Pellagra, auch Nicotinsäure-Avitaminose genannt, ist eine Erkrankung, die durch Mangel an Nicotinsäure, einem Vitamin aus dem B-Komplex, ausgelöst wird. Sie führt zu Durchfall, Hautkrankheit und Demenz.
Pellagra trat geschichtlich häufig auf, wenn die Nahrung hauptsächlich aus Mais oder Sorghumhirse bestand, da die darin vorliegende gebundene Form der Nicotinsäure (Niacytin) vom Körper nicht verwertet werden kann. Die Krankheit war vor Kenntnis der Zusammenhänge in armen Regionen Süd- und Osteuropas sowie Amerikas weit verbreitet. In den Ursprungsländern des Maises wurde dieser dagegen zum Verzehr alkalisch verarbeitet (Nixtamalisation), wodurch die Nicotinsäure durch den Körper verwertbar wird. Heutzutage tritt Pellagra in der Regel nur noch in armen Gegenden Afrikas oder bei extremer Fehl- oder Mangelernährung,Vgl. hierzu: A. Berg, N. S. Scrimshaw, D. A. Call (Hrsg.): Nutrition, National Developmant and Planning. zum Beispiel bei Magersucht, auf. mini|Zu den dermatologischen Symptomen dieser Störung gehören Abschuppung, Erythem-Bildung, Schuppenbildung und Keratose sonnenexponierter Bereiche. Bei diesem Patienten sind alle Symptome vorhanden.
Geschichte Mais wurde nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus als eine der ersten Pflanzen nach Europa gebracht, wo sie sich aufgrund der hohen Ernteerträge rasch verbreitete. Bald trat in Gegenden mit hohem Maiskonsum eine seltsame Erkrankung auf, die nach dem Leitsymptom Pellagra ‚raue Haut‘ genannt wurde. In der wissenschaftlichen Literatur tauchte der Begriff erstmals 1771 in einer Schrift des Mailänder Arztes Francesco Frapolli auf. Er war aber bereits vorher im Volksmund in der norditalienischen Tiefebene, einem Verbreitungsgebiet der Krankheit, in Gebrauch gewesen.Renato Mariani-Costantini, Aldo Mariani-Costantini: An outline of the history of pellagra in Italy. In: Istituto Italiano di Antropologia (Hrsg.): Journal of Anthropological Sciences Vol. 85 (2007) S. 166
Der Zusammenhang von Pellagra und hohem Maiskonsum (etwa in Form der Polenta) wurde erstmals im 18. Jahrhundert vermutet. Erklärungen der damaligen Zeit waren verschimmelter oder vergifteter Mais,Vgl. etwa W. Dafert, K. Kornanth: Über die Verwendung von verdorbenem Mais in der Landwirtschaft. In: Arch. Chem. Mikrosk., Wien. Jahrgang 1912, Heft 1, S. 18. Ansteckung oder Vererbung.
Joseph Goldberger und Kollegen bewiesen dann Anfang des 20. Jahrhunderts, dass sowohl die sogenannte Pellagra des Menschen als auch die Schwarze-Zunge-Krankheit des Hundes durch Fehlernährung entsteht, welche Conrad Elvehjem 1937 auf einen Nicotinsäuremangel zurückführen konnte. Auch Adriano Sturli erforschte zu dieser Zeit die Ätiologie der Pellagra.Ariano Sturli: Über die Ätiologie der Pellagra. In: Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Band 77, Leipzig 1909, S. 269–283.Loris Premuda: Adriano Sturli (1873–1964) als Forscher und Arzt. In: Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf (Hrsg.) unter Mitarbeit von Renate Wittern: Medizinische Diagnostik in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Heinz Goerke zum sechzigsten Geburtstag. München 1978 (= Neue Münchner Beiträge zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften: Medizinhistorische Reihe. Band 7/8), ISBN 3-87239-046-5, S. 327–340, S. 329, 334–335 und 338–339, Anm. 50. Die Entdeckung, dass Pellagra mit Bierhefe behandelbar ist, führte in den betroffenen Gebieten zu einer schlagartigen Verringerung der Anzahl der Insassen von Nervenheilanstalten. In Analogie dazu setzten die Ärzte Abram Hoffer und Humphry Osmond in der sogenannten Mega-Vitamintherapie hohe Dosen Nicotinsäure zur Behandlung von Schizophrenien ein. Sie gingen davon aus, dass, wenn die im Rahmen einer Pellagra aufgetretenen Symptome der Schizophrenie durch die Behandlung mit Nicotinsäure verschwinden, diese vielleicht auch Schizophrenien anderer Ursache beeinflussen könnte. Bereits 1936 hatte der deutsche Psychiater Paul Honekamp die These aufgestellt, Schizophrenie beruhe auf einem Vitamin-B-Mangel, den er mit einem Präparat aus kalt getrockneter Bierhefe zu beheben versuchte Paul Honekamp: Die Heilung der Geisteskrankheiten mit natürliche Heilstoffen, Marhold, Halle a.d.S. 1936. Hoffers und Osmonds Überlegungen führten zur orthomolekularen Psychiatrie, einer Form der orthomolekularen Medizin, die jedoch aufgrund des fehlenden Wirksamkeitsnachweises nicht Bestandteil der modernen evidenzbasierten Medizin ist.
Der Schriftsteller Lew Kopelew beschrieb in seinem autobiografischen Roman Aufbewahren für alle Zeit! seine eigene Pellagra-Erkrankung Ende 1945 im Strafgefangenenlager Suchobeswodnaja, die unter anderem mit Sonderrationen geronnenem Blut auskuriert wurde. In den sowjetischen Gulags bestand die Ernährung neben dünner Gemüsesuppe hauptsächlich aus Buchweizengrütze:
Ursache Generell: Einseitige, nicotinsäurearme Ernährung. Speziell: Hauptsächliche Ernährung mit alkalisch unbehandeltem oder ungeröstetem Mais oder hauptsächliche Ernährung mit Sorghumhirse, da hierin nur eine für den menschlichen Organismus (ohne chemische Veränderung bzw. Molekülspaltung) nicht verwertbare Form der Nicotinsäure enthalten ist, das Niacytin, welches in unveränderter Form vom menschlichen Körper nicht aufgenommen werden kann.vitalstoff-lexikon.de Niacin (Vitamin B3) Definition, Synthese, Resorption, Transport und Verteilung.
Jeder Patient, der an pellagraartigen Symptomen erkrankt und bei dem der für diese Krankheit typische ernährungsbedingte Niacinmangel nicht nachvollziehbar ist, sollte auf das Vorhandensein des Gendefekts für die Hartnup-Krankheit untersucht werden.
Folgen Nicotinsäure ist für zahlreiche Oxidations- und Reduktionsvorgänge (Wasserstoffübertragungen) im Körper nötig. Die Folgen eines Mangels sind Krankheiten wie Pellagra, welche sich in Juckreiz, Rötungen der Haut, Entzündungen der Schleimhäute des Verdauungstraktes, schmerzhafte Verdickung der Haut sowie Braunfärbung und Schäden im zentralen Nervensystem äußern. Der Ausfall von Nicotinsäureamid hat auch Auswirkungen auf die Hämoglobinbildung und kann zur „Pellagra-Anämie“Konrad Bingold, Walther Stich: Diagnose und Therapie der Hämoglobinstoffwechselstörungen. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 76–79, hier: S. 77. führen. mini|Hyperkeratoische Haut an den Händen eines Patienten mit Pellagra
Symptome und Krankheitsverlauf Kennzeichen sind unter anderem:
Durchfall Dermatitis (Hauterkrankung) Demenz (organisches Psychosyndrom).
„Unter Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Fieber treten hauptsächlich Darmstörungen, nervöse Symptome wie Tremor, Lähmungen, Krämpfe und psychische Störungen, sowie Erscheinungen von Seiten der Haut auf; in schweren Fällen kann das Krankheitsbild in Wochen zum Tode führen, meist aber erstreckt der Verlauf sich über Jahre.“ Hautveränderungen bilden sich typischerweise an den dem Sonnenlicht ausgesetzten Stellen (Hände, Unterarme, Gesicht, Nacken). Die psychischen Erkrankungen werden mit Tryptophanmangel in Zusammenhang gebracht.
Der 1945 im sowjetischen Gulag einsitzende Dissident Alexander Solschenizyn beschreibt die Pellagra-Symptome wie folgt:
Behandlung Die Behandlung beinhaltet üblicherweise eine direkte Gabe von Nicotinsäure oder NicotinamidMaurice Edward Shils, Moshe Shike: Modern Nutrition in Health and Disease. Lippincott Williams & Wilkins, 2006. ISBN 978-0-7817-4133-0. S. 1371 (genannt auch PP-Faktor, pellagra preventing factor). Die Therapie sollte außerdem B-Vitamine, Zink, Magnesium sowie eine energiereiche Diät beinhalten.Pitche: Pellagra. In: Sante 15(3), Juli–September 2005. S. 205 ff.
Präventiv eingesetzt werden können Lebensmittel, die reich an Nicotinsäure sind: Eier, Kleie, Erdnüsse, Fleisch (Geflügel, Fisch, rotes Fleisch), Hülsenfrüchte und verschiedene Samen. Auf Alkohol sollte verzichtet werden.
Literatur Bücher M. C. Latham: A historical perspective. In: A. Berg, N. S. Scrimshaw, D. A. Call (Hrsg.): Nutrition, National Development and Planning. The MIT Press, Cambridge, Massachusetts 1973, ISBN 0-262-02092-0, S. 313–328. Benjamin Reilly: Disaster and Human History: Case Studies in Nature, Society and Catastrophe. McFarland, 2009. ISBN 978-0-7864-3655-2. S. 315ff. Arlene Spark, Lauren M. Dinour, Janel Obenchain: Nutrition in Public Health: Principles, Policies, and Practice. CRC Press, 2015. ISBN 978-1-4665-8995-7. S. 41 ff. Ludwig Weissbecker: Nicotinsäure-Avitaminose (Pellagra). In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1092–1095.
Zeitschriften J. S. Hampl, W. S. Hampl: Pellagra and the origin of a myth: evidence from European literature and folklore. In: Journal of the Royal Society of Medicine. US National Library of Medicine, 1. November 1997.
Weblinks Eine rätselhafte Patientin — Zwölf Mal mangelhaft
Einzelnachweise
Kategorie:Hypovitaminose Kategorie:Krankheitsbild in der Gastroenterologie Kategorie:Hautkrankheit Kategorie:Krankheitsbild in der Neurologie