Göttingerode [] (von altsächsisch Gotingeroth; gelegentlich mit Vorsatz: Siedlung Göttingerode, Oker-Mundart Jettchenrue) ist ein Ortsteil der niedersächsischen Stadt Bad Harzburg am Nordrand des Harzes.

Der Ort wurde 1935 als Bergarbeitersiedlung für die Eisenerzgrube Hansa auf dem Gebiet der Gemeinde Harlingerode gegründet und fiel 1972 mit der Gebietsreform an die Stadt Bad Harzburg. Der Name des Ortes leitet sich von der nahegelegenen Wüstung Göttingerode ab. Von überregionaler Bedeutung ist der einstige Kalksteinbruch Langenberg an der Grenze zu Harlingerode durch seine Beispielhaftigkeit für die Nordharzrandverwerfung und den Fund des Europasaurus holgeri.

mini|Blick vom Großen Burgberg auf Göttingerode

Geographie In der Statistik werden Göttingerode 135 Hektar – genauer, die Harlingeröder Feldmark südlich des Langenbergs als Flur zugewiesen. Durch die geologisch markante Position zwischen dem Hochgebirge des Harzes und der unmittelbaren Vorlandschaft ist Göttingerode geologisch außergewöhnlich gut untersucht.

Lage und Nachbarorte Göttingerode liegt nordwestlich des Bad Harzburger Kernbereichs in einer Tallage zwischen dem Langenberg im Norden, Oker und Tönneckenkopf im Westen, dem Goldberg im Süden und Schlewecke im Osten.

Der Ausblick auf den Kalksteinbruch Langenberg ist neben dem Harz ein markantes Merkmal der Göttingeröder Landschaft.

Geologie und Gewässer mini|Naturschutzgebiet Tönneckenkopf–Röseckenbach im Westen Die Böden in Göttingerode sind geologisch von Kahleberg-Sandstein aus dem Keuper im Süden geprägt, während jurassischer Kalkstein prägend für den nördlichen Teil der kleinen Gemarkung ist. Die Nordharzrandverwerfung, die zugleich die Grenze zum Norddeutschen Tiefland darstellt, beginnt südlich des Tönneckenkopfes, der sich durch Muschelkalk auszeichnet. Aus dem Harz fließen mehrere Bäche ein, von denen die nach Nordosten in die Radau fließende Gläsecke und der nach Nordwesten in die Oker fließende Röseckenbach von größter Wichtigkeit sind.

Die ehemaligen oolithischen Eisenerzvorkommen wurden bis 1960 weitestgehend abgeteuft, sie wurden im Norden des Ortsgebiets von der Grube Hansa abgebaut und unter anderem an die in Westerode liegende Mathildenhütte abtransportiert.

Biotope und Naturschutz Westlich von Göttingerode liegt das Naturschutzgebiet Tönneckenkopf–Röseckenbach, das die Flussaue des Röseckenbachs und das Areal des Tönneckenkopfs umfasst und durch zwei Feldwege erschlossen ist. Im Norden hat Göttingerode zudem Anteil am Naturschutzgebiet Östlicher Langenberg, das durch eine Vielzahl an Pfaden nach Harlingerode und Schlewecke betretbar ist.

Wie auch die wirtschaftlich sehr ähnlich aufgebauten Nachbarorte Oker und Harlingerode sind die Göttingeröder Böden stark durch Schwermetalle (insbesondere Zink, Blei, Arsen und Cadmium) belastet, jedoch wird in der Gemarkung keine Landwirtschaft betrieben. Weite Teile des Langenbergs sind durch die Bergbauvergangenheit abgesperrt; dies betrifft den Kalksteinbruch Langenberg, die ehemalige Grube Hansa und den „zweiten Steinbruch“, der unmittelbar nördlich des Hansawegs und östlich der Kreisstraße gelegen ist.

Geschichte mini|Göttingeröder Feldmark im Jahre 1910, vor der Ortsgründungheutiges Ortsgebiet in hellrot

Zugehörigkeit Göttingerodes

Vorgeschichte Für Göttingerode ist ein Fund aus der Jungsteinzeit belegt. Auf dem Flurstück Auf dem Brande wurde ein stark verwitterter Teil einer Schuhleiste gefunden.

Ortsname In der Ersterwähnung 1163 wird der Ort als Gotingeroht bezeichnet. Weitere Nennungen des Ortes sind:

1181: Gothincheroth 13. Jahrhundert: Gottingerodde 1461/1470: Göttingerode

Der heutige Ortsname reflektiert den Sprachstand gegen Ende des 15. Jahrhunderts, als Alt-Göttingerode das letzte Mal als rezenter Ort erwähnt wird. Bezeichnungen als Wüstung/Flurname sind:

1578: Göttingeroda („Wischen in Göttingeroda“) 1607: Gottingerode („Wischenplatz ben Gottingerode gelegen“)

Der Name Göttingerode kann auf eine Kurzform Godo zurückgeführt werden, die Kurzform von Godemar. Die Endung -ingerode ist im Raum Bad Harzburg sehr verbreitet und bezieht sich hier auf die altsächsischen Rodungen am Harzrand während des Hochmittelalters. Das im benachbarten Landkreis Harz gelegene Dorf Göddeckenrode basiert auf derselben Urform Gotingeroth.

Im Laufe der Zeit traten weitere mundartliche Verschleifungen auf, von Gotingerode über Gottgerode, Göddekenrode hin zu Jettgerode/Götjenrode. Der Sprachstand Göttingerode kristallisierte sich nach einer Präferenzphase für Gottingerode im 20. Jahrhundert aus und wurde letztendlich auch für die Neugründung offiziell gewählt.

Alt-Göttingerode mini|Landschaft bei Göttingerode, 2011 Südwestlich des heutigen Ortskerns befindet sich die Wüstung Alt-Göttingerode (Koordinaten: ). Wie auch für die anderen Rodungsorte in der unmittelbaren Umgebung ist davon auszugehen, dass Alt-Göttingerode zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert gegründet wurde. Es handelte sich um eine relativ bedeutungslose Siedlung in der Größe eines Weilers oder Hofes. Zwischen 1163 und 1468 wird Göttingerode in sieben Urkunden erwähnt. Da ab 1510 Göttingerode nicht mehr unter den Orten des Amtes Bad Harzburg genannt wird, ist davon auszugehen, dass die Siedlung im ausgehenden 15. Jahrhundert aufgegeben wurde.

Zwischenperiode Nach dem Wüstfall von Alt-Göttingerode verblieb zunächst die alte Göttingeröder Dorfkirche in der Landschaft über; sie wurde zur Untermauerung einer Ziegelhütte in Oker abgebrochen. Im Laufe der Jahrhunderte verschwanden sämtliche Spuren der alten Siedlung. Einzig die Anordnung der Stadtstiege und einige Flurnamen erinnerten noch an die Existenz des Dorfes und retteten sogleich die Ortsbezeichnung bis ins 20. Jahrhundert.

Die alte Feldmark wurde zunächst von Schlewecke und Harlingerode als gemeinsame Weide beansprucht, bevor zwischen beiden Dörfern ein heftiger Streit um das Territorium entbrannte, der letztendlich zugunsten von Harlingerode ausfiel. Für 1680 ist im Siedlungsbereich von Göttingeroder erstmals ein Forsthaus dokumentiert. Es war ursprünglich als Jägerhaus vorgesehen und wurde 1830 zum Okerforsthaus umgewidmet.

Neugründung mini|Hunt der Grube Hansa am Stadtstieg In den Harzer Hüttengebieten wurde das Rammelsbergprojekt in den Vierjahresplan der NSDAP mit einbezogen. Damit einher ging eine Verstärkung der Aktivitäten im Raum Harzburg: Die Zinkhütte Harlingerode wurde ab 1935 errichtet und die schon 1865 gegründete Grube Hansa nahm wieder ihren Betrieb auf. Unter Göttingeröder Boden befanden sich zu dieser Zeit rentable Eisenerzvorkommen.

Im Jahre 1934 genehmigte der Freistaat Braunschweig daher die Wiedergründung von Göttingerode an der heutigen Position. Am 21. März 1935 erfolgte durch den braunschweigischen Minister Friedrich Alpers die Grundsteinlegung und bis 1937 wurde die Ortschaft als nationalsozialistische Mustersiedlung auf der Dammwiese, einer Flur auf dem Gebiet der damaligen Gemeinde Harlingerode, errichtet. Vorgesehen war der Bau von etwa 220 Häusern und mehreren Geschäften für den täglichen Bedarf. Das Wohnkonzept wurde von der in Oker gelegenen Adenbergsiedlung übernommen: Einfamilienhäuser wurden mit Stall und Garten angelegt, um eine Eigenversorgung mit Lebensmitteln (Subsistenzwirtschaft) zu ermöglichen. Das Straßennetz wurde den Flurstücken folgend in Nord-Süd-Ausrichtung aufgebaut, eine Ost-West-Verbindung ist nur unvollständig über die Straßen Querstraße/Am Markt/Brandweg gegeben und orientiert sich am Dorfgemeinschaftshaus. Die Nordbegrenzung bildet der nach der Eisenerzgrube benannte Hansaweg, der unmittelbar an die freien Flurstücke des Langenbergs grenzt.

In der Anfangsphase war noch unklar, wie die Siedlung benannt werden sollte. Noch 1937, wenige Jahre nach der Gründung, wird sie nur beiläufig mit dem Namen Göttingerode assoziiert:

In einer ersten, bis 1937 dauernden Werbeaktion wurden arbeits- und mittellose Bergleute aus dem Mansfelder Land angeworben, um sich in Göttingerode niederzulassen. Dazu wurde ihnen von dem Konsortium Krupp-Hoesch (Harz-Lahn-Erzbergbau GmbH) ein Arbeitgeberdarlehen gewährt, das ihnen die Errichtung eines Siedlungshauses im Fachwerkstil mit einem Eigenanteil von 60 bis 70 % erlaubte.Alfred Breustedt: 950 Jahre Harlingerode. 1053–2003. S. 88. Dafür waren die Gebäude an das Unternehmen gebunden und etwaige Umbauten bedurften der vorherigen Genehmigung. Weitere Einwohner kamen aus den benachbarten Ortschaften Bündheim, Harlingerode, Immenrode, Lochtum, Oker, Schlewecke und nicht zuletzt der heutigen Kernstadt.Philipps-Universität Marburg: Deutsche Dialektgeographie. Band 68. 1963. S. 13. Der Grundaufbau wurde im Jahre 1937 abgeschlossen.

Die Anfangsjahre in Göttingerode waren schwierig, da den Einwohnern das nötige Eigenkapital zur fachgerechten Erschließung ihrer Parzellen fehlte. Das Gewerbe beschränkte sich in den 1930er-Jahren auf einen Bäcker, einen Fleischer und einen Einzelhandelskaufmann. Durch ihre Position gegenüber dem Dorfgemeinschaftshaus erhielt diese Gegend die Bezeichnung „Am Markt“, die bis heute für den Kindergarten verwendet wird.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 ließ das sich einigermaßen entwickelnde Sozialleben in Göttingerode zusammenbrechen. Ein Kriegsgefangenenlager der Forstwirtschaft wurde eingerichtet.Goslarsche Zeitung: . 16. Februar 2019, abgerufen am 18. Februar 2019. Unter anderem saß hier Wilhelm Baumgarten ein, der in der Ortschaft auch als Rektor der Haupt- und Grundschule tätig war.

Die heutige L 501 wurde im Juni 1939 südlich der Ortslage als Reichsstraße 6 offiziell eröffnet und ersetzte verkehrlich den alten Verlauf der Bundesstraße über die heutige K 70 (Landstraße/Breite Straße) in Harlingerode und Schlewecke.

Anfangsjahre mini|Der Kalksteinbruch Langenberg, bis 1985 im Abbaubetrieb Nach dem Krieg war Göttingerode besonders schwer von strukturellen Problemen gezeichnet, sodass es in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst mit gewissem Galgenhumor als „Hungersdorf“ und „Elendsdorf“ seinen Ruhm fand. Im Zuge der Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950 wurde als vorerst letztes Bauprojekt die Hüttenstraße mit etwa dreißig Wohneinheiten errichtet. Es wurden hier teilweise gezielt schlesische Bergarbeiter angeworben, die in der Grube Hansa neue Arbeit fanden.

Die Produktionssteigerungen der Zinkhütte Harlingerode infolge des Koreakriegs Anfang der 1950er-Jahre führten zu einer Steigerung der Schadstoffemissionen. Diese fielen als Niederschlag auf die Obst- und Gemüsegärten der Haushalte, die dadurch größtenteils ungenießbar wurden. Dem Schadstoffproblem wurde durch die Erhöhung mehrerer Schornsteine bedingt Rechnung getragen.

Viele Einwohner fühlten sich in den 1950er-Jahren ihrem Gemeindesitz Harlingerode gegenüber finanziell benachteiligt, und auch in Harlingerode selbst stand Göttingerode in keinem guten Licht: Man nahm die Ortschaft als Fremdkörper im Gemeindegebiet war, auf Niederdeutsch wurden die Siedler spöttisch als „Jai hindern Barje“ (die hinterm Berg) bezeichnet. Die Wahl des Bürgermeisters Wilhelm Baumgarten wurde zunächst aufgrund seiner Göttingeröder Herkunft kontrovers diskutiert. Eine Annäherung erfolgte erst durch kommunalen Beistand während des Streits um die Harz-Lahn-Bergbau GmbH und die vielseitigen Restaurationsmaßnahmen speziell ab 1960.