Beate Zschäpe (* 2. Januar 1975 in Jena als Beate Apel; Aliasnamen: Susann Dienelt, Lisa Dienelt, Mandy Pohl, Bärbel Bucilowski etc.Die Nazi-Braut – Das Geheimnis der Beate Zschäpe In: ZDFinfo via YouTube, 22. Februar 2014.) ist eine deutsche Rechtsextremistin und ein Mitglied der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Als Hauptangeklagte im NSU-Prozess wurde sie am 11. Juli 2018 als Mittäterin bei der Ermordung von zehn Menschen und wegen anderer Taten vom Oberlandesgericht München zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest.Urteil im NSU-Prozess In Süddeutsche Zeitung vom 11. Juli 2018

Leben

Herkunft und Kindheit Zschäpes Mutter studierte als Bürgerin der DDR bis 1976 Zahnmedizin an der Medizinischen und Pharmazeutischen Universität in Bukarest. Den erlernten Beruf konnte sie wegen einer Allergie nicht ausüben. Ab August 1976 war sie als Buchhalterin beim Kombinat VEB Carl Zeiss in Göschwitz bei Jena angestellt. Gleichzeitig studierte sie an der Fernuniversität Ökonomie und schloss das Studium als Ingenieurökonomin ab. In der Systemtransformation nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung verlor sie 1991 die Anstellung beim VEB Carl Zeiss.Rechtsterrorismus: Beate, die braune Witwe. In: Die Zeit Nr. 23/2012.

Beate Zschäpe hat ihren Vater nie kennengelernt. Er soll nach Angaben ihrer Mutter ein rumänischer Kommilitone gewesen sein, eine Zeit lang als Zahnmediziner in Nordrhein-Westfalen gearbeitet haben und im Jahr 2000 gestorben sein. Beate Apel wuchs in Jena in einfachen Verhältnissen auf und befand sich häufig in der Obhut ihrer Großmutter. Ihre Mutter ließ sich zweimal scheiden. Die Tochter nahm jeweils den Namen des neuen Partners ihrer Mutter an. In ihren ersten 15 Lebensjahren kam es zu sechs Umzügen in Jena und Umgebung.Christian Fuchs, John Goetz: Beate, die braune Witwe. In: Die Zeit, 31. Mai 2012. 1991 verließ sie nach der zehnten Klasse die staatliche Regelschule „Johann Wolfgang von Goethe“ im Jenaer Stadtteil Winzerla und begann im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine Tätigkeit als Malergehilfin.Göran Schattauer: Fast von einer Straßenbahn überfahren. In: Focus, 23. Januar 2012. Von 1992 bis 1996 machte sie eine Lehre zur Gärtnerin mit der Fachrichtung Gemüsebau.Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Reinbek bei Hamburg, 2012, S. 60 ff.

Radikalisierung in der Neonazi-Szene Als Jugendliche gehörte Zschäpe zuerst zur linken PunkszeneHeute wird das NSU-Urteil gesprochen: Beate Zschäpe – das ist Geschichte, Focus online vom 11. Juli 2018 und hatte 1990 einen Punk als Freund, mit dem sie eine Reihe von Diebstählen unter anderem von Alkohol und Zigaretten beging. 1989 oder 1990 lernte sie Uwe Mundlos kennen und begann eine Beziehung zu ihm, die im September 1990 so fest war, dass Mundlos’ Vater ein Konto für sie einrichtete. Ab 1991 besuchten Zschäpe und Mundlos den gerade eingerichteten Winzerklub, ein kommunal geführtes Jugendzentrum im Jenaer Plattenbauviertel Winzerla, und „prägten“ laut dem Soziologen Matthias Quent „die Jugendkultur“ dieser Einrichtung.Matthias Quent: Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus. Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät. Beltz Juventa, Weinheim, Basel 2016, S. 303 f. Dort lernten sie unter anderem Uwe Böhnhardt kennen und formten eine neonazistische Jugendclique.Andrea Röpke: Im Untergrund, aber nicht allein. In: Bundeszentrale für politische Bildung, 30. April 2012. Mit drei anderen Neonazis, unter ihnen Ralf Wohlleben, bildeten sie die Kameradschaft Jena. Zschäpe beteiligte sich an bundesweiten Aufmärschen der Neonazi-Szene und Aktionen der Anti-Antifa Ostthüringen und der Nachfolgeorganisation Thüringer Heimatschutz. Außerdem gab es Kontakte zum Neonazi-Netzwerk Blood and Honour.

Ebenfalls in den 1990er Jahren meldete Zschäpe politische Demonstrationen in Jena an („Zur Bewahrung Thüringer Identität, gegen die Internationalisierung der EG“). Sie beteiligte sich an Hetzjagden auf linke Jugendliche und an der Erpressung von vietnamesischen Zigarettenhändlern.Christian Fuchs, John Goetz: Sie hatte die Jungs im Griff. In: tagesschau.de, 8. November 2012.

Nachdem 1996 und 1997 in Jena mehrere Bombenattrappen und zündunfähige Sprengkörper gefunden worden waren, durchsuchte die Polizei am 26. Januar 1998 die Wohnungen von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt.Verfassungsschutzbericht Thüringen 1998, zit. nach: Regierungserklärung des Thüringer Innenministers vor dem Landtag, Erfurt, 21. Juni 2012. Dabei fand sich in Zschäpes Wohnung neben Macheten und einem Gewehr ebenfalls ein handgefertigtes Brettspiel namens Pogromly, ein Monopoly für Neonazis. In einer von Zschäpe angemieteten Garage wurden vier Rohrbomben mit etwa 1,4 kg TNT gefunden. Gegen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe wurden Haftbefehle erlassen.

Abtauchen und Mitwirkung im Nationalsozialistischen Untergrund

Nach der Durchsuchungsaktion ging Zschäpe gemeinsam mit Böhnhardt und Mundlos in den Untergrund. Einige Wochen zuvor hatten Verfassungsschützer überlegt, sie als V-Frau zu engagieren, wegen angeblichen Drogenkonsums aber schließlich davon abgesehen.Verfassungsschützer wollten Beate Zschäpe anwerben. In: Focus, 17. Januar 2013.

1999 gab Zschäpe dem rechtsextremen Anwalt Hans Günter Eisenecker eine von ihr unterschriebene Vollmacht, um bei den Behörden Akteneinsicht zu beantragen.Nazi-Trio hatte Kontakte zur NPD-Spitze. In: Focus, 11. Dezember 2011.

Selbstenttarnung durch Wohnungsexplosion und Flucht mini|Im November 2011 zerstörte Beate Zschäpe die letzte Wohnung des NSU-Trios in Zwickau, um Spuren zu vernichten (Abbildung nach Teilabriss).

Nachdem sich ihre Komplizen Böhnhardt und Mundlos nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach am 4. November 2011 das Leben genommen hatten, ereignete sich am selben Tag eine Explosion in einem Wohnhaus in der Frühlingsstraße 26 im Zwickauer Stadtteil Weißenborn. Dort hatte das Trio dreieinhalb Jahre in einer konspirativen Wohnung gelebt.Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Reinbek bei Hamburg, 2012, S. 208. Zschäpe verschüttete laut Haftbefehl „eine brennbare Flüssigkeit und entzündete diese“, wodurch es zu einer Verpuffung kam.Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Reinbek bei Hamburg, 2012, S. 240. Das denkmalgeschützte Mehrfamilienhaus gehörte zu einer Siedlung, die vom jüdischen Mäzen Simon Schocken in den 1920er Jahren gefördert wurde.Haus der Geschichte, 20. Januar 2019 Es wurde stark beschädigt und später abgerissen. Im Brandschutt fanden sich zahlreiche Waffen, darunter die Tatwaffe der Serienmorde an Migranten, die auch beim Polizistenmord von Heilbronn an Michèle Kiesewetter benutzt wurde. Außerdem wurde ein Laptop sichergestellt, auf dem sich u. a. Entwürfe des „Paulchen-Panther“-Videos befanden, in dem sich der Nationalsozialistische Untergrund zu seinen Taten bekannte.Generalbundesanwalt sieht Ermittlungen auf gutem Weg. In: Süddeutsche Zeitung, 14. Dezember 2011.

mini|Von den Ermittlungsbehörden rekonstruierte wahrscheinliche Fluchtroute Zschäpes Der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof warf Zschäpe vor, sie habe das Gebäude in Brand gesteckt, „um das Auffinden von Beweismitteln zu vereiteln“. Bevor Zschäpe aus dem Haus flüchtete, gab sie noch ihre Katzen bei einer Nachbarin ab, ließ hingegen eine bettlägerige ältere Frau in dem brennenden Haus zurück.Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Reinbek bei Hamburg, 2012, S. 242. Einen Tag später versandte sie von Leipzig aus mindestens zwölf Briefumschläge mit dem Bekennervideo an Zeitungen, Moscheevereine, Parteien und einen rechten Verlag. Damit stellte sie sicher, dass ihre Gruppe und deren Taten schlagartig bekannt wurden. Sie teilte den Eltern von Mundlos und Böhnhardt telefonisch deren Tod mit, aber nicht ihrer Mutter oder Großmutter, zu denen sie den Kontakt im Untergrund abgebrochen hatte.Annette Ramelsberger u. a.: Der NSU-Prozess. Band 5: Materialien. Antje Kunstmann, München 2018, S. 33. Zschäpe reiste in den nächsten Tagen über verschiedene Städte Ost- und Norddeutschlands bis Bremen, besuchte dabei zweimal Eisenach, je einmal Hannover und Halle (Saale) und hatte dabei womöglich Kontakt mit NSU-Unterstützern.Antonia von der Behrens: Das Netzwerk des NSU, staatliches Mitverschulden und verhinderte Aufklärung. In: dies. (Hrsg.): Kein Schlusswort. VSA, Hamburg 2018, S. 197–322, hier S. 281 f.; die Aussage der ermittelnden Polizistin zur Route findet sich bei Annette Ramelsberger u. a.: Der NSU-Prozess. Das Protokoll. Band 1: Beweisaufnahme I. Kunstmann, München 2018, S. 241 f.

Haft, Ermittlungen und Anklage Am 8. November 2011 versuchte Beate Zschäpe sich bei der Polizei telefonisch mit „Guten Tag, hier ist Beate Zschäpe“ zu stellen. Sie sei diejenige, nach der „schon seit Tagen“ gesucht werde und weswegen die ganze Stadt abgesperrt sei. Der Polizist am anderen Ende der Leitung erkannte die Anruferin jedoch nicht und erwiderte, ihm sei nichts Derartiges bekannt. Stunden später erschien Zschäpe mit ihrem Anwalt persönlich bei der Polizei in Jena.„Guten Tag, hier ist Beate Zschäpe“: Polizist erkennt Rechtsterroristin nicht. In: Augsburger Allgemeine, 23. Januar 2012. Seit dem 8. November 2011 befand sich Zschäpe in Untersuchungshaft. Am 11. November 2011 übernahm die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Am 8. November 2012, ein Jahr nach Bekanntwerden der Verantwortlichen der Mordserie, erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer. Ihr wurde vorgeworfen, „sich als Gründungsmitglied des ‚NSU‘ … an der Ermordung von acht Mitbürgern türkischer und einem Mitbürger griechischer Herkunft, dem Mordanschlag auf zwei Polizeibeamte in Heilbronn sowie an den versuchten Morden durch die Sprengstoffanschläge des ‚NSU‘ in der Kölner Altstadt und in Köln-Mülheim beteiligt zu haben“. Laut Anklage war der „Nationalsozialistische Untergrund (NSU)“ „eine aus drei gleichberechtigten Mitgliedern bestehende Gruppierung“, die ihre Taten „in einer aufeinander abgestimmten Arbeitsteilung“ verübte. Zschäpe habe dabei die „unverzichtbare Aufgabe“ gehabt, „dem Dasein der terroristischen Vereinigung den Anschein von Normalität und Legalität zu geben“, u. a., indem sie an den „jeweiligen Wohnorten eine unauffällige Fassade“ gepflegt und die gemeinsame Wohnung „als Rückzugsort und Aktionszentrale“ gesichert habe. Zudem sei sie „maßgeblich für die Logistik der Gruppe verantwortlich“ gewesen. So habe sie das Geld aus den Raubüberfällen verwaltet und mehrfach Wohnmobile angemietet, darunter ein Tatfahrzeug, so die Bundesanwaltschaft in der 500-seitigen Anklageschrift.

Laut einem „daktyloskopischen Sachstandsbericht“ sollen DNS-Spuren von Zschäpe an Zeitungsartikeln aus der Wohnung in Zwickau über den Sprengstoffanschlag in Köln und den Mord an Habil Kılıç gefunden worden sein. Außerdem wurde Zschäpe vorgeworfen, die Wohnung in Zwickau „in Brand gesetzt und sich dadurch wegen eines weiteren versuchten Mordes an einer Nachbarin und zwei Handwerkern und wegen besonders schwerer Brandstiftung strafbar gemacht zu haben“. Die Polizei hatte Benzinspuren auf Zschäpes Socken sichergestellt.An den Socken von Zschäpe fand sich Benzin. In: Die Welt, 6. November 2013.

Von der Staatsanwaltschaft Zwickau wurde gegen sie auch wegen des Fundes kinderpornografischer Dateien auf ihrem Computer ermittelt. Dieses Verfahren sei jedoch eingestellt worden, da die Strafe dafür im Vergleich zu der für die anderen ihr vorgeworfenen Taten „voraussichtlich nicht beträchtlich ins Gewicht“ falle ( StPO).Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Zschäpe. In: Spiegel Online, 12. Februar 2013.