mini|Die Pilgerstätte Getsemani 2012: ein alter Olivenhain im Garten der Kirche aller Nationen mini|Eine Prozession palästinensischer Muslime zieht an der Kirche aller Nationen vorbei bei dem Jerusalemer Nabi-Musa-Fest, das zeitgleich mit dem christlichen Osterfest zusammenfällt (1936). Getsemani ist ein Schauplatz der Passionsgeschichte Jesu am Westhang des Ölbergs, der im Neuen Testament erwähnt wird. Seit spätantiker Zeit entstand hier eine christliche Pilgerlandschaft. Getsemani ist die ökumenische Schreibweise gemäß den Loccumer Richtlinien (Einheitsübersetzung, Zürcher Bibel); in der Lutherbibel und in der King-James-Bibel lautet der Ortsname Gethsemane. Der moderne hebräische Ortsname ist Gat Schmanim.

Name In (und, davon abhängig, ) wird Getsemani als ein Landgut oder Grundstück () auf dem Ölberg bezeichnet; das Lukasevangelium spricht von einem bestimmten „Ort“ auf dem Ölberg, das Evangelium nach Johannes von einem „Garten“ jenseits des „Winterbachs Kidron“, d. h. am Fuß des Ölbergs, wobei der Name Getsemani bei Lukas und Johannes nicht fällt.

Der von Markus und Matthäus überlieferte Ortsname (Textus receptus: Bauer/Aland: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. 6., völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin / New York 1988, Sp. 307.) ist vermutlich hebräischen, nicht aramäischen Ursprungs. Seine Etymologie ist allerdings schwierig: „Kelter der Öle“ ist als Name für einen Ort der Olivenölgewinnung sonst nicht belegt. Eine solche Einrichtung hieß üblicherweise „Haus der Ölmühle“.Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus (Mk 8,27–16,20). EKK II/2, Zürich u. a. 1979, S. 258.

Lage Der Name Getsemani haftet in der christlichen Lokaltradition an zwei Orten: einer Grotte und einer Ölbaumpflanzung, wobei die Grotte im Neuen Testament nicht vorkommt. Gustaf Dalman suchte beide Angaben zu verbinden: Die Grotte sei der Ort der Ölpresse; solche Anlagen wurden und werden gern in Höhlen gebaut. An diesem geschützten Ort habe die Jüngergruppe übernachtet. Dagegen spricht aber, dass die Grotte in den ersten fünf Jahrhunderten unbekannt war und erst danach zur Pilgerstätte wurde.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 810 f. „Von einer Grotte oder einer Bebauung sagen die Texte nichts. Die Gethsemane-Perikope schildert ein Geschehen unter freiem Himmel, auch wenn gerade im Frühjahr die Nächte noch sehr kalt sein können.“

Getsemani im Neuen Testament Getsemani ist in den Evangelien der von Jesus freiwillig gewählte Ort des Abschieds von seinen Jüngern; seine Einsamkeit im Garten bildet einen Kontrapunkt zur vorherigen Gemeinschaft beim Abendmahl. Die Evangelien unterscheiden sich darin, wie sie die Handlung auf verschiedene Schauplätze verteilen, mit Konsequenzen für die seit der Spätantike entstehende christliche Pilgerlandschaft:Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 812 f.

Drei Schauplätze (Markus und Matthäus): a) der Ort, an dem Jesus die Jünger zurücklässt, b) der Ort, an dem er Petrus, Jakobus und Johannes zurücklässt, c) der Ort seines Gebets. Bei b) ist auch Verrat und Verhaftung lokalisiert. Zwei Schauplätze (Lukas): a) der Ort des gemeinsamen Nachtlagers aller Jünger, b) der Ort des einsamen Gebets Jesu. Ein Schauplatz (Johannes): Jesus überschreitet mit seinen Jüngern den Bach Kidron und geht in einen Garten, wo kurz darauf Judas mit den Häschern eintrifft; Jesus tritt in souveräner Weise aus dem Garten heraus, ihnen entgegen, und wird verhaftet.

Getsemani als Pilgerstätte Alte Kirche und byzantinische Zeit mini|Der Felsen des Gebets Jesu in der modernen Kirche aller Nationen Eusebius von Caesarea, Kyrill von Jerusalem und der Pilger von Bordeaux kannten im 4. Jahrhundert eine Steinformation im Kidrontal, die als Ort des Verrats und der Gefangennahme Jesu galt, und einen nicht genauer definierten Olivenhain am Hang des Ölbergs, der von den Pilgern gerne aufgesucht wurde, in Erinnerung an das nächtliche Gebet Jesu vor seiner Verhaftung. Um 380/390 bezeugen Egeria und Hieronymus einen Kirchenbau (sogenannte ecclesia elegans) am Ort des Gebets Jesu. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die byzantinische Kirche, deren Überreste beim Bau der Kirche aller Nationen freigelegt wurden. Im Presbyterium dieser spätantiken Basilika wurde ein Stück gewachsener Fels als Ort des Gebets Jesu verehrt.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 813–816.

Die weitere Entwicklung im 5./6. Jahrhundert wurde durch die Jerusalemer Liturgie der Karwoche bestimmt. In der Eleona-Kirche auf dem Gipfel des Ölbergs gedachte man an das einsame Gebet Jesu; in der byzantinischen Kirche am unteren Hang des Ölbergs der schlafenden Jünger, des Verrats und der Verhaftung. Die Schwierigkeit, dass Jesus nach neutestamentlicher Darstellung in dieser Nacht dreimal zwischen den schlafenden Jüngern und seinem Gebetsort wechselte und also jedes Mal den Ölberg hätte ersteigen müssen, wurde nicht wahrgenommen.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 816 f.

Theodosius war um 520 der erste, der eine Grotte am Hang des Ölbergs erwähnte, allerdings war diese Grotte für ihn der Ort des Letzten Abendmahls Jesu und der Fußwaschung und somit nicht identisch mit Getsemani. Auch der Pilger von Piacenza sah um 570 am Hang des Ölbergs diese Abendmahlsgrotte und lagerte sich mit seiner Pilgergruppe auf den steinernen Triclinien, die es in dieser Grotte gab. Diese Abendmahlstradition konkurrierte aber mit zwei anderen Lokalisierungen des Gründonnerstagsgeschehens, eine auf dem Berg Zion, die andere in Betanien. Eutychios, der Patriarch von Konstantinopel († 582), erläuterte, dass in der Grotte am Ölberg ein früheres Mahl Jesu mit den Jüngern stattfand, nicht das Mahl, bei dem er die Eucharistie einsetze. Die Lokalisierung des Abendmahls auf dem Ölberg passt schlecht zur neutestamentlichen Darstellung; andererseits konnte der Ölberg, nach Joh 18,1 ein Ort, wo Jesus oft mit seinen Jüngern zusammen war, auch Traditionen gemeinsamen Essens auf sich ziehen.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 818 f.

Die byzantinische Getsemani-Kirche (ecclesia elegans) wurde wahrscheinlich bei der persischen Eroberung Jerusalems (614 n. Chr.) zerstört und niedergebrannt. Das Mariengrab im Kidrontal am unteren westlichen Abhang des Ölbergs entwickelte sich danach zur zentralen christlichen Pilgerstätte, der die anderen Ortstraditionen zugeordnet wurden. Die Grotte, in der weder Einrichtungen einer Ölpresse noch steinerne Triclinien archäologisch nachweisbar sind, wurde in dieser Zeit zu einer Grabkapelle ausgestaltet. Anscheinend war die Nähe des Mariengrabs ein sehr attraktiver Ort für eine Begräbnisstätte.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 819–821.

Kreuzfahrerzeit mini|Reste kreuzfahrerzeitlicher Ausmalung in der Grotte Mit der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer war eine neue Situation entstanden, in der die Pilgerlandschaft am Ölberghang neu geordnet wurde. Sæwulf sah 1102/03 eine Gebetsstätte am Ort, wo Petrus, Jakobus und Johannes schliefen, und etwas hangaufwärts eine Gebetsstätte, wo Jesus Christus betete. Der Ausdruck „Gebetsstätte“ (oraculum) deutet darauf, dass es noch keine Kirchengebäude gab. mini|Innenansicht des Gartens Getsemani und alten Olivenbäumen Wie die Erinnerungslandschaft von Getsemani (ein Blumengarten: hortus floridus) nach Abschluss des Bauprogramms aussah, beschrieb Johannes von Würzburg 1165 n. Chr.: Rechts vom Eingang des Mariengrabs gab es eine Grotte, in der man die drei schlafenden Jünger verortete. „Der Ort aber, wo der Herr gebetet hat, ist von einer neuen Kirche umfasst, welche Kirche des Erlösers heißt, in deren Fußboden drei unbearbeitete Steine herausragen, wie kleine Felsen. Auf diesen, so sagt man, habe Jesus dreimal auf den Knien gebetet.“Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 822 f., Zitat S. 823. Die neue Kirche des Erlösers befand sich an der Stelle der byzantinischen ecclesia elegans, aber etwas südlich versetzt und mit abweichender Orientierung.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 822 f.

Die heute vorhandenen alten Ölbäume im Garten Getsemani wurden wahrscheinlich gleichzeitig im 12. Jahrhundert gepflanzt. Als man die „Kirche des Erlösers“ baute, legte man daneben einen Ölbaumhain neu an.Mauro Bernabei: The age of the olive trees in the Garden of Gethsemane. In: Journal of Archaeological Science 53 (2015), S. 43–48. (PDF)

Spätmittelalter und Frühe Neuzeit Das Ende des Kreuzfahrerreichs bedeutete auch das Ende für Kirche und Grotte von Getsemani; die Pilger besuchten aber weiterhin den Olivenhain. Übrig blieben außer den Bäumen eine profanierte und als Stall genutzte Grotte, ein „Felsen der Apostel“ sowie eine Säule, die wahrscheinlich von der byzantinischen ecclesia elegans stammt. 1392 erwarb die franziskanische Kustodie die Grotte, und danach vollzog die abendländische Getsemani-Tradition einen Wechsel, den die griechisch-orthodoxe, die russisch-orthodoxe und die armenische Kirche nicht übernahmen. In der Grotte erkennt man noch Reste der kreuzfahrerzeitlichen Ausmalung (einen Sternenhimmel) und eine sekundäre, erstmals 1626 erwähnte Pilgerinschrift, die die neue Tradition der Lateiner dokumentiert: hier habe Jesus Christus Blut geschwitzt und darum gebetet, dass der Kelch an ihm vorübergehe.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 822 f., 824–829 f.

Heutige Anlage 400px|mini|Lageplan, heutige Situation. Von links nach rechts: Mariengrab, Grotte des Verrats, Olivengarten, Kirche aller Nationen (über byzantinischen und kreuzfahrerzeitlichen Vorgängerbauten) Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Lokalisierung biblischer Orte in Palästina von Bibelwissenschaftlern, Historikern und Palästinaforschern untersucht. Für die franziskanische Kustodie des Heiligen Landes bedeutete das, die Authentizität der von ihr verwalteten Stätten zu belegen und zugleich Anstrengungen zu unternehmen, um weiterhin als die Hüterin aller relevanten christlichen Heiligtümer wahrgenommen zu werden. Als der franziskanische Archäologe Barnabas Meistermann 1909 einen Teil der kreuzfahrerzeitlichen „Kirche des Erlösers“ ausgrub und vorschlug, dass sich die alte Ortstradition des einsamen Gebets Jesu auf ein Gelände südlich des Olivenhains beziehe, wurde diese These vom damaligen Kustos Roberto Razzoli als „gewagte“ Vermutung und modernistischer Traditionsbruch bekämpft.Masha Halevi: Contested Heritage: Multi-Layered Politics and the Formation of the Sacred Space – The Church of Gethsemane as a Case Study, 2015, S. 1035–1037. Sein Nachfolger, Ferdinando Diotallevi (Kustos 1918–1924), akzeptierte die Verlagerung. Die heiligen Stätten Grotte und Garten, nur etwa 100 m voneinander entfernt, tauschten also Anfang des 20. Jahrhunderts die Zuweisung an neutestamentliche Szenen:

Grotte: bisher Ort des Gebets Jesu, jetzt neu „Grotte des Verrats“; Garten: bisher Schauplatz von Verrat und Verhaftung Jesu, jetzt neu Ort seines Gebets. hochkant|mini|Säule des Verrats