Die historische oder historisch-kritische Jesusforschung (früher: Leben-Jesu-Forschung) versucht die Frage nach dem historischen Jesus zu beantworten. Sie forscht in den Schriften des Urchristentums und anderen Quellen der Antike nach Jesus von Nazaret. Mit historisch-kritischen Methoden rekonstruiert sie Grundzüge seines öffentlichen Wirkens. Für die weitaus meisten Forscher war Jesus ein historischer Jude, durch dessen Auftreten der urchristliche Glaube an Jesus Christus entstand.
Die historische Jesusforschung entstand etwa ab 1740 im Zeitalter der Aufklärung. Sie findet in der universitären christlichen Theologie im Fach Neues Testament (NT), in der Archäologie, Geschichtswissenschaft, Judaistik, Literaturwissenschaft und Religionswissenschaft statt.
Entstehung Bis in die Frühe Neuzeit hinein galt die Bibel gemäß kirchlicher Lehre als Heilige Schrift, die Gott selbst nicht nur autorisiert, sondern bewirkt und wörtlich inspiriert habe. Biblische Erzählungen wurden rezitiert, interpretiert und kommentiert, nicht kritisch analysiert und überprüft. Das, was sie mitteilen, galt als wirklich, weil Gott sich darin mitteilte. Das geschriebene Wort galt als unmittelbares Abbild (Analogie) der bezeichneten Dinge, so dass Zeichen und Sache nahezu gleichgesetzt wurden.Philipp Sarasin: Michel Foucault zur Einführung. Junius Verlag, 3. Auflage 2008, ISBN 3-88506-633-5, S. 75 f.
Die Erfindung neuer Drucktechniken seit dem 12. Jahrhundert und des Buchdrucks im 15. Jahrhundert veränderten die Auffassung der Bibeltexte. Die Frage nach der richtigen Druckvorlage förderte in der Renaissance die Suche nach einem Urtext der Bibel und die Textkritik. Dabei wurden Originaltexte von Abschriften und Bibelübersetzungen kritisch unterschieden. Die Reformation wertete die Bibel als sich selbst auslegende, keiner kirchlichen Interpretation bedürftige Instanz für christliche Wahrheit (sola scriptura) und ließ nur den wörtlichen Schriftsinn (sensus literalis) gelten. Zugleich verstand Martin Luther Jesus Christus als inhaltliche Mitte und Norm der ganzen Bibel (solus Christus) und übte von da aus Sachkritik an manchen Bibeltexten. Diese Konzentration auf den einheitlich gedruckten und allgemein lesbaren Bibeltext, seinen Wortsinn und seine inhaltliche Bedeutung bereiteten die aufklärerische Bibelkritik vor und ermöglichten sie.Christian Strecker: Hic non est, Stuttgart 2007, S. 160–165
Mit den Fortschritten in den Naturwissenschaften wuchs auch in den Geisteswissenschaften das Interesse an methodisch überprüfbaren und feststellbaren Tatsachen. Schon lange erkannte Widersprüche in und zwischen den Evangelien des NT bedurften auch darum einer Erklärung, weil immer mehr Bevölkerungsteile diese Texte selbst lesen konnten. Im Deismus begann die anhaltende Bemühung, einen historischen Jesus hinter den „Übermalungen“ des NT freizulegen, um ihn als alternatives Leitbild gegen das dogmatisierte Christusbild der Kirchen in Stellung bringen zu können. Die Jesusforschung war also eng mit der Emanzipation des Bürgertums von der mittelalterlichen Vorherrschaft der Kirche verbunden.Christian Strecker: Hic non est, Stuttgart 2007, S. 165
Nachdem sich das allgemeine Verständnis von Wissen und das besondere Verständnis der Bibel im christianisierten Europa grundlegend gewandelt hatten, entstand um 1740 die Jesusforschung.
Überblick Seit etwa 1870 bezeichnete man die historische Forschung zu Jesus von Nazaret im deutschsprachigen Raum als „Leben-Jesu-Forschung“. Der Ausdruck geht wesentlich auf das Werk Das Leben Jesu (1835/36) von David Friedrich Strauß zurück, auf das viele deutschsprachige Veröffentlichungen mit analogen Titeln folgten. Die Autoren vertraten meist die liberale Theologie im Protestantismus. Sie gingen optimistisch davon aus, mit Hilfe der Zweiquellentheorie die Biografie und „Persönlichkeit“ des historischen Jesus aus den Evangelien rekonstruieren zu können, um sie gegen die von den Aposteln geschaffene, von den Großkirchen dogmatisierte Christologie zu stellen. Albert Schweitzer fasste diese Forschungsperiode 1906 mit seinem Werk Von Reimarus zu Wrede zusammen. Er zeigte, dass fast alle Autoren eines „Lebens Jesu“ ihr eigenes ideales Jesusbild in das NT projiziert hatten. Ab der 2. Auflage 1913 trug das erweiterte Werk den Titel: Geschichte der Leben-Jesu-Forschung., S. 25.
Seit 1900 zeigten historisch-kritische Arbeiten, dass schon die ältesten urchristlichen Texte Jesu Auftreten nach Gemeinde- und Verkündigungsinteressen gestaltet hatten, so dass die historische Ereignisfolge als kaum noch rekonstruierbar erschien. Die Dialektische Theologie brach seit 1918 mit dem theologischen Liberalismus und wertete das Interesse am historischen Jesus ab. Dennoch wurde weiter nach ihm geforscht, auch außerhalb des deutschen Protestantismus, unter anderem im Judentum., S. 25–28.
Seit 1953 stellten Rudolf Bultmanns Schüler eine erneute „Rückfrage nach dem historischen Jesus“, um die nachösterliche Christologie an Jesu Eigenverkündigung zurückzubinden. Sie machten ein doppeltes Differenzkriterium geltend: Authentisch seien nur jene überlieferten Jesusworte, die sich weder aus dem zeitgenössischen Judentum noch dem Urchristentum erklären ließen., S. 26
Seit den 1970er Jahren bezog die Jesusforschung sozialgeschichtliche Fragen und Methoden ein. Vor allem in den USA wurden außerkanonische urchristliche Texte verstärkt berücksichtigt. Für Autoren, die diese Quellen bevorzugen, ist Jesus eher von altorientalischer Weisheit und vom Hellenismus beeinflusst. Demgegenüber sehen die meisten neueren Forscher Jesus als Vertreter einer innerjüdischen Erneuerungsbewegung, die auf die biblische Prophetie und Apokalyptik zurückgriff. Sie ersetzen das doppelte Differenzkriterium durch kontextuelle Plausibilität: Als historische Jesusüberlieferung gilt, was aus dem damaligen Judentum erklärbar ist und die Entstehung des Urchristentums verständlich macht., S. 28–29.
Zeitliche Einteilung Seit etwa 1980 wird die Jesusforschung besonders im englischen Sprachraum oft schematisch in drei Phasen eingeteilt. Die Phasen werden im Englischen quest genannt (wörtlich „Suche“, sinngemäß „Erforschung“). Die erste Phase von 1736 bis 1900 wird „first“ oder „old quest“ genannt. Die Zeit der Bultmannschule (1953ff.) wird „second“ oder „new quest“ genannt. Die Forschung seit etwa 1970 heißt „third quest“.Marcus J. Borg: Jesus in Contemporary Scholarship. Trinity Press, 1994, ISBN 978-1-56338-094-5, S. 3–7
Der Zeitraum zwischen der ersten und zweiten Phase wird als „no quest“ bezeichnet, weil in diesen etwa 50 Jahren angeblich keine nennenswerte Jesusforschung stattfand. Manche Autoren variieren das Dreiphasenmodell, indem sie einzelne Phasen weiter unterteilen.
Die Einteilung ist in der Jesusforschung jedoch umstritten, vor allem weil sie frühere Vorläufer, Jesus-Bücher aus der angeblichen „no-quest“-Zeit und die starken Richtungsunterschiede innerhalb der neueren Jesusforschung zu wenig berücksichtige.Christian Strecker: Hic non est. In: Andreas Nehring, Joachim Valentin (Hrsg.): Religious Turns – Turning Religions: Veränderte kulturelle Diskurse – neue religiöse Wissensformen. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019963-7, S. 150–178, hier: S. 158 Das Dreiphasenmodell wird daher manchmal als willkürlich und ideologisch motiviert kritisiert.Fernando Bermejo Rubio: The Fiction of the ‘Three Quests’: An Argument for Dismantling a Dubious Historiographical Paradigm. Journal for the Study of the Historical Jesus 7 (2009), S. 211–253.
Jüdische Vorläufer Isaak Troki (1533–1594), ein Karäer aus Litauen, trug in seinem Buch zur Stärkung des Glaubens eine frühe Kritik der Evangelien vor: Sie seien längere Zeit nach Jesu Tod verfasst worden, zeigten innere Widersprüche und Tendenzen, für die ihre Autoren Schriftbeweise erfunden oder den Wortlaut von Bibelzitaten verdreht hätten, gäben den Juden die Schuld am Tod Jesu, obwohl er selbst mit seinem Sterben Gottes Willen habe erfüllen wollen, zeigten keine Spur der Trinitätslehre und widersprächen mit Stellen wie oder klar der Jungfrauengeburt und Göttlichkeit Jesu, der sich Menschensohn genannt habe.
Der hochgebildete Rabbiner Leone da Modena (1571–1648) aus Venedig stellte Jesus in seiner Schrift Magen wa-Ḥereb als liberalen Pharisäer dar. Er habe bestimmte halachische Regeln wie das Händewaschen missachtet und sei deshalb in Konflikte mit anderen Pharisäern geraten (Mk ). Er habe sich als Sohn Gottes bezeichnet, aber damit kein göttliches Wesen gemeint, sondern sich als von Gott erwählten, den Propheten überlegenen Toralehrer verstanden. Erst spätere Heidenchristen hätten seine Lehren missdeutet, ihn zu einem gottmenschlichen Mischwesen gemacht und die Dogmen der Trinität, Erbsünde und Erlösung davon geschaffen.
1856 und 1873 veröffentlichte Abraham Geiger, Begründer des Reformjudentums, diese von Christen bis dahin kaum beachteten Schriften. Er erklärte besonders Modena zum Vorläufer der Leben-Jesu-Forschung, der einige ihrer Einsichten vorweggenommen habe: die Zugehörigkeit Jesu zum zeitgenössischen Judentum und die Kluft zwischen seiner Lehre und den kirchlichen Dogmen über ihn.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit, Stuttgart 2010, S. 84f.
Erste Phase Albert Schweitzer gliederte diese Phase rückblickend in drei aufeinander folgende Entweder-oder:
„entweder rein geschichtlich oder rein übernatürlich“: Seit David Friedrich Strauß wurden überlieferte Wunder von und an Jesus, vor allem seine Auferstehung, von möglichen historischen Angaben unterschieden. Das folgte der Prämisse des Rationalismus: Historisch könne nur sein, was naturwissenschaftlich möglich und erklärbar sei. „entweder synoptisch oder johanneisch“: Seit der Tübinger Schule wurden die drei verwandten synoptischen Evangelien vom später entstandenen Evangelium nach Johannes abgegrenzt. Erstere wurden als historisch glaubwürdiger eingestuft. „entweder eschatologisch oder uneschatologisch“: Johannes Weiß erkannte als Erster, dass Jesu Verkündigung von der jüdischen Eschatologie und Apokalyptik bestimmt war, und unterschied diese von gegenwartsbestimmten Bestandteilen seiner Lehre.Albert Schweitzer: Geschichte der Leben Jesu Forschung, 9. Auflage 1984, S. 254; rezipiert bei Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit, 2010, S. 114 Im Anschluss an Weiß stellte Schweitzer heraus, dass Jesu jüdisch-apokalyptische Endzeiterwartung dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts und den liberalen Jesusbildern widersprach. Die schrittweise Annäherung an Jesu Verkündigung stellte also die Prämisse der Jesusforschung in Frage, seine Lehre gegen den dogmatischen Christus der Kirchen stellen zu können.Albert Schweitzer: Geschichte der Leben Jesu Forschung, 1984, S. 629
Hermann Samuel Reimarus Der Deist Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) schrieb 1762 nur für seine Freunde eine Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes. Er wagte nicht, sie zu seinen Lebzeiten zu veröffentlichen. Erst posthum (ab 1774) veröffentlichte Gotthold Ephraim Lessing sieben Fragmente daraus (siehe Fragmentenstreit).