mini|hochkant=1|Russe – Bulgarien – Nachbarorte: Giurgiu, Bjala, Swischtow, Lewski, Gorna Orjachowiza, Targowischte, Popowo, Rasgrad, Oltenita, Bukarest mini|Luftbild von Russe mit der Donau im Hintergrund
RusseDiercke Weltatlas im Georg Westermann Verlag 1957, Seite 65, auch Rousse oder Ruse [] (, , türkisch Rusçuk), ist mit 121.168 Einwohnern die sechstgrößte Stadt Bulgariens nach Sofia, Plowdiw, Warna, Burgas und Stara Sagora (Stand 2024Национален Статистически Институт nsi.bg). Die an der Donau gelegene Industriestadt ist auch das kulturelle Zentrum Nordbulgariens mit einem Schauspiel- und einem Opernhaus, einer Kunstgalerie, einem Fernsehturm sowie mehreren Schulen und der bekannten Hochschule von Russe.
Russe ist die Hauptstadt der Oblast Russe, Sitz der gleichnamigen Gemeinde Russe wie auch Grenzstadt zu Rumänien. Ihr Stadtkern wurde vom bulgarischen Staat wegen der geschichtlichen Bedeutung und besonderen architektonischen Gestalt des Ensembles mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet.
Lage Die Hafenstadt Russe liegt in der Donautiefebene durchschnittlich 29 Meter über dem Meeresspiegel nahe der Mündung des Flusses Russenski Lom. Die ihr gegenüber am anderen Ufer der Donau liegende rumänische Grenzstadt ist Giurgiu, mit der Russe über die Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke verbunden ist. Im weiteren Verlauf erreicht man auf rumänischer Seite über die E85/DN5 die Ringautobahn von Bukarest. Die Entfernung von Russe zu der rumänischen Hauptstadt beträgt ca. 80 Kilometer und zum Flughafen der Stadt ca. 90 Kilometer. Die bulgarische Hauptstadt Sofia liegt etwa 310 Kilometer südwestlich.
Nachbargemeinden Folgende Städte und Gemeinden, die alle in der Provinz Russe liegen, grenzen an die Stadt Russe:
Geschichte Antike und Mittelalter
Früheste Siedlungsspuren stammen bereits aus dem 5. Jahrtausend v. Chr.Informationen auf Zone Bulgaria; abgerufen am 23. Februar 2010 Die Römer gründeten dort Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. die Hafenstadt Sexaginta Prista (Stadt der 60 Schiffe). Sie war Stützpunkt der Donauflotte der Römer, welche die Aufgabe hatte, die Nordgrenze (→ Donaulimes) des Römischen Reiches gegen Überfälle der nördlich der Donau lebenden Völker zu schützen. Etwas südlich von Prista befand sich die römische Stadt Nicopolis ad Istrum.
Die Stadt wird bis zum 5. Jahrhundert erwähnt, wobei der römische Name auf Pristis und später Pristapolis verändert wurde. Es ist anzunehmen, dass der Untergang der römischen Stadt mit den Einfällen der Awaren und Slawen im Jahre 586 zusammenhängt (siehe hierzu Balkanfeldzüge des Maurikios).
Im Mittelalter erlangten Durostorum und die landeinwärts gelegene Stadt Tscherwen strategische Bedeutung.
Osmanische Zeit Tscherwen, das südlich der heutigen Stadt Russe am Russenski Lom entstanden war, wurde bei den Eroberungszügen der Osmanen am Ende des 16. Jahrhunderts zerstört. Bereits vor der Eroberung der Region durch die Osmanen existierte am Ufer der Donau eine befestigte Ortschaft namens Russe. Diese wurde nach der Zerstörung von Tscherwen von den Osmanen ausgebaut, ihre Bezeichnung in Rustschuk abgeändert und in der Provinz Eyâlet Silistra eingegliedert.Николай Мичев, Петър Коледаров: Речник на селищата и селищните имена в България 1878–1987. Sofia 1989.
Die osmanische Grenzstadt und die umliegende Region wurden Angriffsziel und Schlachtfeld für die Völker Mitteleuropas, die sich gegen die Osmanische Vorherrschaft wehrten. So wurde Rustschuk durch die Feldzüge des walachischen Wojwoden Vlad III. Drăculea (1445 und 1462) schwer in Mitleidenschaft gezogen. Obwohl unter Sultan Mehmed II. die Festung wiederhergestellt wurde, setzte im Herbst 1595 der Wojwode Mihai Viteazul der Festung weitere Zerstörungen zu. Dennoch erlangte das osmanische Rustschuk wegen seiner strategischen Lage auch wirtschaftliche Bedeutung.
mini|Blick über die Donau auf Russe,Darstellung aus dem Jahr 1824 Im Russisch-Türkischen Krieg (1806–1812) wurde zunächst Ende August 1810 ein russischer Sturm auf die Festung abgewehrt, bevor sich Mitte September die Garnisonen von Rustschuk und Giurgiu übergaben. Nach dem Krieg zogen sich die Russen zurück und die Stadt wurde erneut Osmanisch. Um der russischen Gefahr entgegenzuwirken, wurde im 18. Jahrhundert die Festung ausgebaut und Teil des Festungsviereck Silistra–Warna–Schumen–Rustschuk. 1837 besuchte Helmuth von Moltke die Stadt.
Um Reformen im Osmanischen Reich durchzuführen, wurde 1864 aus der Zusammenlegung der osmanischen Provinzen Silistra, Niš und Widin die Großprovinz Tuna mit Russe als Zentrum und Residenz des Verwalters Midhat Pascha errichtet. Rustschuk entwickelte sich zu einem Handelszentrum mit starker Festung. Kaufleute aus Russe unterhielten Handelskontoren in Wien, Konstantinopel, Bukarest oder Odessa. Viele europäische Konsulate wurden eröffnet; es entstanden Hotels, Schulen und eine Bibliothek.
Die Grenzstadt zum rumänischen Fürstentum war zu dieser Zeit ein zentraler Knotenpunkt für den Warenverkehr zwischen West-, Ost- und Südosteuropa. Die Waren und Güter wurden hier für den Weitertransport ins Osmanische Reich übers Land umgeschlagen. Diese Entwicklung der Stadt wurde durch die Donauschifffahrt und durch die am 7. November 1866 eröffnete erste Eisenbahnlinie des Landes, Russe–Warna, die erste Endstation des Orient-Express, zusätzlich gefördert. Bereits 1878, im Jahr der Beendigung der osmanischen Herrschaft, zählte Russe über 26.000 Einwohner; damit war sie die größte Stadt im damaligen Fürstentum Bulgarien, noch vor der Hauptstadt Sofia.Konstantin Jireček: Das Fürstentum Bulgarien, seine Bodengestaltung, Natur, Bevölkerung, wirthschaftliche Zustände, geistige Cultur; mit 42 Abbildungen und einer Karte, Prag u. a.: Tempsky u. a., 1891; Leipzig: Freytag, 1891.
Im unabhängigen Bulgarien Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Territorium Süd-Dobrudscha an Rumänien verloren und damit die Wirtschaftskraft der Stadt Russe geschwächt. Durch die Ansiedlung der bulgarischen Flüchtlingen aus den verlorenen Territorien in Dobrudscha, Thrakien und Makedonien entstand das Dobrudscha-Viertel.Ljubomir Slatew und Chatschick Chebikjan: Die Familie Chadschiiwanowi in Iwan Chadschiiwanow. Familien Geschischte, Person der Öffentlichkeit und Kämpfer für die Freifeit der Dobrudscha, Verlag Avangard Print, Rousse 2005, ISBN 954-9548-91-0, S. 39. In der Folge wurde Russe Zentrum des Freiheitskampfes und der Inneren Dobrudschanischen Revolutionären Organisation.Ljubomir Slatew und Chatschick Chebikjan: Ruse als Zentrum der Inneren Dobrudschanischen Revolutionären Organisation in Iwan Chadschiiwanow. Familien Geschischte, Person der Öffentlichkeit und Kämpfer für die Freifeit der Dobrudscha, Verlag Avangard Print, Rousse 2005, ISBN 954-9548-91-0, S. 73–149.
Sie verlor viele Einwohner und war nur noch die drittgrößte Stadt nach Sofia und Warna. Große Produzenten verließen den Ort, ausländische Konsulate wurden bis auf das russische geschlossen.
Im September 1940 kam die Süd-Dobrudscha nach Verhandlungen wieder zu Bulgarien, Russe wurde Verwaltungszentrum und es setzte ein erneutes Wirtschaftswachstum ein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandelten sich die Besitzverhältnisse, aus zahlreichen vorherigen Privatunternehmen wurden staatliche Fabriken. Chemiebetriebe wurden angesiedelt, die Lampenherstellung wurde eingeführt und ein großer Handelshafen gebaut. Die 1954 eingeweihte neue Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke zwischen Russe und der rumänischen Stadt Giurgiu war bis Anfang der 1990er Jahre die einzige Verbindung zwischen Rumänien und Bulgarien über die Donau hinweg, was die Transportwege enorm verbesserte. Russe wurde in den 1970er Jahren wieder ein bedeutendes Verkehrs-, Handels-, Kultur- und Bildungszentrum.
In den frühen 1980er Jahren führte der Bau eines großen Chemiekombinats in Giurgiu auf rumänischem Territorium zu dauerhafter Luftverschmutzung in Russe, weshalb bis 1992 etwa 15.000 Personen die Stadt verließen. Die ökonomische Krise der gesamten Länder des RGW wirkte sich besonders stark in Russe aus; Industrieprodukte konnten nicht mehr verkauft werden, Spezialisten wanderten ab, die Zahl der Arbeiter ging ständig zurück.
Gegenwart mini|hochkant|Das 1906 errichtete, 18 m hohe Denkmal der Freiheit des florentinischen Bildhauers Arnoldo Zocchi erinnert an die Befreiung Bulgariens von der osmanischen Herrschaft. Die politischen Veränderungen in der Sowjetunion, in Polen und in der DDR bewirkten schließlich einen demokratischen Wandel in Bulgarien und damit auch in Russe.
Seit dem Fall des Kommunismus gewinnt Russe seine Bedeutung zurück. Die Umweltverschmutzung konnte beseitigt werden, einige Industriebetriebe produzieren wieder, die Bevölkerungszahl stabilisierte sich bis zum Jahr 2000 auf rund 165.000. Schrittweise erlangte Russe seine Bedeutung als grundlegendes kulturelles und wirtschaftliches Zentrum in Nordbulgarien zurück. Die Mitgliedschaft in der EU führte zu Investitionen und der Ansiedlung internationaler Handelsunternehmen. Seit 2007 auch Rumänien der EU beitrat, wurde Russe ein beliebtes Wochenendziel der Bukarester. Im Gegenzug bieten viele Taxifahrer Pauschalfahrten für 100,– BGN (EUR 50,–) zum nächstgelegenen internationalen Flughafen in Bukarest an. Die Europastraße E85 ist zwischen beiden Städten in gutem Zustand und teilweise mehrspurig und mit Umgebungsstraßen ausgebaut.
Die Stadt ist seit 2002 Namensgeber für den Ruse Peak, einen Berg auf der Livingston-Insel in der Antarktis. Mittelbar gilt dies seit 2013 auch für die Sexaginta Prista Bay an der Oskar-II.-Küste des Grahamlands auf der Antarktischen Halbinsel.
Bevölkerung
Wirtschaft In der Industriestadt Russe werden landwirtschaftliche Produkte verarbeitet, weitere Industriezweige sind Maschinenbau, Schiffbau sowie Textil- und Ledererzeugung. In der Umgebung der Stadt werden Zuckerrüben und Weintrauben angebaut. Seit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens in die EU nutzen rumänische Bürger den Preisunterschied für Konsumgüter und Dienstleistungen auf bulgarischer Seite.
Im Mai 2010 hat der deutsche Automobilzulieferer Witte Automotive die Produktion in Russe aufgenommen. In dem Werk werden Komponenten für Fahrzeugzugangssysteme gefertigt und an viele europäische Fahrzeughersteller geliefert. Aufgrund der positiven Entwicklung erwarb Witte Anfang 2013 ein Grundstück, um die Produktionskapazitäten zu erweitern. Am 11. Oktober 2013 erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Produktionswerk im Beisein des bulgarischen Präsidenten Rossen Plewneliew.Bulgarischer Präsident legt Grundstein für neues WITTE-Werk in Ruse
Verkehr Die Stadt besitzt den größten Donauhafen Bulgariens. Außerdem ist sie ein Eisenbahnknoten und ein Straßenknotenpunkt. Die erste bulgarische Eisenbahnstrecke wurde zwischen Russe und Warna eröffnet.
Etwa 6 Kilometer nördlich vom Stadtkern quert die Brücke der Freundschaft die Donau, mit 2,8 Kilometer die längste Stahlbrücke Europas. Sie besteht aus zwei Etagen – oben fahren Autos, unten die Eisenbahn. Sie wurde im Jahr 1954 eröffnet, 2003 wurde sie mit Geldern der Europäischen Union saniert. Über diese Brücke wird ein großer Teil der Aus- und Einfuhrgüter Bulgariens transportiert. Die Brücke wurde mit Hilfe der Sowjetunion vorwiegend aus militärstrategischen Gründen gebaut.
Mit dem Bau der Autobahn Russe–Weliko Tarnowo soll zum einen der Verkehr der Stadt entlastet sowie zu anderen eine bessere Anbindung der Donaustadt mit Südbulgarien und im weiteren Verlauf mit den griechischen Ägäis-Häfen Kavala und Alexandroupoli sowie mit Istanbul erreicht werden
Die Stadt liegt am Donauradweg, einem internationalen Fernradweg.
Bildung