Die Rhetorischen Kommunikation ist ein wissenschaftliches Fachgebiet, dessen Vertreter sich mit der Beschreibung und Optimierung der interpersonellen Sprechkommunikation beschäftigen. Es wird als Teilbereich der Sprechwissenschaft angesehen. Neben der Wissensschöpfung besteht das Ziel der Rhetorischen Kommunikation in der Vermittlung sprecherischer Handlungs- und Hörverstehenskompetenzen. Im Mittelpunkt der Analysen stehen dabei die Aktivitätsfelder Gespräch und Rede in gesellschaftlich relevanten Situationen sowie in der Öffentlichkeit. Auch die mündliche Kommunikation im Berufsleben sowie die deklariert zielgeleitete Kommunikation können in den Fokus der Untersuchungen fallen. Als ein Unterbereich der Rhetorischen Kommunikation kann die Medienrhetorik angesehen werden, welche sich der Analyse und Didaktik von Prozessen und Produktionsformen der mündlichen, technisch vermittelten Kommunikation in den modernen Massenmedien widmet.

Historische Einordnung (Quelle: )

Die Sophisten → Hauptartikel: Sophisten

In der frühzeitlichen griechischen Aufklärung gab es eine argumentative Fokusverschiebung der Denkweisen Mythos zu Logos und Tradition zu Vernunft. Die kritische Reflexion trat in den Vordergrund. Die Sophisten waren Weisheitslehrer, die ihre Schüler in Wissenschaft und Künsten unterrichteten. Sie lehrten eine dialektische Sichtweise, um rationale und verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Ein sophistischer Grundsatz stellte dar, dass der Mensch bei allen Dingen des Alltags nur das Wahrscheinliche, nicht aber Wahrheit erkennen könnte. Weiterhin entwickelten die Sophisten das Disputieren in den Bewertungskategorien „pro et contra“ und entfalteten die Rhetorik zu einer praktischen Lebensphilosophie. Isokrates gilt als der bedeutendste Rhetorikschulgründer, er nannte seine Lehren Philosophie. Der Philosoph Protagoras prägte die Denkweise, dass über jedes Thema zwei gegensätzliche Reden möglich wären, welche beide Anspruch auf die Wahrheit erheben könnten.

Platon → Hauptartikel: Platon

Platon stellte die Sophisten als Täuscher und Blender dar, welche die rhetorische Techniken ausschließlich zum eigenen Vorteil nutzten, Nützliches bzw. Heilsames als bloß wahrscheinlich darstellten und nur vorgaben, das Richtige zu kennen. Seine Ideenlehre sollte das Gute, Schöne und Wahre erkennen können. Mithilfe des Dialogs ließ er stellvertretend seinen Lehrer Sokrates die Sophisten entlarven. Er kritisierte den sophistischen Allmachtsanspruch, mit einer überzeugenden Rede alles möglich machen zu können.

Aristoteles (Schüler von Platon) → Hauptartikel: Aristoteles

Aristoteles definierte die Rhetorik als Fähigkeit, das Überzeugende in einer Sache zu erkennen. Er polemisierte auch gegen die Sophisten, stellte aber nicht mehr die Wahrheit als das Ziel der Rede dar, sondern die Wahrscheinlichkeit und Plausibilität, welche auf das Glaubenerweckende zielten. Das Wahrscheinliche in der Mehrzahl der Fälle bedeutete für ihn gleich viel wie die Wahrheit. Aristoteles verfasste eine erste wissenschaftliche Systematik der Rhetorik. Er verband die Rhetorik mit der Dialektik und erörterte logische Schlussverfahren. Zudem prägte er die Topik, indem er eine Theorie der dialektischen Argumentation, eine Einteilung der Redegattungen, eine Affektlehre sowie eine Stilistik der Rhetorik einführte.

Cicero → Hauptartikel: Marcus Tullius Cicero

Cicero war ein Politiker, Anwalt und Philosoph im republikanischen Rom. Er sah die Rhetorik als Instrument der politischen Willensbildung, Voraussetzung von Gemeinschaft und Philosophie des Lebens in der Republik an. Als seine bedeutendste Schrift wird „De oratore (Über den Redner)“ angesehen. Hierin beschreibt er den „orator perfectus“ (ethisch und intellektuell universalgebildeter Redner), welcher über jeden Sachverhalt wirkungsvoller reden kann als ein Fachkundiger. Er lenkte die Massen durch ein gebildetes und moralisch gefestigtes Persönlichkeitsideal.

Quintilian → Hauptartikel: Quintilian

Quintilian beschrieb in der römischen Kaiserzeit die Rhetorik als ästhetisch-literarische Allgemeinbildung. Für ihn dominierten stilistische Fragen die inhaltlichen Beweggründe. Er prägte den Begriff der nichtssagenden Eloquenz („corrupta eloquentia“). Ihm war der „Quintilianus“, der erste öffentlich besoldete Lehrstuhl der europäischen Bildungsgeschichte, inne. Er reformierte die Rhetorikausbildung, indem er ein ethisches Fundament als Grundlage schuf und den „vir bonus“ (Ehrenmann, der gut zu reden weiß) als Erziehungsziel der Schüler einführte. Sein Hauptwerk war das „Institutio oratoria“ (Lehrbuch der Redekunst), in welchem er eine konsequente Pädagogik und Didaktik der Rhetorik beschrieb, autoritäre Methoden ablehnte und Lob als Lernmotivation empfahl.

Moderne Auffassungen Moderne Auffassungen der rhetorischen Kommunikation konzentrieren sich auf die Herstellung und Nutzung kommunikativer Kompetenz, welche durch teilnehmerzentrierte, praxisnahe Übungen in einer angstfreien, von gegenseitigem Respekt geprägten Atmosphäre gekennzeichnet ist. Es liegt jeweils in der eigenen Verantwortung der einzelnen Person, ihr Verhalten zu ändern. Eine Verhaltensänderung sollte nicht von außen erzwungen werden. Folgende Kommunikationsmodelle bzw. -axiome bilden den Grundstein der rhetorischen Lehre:

1. Die rhetorische Kommunikation ist immer an eine konkrete Kommunikationssituation gebunden. Die Veränderung eines Faktors löst eine Veränderung der gesamten Situation aus. Die Gesprächspartner passen sich daher ständig untereinander an. Es wird subjektives Feedback durch individuelle Wirkungskategorien wie „situationsangemessen“, „wirkungsvoll“ oder „viabel“ angestrebt.

2. Die rhetorische Kommunikation ist durch das Modell der trivialen (TM) und nicht-trivialen Maschine (NTM) (nach Heinz von Foerster) bedingt. In der TM führt ein bestimmter Input immer zu einem vorhersagbaren, gleichen Output. Input und Output stehen in einem Reiz-Reaktions-Muster in Verbindung und bilden eine lineare Kausalkette, die analytisch bestimmbar, vergangenheitsunabhängig und voraussagbar ist. Die NTM ist unberechenbar, sie repräsentiert die inneren Zustände, welche von vorangegangenen Operationen beeinflusst werden. Ursache und Wirkung hängen vom jeweiligen Zustand ab, verändern ihn aber gleichzeitig. Sie bilden ein zirkuläres Kausalsystem, das analytisch nicht bestimmbar, vergangenheitsabhängig und unvoraussagbar ist. Mensch und Kommunikation sind nicht-trivial. Die Kommunizierenden beeinflussen nicht nur einander, sondern auch sich selbst. Hierbei spricht man von einem selbstreferentiellen System.

Begriffsbestimmung und -abgrenzung Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu antiken rhetorischen Auffassungen Der Themenkomplex der Rhetorischen Kommunikation weist zahlreiche Parallelen zu den Anfängen der Rhetoriklehre auf. Der Fokus liegt hierbei auf der Mündlichkeit, der Anwendungsorientierung und dem Andocken an anerkannte Wissensbestände aus der bis in die Antike zurückreichenden rhetorischen Fachgeschichte. Verschiedenste grundsätzliche rhetorische Erkenntnisse, v. a. von Aristoteles, sind Laufe der Jahrhunderte immer wieder in sprechwissenschaftlich orientierte Untersuchungen eingeflossen und bilden somit die Basis für moderne Theorien und Anwendungen der Rhetorischen Kommunikation.

Das Themenfeld der aktuellen sprechwissenschaftlichen Rhetorik bezieht darüber hinaus jedoch auch das Gespräch als Forschungs- und Lehrgegenstand, die interdisziplinär orientierte Wissensaneignung sowie die methodische Diversifizierung in die Überlegungen ein. Das Gespräch, welches in der Antike keinen wissenschaftlichen Betrachtungsgegenstand bildete, ist als wichtigste und häufigste Ausprägung der mündlichen Kommunikation in den Fokus gegenwärtiger Untersuchungen gerückt. Da die Sprechwissenschaft generell in einem engen interdisziplinären Zusammenhang zu angrenzenden wissenschaftlichen Teildisziplinen steht, ist auch die Rhetorische Kommunikation stark mit der Psychologie, Neurobiologie, Linguistik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Kybernetik, Systemtheorie, Informatik sowie Informationstechnik verknüpft. Die sprechwissenschaftliche Rhetorik schöpft aus einem vielfältigen Methodeninventar, das neben klassischen, theoretischen Herangehensweisen auch zunehmend qualitative sowie quantitative empirische Untersuchungen einbezieht.

Zudem haben sich Konzepte der Strömungen der „Neuen Rhetorik“ in aktuellen sprechwissenschaftlichen Ansätzen verankert. Die Rhetorik wird als Technik der Kommunikation mit sozialpsychologischer Fundierung, Anwendungsbereich der Verständlichkeitsforschung, Argumentationstheorie, gesellschaftlich-politisches Instrumentarium der Demokratie, Teilbereich der Textlinguistik sowie Analyseinstrument kommunikativer Ereignisse von Gespräch und Rede definiert.

Prägung und Modifizierung des Begriffs „Rhetorische Kommunikation“ Hellmut Geißner führte 1981 erstmals den Begriff „Rhetorische Kommunikation“ in seinem Werk „Sprechwissenschaft: Theorie der mündlichen Kommunikation“ ein, indem er die Rhetorik mit stimmlich-sprecherischen Kommunikationsvorgängen in Verbindung setzte. Er beschrieb die Zweiteilung der Rhetorischen Kommunikation in die aktuelle Dialogizität der Gesprächsrhetorik (das Sprechen miteinander) und die virtuelle Dialogizität der Rederhetorik (das Sprechen zu anderen). Zudem betonte er, dass sich die Rhetorische Kommunikation auf den Bereich des bewussten kommunikativen Handelns beziehen würde. Ziel der Rhetorikschulung sei nach Geißner die Analyse und Optimierung des reflektierten, verantwortungsbewussten Sprech- und Hörverstehenshandelns. Zudem trainiere man mithilfe kommunikativ-rhetorischer Übungen, das durch Überredung oder Manipulation herausgeforderte reflexartige Verhalten zu unterbinden. Geißner distanzierte sich von den in der Ratgeberliteratur wiederzufindenden Überlegungen, welche den Gebrauch von starren, schablonenhaften Techniken und Formmitteln als Grundbaustein der Rhetorik definierten.

Das Geißnersche Konzept legte den Grundstein für heutige rhetorisch-sprechwissenschaftliche Denkweisen, wurde jedoch aus ethischer und fachlicher Perspektive zahlreich modifiziert.

1. Geißner berief sich in seinen Ausführungen ausschließlich auf die Hermeneutik, während in die Ursprungsbestimmung der heutigen Rhetorischen Kommunikation durchaus unterschiedliche philosophische und psychologische (u. a. konstruktivistische und systemische) Sichtweisen einfließen.

2. Moderne rhetorisch-kommunikative Ansätze fußen größtenteils auf der Halleschen Sprechwirkungsforschung, welche jegliche sprecherische Form-Funktions-Zusammenhänge in ihre Beobachtungen und Auswertungen involviert. Somit werden neben dem bewussten Sprechen auch Formen des unbewussten Handelns und Verhaltens als Ausprägungen der Rhetorizität angesehen („man kann nicht nicht kommunizieren“).

3. Das aktuelle Konzept der Rhetorischen Kommunikation stützt sich auf die qualitative und quantitative empirisch-theoretische Wissenslage. Es werden nur dann alternative Erklärungsansätze zu Rate gezogen, wenn eine empirische Untersuchung unmöglich erscheint.

Rhetorisch relevante Kommunikationsmodelle (Quelle: )