagen bis 1914 ihren festungsartigen Charakter größtenteils verloren.
Von 1922 bis 1939 wurde die staatliche Pflegerschule auf den Sonnenstein verlegt.
Der vor allem durch Freuds Aufsatz 1910/11 Psychoanalytische Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia Paranoides) bekannte Gerichtssenatspräsident Daniel Paul Schreber war mehrere Jahre auf Sonnenstein interniert (vom Juni 1894 bis zum Dezember 1902). Der damalige Anstaltsdirektor Guido Weber, der von 1893 bis 1910 Direktor der Anstalt war, (PDF; 493 kB) S. 25. hat in dem Entmündigungsprozess mehrere Gutachten über Schreber verfasst.
1928 wurde Hermann Paul Nitsche zum Direktor der auf über 700 Patienten angewachsenen Heilanstalt Sonnenstein berufen. Mit seinem Antritt begann die systematische Ausgrenzung der chronisch psychisch Kranken. Als Befürworter der „Rassenhygiene“ und „Euthanasie“ setzte er Zwangssterilisationen, fragwürdige „Zwangsheilbehandlungen“ und „Verpflegungssparrationierungen“ gegen „erbkranke“ Patienten durch. Im Herbst 1939 wurde die Anstalt durch einen Erlass des sächsischen Innenministers geschlossen und als Reservelazarett und Umsiedlerlager eingerichtet.
NS-Tötungsanstalt