mini|Chrysippos von Soloi († 208/204 v. Chr.), ein früher Theoretiker der stoischen Apatheia und einer ihrer profiliertesten Verfechter. Römische Kopie einer griechischen Marmorbüste im Louvre, Paris
Apatheia () war in der Philosophie der Antike die Bezeichnung für einen stabil gleichmütigen und friedlichen Gemütszustand, der eng mit der Ataraxie, der von den Philosophen angestrebten Unerschütterlichkeit, verbunden war. Zur dauerhaften Verhinderung von seelischen Erschütterungen wurde beharrliches Einüben der Leidenschaftslosigkeit empfohlen.
In der Literatur zur Ethik wurde die Apatheia im Rahmen der Theorie der Affekte behandelt. Sie galt in weiten Kreisen als erstrebenswert, da man sich Erlösung von störenden, schmerzhaften und vernunftwidrigen Affekten wie Furcht oder Wut erhoffte. Die dauerhafte Beruhigung des Gemüts wurde als Grundlage der Eudaimonie, der als Lebensideal angepriesenen seelischen Ausgeglichenheit, betrachtet. Die Debatten drehten sich um die Frage, inwieweit eine Auslöschung der Leidenschaften möglich und wünschenswert ist, ohne dass durch Empfindungslosigkeit spezifisch menschliche Qualitäten abhandenkommen. Darüber gingen die Meinungen weit auseinander. Die namhaftesten Verfechter der Apatheia waren die Stoiker, unter denen sich Chrysippos von Soloi mit seiner richtungweisenden Affekttheorie hervortat. Ihr rigoroser Kampf gegen die Leidenschaften stieß jedoch in anderen Philosophenschulen auf Widerspruch. Als Alternative empfahlen Kritiker des Apatheia-Ideals die Beherrschung der Leidenschaften, die als Teil der menschlichen Natur unausrottbar seien.
Christliche Theologen übernahmen das philosophische Apatheia-Konzept und passten es ihren Bedürfnissen an. Ein Sonderthema war die Apatheia Gottes, die wegen der ihm zugeschriebenen Unwandelbarkeit postuliert wurde, aber mit biblischen Aussagen über Affekte Gottes schwer zu vereinbaren war.
Antike Philosophie Menschliche Apatheia Begriffsbestimmung Der Begriff Apatheia bezeichnet in der altgriechischen Sprache allgemein die Eigenschaft eines Dinges oder einer Person, keiner Beeinflussung durch etwas Äußeres zu unterliegen. Bei Personen ist gemeint, dass (unerwünschte) Gefühlsbewegungen und Gemütszustände (páthē, Singular páthos) als Reaktionen auf Außenreize nicht eintreten. Im Gemüt desjenigen, der Apatheia erlangt hat, wird durch die Sinneswahrnehmungen keine Erregung mehr ausgelöst. Daher ist er leidenschaftslos, bedürfnislos und selbstgenügsam. Sehnsucht und Begehren (epithymía) sind ihm ebenso fremd wie Furcht.Siehe dazu Herbert Frohnhofen: Apatheia tou theou, Frankfurt am Main 1987, S. 30–37, 49.
Im weiteren Sinne ist mit Apatheia die Abwesenheit aller Affekte gemeint, also auch der angenehmen, die gewöhnlich als erwünscht gelten. Oft wird aber in der antiken Literatur der Begriff Apatheia in einem engeren Sinne verwendet, wonach nur oder in erster Linie als negativ empfundene, unerwünschte Gemütserregungen fehlen. Demnach sind positive Erregungen (eupátheiai) wie Freude mit Apatheia vereinbar. In philosophischen Texten bezeichnet der Ausdruck apátheia gewöhnlich das Freisein von leidvollen und destruktiven Affekten wie Zorn, Furcht, Neid und Hass.Herbert Frohnhofen: Apatheia tou theou, Frankfurt am Main 1987, S. 38–41; Hans Reiner, Max-Paul Engelmeier: Apathie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 1, Basel 1971, Sp. 429–433, hier: 429–431.
Das umstrittene Apatheia-Ideal Antisthenes, ein prominenter Philosoph der griechischen Klassik, betrachtete Apatheia als erstrebenswertes Ziel, wobei ihm die legendäre Selbstbeherrschung seines Lehrers Sokrates Vorbild war. Diese Einstellung war ein wichtiger Teil seines Ethikkonzepts, das den Ausgangspunkt für die Entstehung des Kynismus bildete. Zur Apatheia gehörte für Antisthenes insbesondere die Freiheit von jedem Streben nach Lüsten, das über die elementare Bedürfnisbefriedigung hinausgeht. Er soll dazu bemerkt haben: „Lieber soll mich der Wahnsinn als die Lust überkommen.“Marie-Odile Goulet-Cazé: L’ascèse cynique, Paris 1986, S. 146–148; Klaus Döring: Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen. In: Klaus Döring u. a.: Sophistik, Sokrates, Sokratik, Mathematik, Medizin (= Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1), Basel 1998, S. 139–364, hier: 276 f.
Später, im Zeitalter des Hellenismus, übernahmen die Stoiker, die ebenfalls an die sokratische Tradition anknüpften, die Forderung der Affektüberwindung und machten sie zu einem zentralen Bestandteil ihrer Lehre. Befreiung von der Tyrannei der Triebe und Affekte sollte Gelassenheit und Seelenfrieden sowie vernunftgemäßes Handeln ermöglichen. Zu den missbilligten Affekten zählten auch das Mitleid und die Reue, da sie Kummer verursachen, was für einen stoischen Weisen nicht akzeptabel ist. Weil Mitleid und Neid Ursache von Kummer sind, wurden sie auf dieselbe Stufe gestellt.Michel Spanneut: Apatheia ancienne, apatheia chrétienne, Ière partie: L’apatheia ancienne. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Teil II, Band 36/7, Berlin 1994, S. 4641–4717, hier: 4658 f., 4684.
Das Apatheia-Ideal der Stoiker war aber nicht rein negativ, es war nicht auf die bloße Abwesenheit der unerwünschten Gemütszustände beschränkt. Vielmehr wurde der angestrebte seelische Zustand positiv als höchst wünschenswerte beständige Haltung (griechisch héxis) des Gleichmuts bestimmt. So überschnitt sich der Begriff der Apatheia mit dem der Ataraxie. Die Apatheia wurde nicht als Einzeltugend betrachtet, sondern als Disposition, welche die Grundlage für ein tugendhaftes und vernunftgemäßes Leben bildet.Michel Spanneut: Apatheia ancienne, apatheia chrétienne, Ière partie: L’apatheia ancienne. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Teil II Band 36/7, Berlin 1994, S. 4641–4717, hier: 4657 f.
Als Weg zur Erlangung des angestrebten Zustands empfahlen die Stoiker die Gewöhnung: Man sollte sich daran gewöhnen, den passiv empfangenen Vorstellungen, welche die Voraussetzung leidenschaftlicher Erregung bilden, die „Zustimmung“ zu verweigern.Siehe zum Einüben von Gewohnheit Pierre Hadot: Philosophie als Lebensform, 2. Auflage, Berlin 1991, S. 15–20. Vgl. Richard Sorabji: Emotion and Peace of Mind, Oxford 2000, S. 45 f. Dahinter stand die stoische Überzeugung, dass in der menschlichen Seele nicht – wie die Platoniker meinten – irrationale Bereiche ein Eigenleben führen. Vielmehr bildet die Seele nach stoischem Verständnis eine organische Einheit, und ihre „Teile“ haben nur funktionalen Charakter. Sie sind Instrumente der leitenden Zentralinstanz (hēgemonikón), die sich im Herzen befindet und alle seelischen und körperlichen Tätigkeiten organisiert. Diese Instanz, das vitale Zentrum des Menschen, ist von Natur aus rational. Sie entscheidet, ob sie einer Vorstellung ihre Zustimmung (griechisch synkatáthesis, lateinisch assensio) gewährt. Wenn die Vorstellung falsch ist, kann sie nur aufgrund eines intellektuellen Irrtums Zustimmung erhalten, und dann entsteht ein Affekt wie etwa Betroffenheit, Verwirrung oder Niedergeschlagenheit. Somit lassen sich Affekte vermeiden, indem man der Vernunft folgt und falsche Vorstellungen durchschaut und zurückweist, bevor sie einen Affekt auslösen können. So handelt der Weise. In diesem stoischen System wird das Irrationale seiner Besonderheit und Unverständlichkeit entkleidet. Es wird erklärbar und restlos intellektualisiert. Damit wird in diesem Rahmen die Behauptung schlüssig, man könne unerwünschte Triebe und Emotionen durch Erkenntnis und einen Willensakt neutralisieren.Maximilian Forschner: Die stoische Ethik, Stuttgart 1981, S. 59 f.; Peter Steinmetz: Die Stoa. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 4/2, Basel 1994, S. 491–716, hier: 545–549.
Vollkommene Apatheia galt als Kennzeichen des stoischen Weisen, sie war nach der Überzeugung der Stoiker nur ihm vorbehalten. Das Ideal solcher Weisheit beschrieb der Stoiker Mark Aurel mit den Worten: „Gleich sein der Klippe, an der sich pausenlos die Wellen brechen. Sie aber steht fest, und um sie herum beruhigt sich die Brandung.“Mark Aurel, Selbstbetrachtungen 4,49; Übersetzung nach Rainer Nickel (Hrsg. u. Übers.): Selbstbetrachtungen (Sammlung Tusculum). Griechisch und Deutsch, 2. Auflage, Mannheim 2010, S. 89.
Die Befreiung von unerwünschten Affekten wurde zwar hauptsächlich von den Kynikern und Stoikern in den Vordergrund gestellt, aber auch die anderen Philosophenschulen stimmten grundsätzlich damit überein, dass dies eine wichtige Aufgabe sei, denn Ataraxie war für alle – auch und besonders für die Epikureer – ein Gut von höchstem Rang. Die Neuplatoniker, die auf Reinigung des Gemüts größten Wert legten und für Askese eintraten, waren der Ansicht, Apatheia als Freiheit von Leidenschaften sei der natürliche Zustand der von Unwissenheit erlösten Seele des Philosophen. Wer dieses Ideal nicht verwirklichen könne, solle sich zumindest um Zügelung der affektiven Impulse bemühen.Siehe zur neuplatonischen Sichtweise die Zusammenstellung von Quellenbelegen in englischer Übersetzung bei Richard Sorabji: The Philosophy of the Commentators, 200–600 AD, Band 1, London 2004, S. 280–293. Vgl. Pierre Miquel: Lexique du désert, Bégrolles-en-Mauges 1986, S. 118 (zu Plotin).
Eine radikale Position nahm der Megariker Stilpon ein, der zur Ethik ähnliche Ansichten vertrat wie die Stoiker und die Apatheia sogar für das höchste Gut hielt. Er soll der Meinung gewesen sein, dass der Weise nicht nur von den Affekten unbeeinflusst bleibe, sondern sie nicht einmal verspüre.Michel Spanneut: Apatheia ancienne, apatheia chrétienne, Ière partie: L’apatheia ancienne. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Teil II Band 36/7, Berlin 1994, S. 4641–4717, hier: 4663.
Der römische Dichter Horaz, der stark von der epikureischen Lehre beeinflusst war, fand eine klassische Formulierung für das Ideal des weltüberlegenen Menschen in den bekannten Versen:Horaz, Carmina 3,3,7 f.
Si fractus inlabatur orbis, inpavidum ferient ruinae. Selbst wenn die Welt zerborsten einstürzt, werden die Trümmer einen Furchtlosen treffen.