miniatur|Riga um 1800 (von links): polnischer Saisonarbeiter, jüdischer Stoffhändler, lettischer Junge als Milchverkäufer, lettisches und deutsches Dienstmädchen. Grafik von Johann Christoph Brotze Die Geschichte der Juden in Lettland begann im 16. Jahrhundert mit der Ansiedlung von Juden in Kurland und Lettgallen. Trotz politischer Benachteiligungen durch die polnischen, schwedischen und russischen Machthaber sowie die deutsch-baltische Oberschicht entwickelte sich eine eigenständige jüdische Kultur. Ende des 19. Jahrhunderts betrug der jüdische Bevölkerungsanteil in manchen Städten der Gouvernements Kurland und Witebsk mehr als 50 %. Bei der allrussischen Volkszählung 1897 wurden in Livland, Kurland und Lettgallen 142.315 jüdische Einwohner gezählt.Leo Dribins: Latvijas ebreju kopiena. 2001. Während des Zweiten Weltkriegs wurden fast alle der etwa 75.000 in den Machtbereich des nationalsozialistischen Deutschlands geratenen lettischen Juden ermordet.
Bis 1621 Die Völker im Baltikum kamen bis zum Mittelalter nicht mit Juden in Kontakt. Nach der Inbesitznahme und Christianisierung des Landes durch deutsche Kreuzritter, war es Juden verboten, das Gebiet der Livländischen Konföderation zu betreten. Ein Dekret des Ordensmeisters Siegfried von Feuchtwangen aus dem Jahr 1309 hierzu ist schriftlich erhalten. Das Verbot war sowohl handelspolitisch als auch religiös motiviert. Während sich im benachbarten Litauen seit dem 14. Jahrhundert vermehrt jüdische Gemeinden bildeten, tauchen in den Quellen nur vereinzelte Hinweise über den Aufenthalt von jüdischen Händlern im Ordensstaat auf. Als 1561 mit der Union von Wilna die Oberhoheit Polen-Litauens anerkannt wurde, befasste sich einer der Vertragspunkte mit den Juden. Ihnen wurde nicht gestattet, im „ganzen Livlande zu irgendeiner Zeit irgendwelchen Handel zu treiben oder Abgaben und Zölle zu erheben“.Anton Buchholtz: Geschichte der Juden in Riga. 1899, S. 2. Aus den folgenden Jahrzehnten sind viele Aktenstücke, Dekrete und Bittschriften an den polnischen Sejm bekannt, die sich mit der Ausweisung von „herumstreichenden“ jüdischen und schottischen Händlern befassen.
Durch die Protektion polnischer und litauischer Adliger siedelten sich in dieser Zeit trotz aller Verbote vermehrt jüdische Händler an und bildeten eine unliebsame Konkurrenz für das örtliche Gewerbe. Die erste jüdische Gemeinde in Lettland entstand, nachdem der Bischof von Kurland Johann von Münchhausen zur Hebung von Handel und Gewerbe jüdische Familien aus Mitteleuropa zur Ansiedlung einlud.Leo Dribins: Latvijas Ebreju Kopienas Vēsture. Īss hronoloģisks atskats. In: Leo Dribins, Armands Gūtmanis, Marǵers Vestermanis: Latvijas ebreju kopiena. Vēsture, traģēdija, atdzimšana. LU Latvijas Vēstures Instītuta Apgāds, Riga 2001, S. 9–81, hier S. 10. Diese Einwanderer sprachen deutsch oder auch jiddisch.
1621 bis 1721 Als das nördliche Livland 1621 von Gustav Adolf erobert wurde, trat hier eine Stagnation dieser Entwicklung ein. Im streng protestantischen Schweden wurde keine Toleranz gegenüber Nichtchristen geübt, und es wurden Anstrengungen unternommen, Juden zum Wechsel des Glaubens zu bewegen. In Riga gab es zu dieser Zeit einen „Jüdischen Gasthof“ als ausschließlichen Aufenthaltsort für die jüdischen Händler,Marģers Vestermanis: Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. 3. verbesserte und erweiterte Ausgabe in deutscher Sprache. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 8. die im Frühjahr mit den Strusen die Düna herabkamen, um ihre Waren zu verkaufen.
Im benachbarten Herzogtum Kurland und Semgallen nahm die Entwicklung einen anderen Verlauf. Im Unterwerfungsvertrag 1561 war eine nominelle Obergrenze an jüdischen Familien vorgesehen, die in Kurland leben durften.Christoph Georg von Ziegenhorn: Staats-Recht der Herzogthümer Curland und Semgallen. Kanter, Königsberg 1772, bzw. Stiftung für Kirche und Judentum Basel: Aus der Geschichte der Juden in Lettland. 1997, S. 219. Nach dem gescheiterten Chmelnyzkyj-Aufstand und den damit zusammenhängenden judenfeindlichen Tendenzen in vielen europäischen Ländern siedelten sich vermehrt vertriebene Juden in Kurland an. Der Herzog Jakob Kettler betrieb zu dieser Zeit eine merkantilistische Politik unter Einbeziehung jüdischer Bankiers, Zolleinnehmer und anderer Fachleute. Im 18. Jahrhundert hatten jüdische Handwerker und Händler in Kurland eine „sozio-ökonomische Nische“Stiftung für Kirche und Judentum Basel: Aus der Geschichte der Juden in Lettland. 1997, S. 225. inne und lebten vergleichsweise integriert zwischen der lettischen und deutsch-baltischen Bevölkerung des Landes.
miniatur|Polnisch-jüdischer Händler in Riga. Detail aus einer Zeichnung von Johann Christoph Brotze um 1800 In Lettgallen (lettisch: Latgale) siedelten sich erste jüdische Familien im 16. Jahrhundert beim heutigen Krāslava an. Es handelte sich um Familien, die vor Iwan IV. aus Russland fliehen mussten. Ihre Zahl erhöhte sich erheblich nach den Pogromen in Weißrussland und der Ukraine infolge des Chiemielski-Aufstands. Ende des 17. Jahrhunderts lebten ungefähr 2000 Juden im damaligen Polnisch-Livland, die eigene Gemeinden in Dünaburg und Krāslava hatten. Der kulturelle Unterschied zu den kurländischen Juden bestand in strikterer Religiosität, Verwendung der polnisch-jiddischen Sprache und auch größerer Armut.Leo Dribins: Latvijas Ebreju Kopienas Vēsture. Īss hronoloģisks atskats. In: Leo Dribins, Armands Gūtmanis, Marǵers Vestermanis: Latvijas ebreju kopiena. Vēsture, traģēdija, atdzimšana. LU Latvijas Vēstures Instītuta Apgāds, Riga 2001, S. 9–81, hier S. 16.
1721 bis 1842 Im 18. Jahrhundert kam das Gebiet des heutigen Lettlands zum Russischen Kaiserreich, dessen Machthaber traditionell eine feindselige Haltung gegenüber Juden hatten. Ein Dekret von 1727 über die Ausweisung aller Juden aus Russland wurde im Gouvernement Livland nicht publiziert.Buchholtz: Geschichte der Juden in Riga. 1899, S. 35. In der Regierungszeit der Kaiserin Elisabeth mussten jedoch alle diesbezüglichen Verordnungen strikt umgesetzt werden, obwohl dabei die Handelsinteressen der Stadt Riga stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Handel Rigas mit Polen, Polnisch-Livland und Litauen wurde zu dieser Zeit weitgehend von jüdischen Faktoren und Disponenten abgewickelt. Verschiedene Gesuche der Stadt Riga an die Kaiserin, jüdischen Händlern den Aufenthalt zum Zwecke des Handels zu gestatten, blieben ergebnislos. Andere Hafenstädte wie Königsberg, Memel, Libau und Ventspils profitierten in dieser Zeit.
Erst zwanzig Jahre später änderte sich die Politik Russlands unter der Kaiserin Katharina II. Zur Besiedlung und Belebung des Handels im Süden des Reichs sollten neben ausländischen Kolonisten auch der jüdische Bevölkerungsteil herangezogen werden. Aufgrund des weitverbreiteten Antisemitismus wurde in den offiziellen Schriftstücken allerdings das Wort „Juden“ weitgehend vermieden.Buchholtz: Geschichte der Juden in Riga. 1899, S. 58. Am 4. Februar 1785 erhielt der kürzlich von Kurland abgetretene Ort Schlock (Sloka) an der Bucht von Riga das Marktrecht. Laut Gesetz durften sich dort „sowohl russische freie Leute, als auch Ausländer ohne Unterschied der Geburt und Religion niederlassen und in die Bürgerschaft oder Kaufmannschaft einschreiben lassen“.Buchholtz: Geschichte der Juden in Riga. 1899, S. 80.Johann Christoph Brotze: Schlock. In: Nordische Miscellaneen. 11./12. St. 1798, S. 425–430, hier S. 427. Im nur 30 km von Riga entfernten Schlock waren bald 400 jüdische Bürger eingeschrieben, die meisten von ihnen hielten sich in Riga auf.Marģers Vestermanis: Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. 3. verbesserte und erweiterte Ausgabe in deutscher Sprache. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 9. 1822 gab es in Riga fünf „Judenherbergen“.Marģers Vestermanis: Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. 3. verbesserte und erweiterte Ausgabe in deutscher Sprache. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 17.
Als Polnisch-Livland 1772 durch die erste Teilung Polens zum Russischen Imperium kam, lebten dort ungefähr 5000 Juden. In Städten wie Dünaburg stellten sie mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Durch verschiedene Dekrete verschlechterte sich die Situation der ansässigen Juden, die nun in speziellen Ghettos unter weitgehender Eigenverwaltung leben mussten. In Kurland, welches 1795 russisch wurde, gab es Ende des 18. Jahrhunderts mehrere Tausend jüdische Einwohner, die trotz verschiedener Anfeindungen, Benachteiligungen und Pogrome verhältnismäßig wohlhabend waren.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen sich daraufhin mehr und mehr jüdische Familien in Riga nieder.Ulrike von Hirschhausen: Die Grenzen der Gemeinsamkeit. Deutsche, Letten, Russen und Juden in Riga 1860–1914. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-35153-4, S. 152. 1840 konnte die jüdische Gemeinde in Riga eine jüdische Schule gründen, die Israelitische Gemeindeschule zu Riga.Ulrike von Hirschhausen: Die Grenzen der Gemeinsamkeit. Deutsche, Letten, Russen und Juden in Riga 1860–1914. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 155.
1842 bis 1918 miniatur|Altes Lied, neues Landschaftsbild: deutsch-baltischer Baron und jüdischer Holzhändler präsentieren die abgeholzten Wälder Kurlands. Lettische Karikatur von 1907. Erst im Jahre 1842, zwei Jahre nach der Schulgründung, erhielt die jüdische Gemeinde in Riga die behördliche Genehmigung als Rigische Hebräergemeinde. Sie wurde damit zur ersten amtlich anerkannten jüdischen Gemeinde im Russischen Kaiserreich außerhalb des Ansiedlungsrayons. Ein Jahr darauf, 1843, wurde an der Latgales iela 57 (damals Moskauer Straße genannt) die erste aus Stein erbaute Synagoge gebaut. (Zuvor hatten sich die Rigenser Juden mit Betstuben in Wohnhäusern behelfen müssen.) Sie wurde 1889 nach einem Plan des Rigenser Stadtbaumeisters Reinhold Schmaeling (1840–1917) im neuromanischen Stil ausgebaut. Seither war sie als „Altnaie Schul“ (jiddisch: alt-neue Synagoge) bekannt.Marģers Vestermanis: Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. 3. verbesserte und erweiterte Ausgabe in deutscher Sprache. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 20.
Nach dem verlorenen Krimkrieg erfolgten unter der Regierung Alexanders II. verschiedene liberale Reformen und Neuerungen, die auch die rechtliche Situation der Juden entscheidend verbesserten. Im Zuge der Industrialisierung fanden eingewanderte jüdische Handwerker und Händler in den wachsenden Städten Beschäftigung. Handwerke wie Hutmacher, Juwelier oder Schuhmacher jüdische Domänen. Jüdische Unternehmer waren vor allem in der Holzverarbeitung, in der Leichtindustrie und in der Lebensmittelindustrie tätig.Marģers Vestermanis: Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. 3. verbesserte und erweiterte Ausgabe in deutscher Sprache. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 10. 1881 stellten die 14.222 Juden Rigas 8,4 % der Stadtbewohner. 1897 lebten im Gouvernement Kurland 51.169 Juden, in Lettgallen (Gouvernement Witebsk) 63.851 Juden und im Gouvernement Livland (mit Riga) 27.295 Juden. Es entwickelte sich ein lebhaftes kulturelles Leben mit eigenen Schulen, Krankenhäusern und Gesellschaften. In Riga sprachen die meisten jüdischen Familien Deutsch.Marģers Vestermanis: Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. 3. verbesserte und erweiterte Ausgabe in deutscher Sprache. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 11. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl der jüdischen Familien in Riga, die jiddisch, lettisch oder russisch sprachen.Marģers Vestermanis: Juden in Riga. Auf den Spuren des Lebens und Wirkens einer ermordeten Minderheit. 3. verbesserte und erweiterte Ausgabe in deutscher Sprache. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 11–12.