miniatur|Plan des römischen Camoludunum Camulodunum ist der lateinische Name von Colchester, der ältesten römischen Stadt in Britannien. Camulodunum war zunächst Hauptort des keltischen Stammes der Trinovanten. Nach der Eroberung Britanniens durch die Römer wurde der Ort Hauptstadt der neuen Provinz und römische Kolonie, verlor diese Rolle jedoch schon früh an Londinium. Die Kolonie trug den Namen Colonia Victrix. Die keltische Siedlung Camulodunum lag etwas südlich davon und bestand neben der Kolonie in römischer Zeit weiter.

Das keltische Oppidum Camulodunum ist die latinisierte Form des Namens des ursprünglich keltischen Oppidums. Der Name bedeutet in etwa Festung des Camulos, wobei es sich bei Camulos um den keltischen Kriegsgott handelte. Der Historiker Cassius Dio nennt den Ort Basileion, einen Verwaltungssitz oder eine Residenzstadt. Zur Zeit der römischen Invasion war diese Stadt das politische und kulturelle Zentrum des mächtigsten Keltenstammes in Südbritannien, der Trinovanten, Sitz des Cunobelinus, ihres letzten Herrschers. Vier Monate nach der Invasion schloss der Befehlshaber der römischen Okkupationsarmee, Aulus Plautius, die Stadt ein. Kurz vor ihrer Einnahme landete Kaiser Claudius in Britannien und befehligte persönlich den Sturm auf die Stadtbefestigungen. Nachdem sich ihre Verteidiger ergeben hatten, ritt Claudius auf dem Rücken eines Elefanten in die eroberte Stadt ein.

Bei der keltischen Stadt handelte es sich nicht um eine dicht bebaute Siedlung, sondern um eine lockere Gruppe von Gutshöfen und Bauernhäusern, die auf einem großen Gebiet verteilt lagen. Innerhalb des Gebietes gab es auch Werkstätten. Vor allem im Norden, bei Sheepen, gibt es Belege für Metallverarbeitung und Münzprägungen. Diverse Wallanlagen bildeten ein Befestigungsbollwerk. Zum Siedlungsgebiet gehörten auch diverse Friedhöfe. Bei Stanway und Lexden fanden sich ausgesprochen reich ausgestattete Kammergräber.Crummy: City of Victory, S. 11–28. Bei Gosbecks im Süden standen in römischer Zeit ein Gutshof, Tempel und ein Theater, hier scheint in keltischer Zeit das Zentrum der weitläufigen Siedlungsanlage gewesen zu sein. Bei dem Gutshof mag es sich um den Wohnsitz von König Cunobelinus handeln.

Name der Stadt mini|Statuenbasis des Gnaeus Munatius Aurelius Bassus Der Name der Stadt erscheint in unterschiedlichen Formen in den antiken Quellen. Moderne Autoren nennen die Stadt oftmals einfach Camulodunum, wie es auch antike Autoren tun. Tacitus bezeichnet die Stadt als Camulodunum. Claudius Ptolemäus bezeichnet sie als Camulodunum und als Hauptort der Trinovanten.roman-britain.org: Dieser Name ist aber anscheinend nicht ganz richtig. Eine sehr wichtige, zeitgenössische Quelle zum Namen ist die Basis einer Statue aus Rom, die von Gnaeus Munatius Aurelius Bassus stammt, der im zweiten Jahrhundert lebte und amtierte. Dieser erwähnt, dass er den Census der römischen Bürger in der Colonia Victricensis, die in Britannien bei Camulodunum liegt, beaufsichtigte. Die keltische Stadt Camulodunum war demnach in Rom ein Begriff, während der Name der Kolonie Colonia Victricensis weniger bekannt war.Crummy: City of Victory, S. 52. Antike Autoren waren demnach nicht so vertraut mit der Geographie der Region und verwechselten die Kolonie mit der keltischen Stadt.

Die römische Provinzhauptstadt mini|Plan der antiken Stadt Nach der römischen Eroberung wurde nahe der Stadt um 43–44 n. Chr. ein Legionslager eingerichtet, in der die Legio XX Valeria Victrix mit Auxiliartruppen untergebracht wurde.Claude Lepelley (Hrsg.): Rom und das Reich in der Hohen Kaiserzeit. Bd. 2: Die Regionen des Reiches. de Gruyter, München 2001, ISBN 3-598-77449-4, S. 217. Die Legion wurde jedoch schon im Winter 48–49 n. Chr. von Publius Ostorius Scapula nach Glevum (Gloucester) umquartiert und die Befestigungen in Camulodunum geschleift.Sheppard Sunderland Frere: Britannia: a history of Roman Britain. Routledge, 1987, ISBN 978-0-7102-1215-3, S. 72. Das Gelände des verlassenen Lagers wurde als Veteranenkolonie Colonia VictrixDer Name ist nicht eindeutig überliefert; möglich ist auch Colonia Claudia Victrix oder Colonia Claudia Victrix Augusta, eher unwahrscheinlich ist Colonia Victricensis. Vgl. Lawrence J. F. Keppie: Legions and veterans: Roman army papers 1971–2000 (= Mavors. Roman Army Researches, Band 12), Steiner, Stuttgart 2000, ISBN 978-3-515-07744-6, S. 304. weitergenutzt.John Stewart Wacher: Coming of Rome (Britain Before the Conquest). Routledge, 1979, ISBN 978-0-7100-0312-6, S. 74.

Die neue Stadt wurde nach einem Plan mit sich rechtwinklig kreuzenden Straßen angelegt, der im Großen und Ganzen dem Plan des Legionslagers folgt. Baracken wurden in Wohngebäude umfunktioniert. Die alten Wälle des Lagers wurden eingerissen und die Gräben zugeschüttet. Im Osten der Stadt, in einem neu eingerichteten Stadtteil, wurde ein Tempel des Claudius als Kaiserkultzentrum errichtet.

Daneben besaß die Stadt auch andere wichtige öffentliche Gebäude, wovon bisher nur ein Theater und ein Triumphbogen lokalisiert wurden. Vor allem der Tempel des Kaiserkultes lässt vermuten, dass die Stadt den Status der Provinzialhauptstadt Britannien einnahm. Ein Forum konnte bisher nicht mit Sicherheit lokalisiert werden. In vielen vergleichbaren Orten ist das Hauptquartier (Principia) eines Militärlagers in ein Forum umgewandelt worden. Das kann auch hier vermutet werden, bewiesen ist es bisher nicht.Crummy: City of Victory. S. 57.

Der Boudicca-Aufstand Im Jahr 60/61 n. Chr. kam es in der jungen Provinz zu dem Aufstand der Boudicca, in dessen Verlauf das unbefestigte Camulodunum als erste Stadt verwüstet wurde. Der Historiker Tacitus hat von den Ereignissen berichtet.Tacitus, Annales 14,29–39 (englische Übersetzung). Der Hass richtete sich zunächst vor allem gegen die Veteranen, die ja erst kürzlich in der Stadt angesiedelt worden waren. Auch der Tempel des Claudius war Ziel des Hasses, da er als „Zitadelle der Tyrannei“ betrachtet wurde. Tacitus berichtet, dass die Stadt unbefestigt war. Ein Standbild der Victoria soll nach hinten umgefallen sein. Dies wurde als böses Omen gedeutet. Die Bewohner der Stadt baten den Prokurator Catus Decianus um Hilfe, der aber nur 200 schlecht bewaffnete Mann zur Hilfe sandte. Als die Briten schließlich angriffen, konnten sie die ganze Stadt problemlos einnehmen, plündern und niederbrennen. Nur der Tempel hielt länger stand. Hier hatten sich die Soldaten verschanzt. Nach zwei Tagen Belagerung fiel aber auch er. Archäologische Ausgrabungen haben überall in der Stadt Zerstörungsspuren zu Tage gebracht. Zu den bemerkenswertesten Funden gehört der Fenwick Treasure. Es handelt sich um zahlreiche Schmuckstücke, die vielleicht einer wohlhabenden Frau gehörten. Der Schatz wurde kurz vor der Plünderung vergraben, offensichtlich um ihn vor den Feinden zu schützen, wurde aber nie wieder gehoben. Der Schatz besteht aus drei goldenen Armbändern, einer Silberkette, zwei Silberarmreifen, einem Silberarmband, einem Beutel mit Münzen und einer kleinen Truhe mit zwei Paar Ohrringen und vier Fingerringen.The Fenwick Treasure at Williams & Griffin!, in: The Colchester Archaeologist (3 September 2014) (abgerufen am 9. Oktober 2021). Ein anderer bemerkenswerter Fund sind die Reste einer Matratze, die auf dem Boden eines Zimmers lag und deren Abdruck und Musterung noch gut erhalten waren.Crummy: City of Victory, S. 80–81.

Nach dem Boudicca-Aufstand wurden Veteranen der Legionen XIIII Gemina Martia Victrix und XX Valeria Victrix im zerstörten Camulodunum angesiedelt und bauten die Stadt wieder auf.Anthony R. Birley: The Roman government of Britain. Oxford University Press, 2005, ISBN 978-0-19-925237-4, S. 49. Die Provinzialverwaltung wurde jedoch nach London (Londinium) verlegt.

Zweites und drittes Jahrhundert In den folgenden Jahren erlebte Camulodunum seine eigentliche Blütezeit, obwohl es nie wieder eine bedeutende politische Rolle spielen sollte. Die Stadt wurde um 80 bis 100 n. Chr. nochmals erweitert und erhielt in dieser Zeit auch eine Stadtmauer. Obwohl für eine heute noch bewohnte Stadt relativ viel ergraben wurde, so fehlen doch noch viele öffentliche Gebäude. Nur die Standorte des Theaters und des neu erbauten Tempels des Kaiserkultes sind bekannt. Bisher fehlen jegliche Hinweise auf ein Forum, von Thermen sind in den letzten Jahren Reste lokalisiert worden. Stattdessen wurden zahlreiche Peristylhäuser gefunden, die reich mit Mosaiken und Wandmalereien ausgestattet waren. Im Norden und Osten konnten außerhalb der Stadtmauern Vorstädte festgestellt werden. Hier lagen auch umfangreiche Friedhöfe mit teilweise aufwändigen Grabbauten.

Wirtschaft mini|Terra Sigillata aus Camulodunum mini|Topfscherbe mit dem Vermerk: FAL LOLL Camulodunum war ein wichtiges Töpfereizentrum. Verschiedene Töpferöfen sind in der Stadt gefunden worden. Die Stadt ist einer der wenigen Orte in Britannien, in dem Terra Sigillata produziert wurde. Wahrscheinlich kamen Handwerker in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in die Stadt und richteten dort eine Werkstatt ein, von denen auch eine ausgegraben werden konnte. Terra Sigillata war schwieriger als einfache Keramik herzustellen. Dekorierte Gefäße sind in Formen gearbeitet worden, während der Sockel später angefügt wurde. Die Keramik benötigte auch besondere Brenntechniken, da vor allem die Temperatur genau kontrolliert werden musste. Bei Ausgrabungen in der Stadt fanden sich über 400 Fragmente von Formen. Überraschenderweise war die Produktion in der Stadt jedoch kommerziell nicht sehr erfolgreich. Von 1228 Terra Sigillata-Fragmenten, die sich bei jüngsten Ausgrabungen fanden, stammen nur 5 Scherben aus der lokalen Produktion.Crummy: City of Victory, S. 109–110. Dies mag an der nicht so guten Qualität des Tons in der Region liegen, der deshalb vielleicht importiert werden musste und deshalb die Produktion nicht sehr lukrativ machte.Wacher: Towns of Roman Britain, S. 128.

Neben der Terra Sigillata produzierte die Stadt noch zahlreiche weitere Töpferwaren und kann als ein Hauptzentrum der Keramikproduktion in Britannien bezeichnet werden. Viele Töpferwaren aus der Stadt wurden an diverse Festungen an den Hadrianswall exportiert. Vor allem Mortaria aus Camulodunum, grobe Schalen zur Lebensmittelverarbeitung, fanden sich dort.Crummy: City of Victory, S. 109. In Camulodunum wurde auch Ware im Barbotine-Stil produziert. Dabei wurden Figuren auf die Oberfläche der Gefäße mit Schlick moduliert. Als Meisterwerk dieser Produktion gilt die Colchester Vase, auf deren Außenwände Gladiatoren beim Kampf zu sehen sind. Es ist allerdings umstritten, ob genau diese Vase aus Camulodunum oder Gallien stammt.Crummy: City of Victory, S. 110.

Es gibt auch Belege für Glasverarbeitung. Bei Ausgrabungen fanden sich einige Reste von Abfällen, die bei der Glasproduktion entstehen, sowie Fragmente, die vielleicht von einem Glasbarren stammen. Diese Belege sind nicht sehr zahlreich, reichen aber aus, eine Glasproduktion in geringen Rahmen zu belegen. Die Glasabfälle fanden sich an verschiedenen Orten bei Ausgrabungen und können deshalb nicht mit Sicherheit einem bestimmten Haus zugeordnet werden.H. Cool in: P. Crummy: Colchester Archeologigal reports 6, S. 118.

Zahlreiche Funde belegen einen lebhaften Handel mit anderen Teilen des römischen Reiches. Auf einer Scherbe aus der Stadt findet sich die kurze Inschrift FAL LOLL. FAL steht für Falerner Wein, der in der Kampagne in Italien angebaut wurde und in der Antike sehr beliebt war. Lollius ist der Name des Weinexporteurs, der aus anderen Quellen jedoch nicht mit Sicherheit bekannt ist.P. R. Sealey and G. M. R. Davies: Falernian Wine at Roman Colchester, in: Britannia 15 (1984), S. 250–254.

Bauten Der Tempel des Claudius