mini|hochkant=1.25|Ortsmitte des ehemals freien Reichsdorfs
Gochsheim (unterfränkisch: Goggsum) ist eine Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt, etwa fünf Kilometer südöstlich von Schweinfurt. Gochsheim ist ein ehemals kaiserlich unmittelbares und freies Reichsdorf. 2016 wurden die Sennfelder und Gochsheimer Friedensfeste von der Deutschen UNESCO-Kommission in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Der Hauptort ist ein weithin bekanntes Gärtnerdorf mit Sonderkulturen, Wohnvorort von Schweinfurt und wichtiger (Lebensmittel)Logistik- und Gewerbestandort (u. a. mit zwei DHL-Standorten: Mechanisierte Zustellbasis und Global Forwarding, Freight). Das Dorf ist ein Zentrum fränkischen Brauchtums, mit der 370 Jahre alten Gochsheimer Kirchweih. Der Ortskern wird durch die Gochsheimer Kirchenburg geprägt.
Geografie Lage Das Gemeindegebiet liegt wenige Kilometer südlich des Mains, im Osten des Schweinfurter Beckens, und erstreckt sich im Nordosten mehr als 1 km über die Autobahn 70 hinaus und grenzt im Osten an den Main, wo es einen kleinen Anteil an der Schonunger Bucht besitzt. Im Westen grenzt es an den Schwebheimer Wald, an dem es mit dem Naturschutzgebiet Spitalholz bei Gochsheim ebenfalls einen kleineren Anteil besitzt. Der zwischen Gochsheim und Weyer gelegene Mönchberg wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts außerdem dem Naturraum Herlheimer Mulde zugeschlagen.
Nachbargemeinden Nachbargemeinden sind (von Norden beginnend im Uhrzeigersinn): Schonungen, Gädheim, Grettstadt, Schwebheim, Schweinfurt und Sennfeld.
Gemeindegliederung Es gibt zwei Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben): Gochsheim (Pfarrdorf) Weyer (Kirchdorf)
Es gibt auf dem Gemeindegebiet die Gemarkungen Gochsheim und Weyer. Die Gemarkung Gochsheim hat eine Fläche von 14,886 km². Sie ist in 4381 Flurstücke aufgeteilt, die eine durchschnittliche Fläche von 3397,82 m² haben.
Geschichte Anfänge Gochsheims Der Ort Gochsheim ist ein ehemals kaiserlich unmittelbares und freies Reichsdorf, was seine Geschichte, sein Selbstbewusstsein und seine Traditionen bis heute prägt. Die geschichtliche Entwicklung Gochsheims ist eng verknüpft mit den benachbarten ebenfalls reichsfreien Orten Schweinfurt und Sennfeld.
Gochsheim wurde vermutlich um das Jahr 500 gegründet. Zum ersten Mal erwähnt wurde es in einer Urkunde über eine Schenkung an das Kloster Fulda aus dem Jahr 796. Die Pfarrei Gochsheim wurde im Jahr 1130 zum ersten Mal erwähnt.
Freies Reichsdorf Gochsheim mini|hochkant=1.5|Reichsdörfer im Heiligen Römischen Reich im Jahr 1618
+ Reichsdörfer und reichsritterliche Orteum die Reichsstadt Schweinfurt (im Terr. v. 1620–1802) rahmenlos|zentriert|hochkant=1.5
Wann Gochsheim die Reichsfreiheit erlangte, ist nicht ganz klar. Als freies Reichsdorf wurde es im Jahr 1234 aufgrund einer Klage des Fürstbischofs Hermann II. Hummel von Lichtenberg an König Konrad IV erwähnt. Eine Reichsvogtei in Schweinfurt, zu der die beiden Dörfer Sennfeld und Gochsheim gehörten, wurde im Jahr 1282 erwähnt.
1304/05 verpfändete König Albrecht dem Hochstift Würzburg die Reichsvogtei Schweinfurt mit den beiden Dörfern Sennfeld und Gochsheim. 1309 wechselte die Pfandschaft an die Grafen von Henneberg. Schließlich befreite die Reichsstadt Schweinfurt 1386 sich, Sennfeld und Gochsheim mit eigenen Mitteln aus der Pfandschaft. 1635 verlor Gochsheim die Reichsfreiheit. In einem Lehenbrief beschenkte Kaiser Ferdinand II. den Würzburger Fürstbischof Franz Graf von Hatzfeld mit den beiden Reichsdörfern Sennfeld und Gochsheim. Am 14. August 1649 wurde die Reichsfreiheit durch eine Restitutionskommission in Schweinfurt wiedererlangt. Der aus dieser Zeit stammende Plantanz wird noch heute zur Kirchweih getanzt und gilt als Symbol der wiedererhaltenen Reichsfreiheit, die bis zur Eingliederung in das Kurfürstentum Bayern 1802 bestehen blieb. Damit waren Gochsheim und sein Nachbar Sennfeld zwei der wenigen bis zuletzt verbliebenen Reichsdörfer.Erhard Nietzschmann: Die Freien auf dem Lande. Ehemalige deutsche Reichsdörfer und ihre Wappen. Melchior, Wolfenbüttel 2013, ISBN 978-3-944289-16-8, S. 35.
Drei Kilometer westlich des Dorfes, hinter dem Schwebheimer Wald, liegt Senftenhof, eine Wüstung, die sich heute im Grenzgebiet der Gemarkungen von Gochsheim, Grafenrheinfeld und Schweinfurt befindet. Der Ort wurde vermutlich im 17. Jahrhundert verlassen.
Neuere Geschichte Früher wurden auf den Feldern von Gochsheim und Sennfeld Gurken angebaut, die vor allem in Franken mit Essig in Gläsern konserviert wurden.Martin Droschke: Noch vor drei, vier Generationen […]. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 14. November (zum „Tag der eingelegten Gurke“). 1810 wurde Gochsheim kurzzeitig aus dem bayerischen Staatsverband entlassen, am 30. Juni 1814 aber erneut nach Bayern eingegliedert. Am 23. November 1903 wurde die Eisenbahnlinie Schweinfurt–Gerolzhofen über Gochsheim eröffnet. Von 1862 bis 1972 war Gochsheim die größte Gemeinde des Bezirksamtes bzw. Landkreises Schweinfurt.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Gochsheim durch Bombenangriffe auf Schweinfurt erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Am 13. April 1945 erfolgte die Übergabe des Dorfes an US-amerikanische Truppen.
Weyer
Weyer erscheint zum ersten Mal im Jahr 1174 als Besitz des Klosters Ebrach. Die Burg Bergheide, etwa 1205 erbaut, wurde schon 1427 wieder zerstört. Weyer blieb bis zur Säkularisation im Besitz des Klosters Ebrach und beherbergte zeitweise auch eine Klostermühle. Nach der Auflösung des Klosters 1803 fiel Weyers Zehnt an den Fürsten von Thurn und Taxis. Weyer wurde am 1. Juli 1971 im Zuge der Gebietsreform in Bayern nach Gochsheim eingemeindet.
Religionen mini|hochkant|Stempel des evangelischen Pfarramts im 19. Jahrhundert
Die Reformation wurde in Gochsheim 1540 oder 1543 eingeführt. Früher war das ehemals freie Reichsdorf evangelisch geprägt; vor allem durch Zuzug ist die Zahl evangelischer und katholischer Bürger nahezu gleich. Im Ortsteil Weyer überwiegt seit jeher die katholische Konfession. Die St.-Michaels-Kirche in der Ortsmitte ist seit der Reformation evangelisch; im Jahr 1961 wurde die katholische Kirche St. Matthias in der Nikolaus-Fey-Straße gebaut.
Die katholischen Gemeinden St. Matthias Gochsheim und St. Bonifatius Weyer wurden am 10. Oktober 2010 mit Ober- und Untereuerheim, Sennfeld und Schwebheim zu einer Pfarreiengemeinschaft St. Christophorus vereinigt. Dekan Gregor Mühleck leitet den neuen Pfarrverband. Für Gochsheim ist der Pastoralreferent Rainer Weigand zuständig. Zur evangelischen Kirchengemeinde gehört auch das Gebiet der Gemeinde Grettstadt.
Die jüdische Bevölkerung machte zeitweise (1816) über 10 % der Bevölkerung aus und hatte in Gochsheim eine eigene Synagoge, eine Religionsschule mit Lehrerwohnung sowie ein rituelles Bad. Um 1800 wirkte in Gochsheim der aufgeklärte jüdische Buchhändler und Philanthrop Joseph Isaak, der 1791 das Büchlein „Unmaßgebliche Gedanken über Betteljuden“ verfasste. Mit seinem Anliegen, die prekären Verhältnisse von nicht-sesshaften Juden zu verbessern, verschaffte er sich sogar beim Würzburger Fürstbischof Gehör, stieß mit seinen Reformvorschlägen aber auch auf Ablehnung.Gerhard Gronauer/Hans Christof Haas: Gochsheim mit Schwebheim, in: W. Kraus, H.-C. Dittscheid und G. Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern III/2.2. Lindenberg im Allgäu (2021), S. 1365–1389, hier S. 1370f. Im Jahr 1937 wurde die jüdische Kultusgemeinde aufgelöst, die wenigen verbliebenen jüdischen Einwohner wurden der Gemeinde in Schweinfurt zugeteilt. Die letzten beiden jüdischen Einwohner wurden 1942 deportiert; alle anderen hatten Gochsheim vorher verlassen. Die ehemalige Synagoge wird heute als Wohnhaus genutzt. An die frühere jüdische Bevölkerung erinnern die Straßenbezeichnung Judenhof und eine Gedenktafel im Kirchhof am evangelischen Jugendhaus.
Einwohnerentwicklung Jahr 1961 1970 1991 1995 2005 2010 2015 2018 Einwohner 4.406 5.401 6.330 6.502 6.369 6.230 6.240 6.390 Im Zeitraum 1988 bis 2018 stieg die Einwohnerzahl von 6228 auf 6390 um 162 Einwohner bzw. um 2,6 %. 2001 hatte die Gemeinde 6644 Einwohner. Quelle: BayLfStat
Politik
Gemeinderat Bei der Kommunalwahl am 15. März 2020 kam es zu folgender Sitzverteilung im Gemeinderat: CSU/Freie Bürger: 9 GRÜNE: 2 SPD: 5 FW: 4
Bürgermeister Erster Bürgermeister ist seit 2020 Manuel Kneuer (CSU). Vorgängerin war Helga Fleischer (SPD). Zweiter Bürgermeister ist Edwin Hußlein (FW), Dritter Bürgermeister Jürgen Mayerl (SPD).
Wappen
Interkommunale Allianz Die Gemeinde Gochsheim gehört zur interkommunalen Allianz Schweinfurter Mainbogen (siehe: Grafenrheinfeld, Interkommunale Allianz).
Partnerschaften Seit 1999 besteht eine Kommunalpartnerschaft mit dem französischen Dorf Irigny.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Museen mini|Reichsdorf Museum in den Kirchgaden der Kirchenburg Freies ReichsdorfMuseum
Bauwerke Kirchenburg St. Michael, eine der ältesten noch erhaltenen Kirchenburgen Frankens, mit den historischen Gaden. Historisches Rathaus, erbaut 1561 Apostelhaus, Mönchsgasse 19, Renaissancebau von 1612, reliefgeschmückte Giebelseite mit kanzelförmigem Erker und originellen Inschriften an den Hausecken. Der Glockenturm der katholischen Pfarrkirche St. Matthias gilt als „technischer Exot“. Seit dem 17. Mai 2006 besitzt er eine Gegenpendelanlage. Der Turm schwankte vorher beim Läuten der vier Glocken so stark, dass er einzustürzen drohte. Schwebheimer Tor, das letzte erhaltene Tor von insgesamt vier mittelalterlichen Toren, die durch die Dorfmauer den Eintritt in das freie Reichsdorf gewährten. Um die evangelische Kirche sowie im Anschluss an das Alte Rathaus befindet sich eine der größten fränkischen Kirchenburgen, die Gadenanlage mit dem Reichsdorfmuseum.
Bau- und Bodendenkmäler
Sport Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft Hallenbad SC 47 Weyer Tennisclub 77 Gochsheim TSV Gochsheim 1906 e. V. Bürgerliche Schützengesellschaft Gochsheim
Regelmäßige Veranstaltungen Gochsheimer Kirchweih (Friedensfest)
Die Gochsheimer Kirchweih (Friedensfest) ist als immaterielles Kulturerbe eines der traditionsreichsten fränkischen Feste, mit dem charakteristischen Plantanz. Es ist ein historisches Friedens- und Freudensfest zum Gedenken an die Wiedererlangung der Reichsfreiheit 1649, jeweils um den ersten Sonntag im September. Das Fest findet am Plan statt. So wird der zentrale Dorfplatz in mehreren Dörfern insbesondere im Raum Schweinfurt genannt. Bis heute ist das Fest ein freier Burschenplan und wird von jungen, unverheirateten Männern in eigener – auch finanzieller – Verantwortung durchgeführt. Traditionell wird auf der zu Schweinfurt näher liegenden zeitgleich stattfindenden Sennfelder Kirchweih Bier und auf der Gochsheimer Kirchweih Wein ausgeschenkt. Die Nachkirchweih findet eine Woche nach der Kirchweih an selber Stelle statt.
Erntedankfest mini|hochkant|Erntekrone am Erntedankfest
Das traditionelle Erntedankfest hat in dem Gärtnerdorf, mit seinen Sonderkulturen und Gewächshäusern besondere Bedeutung. Am ersten Sonntag im Oktober findet ein großer Festzug mit blumengeschmückten Wagen, Musik und Trachtengruppen statt. Anschließend werden fränkische Tänze am Plan (Dorfplatz) aufgeführt. Veranstalter ist der Heimat- und Volkstrachtenverein.
Fasching Mit vier Tanzgarden und auf das Ortsgeschehen bezogenen Büttenreden ist das Programm der Faschingssitzungen des Gochsheimer Carnevals Clubs (GCC), die Zwiefl-Elf, gefüllt. Der Gochsheimer Redner Wolfgang Düringer trat auch bei der Fastnacht in Franken im Bayerischen Fernsehen auf. Am 5. Mai 2012 konnte der GCC sein 50-jähriges Bestehen feiern. Dabei wurden Wolfgang Schubert, der 25 Jahre lang als Sitzungspräsident fungierte, und Roland Ludwig zu Ehrenmitgliedern ernannt.
Theater Sehr gut besucht sind die Theaterabende des SC Weyer in der Adventszeit.