mini|Habseligkeiten und Hinterbliebene von Opfern des bewaffneten Konflikts in Peru

Der Terrorismus in Peru hatte seine ersten Vorläufer bereits in den 1960er-Jahren, als kleinere linksrevolutionäre Gruppen, teils mit Unterstützung aus Kuba, versuchten, durch bewaffnete Aktionen Einfluss auf die politische Entwicklung zu nehmenJan Lust: „The Peruvian Guerrilla Movements of the 1960s“, in: *Latin American Gue*, Kapitel 7, Taylor & Francis, 2025. – Vorgeschichte zu ELN und MIR.El Comercio Perú: „Perú: jóvenes izquierdistas entrenados en Cuba en los años sesenta“, 2020. – Bericht über kubanisches Training von peruanischen Jugendlichen.. Der organisierte und landesweit eskalierende Terror begann jedoch am 17. Mai 1980, als die maoistische Organisation Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“) ein Wahllokal im Hochlanddorf Chuschi (Region Ayacucho) angriffLUM – Lugar de la Memoria: „45 años del atentado en Chuschi“, 17. Mai 2025.IDEHPUCP (Pontificia Universidad Católica del Perú): „Chuschi, hace 40 años, el inicio del terror“, 2020.. Ihr erklärtes Ziel war die gewaltsame Beseitigung des Staates und die Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung nach maoistisch-revolutionärem MusterBBC Mundo: Ideologische Grundlagen des maoistischen Kommando-GedankensNizkor-Projekt: Ideologie und „Pensamiento Gonzalo“ – CPC‑SL. Die genaue Zielvorstellung blieb dabei jedoch diffus – fest steht, dass sich Abimael Guzmán, der Anführer der Bewegung, zu einer mystisch überhöhten Führungsfigur mit starkem Personenkult unter seinen Anhängern entwickelte.Cambridge Review: „Beyond the Gonzalo Mystique: Challenges to Guzmán's Leadership“ContrahegemoniaWeb: Ideologische Fundamente von Sendero Luminoso – Personenkult & Gonzalismus In den Folgejahren trat auch die Movimiento Revolucionario Túpac Amaru (MRTA) hinzu, die eine sozialistische Umgestaltung nach kubanischem Vorbild anstrebteGeorge W. F. H. – Victor Polay and the MRTA: Guevarismo in Peru.

Beide Gruppen wurden international, unter anderem von den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union, Kanada und weiteren Staaten, als terroristische Organisationen eingestuft.United States Department of State – Foreign Terrorist OrganizationsEU-Ratsbeschluss über terroristische Gruppen – EUR-LexKanadas Liste terroristischer Organisationen Während die MRTA vorrangig auf symbolische Gewaltakte setzte, zeichnete sich Sendero Luminoso durch eine besonders brutale Strategie aus. Diese bestand in systematischem Terror gegen einfache Bauern, Zivilisten, lokale Autoritäten, Lehrer, Bauernführer und auch gegen politische Gegner innerhalb der LinkenHuman Rights Watch: Peru – Atmosphäre der Gewalt, gezielte Angriffe auf ZivilistenSocial Watch: „Peasants had to be subjugated… mass terror in communities“.

Ab Mitte der 1980er‑Jahre reagierte der Staat mit verstärktem militärischem und polizeilichem Einsatz, häufig ebenso begleitet von MenschenrechtsverletzungenHuman Rights Watch 1989: systematische Gewalt, erzwungene Verschleppungen, extralegale Hinrichtungen. Unter Präsident Alberto Fujimori ab 1990 wurde eine umfassende Anti‑Terror‑Strategie umgesetzt, die auf mehreren Ebenen ansetzte: Der Staat intensivierte die nachrichtendienstlichen Aktivitäten von Polizei und Militär, förderte durch ein sogenanntes „Bereuungsgesetz“ den Ausstieg von Mitgliedern aus den Terrorgruppen und begann, die ländliche Bevölkerung aktiv in die Verteidigung einzubinden.IACHR 2001: dokumentierte Anti‑Terror‑Strategien und staatliche Einbindung lokaler Bevölkerung Das Militär bewaffnete und schulte sogenannte Comités de Autodefensa – lokale Selbstverteidigungseinheiten, die mit den Streitkräften kooperierten.Los Comités de Autodefensa … estrategia antisubversiva del Estado, PUCP 2023 Dadurch trafen die Terroristen fortan nicht mehr auf schutzlose Dörfer, sondern auf organisierte, widerständige Gemeinden. Der vermeintliche Rückhalt in der Bevölkerung basierte in Wahrheit meist auf Zwang, Angst und Gewalt seitens der Terrorgruppen.

Ein entscheidender Wendepunkt war die Verhaftung von Abimael Guzmán am 12. September 1992 in Lima durch die polizeiliche Spezialeinheit GEIN (Grupo Especial de Inteligencia), nach monatelangen Ermittlungen und verdeckter Beobachtung.El Comercio Perú: „20 años de la caída de Abimael Guzmán“ – beschreibt Operation ISA, Isa wurde observiert und ihr Netzwerk aufgedecktChiqaq News (UNMSM): „Operación Victoria: la captura de Abimael Guzmán a manos del GEIN“ – Dokumentation über die monatelange verdeckte Beobachtung Die Terroraktivitäten von Sendero Luminoso hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits zunehmend in die Hauptstadt verlagert, wo die Organisation Fuß fassen und einen Regierungsumsturz einleiten wollte.Interamerikanische Menschenrechtskommission (IACHR) 2001 – Rekrutierung in Randzonen von Lima und Universitäten dokumentiert Besonders betroffen waren die ärmeren Randzonen Limas sowie Universitäten, wo man gezielt versuchte, neue Mitglieder zu rekrutieren.IACHR 2001 – siehe auch Abschnitt Rekrutierung in städtischen Gebieten Sowohl vor als auch nach Guzmáns Verhaftung wurden zahlreiche weitere Anführer der Organisation festgenommen, weshalb sowohl Sendero Luminoso als auch die MRTA innerhalb weniger Jahre ihre Führung, Koordinationsfähigkeit und operative Schlagkraft verloren.Nizkor-Projekt: Analyse zur Bedeutung des GEIN und Folgezerfall von SL und MRTA

Laut dem Abschlussbericht der Kommission für Wahrheit und Versöhnung (Comisión de la Verdad y Reconciliación, CVR)CVR Perú – Informe Final, 2003 kamen zwischen 1980 und 2000 rund 70.000 Menschen ums Leben – darunter Zivilisten, Militär- und Polizeikräfte sowie Mitglieder der Terrorgruppen.CEJIL (2023): Der peruanische Staat hat seine Pflicht nicht erfüllt, die Empfehlungen der Wahrheitskommission umzusetzenDeutsche Welle (2013): Wie viel Wahrheit verträgt ein Land? – Bericht zur CVR und Diskussion ihrer ErgebnisseBrookings Institution: „Truth Commissions and National Reconciliation in Latin America“ Ein erheblicher Teil der Opfer gehörte indigenen Gruppen an, insbesondere den Quechua und Asháninka, die in abgelegenen ländlichen Regionen besonders stark betroffen waren.Cultural Survival: Peru’s Truth and Reconciliation Commission and Indigenous PeoplesHuman Rights Watch (2002): Peru – Auswirkungen des Konflikts auf indigene Gemeinschaften

Obwohl die MRTA ihre Aktivitäten nach 1997 einstellte und Sendero Luminoso weitgehend zerschlagen wurde, operieren bis heute Splittergruppen in abgelegenen Regionen wie dem VRAEM-Gebiet. Dort sind sie eng mit dem Drogenhandel verflochten und verüben gelegentlich Angriffe auf staatliche Sicherheitskräfte.BBC Mundo: Sendero Luminoso en el VRAEM (2022)France24 Español: Terrorismo y cocaína en el VRAEM (2021)

Vorgeschichte Peru hat eine Reihe demokratischer und autoritärer Regierungen erlebt. 1968 übernahm General Juan Velasco Alvarado die Macht und installierte eine reformistische Militärdiktatur. 1975 wurde General Francisco Morales Bermúdez sein Nachfolger und richtete einen Prozess des demokratischen Übergangs ein, insbesondere indem er 1980 Wahlen einsetzte. Während der Revolutionären Regierung der Bewaffneten Kräfte organisierte sich der Leuchtende Pfad als maoistische politische Gruppe an der Nationalen Universität San Cristóbal de Huamanga in der Region Ayacucho. Die Gruppe wurde von Abimael Guzmán, Philosophieprofessor an der Universität, geleitet. Seine Ideologie inspirierte sich direkt von der Kulturrevolution, an der er bei seinem Besuch in China teilnahm. Die Mitglieder des Leuchtenden Pfades gerieten mit den Mitgliedern anderer politischer Gruppen in Konflikt, sie riefen mit Graffiti zum bewaffneten Kampf gegen den peruanischen Staat auf.

Beginn der Feindseligkeiten mini|hochkant|Sendero Luminoso feiert mit Abimael Guzmán „5 Jahre Volkskrieg“.

1980 rief die Militärregierung zum ersten Mal seit zwölf Jahren Wahlen aus. Der maoistische Leuchtende Pfad war damals eine der wenigen linksextremen Gruppen, die sich weigerten, am Wahlvorgang teilzunehmen, um stattdessen einen Guerillakrieg in den Höhen der Provinz Ayacucho zu beginnen. Am 17. Mai 1980, am Vortag der Wahlen, wurden Wahlurnen im Dorf Chuschi in der Provinz Ayacucho verbrannt. Diese Aktion war der erste Kriegsakt. Jedoch wurden die Urheber verhaftet und die verbrannten Wahlurnen wurden ersetzt. Die Wahlen liefen ohne größere Vorfälle ab; die Aktion bekam wenig Aufmerksamkeit seitens der peruanischen Presse.Gorriti, Gustavo. The Shining Path: A History of the Millenarian War in Peru. Chapel Hill und London: The University of North Carolina Press, 1999, S. 17, ISBN 0-8078-4676-7.

Der Leuchtende Pfad führte seinen bewaffneten Kampf in der von Mao Zedong gelehrten Art. Seine Strategie bestand in der Erkämpfung von Guerillazonen, in denen seine Guerillas tätig sein konnten, indem sie die Regierungskräfte aus diesen Zonen vertrieben, um befreite Zonen zu schaffen, die dann als Basis für Operationen in anderen Regionen genutzt werden konnten, bis das ganze Land befreit wäre. Hierbei sollte der Kampf im Wesentlichen auf die ländlichen Regionen beschränkt sein, um nach und nach die Situation in den Städten zu destabilisieren. Am 3. Dezember 1982 bildete der Leuchtende Pfad mit dem Ejército guerrillero Popular offiziell seinen bewaffneten Arm.

Ausrufung des Ausnahmezustands und „weiße“ Besatzungsmacht in indigenem Siedlungsgebiet Nachdem der Leuchtende Pfad eine Polizeistation in Tambo in der Provinz La Mar in Ayacucho überfallen hatte, erklärte Präsident Fernando Belaúnde Terry am 12. Oktober 1981 den Ausnahmezustand in der Region Ayacucho und sandte 193 Polizisten nach Ayacucho, darunter 40 Sinchis, Angehörige einer von den Green Berets ausgebildeten Fallschirmjäger-Einheit.Gustavo Gorriti Ellenbogen (2009), S. 225–235.Informe Final de la Comisión de la Verdad y Reconciliación: 1.2. Fuerzas policiales. Lima 2003, S. 154–160. Im Gebiet der Provinzen Huanta und La Mar zwischen Huanta und San Francisco de Ravacayco am Río Apurímac wurde die Marineinfanterie der Peruanischen Kriegsmarine stationiert, von wo aus diese auch Flüge ins Regenwaldgebiet durchführte, wo der Koka-Anbau bekämpft wurde. Im Kampfgebiet waren gleichzeitig bis zu 250 von insgesamt etwa 2000 peruanischen Marineinfanteristen im Einsatz, also etwa ein Achtel. In jeder Provinzhauptstadt der Region Ayacucho und an weiteren strategischen Punkten wurden Armeeposten eingerichtet, wobei in der Region bis zu etwa 2000 von insgesamt etwa 90.000 peruanischen Soldaten der Kriegsmarine und des Heers im Einsatz waren.Informe Final de la Comisión de la Verdad y Reconciliación: 1.3. Fuerzas armadas. Lima 2003, S. 175f. In den Provinzen Huanta und La Mar, die unter der Kontrolle der Marineinfanterie standen, starben in den folgenden Jahren vom Anteil her so viele Menschen eines gewaltsamen Todes wie nirgendwo anders in Peru.María Elena Castillo Hijar: Huanta, un pueblo que busca cerrar sus heridas. La República, 9. Februar 2015.