Als Apostelkonvent, Apostelkonzil oder Aposteltreffen wird eine Zusammenkunft der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde mit Paulus von Tarsus und seinen Begleitern etwa im Jahr 48 in Jerusalem bezeichnet. Dort trafen die Beteiligten eine für das Urchristentum zentrale Entscheidung über die begonnene Völkermission: Sie vereinbarten, nichtjüdischen Christen die Beschneidung und damit den Eintritt in das Judentum zu erlassen und ihnen nur einige Tora-Gebote aufzuerlegen. Zudem vereinbarten sie, die Missionierung von Judenchristen und sogenannten Heidenchristen untereinander aufzuteilen und bei letzteren eine Kollekte für die Urgemeinde durchzuführen.

Die beiden Texte des Neuen Testaments (NT) dazu stellen übereinstimmend die beschneidungsfreie Völkermission als Hauptergebnis des Treffens heraus. Jedoch fehlen im Eigenbericht des Paulus () die Tora-Auflagen für nichtjüdische Christen (das sogenannte Aposteldekret oder die Jakobusklauseln), die die ganze Urgemeinde laut als Ergebnis des Treffens beschloss und schriftlich festhielt. Anschließende, im NT überlieferte Konflikte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen verweisen darauf, dass wesentliche praktische Fragen ihres Zusammenlebens beim Aposteltreffen nicht geklärt wurden.

Datierung Die beiden NT-Texte zum Aposteltreffen sind von theologischen Interessen bestimmt: Der um 54 verfasste Brief des Paulus an die Galater (Gal) betont die von der Urgemeinde unabhängige Autorität des Apostels gegenüber Gegnern, die die Beschlüsse des Treffens gebrochen hatten.Friedrich Wilhelm Horn: Das Urchristentum. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament. Eine bibelkundlich-theologische Einführung. (2003) 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, ISBN 978-3-525-03245-9, S. 388–407, hier S. 397 Die um 90 entstandene Apostelgeschichte des Lukas (Apg) beschrieb die urchristliche Missionsgeschichte rückblickend als von Gott gelenkte, bruchlose Ausbreitung des Evangeliums von den Juden zu den Nichtjuden und bis nach Europa.Friedrich Wilhelm Horn: Die Apostelgeschichte. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament, Göttingen 2020, S. 173–195, hier S. 191f.

Im Galaterbrief berichtet ein direkt Beteiligter über das Treffen. Paulus begann mit einem autobiografischen Rückblick (): Nach seiner Berufung zum Völkerapostel (1,15f., das sogenannte Damaskuserlebnis) habe er unabhängig von den Jerusalemer Aposteln in Arabien missioniert und sei dann nach Damaskus zurückgekehrt. „Drei Jahre später“ (1,18) habe er Jerusalem erstmals besucht. Dann sei er durch Syrien und Kilikien gezogen (1,21). „Vierzehn Jahre später“ () habe er Jerusalem mit seinen Mitarbeitern erneut besucht, um die Zustimmung der Urgemeindeleiter zu seiner Missionsarbeit einzuholen. Paulus formulierte beide Zeitangaben parallel, bezog beide auf seine Jerusalembesuche und begründete damit seine von der Urgemeinde unabhängige apostolische Autorität. Darum umfasst die erste Angabe wohl die Zeit von der Berufung bis zum ersten Jerusalembesuch, die zweite die Dauer der nächsten Missionsreise bis zum Aposteltreffen. Die Berufung wird meist auf 33 datiert, weil Paulus die Urchristen ab Jesu Tod (30 oder 31) zunächst verfolgte, bis ihr Glaube sich nach Damaskus verbreitet hatte (Gal 1,13f.; ). Weil die antike Zählweise Anfangsjahr und angebrochenes Jahr mitzählt, umfasst Gal 1,18 zwei, Gal 2,1 nochmals 13 ganze Jahre: Dann besuchte Paulus Jerusalem erstmals im Jahr 35, nochmals 48.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 3. neubearbeitete Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-03299-4, S. 37f.

Dieses Jahr des Treffens ergibt sich auch aus Angaben der Apg, die sich nach römischen Quellen genau datieren lassen: Im Jahr 49 wies Kaiser Claudius die Juden und Judenchristen aus Rom aus (). Damals hielt Paulus sich 18 Monate in Korinth auf, bis der römische Prokonsul Gallio ihn verhörte (). Gallio amtierte ab Sommer 51. Demnach hatte Paulus Korinth bis zum Jahr 50 erreicht. Seine vorherige dritte Missionsreise wird anhand der angegebenen Reisestationen auf eine Dauer von anderthalb bis maximal zwei Jahren geschätzt. Auch deshalb datieren viele Neutestamentler das Aposteltreffen in das Jahr 48.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. Göttingen 1999, S. 33–36 und Fn. 16

Andere Angaben der Apg widersprechen dem Galaterbrief: So reiste Paulus laut direkt nach seiner Flucht aus Damaskus nach Jerusalem (anders Gal 1,17) und besuchte die Stadt laut und vor seiner Missionsreise nochmals (anders Gal 2,1). Diese umfasste laut fünf Landstriche in Kleinasien; Gal 1,21 nennt nur zwei davon. Manche Neutestamentler vermuteten daher, Paulus habe die drei weiteren Landstriche erst nach dem Aposteltreffen und vor dem „antiochenischen Zwischenfall“ bereist, von dem berichtet. Doch im Galaterbrief erscheint die zweite Missionsreise als Anlass des Aposteltreffens (Gal 1,17; 2,1), der Streit in Antiochia mitsamt der Trennung des Paulus von Barnabas als direkte Folge. Darum datierte der Neutestamentler Udo Schnelle beide Ereignisse in das Jahr 48 und schloss eine Missionsreise des Paulus dazwischen aus. Dessen weitere, in der Apg erwähnten Jerusalemaufenthalte seien ein literarisches Gliederungsprinzip des Lukas, um die Paulusmission zu legitimieren und die Einheit des sich ausbreitenden Urchristentums zu betonen.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. Göttingen 1999, S. 38–41

Einige frühere Neutestamentler datierten das Aposteltreffen vor die in geschilderten Ereignisse: Demnach verhaftete König Herodes Agrippa I. mehrere Mitglieder der Urgemeinde und ließ deren Apostel „Jakobus, den Bruder des Johannes“ hinrichten (Apg 12,2). Simon Petrus habe aus der Haft fliehen können und Jerusalem dann verlassen (Apg 12,17). Kurz darauf sei Agrippa verstorben (Apg 12,23). Dies geschah laut dem jüdischen Historiker Josephus im Jahr 44. Weil einen Märtyrertod von Jakobus und Johannes nahelegt, wurde vermutet, Agrippa habe beide zugleich hinrichten lassen. Dann hätte Paulus Johannes und Petrus also nur vorher in Jerusalem antreffen können. Doch Apg 12,2 nennt nur Jakobus als Todesopfer Agrippas und benennt ihn nach seinem Bruder, was dessen gleichzeitige Hinrichtung eher ausschließt. Auch Mk 10,39 belegt diese nicht. Laut traf Paulus beim Aposteltreffen Johannes als eine der drei „Säulen“ der Urgemeinde; sein Bruder bleibt unerwähnt. Johannes kann also nach 44 in den Führungskreis der Urgemeinde aufgerückt, Petrus kann nach Agrippas Tod nach Jerusalem zurückgekehrt sein.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. Göttingen 1999, S. 35f.

Andere begründeten eine Frühdatierung mit : Danach reisten Paulus und Barnabas im Auftrag der Gemeinde von Antiochia zu den Ältesten in Judäa und überbrachten ihnen wegen einer großen Hungersnot eine Spende. Die Reise, so die These, sei schon die Anreise zum Aposteltreffen gewesen, bei dem die Kollekte für die Urgemeinde vereinbart wurde. Deren Übergabe sei erst später erfolgt (), weil römische Quellen Hungersnöte in der Region erst ab 46-48 belegen. Hans Conzelmann verwarf diese These, weil Apg 11,27-30 verschiedene Erinnerungen kombiniere und daher zur Datierung des Treffens unbrauchbar sei.Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 1989, S. 67f.

Der Galaterbrief erwähnt das Aposteldekret (; ) nicht. Dafür erwähnt die Apg den Streit in Antiochia nach dem Aposteltreffen (Gal 2,11-14) nicht. Bei beiden geht es um die Beachtung von Reinheitsgeboten der Tora. Daher vermuteten manche Exegeten, das Dekret sei erst infolge jenes Streits vereinbart und von Lukas später als Ergebnis des Treffens dargestellt worden. Ebenso kann es den Streit veranlasst haben und der eigentliche Trennungsgrund des Paulus von Barnabas gewesen sein (; ).Friedrich Wilhelm Horn: Das Urchristentum. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament, Göttingen 2020, S. 398f.

Vorgeschichte Die Jerusalemer Urgemeinde entstand aus dem Zwölferkreis der ersten Jünger aus Galiläa, die Jesus zu Lebzeiten in seine Nachfolge gerufen hatte, und bestand anfangs nur aus Juden. Sie verstand sich als repräsentativer Vortrupp der von Gott erwählten Zwölf Stämme Israels, deren Wiederherstellung das Judentum vom Messias erwartete. Demgemäß verkündigten ihre Apostel die Auferstehung Jesu Christi anfangs nur Juden. Ihre Mission begann laut am 50. Tag (sieben Wochen) nach dem Pessach, an dem Jesus gestorben war, also beim jüdischen Wallfahrtsfest Schawuot. Die Pfingstpredigt des Simon Petrus richtete sich an die aus vielen Ländern der Diaspora gekommenen jüdischen Festbesucher. Die rasch wachsende Urgemeinde versammelte sich laut jeden Tag im Jerusalemer Tempel und befolgte laut ebenso wie ihre Leiter () die regelmäßigen Gebetszeiten dort. Ihre Rituale, die Taufe und das Abendmahl, stammen beide aus dem Judentum und beinhalteten ein jüdisches Selbstverständnis: Durch Jesu Tod und Auferstehung habe Gott sich mit seinem Volk versöhnt und den Bund mit Israel endgültig erneuert.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, Gütersloh 2021, S. 50–66

Weitere urchristliche Gemeinden entstanden laut der Apg erst infolge der Steinigung des Urchristen Stephanus (um 34) und Verfolgung eines Teils der Urgemeinde durch den später berufenen Paulus. Er verfolgte vor allem die „Hellenisten“ (griechisch sprechenden Judenchristen), da die Apostel laut in Jerusalem bleiben konnten. Die geflohenen Judenchristen verkündeten Jesus dann auch Juden in Judäa () und Samarien () als den Messias: So entstanden dort und in Galiläa () weitere judenchristliche Gemeinden. Daran knüpft an: Die weiter verfolgten Judenchristen seien bis in die griechischsprachigen Gebiete Phönizien und Zypern gelangt, hätten aber auch dort nur Juden das Evangelium mitgeteilt. Nur in Antiochia hätten sie auch Griechen Jesus als den Herrn verkündet und unter diesen viele zu ihrem Glauben bekehrt. So entstand in der damals größten Metropole Kleinasiens die erste aus jüdischen und nichtjüdischen Urchristen gemischte Gemeinde.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, Gütersloh 2021, S. 67–81

Voraussetzung dafür war, dass die jüdischen Synagogen der Diaspora sich in der Begegnung mit dem Hellenismus schon für eine Aufnahme oder Akzeptanz von sogenannten gottesfürchtigen Nichtjuden geöffnet hatten. Diese achteten das Erste Gebot des Dekalogs und weitere zentrale Toragebote, mussten aber spezifisch jüdische Gebote zum Sabbat und zur Beschneidung nicht befolgen. Sie durften an den Versammlungen in den Synagogen teilnehmen, ebenso die Judenchristen. Diese fanden dort vor allem unter den gottesfürchtigen Nichtjuden neue Anhänger. Sie bildeten gemischte Hausgemeinden, blieben dabei aber als Juden den Synagogen verbunden und nutzten sie als Anlaufstellen ihrer Mission. Diese fand bei anderen Juden wenig Resonanz und erzeugte Konflikte, da sie als Abwerben von gottesfürchtigen Nichtjuden aufgefasst werden konnte. Auf deren Unterstützung waren viele Synagogen der Diaspora angewiesen.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, Gütersloh 2021, S. 81–88

Auch die urchristliche Gemeinde in Antiochia erließ den messiasgläubigen männlichen Nichtjuden die Beschneidung. Laut erklärten Judenchristen aus Judäa, die als Besucher oder Abgesandte der Urgemeinde nach Antiochia gereist waren, ihren Mitchristen daraufhin: