mini|Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Titelseite des ersten Bandes, Berlin 1862 mini|Fontane-Denkmal in Neuruppin, errichtet 1907 Wanderungen durch die Mark Brandenburg ist das umfangreichste Werk des deutschen Schriftstellers Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin). Er beschreibt darin in fünf Bänden Schlösser, Klöster, Orte und Landschaften der Mark Brandenburg, ihre Bewohner und ihre Geschichte. Zwischen 1862 und 1889 erschienen, ist das Werk Ausdruck eines gewachsenen preußischen Nationalbewusstseins und der Romantik. Die Eindrücke und historischen Erkenntnisse, die Fontane während der Arbeit an den Wanderungen gewann, bildeten die Grundlage für seine späteren großen Romane wie Effi Briest oder Der Stechlin.
Geschichte der „Wanderungen“ Idee zu den „Wanderungen“ Die Idee zu den Wanderungen kam Fontane, wie er im Vorwort zum ersten und im Schlusswort zum vierten Band erzählt, während seiner in Jenseit des Tweed literarisch verarbeiteten Schottland-Reise im Sommer 1858. Der Anblick der alten schottischen Burg Loch Leven Castle auf einer Insel im Loch Leven rief ein wehmütiges Bild vom Schloss Rheinsberg mit der Empfindung hervor, die Rheinsberg-Tour in der „Heimat“ sei nicht „minder schön“ als die schottische gewesen. „Je nun, so viel hat Mark Brandenburg auch. Geh’ hin und zeig’ es.“ Der „aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimat geboren[e]“ Entschluss, die Kostbarkeiten der Landschaft und Kultur in Zukunft zu Hause statt im Ausland zu suchen, ließ ihn zwischen 1859 und 1889 dreißig Jahre lang die Mark Brandenburg durchwandern.
mini|Nuthe bei Saarmund
„Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Jeder Fußbreit Erde belebte sich und gab Gestalten heraus […] wohin das Auge fiel, alles trug den breiten historischen Stempel.“ Quellen des gefundenen „Reichtums“ waren für Fontane Beobachtungen und Erlebnisse sowie Gespräche mit Angehörigen aller Schichten auf seinen Wanderungen. Er vertiefte sich darüber hinaus in Briefliteratur, Memoiren, Monografien, Sagen, Legenden sowie Romane und trieb gründliche Studien zur Geschichte. Er sichtete Familienarchive, und um das älteste Kirchenbuch der Mark einzusehen, reiste er mehrfach in das Dorf Gröben. Seine Quellen hat er in der Regel als Anmerkungen angegeben.
Bögen um Potsdam und Berlin
Bei allem historischen Realismus und Quellenstudium hatte die Arbeitsweise Fontanes auch ein chaotisch-lustbetontes Element („am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune“). Im Zusammenhang mit dieser Arbeitsweise werden die Bögen, die Fontane wegen seiner Vorliebe für die „kleinen Dinge“ um das „große“ Potsdam und das „große“ Berlin schlug, nachvollziehbar. Zum einen ließ sich in den beiden großen Städten schlecht wandern, zum anderen kam ihm die Quellenarbeit, die er hier hätte leisten müssen, uferlos vor. Die beschriebenen Dörfer, Kleinstädte, Klöster, Adelsfamilien, Rittergeschlechter oder Landschaften waren überschaubar, die historische Quellenarbeit jeweils begrenzt und in einem gegebenen Zeitrahmen abschließbar. Mit dieser Auswahl konnte er beides ein Stück weit, wie vorgesehen, nach Lust und Laune verbinden – das Wandern und die Schreib- und Quellenarbeit. Bereits ohne die ausführliche Aufnahme der Städte Potsdam und Berlin (die er lediglich mit einigen damals selbständigen, heute eingegliederten Dörfern beschreibt) hatte Fontane eine derartige Menge an Material und Literatur, an Zetteln und Notizen zusammengetragen, dass er vorübergehend plante, die Wanderungen in insgesamt 20 Bänden herauszubringen.
Fontanes Notizbücher Fontane hielt seine Eindrücke schriftlich und als Zeichnungen in Notizbüchern fest. Eine digitale Edition von Theodor Fontanes Notizbüchern, von denen 21 für die Wanderungen verwendet wurden, wird seit 2015 erstellt und veröffentlicht.Theodor Fontane: Notizbücher. Digitale genetisch-kritische und kommentierte Edition. Hrsg. von Gabriele Radecke. (fontane-nb.dariah.eu)Fontanes Notizbücher enthüllen Erstaunliches zu den Wanderungen. In: Märkische Allgemeine Zeitung. 26. März 2019.Wandern nach Notizen. fontanes-wanderungen.de, abgerufen am 3. September 2019.
Bände mini|Brunnenskulptur „Fontane“ (Urfassung 2007) von Matthias Zágon Hohl-Stein beim Seehotel „Fontane“ in Neuruppin mit einem Zitat aus Fontanes „Wanderungen“ Titelübersicht 1862: Die Grafschaft Ruppin. (Folgeauflagen zu Lebzeiten Fontanes: 1865, 1875, 1883, 1892, 1896) 1863: Das Oderland. (1868, 1880, 1889, 1892) 1873: Havelland. (1880, 1889, 1892) 1882: Spreeland. (1886, 1892) 1889: Fünf Schlösser. (Eher „Fünf Herrensitze“, laut Fontanes Vorwort)
Vorabdrucke, Ausgaben mini|Der Stechlinsee im „Ruppinschen“Wie still er daliegt … Die erste märkische Wanderung unternahm Fontane in der Zeit vom 18. bis 23. Juli 1859 ins Ruppinsche. Im September desselben Jahres erschien der erste Aufsatz In den Spreewald. Im Oktober 1859 begann in der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung unter dem Titel Märkische Bilder eine sechsteilige Aufsatzfolge. Im Morgenblatt für gebildete Leser erschienen zwischen 1860 und 1864 Fortsetzungen unter dem Titel Bilder und Geschichten aus der Mark Brandenburg. Im Oktober 1860 beschloss Fontane, bisherige Aufsätze in einem Band zusammenzufassen, der erste Band der Wanderungen, Die Grafschaft Ruppin, entstand und erschien im November 1861, vordatiert auf 1862, im Berliner Verlag Wilhelm Hertz.
Auch die Bände Havelland, der in der Erstauflage noch „Osthavelland“ hieß, und Spreeland erschienen nicht wie angegeben 1873 und 1882, sondern jeweils am Ende der Vorjahre. Die spätere Gesamtausgabe der ersten vier Bände von 1892 mit der endgültigen Fassung trug auf ihrem Titelblatt die Bezeichnung: Wohlfeile Ausgabe. Für diese „Volksausgabe“ nahm Fontane sowohl Streichungen als auch Ergänzungen vor; damals gestrichene Kapitel sind zum Teil in den heutigen Gesamtausgaben im Anhang wiedergegeben. Aufsätze, die Fontane nicht in den Büchern verarbeitet hat, sowie Entwürfe, Pläne und Fassungen aus dem Nachlass sind in einer achtbändigen Ausgabe der Wanderungen (1997) enthalten, die innerhalb der Großen Brandenburger Ausgabe zu Fontane erschienen ist. Die Titel der zusätzlichen drei Bände lauten: Dörfer und Flecken im Lande Ruppin. Das Ländchen Friesack und die Bredows. Personenregister, Geografisches Register.
Kurzinhalte
Neben der Beschreibung von Landschaften und Orten sowie der Wiedergabe von Geschichte, Legenden und Sagen widmet Fontane ausführliche Abschnitte dem märkischen Landadel, bedeutenden Familien und Rittergeschlechtern – in vielen Passagen besteht die „Geschichte“ aus „Familiengeschichte“. Die folgende Übersicht führt einige der wichtigsten Familien jeweils am Ende der Kapitel in Klammern an.
„Die Grafschaft Ruppin“, 1862 mini|Neuruppin, Siechengasse mit Siechenhauskapelle und Klosterkirche St. Trinitatis
Der Titel bezieht sich auf den auch als Grafschaft bezeichneten Kreis Ruppin. Fontane beginnt die Wanderungen mit einer ausführlichen Darstellung seiner im Kern bis heute erhaltenen, rund 50 Kilometer nordwestlich von Berlin gelegenen Heimatstadt Neuruppin und ihrer Geschichte. In ihr wurde, 38 Jahre vor Fontane, auch der Architekt Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) geboren. Ab 1688 war Neuruppin eine der ersten Garnisonsstädte Brandenburgs; zwei Regimenter finden eine eingehende Beschreibung. Spaziergänge führen zum Ruppiner See und erste Streifzüge unternimmt der Wanderer in die nähere Umgebung, die Ruppiner Schweiz im heutigen Naturpark Stechlin-Ruppiner Land mit einem der klarsten Seen Norddeutschlands, dem Stechlinsee. Das nördlich gelegene Rheinsberg mit Schloss und See erhält eine literarische Würdigung und historische Aufarbeitung. Ausflüge in die Flusslandschaften an Rhin und Dosse und die Seenlandschaften bei Lindow und Gransee folgen. Die nächsten Wege führen den Schriftsteller in weitere Dörfer auf dem Plateau der Ruppiner Platte wie Ganzer und Kränzlin oder auch Gottberg, wo er zum ersten Mal Einsicht in Kirchenbücher nimmt. Besonderes Interesse hat Fontane an den Aufzeichnungen zur systematisch betriebene[n] Verwüstung des Ruppinschen Landes während des Dreißigjährigen Kriegs (1618–1648, Familien: Schinkel, Gentz, von Quast, Gadow, von Jürgaß).
„Das Oderland“, 1863 Neben Oder und Oderbruch stehen im Mittelpunkt des zweiten Bandes östliche Teile des Barnim und das Lebuser Land. Ausführlich beschreibt Fontane die Anstrengungen, das Oderbruch trockenzulegen und nutzbar zu machen. Vom Ruinenberg in Freienwalde bot sich folgender Blick auf die Oderlandschaft: „Wie ein Bottich liegt diese da, durchströmt von drei Wasserarmen: der faulen, alten und neuen Oder, und eingedämmt von Bergen hüben und drüben […]. Meilenweit nur Wiesen, keine Fruchtfelder, keine Dörfer, nichts als Heuschober dicht und zahllos, […] nur grüne Fläche; dazwischen einige Kropfweiden; mal auch ein Kahn, der über diesen oder jenen Arm der Oder hingleitet, dann und wann ein mit Heu beladenes Fuhrwerk oder ein Ziegeldach, dessen helles Rot wie ein Lichtpunkt auf dem Bilde steht.“
Fontanes Perle der Märkischen Schweiz, das Städtchen Buckow und die Hügel und Seen dieser „Schweiz“, wie der von ihm geliebte Schermützelsee, sind Gegenstand der folgenden Abschnitte. Ferner beschreibt er Küstrin unter Markgraf Hans, Friedland, Cunersdorf, Schloss Friedersdorf und Schloss Neuhardenberg sowie Werbellin, das „Sparrenland“ und das „Pfulenland“ auf dem Hohen Barnim. (Familien: Uchtenhagen, von Friedland, Itzenplitz, von Görtzke, von der Marwitz, von Massow, von Pfuel, von Sparr)
„Havelland“, 1873 mini|Kloster Lehnin, Westfassade „Das Historische (im Gegensatz zu «Oderland») tritt im Ganzen genommen in diesem dritten Bande zurück, und Landschaft und Genre prävalieren“, lässt uns Fontane im Vorwort zur 2. Auflage von 1880 wissen. Gleichwohl beginnt dieser Band mit einer ausführlichen, rund 25-seitigen historischen Abhandlung über Die Wenden in der Mark und die Gründung der Mark Brandenburg 1157 durch Albrecht den Bären, gefolgt von der Darstellung Die Zisterzienser in der Mark – all das zur Vorbereitung des Kapitels über das 1180 gegründete Kloster Lehnin, das wiederum fast ausschließlich dessen Geschichte darstellt und rund 80 Seiten umfasst. Der Stellenwert, den Fontane dieser Darstellung beimisst, wird durch die jüngsten Forschungsergebnisse über die herausragende Bedeutung des Klosters für die Stabilisierung und den Landesausbau der jungen Mark Brandenburg unter ihren askanischen Markgrafen bestätigt.
Mit der anschließenden Beschreibung des Lehninschen Tochterklosters (Filiation) Kloster Chorin tritt das Historische auch auf den nächsten Seiten keineswegs zurück. Ebenso sind die folgenden Abschnitte über das Schloss Oranienburg, über Städte und Dörfer um Spandau, Brandenburg an der Havel und Potsdam mit der heutigen Berliner Pfaueninsel, mit Fahrland, Sacrow, Paretz, Wust, Caputh (Fontane: Chicago des Schwielowsees), Petzow und Werder weitgehend Ausflüge in die Geschichte.
Das Dorf Ribbeck, dessen Name und Birnbaum durch Fontanes berühmtes Gedicht Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (von 1889) weit über Brandenburg hinaus bekannt ist, erwähnt Fontane nicht; allerdings findet das Adelsgeschlecht der von Ribbecks im Kapitel über Groß Glienicke Beachtung. Wie Potsdam und Berlin behandelt Fontane auch die kulturell bedeutende Stadt Brandenburg an der Havel aus den oben erwähnten Gründen nicht – allerdings auch deshalb, weil er zum „auch nur leidlich gründlichen Studium der einst wichtigsten Stadt des Landes […] nie gekommen“ sei.
„Spreeland“, 1882 mini|Spreeland, Naturpark Nuthe-Nieplitz: Schiaßer See mini|Kirche in Großbeuthen