mini|Heinrich Grunholzer Heinrich Grunholzer (* 18. Februar 1819 in Trogen; † 18. Juli 1873 in Uster) war ein Schweizer Lehrer, Politiker (Nationalrat) und Fabrikant.

Biografie

Appenzell und Basel-Landschaft Grunholzer wurde 1819 im appenzellischen Trogen geboren. Er besuchte zunächst die Dorfschule und dann die zu dieser Zeit als Musterschule bekannt werdende Schule in der Waisenanstalt Schurtanne, die nach dem Vorbild von Philipp Emanuel von Fellenbergs „Wehrlischule“ geführt wurde. Heinrich Grunholzers Vater, Johannes Ulrich Grunholzer, war zunächst Schulmeister (Lehrer) in Gais, danach Landschreiber und Wirt in Trogen. Er musste sein Wirtshaus, den Hirschen aus wirtschaftlichen Gründen 1832 aufgeben. Teile der Familie zogen dann nach Wald, wo Heinrich Grunholzer eine Lehre in der Textilfabrikation begann. 1833 zog seine Familie nach Oltingen, wo der Vater eine Stelle als Lehrer gefunden hatte. Heinrich half seinem Vater in Oltingen beim Unterrichten. In Oltingen erlebte Grunholzer 1833 die Basler Kantonstrennung, er zog auch auf Seite des basellandschaftlichen Landsturms gegen die baselstädtischen Truppen ins Feld, kam aber nicht zum Einsatz; die Baselstädter wurden an einem anderen Ort, auf der Hülftenschanz endgültig geschlagen und der Kanton schliesslich definitiv geteilt. Im Frühling 1834 wurde er als Schulgehilfe in Hemmiken angestellt. Dadurch lernte er das Schulsystem in Baselland kennen.

Ausbildung in Küsnacht, Primarlehrer in Thalwil Im Februar 1835 zog Heinrich Grunholzer aus dem Elternhaus aus und bewarb sich am Seminar Küsnacht, um sich als Primarlehrer ausbilden zu lassen. Das zürcherische Lehrerseminar in Küsnacht wurde von Ignaz Thomas Scherr geleitet. Mit der Gleichstellung von Stadt und Land und der neuen Verfassung, die nach dem Ustertag ausgearbeitet worden war, wurde die Volksschule zur eigenständigen, von der evangelisch-reformierten Kirche unabhängigen Organisation. Die Schule sollte jetzt nicht nur zu sittlich-religiösem Verhalten und auf das Berufsleben vorbereiten, sondern dazu befähigen, dass die Bürger ihre demokratischen Rechte wahrnehmen konnten. Die Motivation der jungen Männer, die sich in Küsnacht bewarben, war wesentlich eine politische. Sie wollten durch Volksbildung das Fundament des demokratischen Staates sichern. Grunholzer wurde 1835 ans Seminar aufgenommen und bestand noch im selben Jahr die Primarlehrerprüfung. Im November 1835 wurde er vom zürcherischen Erziehungsrat an die Primarschule in Thalwil abgeordnet. Er war jetzt mit nur 17 Jahren Schulmeister. Grunholzer wollte jedoch Sekundarlehrer werden, er nutzte seine Freizeit, um sich fortzubilden und begann Französisch zu lernen. Ab und zu nahm er den damals weiten Weg nach Zürich in Kauf, um sich Theatervorführungen anzuschauen. Im Sommer 1836 begab er sich auf eine kleine Schweizerreise. Diese Reise führte ihn unter anderem auf die Rigi.

Weiterbildung in Orbe und Genf Grunholzer entschloss sich, ins Welschland zu gehen, um dort sein Französisch zu verbessern und sich fortzubilden. Deswegen schrieb er am 28. September 1836 ein Entlassungsgesuch an den Erziehungsrat. Dieser hiess sein Gesuch gut und er durfte Thalwil verlassen. Grunholzers nächste Station war Orbe, wo er auch als Privatlehrer tätig war. Der Leiter des dortigen Pensionats, Herr Reymond kontrollierte ihn ziemlich stark und unterrichtete ihn in Französisch. Nach kurzer Zeit fühlte sich der an die Freiheit in Küsnacht gewohnte Grunholzer in Orbe nicht mehr wohl, nach acht Monaten verliess er Orbe mit Ziel Genf, um dort die Akademie zu besuchen. Ziemlich mittellos, musste er seinen Lebensunterhalt durch Nachhilfestunden bei den Kindern des Genfer Tagsatzungsgesandten Louis Rilliet de Constant verdienen. Die Freizeit verbrachte Grunholzer oft mit Heinrich Zollinger, der gleichzeitig in Genf studierte und der ebenfalls in Küsnacht das Seminar absolviert hatte. In die Genfer Zeit fällt auch die Beteiligung Grunholzers an den Vorarbeiten zur Gründung des Grütlivereins. Von Seminardirektor Scherr bekam er die Aufforderung, das Sekundarlehrerexamen zu absolvieren und danach eine Lehrstelle zu übernehmen. Im Februar 1838 verliess Grunholzer deshalb Genf und bestand die Prüfung als Sekundarlehrer in Küsnacht. Mit seinen 19 Jahren war er bereits Sekundarschullehrer.

Sekundarlehrer in Bauma Grunholzer wurde an die neu eröffnete Sekundarschule in Bauma abgeordnet, wo er am 12. Mai 1838 eintraf. Während seiner Tätigkeit in Bauma machte der Züriputsch viele Errungenschaften der liberalen Revolution im Kanton Zürich rückgängig. Die wieder an die Macht gekommenen Konservativen entliessen unter anderem sofort den von Grunholzer verehrten Seminardirektor Scherr. Auch in Bauma kam es zu Unruhen und Protesten gegen die ungeliebte, weil nicht mehr von der Kirche kontrollierten Volksschule. Grunholzer stellte sich leidenschaftlich auf die Seite der Schulreform und machte sich so in konservativ-religiösen Kreisen viele Feinde. Oft war nur die halbe Schulklasse anwesend, weil die Eltern ihren Kindern den Besuch des Unterrichts bei Grunholzer verboten. Die Sekundarschulpflege, die nicht vom reformierten Pfarrer dominiert war, setzte sich aber für Grunholzer ein, so dass er 1840 definitiv zum Sekundarlehrer in Bauma gewählt wurde. Grunholzer engagierte sich auch journalistisch für die Volksschule und die Errungenschaften der radikal-liberalen Verfassungen. Er arbeitete als Korrespondent bei der Appenzeller Zeitung und schrieb geharnischte Artikel im „Vorläufer“, im Landboten und im „pädagogischen Beobachter“. 1840 und im Mai 1842 veröffentlichte Grunholzer anonym vernichtende Abrechnungen mit der herrschenden konservativen Zürcher Regierung.

Berlin Im Sommer 1842 verlangte er vom Erziehungsrat einen einjährigen Urlaub, welchen er erhielt. Ende Oktober 1842 reiste er nach Berlin und belegte verschiedene Vorlesungen an der dortigen Universität. Er studierte u. a. bei Carl Ritter, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm und Georg Andreas Gabler und setzte sich, zu einer Zeit, in der die Junghegelianer in Berlin ihren Zenit erreichten, intensiv mit Hegels Philosophie auseinander, auch in Gesprächen mit Bruno Bauer. Auf Empfehlung von Scherr traf er sich auch mit Adolph Diesterweg, dessen Lehrerseminar ihn positiv beeindruckte. Das preussische Schulwesen hingegen enttäuschte ihn eher. Privat hatte er Kontakte zu Friedrich Adolf Trendelenburg und seiner Familie und Bettina von Arnim und ihrer Familie. Bettina von Arnim hatte er auf einer Geburtstagseinladung für Wilhelm Grimm kennengelernt. Sein ihn begleitender Studienfreund Becker beschreibt den ersten Eindruck: "wurden wir bald auf ein kleines altes Frauchen aufmerksam, die wie eine Fledermaus, der sie an struppigem Ansehn wenig nachstand, unstät umherschlüpfte". Sie arbeitete an ihrem «Königsbuch» und bestärkte Grunholzer in seiner Absicht, die Armenfrage zu studieren.

Grunholzer besuchte die Armenhäuser der Berliner Vorstadt, dem sogenannten Voigtland. Das Elend und die Armenschicksale beschrieb er in einem der ersten Sozialberichte in deutscher Sprache, welcher unter dem Titel "Berichte eines jungen Schweizers aus dem Vogtlande" als Anhang zu Bettina von Arnims Königsbuch erschien und mit der präzisen Schilderung des angetroffenen Pauperismus beträchtliches Aufsehen erregte.

Daneben besuchte Grunholzer die verschiedensten Komponisten, um sie im Auftrage von «Sängerpfarrer» Johann Jakob Sprüngli um Kompositionen für dessen «Männergesänge von Freunden der Tonkunst» zu bitten. Grunholzer war auch unter Mitstudenten gut vernetzt und verbrachte die Abende in Niquets Kneipe z. B. mit Eduard Suter, später Kantons-, Regierungs- und Nationalrat in Zürich, mit dem er ein Leben lang befreundet blieb oder David Fries, seinem späteren Konkurrenten um das Amt des Seminardirektors in Küsnacht.

Dank des Honorars für den Anhang zu von Arnims Buch konnte sich Grunholzer die Rückreise in die Schweiz über Hamburg, Helgoland und dann der Elbe entlang über Leipzig, Dresden und Prag leisten.

Zurück in Bauma Zwischen 1843 und 1847 wirkte Grunholzer wieder in Bauma. Er engagierte sich nach wie vor politisch und pädagogisch, verfasste eine Kampfschrift gegen den Pietismus und machte an Erziehungsrat und Schulsynode Eingaben zum Lehrplan. Er war Redaktor des liberalen Schulboten und beteiligte sich an einem Freischarenzug, der allerdings schon vor Grunholzers Einsatz scheiterte. Sein stetes Engagement bewirkte, dass Grunholzer zu einem der wichtigen Verfechter des Liberalismus in der Schweiz wurde. Dieser hatte im Kanton Zürich wieder zunehmend Erfolg, bereits 1845 wurde die konservative Regierung von einer liberalen abgelöst.

Auch im Kanton Bern erfolgte 1846 eine Verfassungsrevision, der nunmehr radikal gesinnte Rat wollte die Volksschule aufwerten und aus dem Einflussbereich der Kirche lösen. Er berief im März 1847 Heinrich Grunholzer zum Seminardirektor des bernischen Lehrerseminars in Münchenbuchsee.

Seminardirektor in Münchenbuchsee In Münchenbuchsee wirkte Grunholzer von 1847 bis 1852 als Seminardirektor. Er war für die Ausbildung der Seminaristen und die Weiterbildung der bernischen Lehrerschaft zuständig. Die meisten Beschlüsse fielen in der «Seminarlehrerkonferenz», der alle Seminarlehrer angehörten. Grunholzer ermunterte auch die Seminaristen, politisch tätig zu sein. Daneben wirkte er als erster Präsident des Mitbestimmungsorgans der bernischen Lehrerschaft, der Schulsynode.

1850 gewann die konservative Partei die Wahlen im Kanton Bern. Das Seminar unter der Leitung des radikal-liberalen Grunholzer und mit einer grösstenteils gleich gesinnten Seminarlehrerschaft wurde von vielen Konservativen als zu wenig christlich abgelehnt. Grunholzer vertrat durchaus christliche Werte, er lehnte aber die Lehre von der Erbsünde ab und war überzeugt von der Vervollkommnungsfähigkeit der Menschheit, zu der die Volksschule einen wichtigen Beitrag zu leisten habe.

1851 unterzeichneten Grunholzer und ein Grossteil der Lehrerschaft ein Abberufungsbegehren gegen den konservativen Grossen Rat des Kantons Bern. Die Konservativen konnten sich aber in der darauf folgenden Volksabstimmung 1852 knapp behaupten. Unmittelbar nach ihrem Abstimmungserfolg wurde die (tatsächlich dann nie durchgeführte¨) Aufhebung des Seminars beschlossen und Grunholzer sofort entlassen. Durch die Mehrheit des Grossen Rates, unterstützt durch die konservative Presse wurde argumentiert, der christliche Geist werde zu wenig gefördert, eine Ansicht, die auch im Volk verbreitet war. Vor allem wurde das Seminar aber als Ort der politischen Agitation gegen die konservative Weltanschauung gesehen, es sollte verhindert werden, dass zukünftige Lehrer in einem falschen politischen Geist erzogen würden. Die Wegweisung war für Grunholzer ein schwerer Schlag, auch nachträglich sah er sein Wirken im Kanton Bern als Höhepunkt seines beruflichen Lebens an.

1849 hatte Grunholzer Rosette Zangger, eine Fabrikantentochter aus Uster, kennengelernt. Ihr Vater, der Textilindustrielle und Nationalrat Hans Heinrich Zangger war ursprünglich gegen ein Verlöbnis, da er als Politiker um die unsichere berufliche Situation Grunholzers im Kanton Bern wusste. Dank der diskreten Vermittlung der Pädagogin Josephine Stadlin, bei der Rosette Zangger ausgebildet worden war, willigte er schliesslich ein. Die Heirat fand 1852, wenige Tage vor der Entlassung Grunholzers in Münchenbuchsee statt. Das Paar fand zunächst Unterkunft in Uster bei Hans Heinrich Zangger.

Lehrer an der Industrieschule in Zürich, Autor, Politiker