Die Sprechbildung dient der Förderung der Sprechstimme und stellt den Oberbegriff für den Prozess von Stimmbildung und Artikulationsschulung dar. Unter dem Begriff Stimmbildung wird die Ausbildung der Sprechstimme als vorbereitende Maßnahme für stimmintensive Berufe verstanden. Als Teilbereich der Sprechwissenschaft und Bestandteil sprecherzieherischer Arbeit schließt die Sprechbildung neben der Ausbildung von Stimme und Sprache auch die individuelle Persönlichkeitsentwicklung ein. Sprechbildnerische Lehre findet ein Anwendungsfeld in der stimmlich-sprecherischen Ausbildung von Berufssprechern (z. B. Schauspieler, Sänger, Lehrer) und schlägt sich meist in einem Einzel- oder Kleingruppenunterricht aus, welcher von einem professionellen Sprechtrainer geleitet wird.
In der sprechwissenschaftlichen und sprecherzieherischen Lehre wird zumeist die Gesprächsfähigkeit als Globalziel festgelegt. Sprecherische Funktionskreise wie Atmung, Stimme, Aussprache, Intonation und Körperausdruck sowie die Fähigkeiten Lesen, Sprechdenken und Hörverstehen bilden elementare Prozesse in jeglicher rhetorischer, ästhetischer oder therapeutischer Kommunikation. Als körperbezogene Faktoren und sprecherische Grundbefähigungen stellen sie grundlegende Voraussetzungen der gemeinsamen Sinnkonstituierung dar, welche in Gesprächssituationen mit offiziellerem Charakter angestrebt wird. Die Sprechbildung eröffnet zudem einen bildungstheoretischen Standpunkt, welcher formaler Natur ist. Für den Gegenstand des Sprechens ist der gemeinsame Bezugspunkt das Subjekt (die miteinander sprechenden Menschen). Die Kommunikatoren lernen, im funktionalen Sinne, die in ihnen ruhenden körperlichen, geistigen und seelischen Eigenheiten aufzudecken, und im methodischen Sinne, die Fähigkeiten zur Entfaltung dieser zu entwickeln.
Der Erfolg sprecherzieherischer Übungseinheiten liegt nicht ausschließlich in der Verantwortung des Lehrenden, er ist durch die Motivation und Zielorientiertheit des Lernenden selbst bedingt. Daher liegt in sprechbildnerischen Einzeltrainings oder Gruppenarbeiten zumeist ein Fokus auf der Förderung der Freiwilligkeit, Motivation und Einsicht der Lernenden. Die Arbeit an der eigenen Stimme und den intrinsischen Sprechfunktionen kann somit als immerwährende, selbstbestimmte Tätigkeit verstanden werden. Bevor man in die Arbeit am Sprechen einsteigt, sollte die Stimmgesundheit und das Hörvermögen durch ein phoniatrisches Gutachten von einem auf Sprechsprache spezialisierten HNO-Arzt untersucht werden. Bei festgestellten pathologischen Erscheinungen wird im Vorfeld der sprechbildnerischen Tätigkeit eine logopädische Behandlung empfohlen.
Ziele Betrachtet man die Sprechbildung aus einer humanistischen Perspektive, zielt ihre Lehre darauf ab, den Lernenden mit der Sprech- und Gesprächskultur in ihren unterschiedlichen Ausprägungsformen vertraut zu machen, um ihm ein verbessertes Verständnis der Welt und seiner eigenen Position darin zu ermöglichen. Dieses Verständnis ermöglicht es dem Menschen, durch eigenständiges Handeln an gesellschaftlichen Ereignissen mitzuwirken und mitzubestimmen. Ein übergeordnetes Ziel der Sprechbildung ist somit die Mündigkeit und Emanzipation des Einzelnen in der Gesellschaft. Die Fähigkeit, zu kommunizieren, wird als grundlegende Problemlösungsstrategie sowie als Methode der Kompetenzerwerbung angesehen. Sie gehört zu den allgemeinen Fertigkeiten, die in verschiedensten stimmlich-sprecherischen Inhaltsbereichen zum Einsatz kommen. Die Sprechbildung ist somit ein wesentlicher Bestandteil der Lehre der Basisqualifikationen unserer Informations- und Mediengesellschaft. Der Erfolg von Arbeitsgemeinschaften oder Partnerschaften (sowohl im schulisch-universitären als auch im späteren beruflichen Kontext) ist abhängig von der Weise, wie die Themen und Inhalte sprecherisch dargelegt werden und wie in Gesprächen mit Kollegen, Vorgesetzten und Kunden stimmlich interagiert wird.
Das Zitat von Erich Drach illustriert die der Didaktik der mündlichen Kommunikation innewohnende Zweiteilung der externen, theoretischen Vermittlung der stimmlich-artikulatorischen Grundlagen und der selbstständigen, praktischen Sprechübung bzw. -tätigkeit („Learning by Doing“). Als Fundament der Lehreinheiten werden den Lernern möglichst vielfältige kommunikative Ausdrucksformen vorgestellt, welche diese in ihren verschiedenen Handlungsmöglichkeiten ausprobieren und hinsichtlich der situativen Wirkung und Adäquanz einschätzen können. So wird den Lernenden die Fähigkeit des angemessenen Einsatzes und Wechsels des Sprachgebrauchs für unterschiedliche Situations-, Rollen- und Interaktionszusammenhänge nähergebracht. Das Prinzip des Feedback-Gebens und -Nehmens, welches aus den Überlegungen zur Themenzentrierten Interaktion in die sprechbildnerische Lehre übernommen wurde, stellt dabei ein wichtiges Instrumentarium zur Selbsteinschätzung der eigenen Sprechfähigkeiten dar.
Die Aufgabe eines Sprechbildners spiegelt sich v. a. in dem Erkennen und Optimieren der individuell unterschiedlich ausgeprägten stimmlich-sprecherischen Veranlagungen und Eigenschaften der Lernenden wider. Dennoch sollte ein Sprechtrainer keinesfalls in die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen eingreifen, da ein authentisches Sprechen sowie ein kreativer Umgang mit den eigenen stimmlichen Mitteln die Rahmenbedingungen für die Schulung von Stimme und Artikulation bilden. Ziel der Sprechbildung ist es somit nicht vorwiegend, die Stimme und Artikulation anhand vorgefertigter Kriterienkataloge zu perfektionieren. Subjektive Bewertungskategorien, bspw. Klar- und Reinheit in der Stimme oder Sauberkeit und Akzentfreiheit in der Artikulation, treten daher in den Hintergrund. Stattdessen liegt ein Fokus auf der Schaffung von Bewusstsein für die eigenen stimmlich-artikulatorischen und sprechgestalterischen Mittel und auf der Schulung dieser durch kontinuierliche Übungseinheiten auf Grundlage von kreativitätsfördernden Denkansätzen.
Ein weiteres Ziel innerhalb sprechbildnerischer Übungsprozesse stellt dar, stimmliche Mittel wie Lautstärkevariation, Modulationsfähigkeit und Klangfarbenveränderung bewusst und vielseitig nutzen zu können. Dies dient als Hilfestellung bei der Darlegung einer Kommunikationsabsicht. Neben der Umgangssprache, die dia- und regiolektal von Sprecher zu Sprecher variieren kann, ist gerade bei Berufssprechern eine Beschäftigung mit den Regeln der Standardaussprache empfehlenswert, um diese in öffentlichen Redesituationen gezielt einzusetzen. Die durch das Aneignen unterschiedlichster artikulatorischer Formstufen erweiterte kommunikative Handlungskompetenz führt zu einer Vielschichtigkeit und einem Variantenreichtum innerhalb sprechsprachlicher Vorgänge. Eine wichtige Rolle in der sprechbildnerischen Arbeit spielt auch die situativ geprägte emotionale Stimmung des Sprechers. Eine Aufgabe des Sprechtrainers ist es somit auch, Vergnügen am Sprechen zu wecken oder zu erhalten. In einer als natürlich wahrgenommenen und mit Freude verbundenen Kommunikationssituation können die Akteure ihre Sprechanliegen und -absichten in einem höheren Maß kreativ gestalten und zielorientiert formulieren.
Die Sprechbildung dient dem Erlernen, Trainieren und Anwenden stimmlich-artikulatorischer Funktionsabläufe innerhalb der Textarbeit. Zudem ist jedoch auch auf die Integration der erlernten Fähigkeiten in den Sprechalltag zu achten. Hierbei ist es nicht von Bedeutung, ständig in einer an der Hochsprache orientierten Artikulationsschärfe sprechen zu können. Die artikulatorische Formstufe soll je nach Kommunikationssituation ausgewählt und variiert werden. Ist die Stimme stets funktional einsatzbereit und variabel einsatzfähig, kann der sprecherische Fokus von der Konzentration auf sprechtechnische Prozesse zurückgedrängt und der Inhalt der Äußerung in das Zielfeld der Aufmerksamkeit gerückt werden.
Grundgesetze des Sprechens (Quelle: )
Im Folgenden werden die wichtigsten Gesetze des Sprechens für die Anerziehung der natürlichen Sprechfunktionen zusammengestellt. Der Sprechpädagoge sollte diese Gesetze berücksichtigen, da der Verstoß gegen eine dieser Voraussetzungen zu sprecherischen Fehlfunktionen des Lernenden führen kann. Mithilfe der Grundgesetze wird somit die Voraussetzung für die Lehr- und Erlernbarkeit angemessenen Sprechhandelns geschaffen. Die Trennung des sprecherischen Gesamtgeschehens in zehn Grundgesetze ist künstlich und dient rein theoretischen Zwecken. Letztendlich ist der Erwerb von sprecherischen Funktionen, deren Ablauf bestimmt wird vom Bau des menschlichen Körpers in seiner umfassenden Ganzheit, von dem Zusammenspiel aller physischen und psychischen Kräfte abhängig.
1. Bewusstes Kontrollieren und Verändern der Spannungsverhältnisse des Körpers (Vollbringung der geforderten Leistung mit dem der Aufgabe adäquaten Kraftaufwand, Vermeidung aller peripheren Mehr- und Überspannungen des Körpers, Vermeidung jeder Verkrampfung der Gesichts- und Halsmuskulatur sowie des Rumpfes und der Extremitäten, Vermeidung von körperlicher Laschheit bzw. Unterspannung)
2. Herstellung einer natürlichen Körperhaltung mit einem der Aufgabe entsprechenden wohlausgewogenen Verhältnis von Gespannt- und Entspanntheit (kaum spürbare Neigung des Beckens nach vorne, Bewusstwerdung eines vertikalen Zugs nach oben durch die nahezu völlig gestreckte Wirbelsäule, Zulassen des leichten rückwärtigen Gegenzugs der Schultern und Schulterblätter nach unten, Bewusstwerdung des Körperschwerpunkts in einer durch Sprung-, Knie-, Hüft- und Schultergelenke hindurchgehenden Vertikalebene im Beckenraum)
3. Bewusstes Kombinieren der Atmung als Zwerchfell-Rippen-Atmung bzw. Vollatmung (unforcierte Nutzung der Atemmenge in der Länge des jeweilig zu sprechenden Sinnabschnittes, Nutzung jeder Gelegenheit zur Nasenatmung bei nicht phonatorischem Zweck, Vermeidung hörbaren Luftschnappens, elastisches Einsinkenlassen der Bauchdecke mit gleichzeitiger Stützung der Muskulatur des Brustkorbs in inspiratorischer Spannung während der Ausatmung der Phonation)
4. Sicherung der Weite der Resonanzräume (Herstellung eines befreienden Entspanntseins im Bereich der Artikulationsräume und der Kehle, Bewegung des Kehlkopfs in natürliche Tiefstellung während der Phonation, möglichst flache Streckung der Zungenwurzel ohne zu starke Verdickung gegen die Rückwand der Kehle und des unteren Rachenraumes, müheloses Erfüllen der Verschluss- und Öffnungsfunktion des Gaumensegels ohne Fehlspannungen)
5. Ausschöpfende Bewegung der Sprechwerkzeuge, v. a. Lippen, Zunge und Unterkiefer (müheloses Durchführen der für den einzelnen Laut und seine Lautverbindungen charakteristischen Bewegungsabläufe innerhalb der entsprechenden Artikulationsbreite, Gewährleistung der Hochrundeinstellung der Lippen ohne forcierten Breitzug bei den Vokalen [i] und [e], Bildung des Mundvorhofes mit natürlicher Verlängerung des Ansatzrohrs im Bereich der Lippen, Herstellung von Zungenspitzenkontakt mit den Schneidezähnen bei allen Vokalen und Konsonanten außer [ʃ] („sch“), Herstellung einer dem Laut entsprechenden Kieferöffnungsweite)
6. Nutzung der individuellen natürlichen Sprechtonlage im unteren Drittel des Gesamtstimmumfangs und müheloser Vollzug der Ein- und Absätze der Stimme (Vermeidung von Überspannungen und Verkrampfungen der Indifferenzlage, Vermeidung von zu überhöhtem Sprechen, Nutzung des weichen Anschaukelns der Stimmlippen bei Konsonanteneinsätzen, Beachtung des Schließeinsatzes (Einleitung des Vokals von einem [h] mit Verschließen der Stimmlippen aus offener Stellung) und Sprengeinsatzes (federndes Öffnen der locker aneinander liegenden Stimmlippen mit unbehauchtem physiologischem Glottisschlag bei vokalanlautenden Wörtern) bei Vokaleinsätzen)