mini|Erika Weinzierl (2008) Erika Weinzierl (geb. Fischer; * 6. Juni 1925 in Wien; † 28. Oktober 2014 ebenda) war eine österreichische Historikerin, die sich um die österreichische Zeitgeschichtsforschung verdient gemacht hat. Sie leitete das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften und war ordentliche Universitätsprofessorin an der Universität Salzburg und der Universität Wien. Lange Zeit war sie eine der wenigen Frauen im deutschsprachigen Raum und die einzige in Österreich auf einem Geschichts-Ordinariat. Für ihre wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurde sie vielfach ausgezeichnet, langjährig stand sie der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich vor, deren Ehrenpräsidentin sie später wurde.
Leben Erika Weinzierl wurde 1925 als Tochter des sozialdemokratisch und humanistisch orientierten Lehrers Otto Fischer (1897–1956), zuletzt Bezirksschulinspektor in Wien, und dessen aus Pola stammenden Lehrergattin Maria (1897–1985), Tochter von Alexander Dini (gest. 1925), zuletzt Oberst in der k.k. Landwehr, in Wien geboren. Die Eltern Weinzierls trennten sich in ihrer späten Kindheit.Ilse Korotin (Hrsg.): biografıA. Lexikon österreichischer Frauen. Band 3: P–Z. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2016, ISBN 978-3-205-79590-2, S. 3495 f. Mutter und Vater waren aufgrund ihrer Sozialisation gegenüber dem Nationalsozialismus immunisiert; ihr Vater konnte allerdings nach dem Österreichischen Bürgerkrieg (1934) keine Karriere mehr machen.
Erika wuchs in Wien auf und besuchte die Volksschule im 6. Wiener Gemeindebezirk (Mariahilf). Während der Schulzeit im 1938 „angeschlossenen“ Österreich war sie trotz der gesellschaftlichen Verhältnisse mit Gleichaltrigen jüdischer Herkunft (sogenannte „jüdische Mischlinge“) befreundet gewesen. Nach der vorgezogenen Matura im Februar 1943 am damals einzigen humanistischen Mädchengymnasium (in der Rahlgasse) in Wien-Mariahilf, das bis zur Emigration von der Altphilologin Gertrud Herzog-Hauser geleitet worden war, wurde sie durch die Nationalsozialisten für ca. anderthalb Jahre zum Reichsarbeitsdienst herangezogen: Diesen absolvierte sie als Bauernmagd auf einem Bauernhof im niederösterreichischen Waldviertel, als Straßenbahnschaffnerin in Wien, als Hilfskrankenschwester im Reservelazarett II im damaligen Hotel Münchner Hof (bereits als Studentin) und als Hilfsarbeiterin in einem Rüstungsbetrieb im Arsenal im 3. Wiener Gemeindebezirk (Landstraße).Oliver Rathkolb: Erika Weinzierl. Eine Historikerin als kritische Stimme in der späten II. Republik In: Mitchell G. Ash, Josef Ehmer (Hrsg.): Universität – Politik – Gesellschaft. Göttingen 2015, S. 341 ff.
Im Sommersemester 1944 inskribierte sie sich auf Wunsch des Vaters für ein Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät. Noch in der Zeit des Nationalsozialismus gehörte sie in der inoffiziellen Katholischen Studentenseelsorge (Vorgängerin der Katholischen Hochschulgemeinde) – wie auch Kurt Schubert, Wilhelm F. Czerny, Kurt Skalnik und Hans Tuppy sowie Otto Mauer, ein weiterer Orientierungspunkt – dem Kreis um den Priester Karl Strobl an, der sich im Widerstand befand. Gegen Ende des Krieges verbreitete sie nach eigenen Angaben unwissentlich Nachrichten (im Sinne) der bürgerlich-konservativen Widerstandsgruppe O5.
Nachdem sie sich auf Anraten Czernys im Vorfeld Vorlesungen verschiedener Geisteswissenschaften angehört hatte, begann sie 1945 ein Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. Sie hörte u. a. bei Victor Kraft, Alois Dempf, Alfons Lhotsky und Leo Santifaller. Neben dem Studium, das sie 1948 abschloss, engagierte sie sich in der Katholischen Hochschuljugend Österreichs und der Hochschülerschaft (ÖH) in der konservativen Freien Österreichischen Studentenschaft (FÖST). Dort lernte sie auch ihren späteren Mann kennen. Von 1946 bis 1948 absolvierte sie neben ihrem Studium als außerordentliches MitgliedFritz Fellner: „… ein wahrhaft patriotisches Werk“. Die Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 1897–2000 (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs. Bd. 91). Böhlau, Wien u. a. 2001, ISBN 3-205-99376-4, S. 282. den zeitaufwändigen, aber für den Archivdienst notwendigen, 44. LehrgangOliver Rathkolb: Weinzierl, Erika. In: Brigitta Keintzel, Ilse Korotin (Hrsg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben – Werk – Wirken. Wien 2002, S. 795 ff. des Wiener Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (IÖG), den sie im Sommer 1948 mit der Staatsprüfung abschloss. Die Prüfungsarbeit über das Millstätter Urkundenbuch erfolgte bei dem Mediävisten und Archivar Leo Santifaller.Fritz Fellner, Doris A. Corradini: Österreichische Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon. Wien 2006, S. 444. Ende 1948 wurde sie bei Santifaller über die Geschichte des Benediktinerklosters Millstatt in Kärnten zur Dr. phil. promoviert. Das Werk ging 1951 beim Verlag des Geschichtsvereines für Kärnten in den Druck.
In den Jahren 1948 (vor der Promotion) bis 1964 war sie als Archivarin im Bundesdienst (Maturantenstelle) am unter der Generaldirektion von Leo Santifaller und später Gebhard Rath stehenden Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHStA) in Wien tätig, dort verantwortlich für Urkunden, Ausstellungen und die Redaktion der Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs (MÖSTA). Sie habilitierte sich – sie nutzte die Nachmittage im Archiv – 1961 bei Alfons Lhotsky,„Mir ging es immer um die Menschen“ (Gespräch mit Hubert Christian Ehalt). In: Katja Sindemann, Toni Badinger (Red.): Gespräche zur Zeit. Wien 1996, S. 180. der eine Professur für österreichische Geschichte bekleidete, an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien mit einer Arbeit über Die österreichischen Konkordate von 1855 und 1933 und wurde alsbald Universitätsdozentin für österreichische Geschichte und Kirchengeschichte der Neuzeit.
Als Wochenendpendlerin zwischen Wien und Salzburg wurde sie im Jahre 1964 nach Salzburg an das Institut für kirchliche Zeitgeschichte des damals von dem Benediktinerpater Thomas Michels geleiteten Internationalen Forschungszentrums (ifz) berufen, in dessen Vorstand sie bis 1992 blieb. Daneben wurde sie nach der Umhabilitation ab 1967 außerordentliche Universitätsprofessorin und ab 1969 ordentliche Universitätsprofessorin für österreichische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Philosophischen Fakultät der in den 1960er Jahren wiedergegründeten Universität Salzburg.Alexander Pinwinkler: Die „Gründergeneration“ der Universität Salzburg. Biographien, Netzwerke, Berufungspolitik, 1960–1975. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2020, ISBN 978-3-205-20937-9, S. 136–146. Salzburg war damals nach Wien (Ludwig Jedlicka) und Linz (Karl R. Stadler) drittwichtigster österreichischer Standort des Fachs Zeitgeschichte. Ihre aufsehenerregende Antrittsvorlesung am 11. Juni 1968 befasste sich mit den Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik vor allem in der Zeit der Ersten Republik.Klaus Taschwer: Historikerin Erika Weinzierl 89-jährig gestorben. In: Der Standard, 28. Oktober 2014.Lukas Wieselberg: Wegweisende Antrittsvorlesung vor 50 Jahren. In: Science ORF.at, 27. Juni 2018. Als Salzburger Professorin war sie bis 1970 eine von nur vier Frauen, die an deutschsprachigen Universitäten eine ordentliche Geschichtsprofessur innehatten. Weit länger war sie die einzige Ordinaria auf diesem Gebiet in Österreich. Weinzierls Nachfolger in Salzburg wurde ihr ehemaliger Assistent Ernst Hanisch.
Weinzierl gründete 1973 die Zeitschrift Zeitgeschichte mit Beiträgen zu Österreich im 20. Jahrhundert in Salzburg. Ihr erstes Editorial hieß „Zeitgeschichte – Das Programm einer Zeitschrift“. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums wurde ein Beitrag zu Rückblick und Vorschau auf diese Zeitschrift von ihr publiziert.Die Ausgaben 1973–2008 stehen online bei ANNO. Sie war Ehrenpräsidentin des Vereins zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte.
Ab 1977 leitete Weinzierl das von ihr mitbegründete Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften in Salzburg, zuletzt gemeinsam mit Siegfried Mattl und Oliver Rathkolb. Dort förderte sie die geschichtswissenschaftlichen Arbeiten Wolfgang Hubers zur Psychoanalyse und Psychologie. Gemeinsam mit Christian Broda (SPÖ), Justizminister, etablierte sie die zunächst von Karl R. Stadler und Rudolf G. Ardelt, später durch Oliver Rathkolb und Siegfried Mattl miteditierte Reihe Justiz und Zeitgeschichte (Verlag Jugend & Volk). 1979 wurde das Institut (seit 1991 für Geschichte und Gesellschaft) nach Wien verlegt.Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft, Clio-online, 4. April 2011.
Von 1979 bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 1995 war sie als Nachfolgerin von Ludwig Jedlicka, dem 1977 verstorbenen Begründer der wissenschaftlichen Zeitgeschichtsforschung in Österreich, ordentliche Universitätsprofessorin für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Neuesten Geschichte am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, deren Vorstand sie angehörte. Im Berufungsverfahren setzte sie sich u. a. gegen den deutschen Historiker Hans Mommsen durch. Ihr Lehrstuhlnachfolger (1997) wurde der in Linz durch Karl Stadler geprägte Gerhard Botz.Helmut Konrad: Von Linz aus. Die Formierung der österreichischen Zeitgeschichte. In: Stefan Benedikt u. a. (Hrsg.): Erkundungen: Zur Zeitgeschichte. Böhlau, Wien u. a. 2016, ISBN 978-3-205-20337-7, S. 28, 35.
Zu ihren akademischen Schülern in Salzburg und Wien gehörten u. a. Gabriele Anderl, Erna M. Appelt, Rudolf G. Ardelt, Peter Autengruber, Brigitte Bailer, Gertrude Burcel, Bernhard Denscher, Günter Fellner, Florian Freund, Adolf Gaisbauer, Winfried Garscha, Eduard Gugenberger, Ernst Hanisch, Gottfried Köfner, Siegfried Mattl, Brigitte Mazohl, Finbarr McLoughlin, Klaus-Dieter Mulley, Rudolf Müllner, Norbert Nemec, Marcus G. Patka, Béla Rásky, Oliver Rathkolb, Robert Rill, Roman Schweidlenka, Irene Schöffmann, Robert Streibel, Paul Tesarek, Erika Thurner, Sandra Wiesinger-Stock und Christine Wiesmüller.
mini|hochkant|Ehrengrab von Erika Weinzierl Zeitlebens freundschaftlich mit Herbert Steiner, Gründer des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), verbunden, arbeitete sie 1998 an der DÖW-Ausstellung 1938. NS-Herrschaft in Österreich mit.
1948 heiratete sie den Experimentalphysiker Peter Weinzierl (1923–1996), nachmaliger ordentlicher Universitätsprofessor für Physik an der Universität Wien und Sohn des Ministerialrats Moriz Weinzierl. Ihre Söhne sind der Historiker Michael Weinzierl (1950–2002), außerordentlicher Universitätsprofessor für Neuere Geschichte, und der Germanist und Feuilletonredakteur Ulrich Weinzierl (1954–2023). Am 28. Oktober 2014 verstarb Erika Weinzierl 89-jährig in Wien. Sie wurde am 10. November 2014 unter Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt.Erika Weinzierl in Ehrengrab beigesetzt, orf.at, abgerufen am 10. November 2014.
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