mini|hochkant=1|Unitäts-Logo an der Kirche der Brüdergemeine in Nieuw-Amsterdam (Suriname): VICIT AGNUS NOSTER, EUM SEQUAMUR – „Unser Lamm hat gesiegt, lasst uns ihm folgen“.

Die Herrnhuter Brüdergemeine (oft auch lateinisch Unitas Fratrum; Evangelische oder Erneuerte Brüder-Unität, englisch Moravian Church) ist eine auf die böhmische Reformation (Böhmische Brüder) und den vom Pietismus beeinflussten Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf zurückgehende internationale Kirche. Als Gründungsjahr gilt zum einen 1457 (Georg von Podiebrads Übergabe des Guts Kunwald an die Petr-Chelčický-Brüder), zum anderen 1727 (Ausarbeitung der Statuten für die Glaubensflüchtlinge in der Siedlung Herrnhut durch Zinzendorf). Nach Hedwig Richter gilt die Herrnhuter Brüdergemeine „als die bedeutendste Gemeinschaft, die der Pietismus hervorgebracht hat“.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-37007-0.

Es gibt in vielen Ländern Gemeinden und Freundeskreise, die aus der sehr aktiven Missionsarbeit der Herrnhuter Brüdergemeine und ihrer Tochtersiedlungen in den vergangenen Jahrhunderten entstanden sind. Heute hat die Unitas Fratrum weltweit über 1.000.000 Mitglieder (im Sprachgebrauch der Herrnhuter Gemeinmitglieder genanntVgl. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 32.), davon mehr als die Hälfte in Tansania.

Vier von der Brüdergemeine gegründete und nach deren städtebaulichen Vorstellungen einheitlich gestaltete Siedlungen wurden am 26. Juli 2024 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen: Christiansfeld in Jütland (bereits seit 2015 Welterbe), Bethlehem in Pennsylvania, Gracehill in Nordirland und Herrnhut in Sachsen.

Geschichte Vorgeschichte: Böhmische Brüder mini|Karte der Markgrafschaft Mähren (aus der Böhmische Brüder 1722 nach Kursachsen flüchteten).

Nach der Verbrennung des bedeutenden böhmischen Reformators Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz im Jahre 1415 spalteten sich die nach ihm benannten Hussiten in zwei Parteien, die pragmatischen Kalixtiner oder Utraquisten und die radikalen Taboriten. Zunächst konnten sich diese reformatorischen Gruppen mit der damals üblichen Fremdbezeichnung Böhmische Brüder bzw. der Eigenbezeichnung Unitas Fratrum (Brüder-Unität) behaupten. Jedoch versuchte die böhmisch-luxemburgische Königsdynastie, die Hussiten aus Kirchen- und Staatsämtern auszuschließen, was zu heftigen Unruhen führte und schließlich mit der Kreuzzugsbulle von Papst Martin V. vom März 1420 in die Hussitenkriege mündete. Die in Böhmen und den angrenzenden Ländern wütenden Kämpfe führten ab 1434 zum Untergang der Taboriten, während sich die Utraquisten auf Grundlage der vom Konzil von Basel bestätigten Prager Kompaktaten in Böhmen als Mehrheitskirche etablieren konnten.

Der Prediger und Theologe Petr Chelčický war ein Anhänger von Jan Hus. Nach dessen Tod zerstritt er sich theologisch mit Hus’ Nachfolger als Prediger an der Bethlehemskapelle in Prag, dem Utraquisten Jakobellus von Mies, der die These vertrat, dass man das Gotteswort rechtens auch mit dem Schwert verteidigen dürfe. Diese These nahmen auch die Taboriten an und begründeten damit ihre militaristischen Züge. Petr Chelčický jedoch lehnte jede Gewalt ab. Seit 1420 zurückgezogen auf seinem Gut in Südböhmen lebend, entwickelte Chelčický in diversen Traktaten und Abhandlungen in alttschechischer Sprache, beeinflusst von John Wyclif, eine radikal pazifistische Vision des Christentums. Er erstrebte eine Rückkehr zum Urchristentum, postulierte die Gleichheit aller Christen, rief zu freiwilliger Armut auf und lehnte das Mönchtum, den Kriegsdienst und den Eid ab. Er kritisierte die damalige ständische Gesellschaftsordnung der Grundherrschaft und Erbuntertänigkeit. König Georg von Podiebrad übergab seiner Anhängerschaft, den Petr-Chelčický-Brüdern, 1457 das Gut Kunwald als Wohnsitz. Jedoch entschloss sich Georg (selbst der einzige utraquistische König von Böhmen) bald, gegen die Brüder gewaltsam vorzugehen, um seine politischen Ziele zu erreichen. Trotz mancher Verfolgung wuchs die Zahl der Anhänger weiter an, so dass diese sich 1467 eine Ordnung mit Priestern und einem Bischof gaben.

Nach dem Tod des Bischofs Matthias von Kunwald im Jahr 1500 richtete sich gegen die Vertreter der strengen Grundsätze (die Kleine Partei) bald eine Gruppe, die eine Abkehr vom moralisierenden und separatistischen Kurs wollte, die sogenannte Große Partei oder Brüderunität (Unitas fratrum). Statt eines Bischofs bestand die oberste Leitung der Brüderunität nun aus einem Rat von vier Senioren. Einer dieser vier Senioren, Lukas von Prag, verpflichtete die Brüderunität auf die Übernahme von sozialer Verantwortung; er gilt heute neben Chelčický als ihr zweiter Begründer.Jindřich Halama: Die Alte Brüder-Unität. In: Matthias Meyer, Peter Vogt (Hrsg.): Die Herrnhuter Brüdergemeine (Evangelische Brüder-Unität / Unitas Fratrum) (= Die Kirchen der Gegenwart. 6). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, ISBN 978-3-525-82552-5, S. 15–27. Die Kleine Partei existierte noch ungefähr 50 Jahre neben der Brüderunität, bis sie um etwa 1550 verschwand. Martin Luther, der mehrfach mit dem Bischof Jan Augusta verhandelte, konnte sie aber nicht auf seine Seite ziehen, da sie auf dem Zölibat des Klerus, den sieben Sakramenten und der eucharistischen Lehre nach katholischem Glauben und apostolischer Tradition bestand. Nach dem Schmalkaldischen Krieg wurde die Brüderunität in Böhmen verfolgt und verlagerte ihren Schwerpunkt nach Mähren.

Mit der Confessio Bohemica im Jahr 1575 wurde ein Vergleich der Brüder mit den Lutheranern, den Reformierten und den Calixtinern erreicht. Aufgrund dessen stellte Kaiser Rudolf II. 1609 den Majestätsbrief aus. Während des 1618 ausgebrochenen Dreißigjährigen Krieges wurden die Brüder in Böhmen fast vollständig vernichtet; sie konnten sich nur noch heimlich versammeln. Ihr Bischof Johann Amos Comenius musste 1628 seine Heimat verlassen. Die Brüder ließen sich unter anderem im polnischen Lissa und im Königreich Ungarn (im heute slowakischen Skalica und Púchov) nieder.

Entwicklung mini|Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf.

Infolge der Gegenreformation Anfang des 18. Jahrhunderts kamen ab 1722 Böhmische Brüder überwiegend aus Mähren auf das Gut von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) im Oberlausitzer Ort Berthelsdorf. Außerhalb des Dorfes gründeten sie unter Führung von Christian David die Siedlung Herrnhut. Graf Zinzendorf, der sich dort 1725–27 ein auch als „Herrschaftshaus“ bezeichnetes Palais errichtet hatte, musste bald Konflikte schlichten, die zwischen dem lutherischen Ortspfarrer Johann Andreas Rothe und den Siedlern ausgebrochen waren. Gemeinsame Einsicht zur Buße, Umkehr, Versöhnung und eine Abendmahlsfeier am 13. August 1727 beschloss die zweite Gründungsphase der Herrnhuter Brüdergemeine. Zinzendorf, Rothe und David arbeiteten danach die sogenannten Herrnhuter Statuten aus, in denen die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Siedlung, aber auch die geistlichen Regelungen für die neue Gemeinschaft festgelegt wurden.Dietrich Meyer: Die erneuerte Brüder-Unität und ihre Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg. In: Matthias Meyer, Peter Vogt (Hrsg.): Die Herrnhuter Brüdergemeine (Evangelische Brüder-Unität / Unitas Fratrum) (= Die Kirchen der Gegenwart 6). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, ISBN 978-3-525-82552-5, S. 28–56, hier S. 30–32. Im Februar 1728 versammelten sich 150 Brüder und Schwestern auf dem ersten sogenannten Gemeintag, um sich mit dem Thema der weltweiten Mission auseinanderzusetzen. Als Folge wurde eine Art Missionsschule eingerichtet, die vier Räume umfasste und für 26 unverheiratete junge Männer diente, die nach der Alltagsarbeit in Sprache, Schrift und Medizin ausgebildet wurden.Paul Neustupny: Merkmale der Missionstätigkeit der Mährischen Brüder, Go-East-Mission.net. (26. September 2021, tschechisch, Stand 4. September 2024).

Schon in den nächsten Jahren entschloss sich die Gemeinschaft, ihren neu gestärkten Glauben weltweit zu verkündigen. Dazu wurde Kontakt mit dem dänischen Königshaus aufgenommen; 1732/33 wurden die ersten Missionare nach Saint Thomas in der Karibik (Neu-Herrnhut) und nach Grönland (Noorliit) ausgesandt. 1736 kam es zur Verbannung Zinzendorfs aus dem Kurfürstentum Sachsen, da seine Brüdergemeine der lutherischen Orthodoxie zu selbständig geworden war und als Bedrohung der einheitlichen Landeskirche angesehen wurde. 1737 zogen einige Brüder weiter nach Böhmisch-Rixdorf bei Berlin. Zinzendorf fand Asyl bei den Grafen zu Ysenburg und Büdingen auf der Burg Ronneburg in der Wetterau und gründete dort die Gemeinden Marienborn (Grafschaft Ysenburg-Büdingen-Meerholz) und Herrnhaag (1738; Grafschaft Ysenburg-Büdingen-Büdingen). 1737 wurde er (wie 1735 schon David Nitschmann) durch den reformierten Hofprediger Daniel Ernst Jablonski in Berlin, der zugleich Bischof der polnischen Brüder-Unität war, zum Brüderbischof ordiniert. Die polnische Unität war durch Sukzession mit der alten böhmisch-mährischen verbunden, deren eigene Bischofssukzession über Johann Amos Comenius hinaus nicht fortgesetzt werden konnte.

Neben der Mission außerhalb Europas, die noch in den 1730er Jahren auch in Suriname, den britischen Kolonien in Nordamerika (Bethlehem (Pennsylvania)) sowie in Südafrika (Genadendal) aufgenommen wurde, wurden die Glaubensgrundsätze auch in Mitteleuropa durch ein dichtes Netz von Freundeskreisen und Tochtergemeinden verbreitet. Bereits 1738 gab es in der ostfriesischen Stadt Norden einen vom Mennonitenprediger Johannes Deknatel initiierten Herrnhuter Hauskreis, aus dem die Herrnhuter Stadtgemeine Norden hervorging. Weitere frühe Gründungen waren die Kolonien Niesky bei Görlitz (1742), Gnadenfrei in Niederschlesien und Neudietendorf bei Gotha (beide 1743), Neuwied (1750) und die Kolonie Kleinwelka in der Oberlausitz (1751/57). Zinzendorf selbst unternahm Missionsreisen in die russischen Ostseegouvernements Estland, Livland, Kurland sowie nach England, Nordamerika und auf die Westindischen Inseln. Auch in den Niederlanden, der Schweiz und Skandinavien entstanden Gemeinden.

Ab 1743 kam es vor allem in Herrnhaag zu einem Überschwang religiöser Gefühle, der – verbunden mit den äußeren Anfeindungen und finanziellen Problemen – die Brüdergemeine in eine ernsthafte Krise brachte. Erst im folgenden Jahrzehnt konnte die Lage wieder konsolidiert werden. Dazu trug auch die Wiederannäherung an die lutherische Theologie bei, die 1749 zu einer Anerkennung der Confessio Augustana als Bekenntnisgrundlage führte. Damit war auch in Kursachsen wieder eine geordnete Arbeit möglich.Dietrich Meyer: Die erneuerte Brüder-Unität und ihre Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg. In: Matthias Meyer, Peter Vogt (Hrsg.): Die Herrnhuter Brüdergemeine (Evangelische Brüder-Unität / Unitas Fratrum), Göttingen 2020, S. 44–48. Im Schloss Barby war ab 1748 das Theologische Seminar, zeitweilig auch die Kirchenleitung ansässig.