mini|Die Ruinen der Bibliothek der Universität Löwen im Jahr 1914 mini|Die zerstörte Stadt Löwen 1915 mini|Westfront 1915–1916

Als Rape of Belgium (deutsch etwa Schändung Belgiens) wurden von der alliierten Propaganda der Tatbestand und die Umstände der deutschen Invasion von Belgien während des Ersten Weltkrieges bezeichnet. Der Begriff hatte zunächst eine symbolische Bedeutung und umschrieb die Verletzung der belgischen Neutralität. Berichte von tatsächlichen, übertriebenen und vermeintlichen deutschen Gräueltaten gaben ihm schon in den ersten Monaten des Krieges die eigentliche, dem Wortsinn näherkommende Bedeutung einer Vergewaltigung.Vergleiche:

Auch in neueren englischsprachigen Veröffentlichungen wird der Begriff im engeren Sinne zur Beschreibung einer Serie deutscher Kriegsverbrechen in den ersten Monaten des Krieges verwendet.

Vorgeschichte Die Neutralität von Belgien war 1839 im Vertrag von London garantiert worden, das Königreich Preußen war einer der Mitunterzeichner. Das Deutsche Reich übernahm mit seiner Gründung die Verpflichtungen aus diesem Vertrag.

Besetzung Belgiens Für den Kriegsfall beinhaltete der Schlieffen-Plan einen deutschen Vorstoß durch Belgien unter Missachtung seiner Neutralität, um die in Ostfrankreich konzentrierte französische Armee und die dortigen zahlreichen Festungen (Barrière de fer) strategisch zu umgehen. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg bezeichnete in diesem Zusammenhang den Vertrag von London als einen ,Memoirs of Prince Von Bulow—The World War and Germany’s Collapse 1909–1919. aus dem Deutschen übersetzt von Geoffrey Dunlop, F. A. Voight. Little, Brown and Company, Boston 1932. was in Großbritannien und in anderen Ländern große Empörung verursachte.

Bereits in der Nacht vom 1. auf den 2. August 1914 wurde Luxemburg von deutschen Truppen besetzt; am 2. August 1914 stellte Deutschland Belgien ein Ultimatum;Laurence van Ypersele: Belgien im „Grande Guerre“. (PDF; 91 kB) in den Morgenstunden des 4. August 1914 begann der Einmarsch in Belgien. Erste Übergriffe fanden in Gemmenich statt.Herbert Ruland: (PDF)

Der „Wettlauf zum Meer“ mit den alliierten Truppen erstreckte sich bis zum Gebiet rund um die Yser, das von belgischen Truppen gehalten werden konnte. Dort fand vom 20. Oktober bis zum 18. November 1914 die Erste Flandernschlacht statt.

Das besetzte Belgien wurde in zwei Verwaltungsgebiete gegliedert:Deutsche Besatzung in Belgien während des Ersten Weltkriegs. In: Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917–1929). Das Operations- und Etappengebiet in Ost- und Westflandern, im Süden der Provinz Hennegau (Hainaut) und Luxemburg unterstanden dem Oberkommando der deutschen 4. Armee. Das Generalgouvernement Belgien mit den restlichen Gebieten unterstand dem Generalgouverneur. Dieser war direkt dem Kaiser unterstellt.

An der Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden wurde das Grenzhochspannungshindernis errichtet, um Belgier an der Flucht in die Niederlande zu hindern.

Kriegsverbrechen Nach dem unerwartet starken Widerstand Belgiens gegen die Invasion (bereits die Eroberung der Festung Lüttich erforderte tagelange, schwere Kämpfe) kam es in der Anfangsphase des Krieges zu Gewalttaten der Deutschen gegen die Zivilbevölkerung und zur Tötung von mehreren tausend belgischen Zivilisten. Die deutschen Truppen befürchteten und vermuteten, oft ohne konkreten Anlass, belgische Guerilla und Francs-tireurs in den Ortschaften, brannten Häuser nieder und ermordeten Zivilisten. So gab es vereinzelte Erschießungen schon in Lüttich, später in Aarschot (156 Tote), Andenne (211 Tote), Tamines (Massaker von Tamines, 383 Tote) und in Dinant (Massaker von Dinant, 674 Tote).Zahlen aus: John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Hamburg 2004, ISBN 3-930908-94-8, S. 636 ff. Unter den Opfern waren auch Frauen und Kinder.Alan Kramer Dynamic of destruction: culture and mass killing in the First World War. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-280342-9, S. 1–24. In Brabant mussten sich Nonnen unter dem Vorwand entkleiden, sie seien Spione.Jeff Lipkes: Rehearsals. The German Army in Belgium, August 1914. Leuven University Press, Löwen 2007, ISBN 978-3-515-09159-6, S. 543–574.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Hamburg 2004, S. 72 ff. Ob es überhaupt eine größere Partisanenaktivität gegeben hatte, ist heute umstritten.Zur These, dass die deutschen Truppen die „Franc-tireurs“ aufgrund von Feindbildern und übersteigerten Ängsten meist nur imaginiert hätten, vgl. John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Hamburg 2004. Kritisch dazu die Rezension von Peter Hoeres in sehepunkte und jetzt auch Gunter Spraul, Der Franktireurkrieg 1914. Berlin 2016.

Der deutschen Armee wurden eine Vielzahl von Übergriffen und Gräueltaten gegen die belgische Bevölkerung sowie zahlreiche Zerstörungen und Verstöße gegen die Haager Landkriegsordnung angelastet; 6.000 Belgier wurden getötet, 25.000 Gebäude in 837 Gemeinden zerstört. 1.500.000 Belgier flohen vor der deutschen Invasion (20 Prozent der belgischen Gesamtbevölkerung).Jeff Lipkes: Rehearsals. The German Army in Belgium, August 1914. Leuven University Press, Löwen 2007, ISBN 978-3-515-09159-6, S. 13.Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2009, ISBN 978-3-506-76578-9, S. 682 f. Die von der alliierten Propaganda aufgenommenen Massaker wurden von der deutschen Führung mit dem Hinweis auf angebliche Freischärler gerechtfertigt.Laurence van Ypersele: Belgien. In: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2009, S. 46.

Am 25. August 1914 verwüstete die deutsche Armee die Stadt Löwen (siehe Zerstörung Löwens im Ersten Weltkrieg) und brannte vorsätzlich die Universitätsbibliothek Löwen nieder, wobei 1.000 Handschriften, 800 Inkunabeln und 300.000 Bücher, die in 500-jähriger Arbeit angesammelt worden waren, verbrannten. 248 festgenommene zivile Einwohner wurden erschossen.Spencer Tucker, Priscilla Mary Roberts u. a.: World War I: encyclopedia. Volume 1, ABC-CLIO, Greenwood 2005, S. 714. Die 17. Reserve-Division war zum ersten Fronteinsatz durch Löwen gezogen, als sich ein Schuss löste und Panik auslöste, die sich in einer wilden Schießerei Bahn brach. Die Soldaten drangen in die Häuser ein, aus denen tatsächlich oder vermeintlich geschossen worden war, töteten alle bewaffneten Personen und steckten die Gebäude in Brand. Vieles spricht dafür, dass die in der ganzen Stadt verteilten deutschen Einheiten sich bei der Schießerei versehentlich gegenseitig unter Feuer genommen hatten.Klaus-Jürgen Bremm: Propaganda im Ersten Weltkrieg. Theiss, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-8062-2754-3. S. 39. Am 29. August musste die Restbevölkerung Löwen verlassen, insgesamt brannten 1.081 Häuser nieder und zahlreiche Kunstschätze gingen verloren.Peter Schöller: Der Fall Löwen und das Weissbuch. Eine kritische Untersuchung der deutschen Dokumentation über die Vorgänge in Löwen vom 25. bis zum 28. August 1914. Verlag Böhlau, Köln/Graz 1958.Laurence van Ypersele: Belgien. In: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2009, S. 45 ff.

Die Times vom 29. August 1914 schrieb, deutsche „Hunnen“ hätten sich am „belgischen Oxford“ vergriffen.www.thetimes.co.uk Der Fall von Löwen wurde letztlich zu einer moralischen und propagandistischen Katastrophe der Mittelmächte. Der wenig später erfolgte Aufruf „An die Kulturwelt!“ deutscher Wissenschaftler, in dem kategorisch bestritten wurde, dass unbescholtene belgische Bürger zu Schaden gekommen seien („Es ist nicht wahr, daß eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne daß die bitterste Notwehr es gebot.“) verschlechterte das Ansehen Deutschlands und der Deutschen Armeen im Ausland noch zusätzlich.Commission d’Enquete: Rapports et Documents d’Enquete. vol. 1, book 1, S. 679–704, vol. 1, book 2. 1922, S. 605–615.

Adolf Hitler lobte später die Erschießungen und Deportationen im besetzten Belgien als geeignetes und vorbildhaftes Mittel zur Vergeltung von Sabotage.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Hamburg 2004, S. 600.Werner Jochmann (Hrsg.): Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944. Aufgezeichnet von Heinrich Heim. München 2000, S. 59.

Kriegspropaganda mini|hochkant|US-PropagandaplakatTom Slater, Marsh Dixey, James L. Halperin: Political and Americana memorabilia auction. Heritage Auctions, 2005, ISBN 1-59967-012-7, S. 317. (online auf: books.google.com) mini|hochkant|Britisches Propagandaplakat mini|220px|Darstellung an einem Hausgiebel in Edinburgh: Belgische Frauen werden von deutschen Soldaten ermordet.

Historiker beschreiben die Darstellung auf alliierter Seite:

In Großbritannien machten sich viele „patriotische“ Publizisten solchermaßen geartete Darstellungen zu eigen. So beschrieb beispielsweise William Le Queux die deutsche Armee als () und stellte zeichnerisch fiktive Geschehnisse dar, wie zum Beispiel ein nackt aufgehängtes und verstümmeltes Kindermädchen, die Tötung eines Babys mit dem Bajonett oder die (), geschändet und von deutschen Soldaten entsetzlich verstümmelt; er beschuldigte die Deutschen weiterer Ausschreitungen wie des Abschneidens von Händen, Füßen und Brüsten. Lord Bryce, einer der Verfasser des Bryce-Reports, schrieb hierzu: . Kurze Zeit später hieß es in einem Brief aber schon: .

Wenngleich die berüchtigte „deutsche“ Bezeichnung (seitens des Reichskanzlers) des Vertrages von London aus dem Jahre 1839 (Garantie der Neutralität Belgiens durch die europäischen Großmächte) als einen großen Teil der Intellektuellen für die Unterstützung des Krieges einnehmen konnte, konnte dies in den Kreisen der Arbeiterschaft weniger Überzeugungskraft entfalten. So meinte beispielsweise der Labour-Politiker Ramsay MacDonald hierzu: . Britische Armee-Anwerber berichteten von Problemen, die Gründe des Krieges überzeugend darzulegen.

Als der deutsche Vormarsch in Belgien weiterging, begannen die britischen Zeitungen Berichte über deutsche Gräueltaten zu veröffentlichen. Sowohl die seriösen Zeitungen wie auch die Boulevardblätter zeigten weniger Interesse an den offiziellen Berichten aus Belgien, die als empfunden wurde. Stattdessen überfluteten zunehmend Aufzählungen von Schändungen und bizarren Verstümmelungen die britische Presse. Der intellektuelle Diskurs zum wurde dann mit metaphorischen Darstellungen Belgiens als vergewaltigter Frau versetzt, beispielhaft in den Cartoons von Louis Raemaekers, dessen Arbeiten auch in den USA weite Verbreitung fanden.

Teile der britischen Presse, beispielsweise der Herausgeber der Times und Edward Tyas Cook, äußerten Bedenken, dass willkürliche und wilde Berichte, von denen sich einige als komplett erdichtete Fälschungen erwiesen, die kraftvolle Gesamtmetaphorik schwächen würden. Deswegen forderten sie eine besser strukturierte Herangehensweise. Auch die amerikanische Presse bezweifelte den Wahrheitsgehalt vieler Berichte. Die Tatsache, dass das britische Press BureauNäheres siehe auch Martin Schramm: Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912–1919. Akad.-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-05-004422-4, Kapitel 5. fragwürdige Berichte nicht zensierte, brachte die britische Regierung (Premierminister war H. H. Asquith) in eine delikate Situation.