Andreas-Hofer-Bund (AHB) ist der Name einer Südtiroler stark religiös geprägten Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkriegs. In ihrem Namen beruft sie sich auf den anti-napoleonischen Freiheitskämpfer aus Tirol, Andreas Hofer.
Geschichte miniatur|hochkant|Bestätigung über die Zusammenarbeit des AHB mit den Diensten CIC und SCI, 1945 Der Andreas-Hofer-Bund formierte sich nach Abschluss des deutsch-italienischen Umsiedlungsabkommens für Südtirol (sogenannte Option) und wurde am 20. November 1939 gegründet, um ein Gegengewicht zur Agitation und Einschüchterung durch den nationalsozialistischen Völkischen Kampfring Südtirols (VKS) zu bilden und die Südtiroler zum Bleiben zu bewegen. Der Bund warnte vor einem unsicheren Kriegsausgang sowie der Kirchenverfolgung und dem Euthanasieprogramm (Krankenmord) der Nationalsozialisten. „Glaube und Heimat“ war die Parole dieses stark religiös motivierten antinazistischen Widerstandes gegen die Umsiedlung. Zu den Gründern zählten Kanonikus Michael Gamper, Josef Ferrari, Josef Nock, Friedl Volgger (erster Vorsitzender), Hans Egarter und Vinzenz Oberhollenzer. Zu den Treffen der Dableiber kamen immer mehr Optanten als der Glaube an den Endsieg langsam schwand.
Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norditalien verschärfte sich 1943 auch die Verfolgung der Mitglieder des Andreas-Hofer-Bundes. Bereits im Herbst 1943 bestand der aktive Kern des AHB nur mehr aus etwa 30 Personen. Die bedeutendste Integrationsfigur der Dableiber, der Geistliche Michael Gamper, konnte sich in einem Kloster nahe Florenz in Sicherheit bringen; Friedl Volgger, erster Obmann des AHB, und Josef Mayr-Nusser wurden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert. Hans Egarter, der in den letzten Kriegsjahren die Leitung des AHB übernommen hatte, unterhielt ab 1944 Kontakte zum französischen und zum britischen Militärgeheimdienst in die Schweiz. Beim Einmarsch der Alliierten im Frühjahr 1945 war er neben dem AHB-Mitglied Erich Amonn die bedeutendste Kontaktperson der Südtiroler zu den neuen Machthabern.
Ab Herbst 1943 entwickelte sich der Bund zu einer Selbstschutzorganisation exponierter Dableiber und erhielt Zulauf von Südtiroler Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, die sich im Passeiertal zum Schutz vor Wehrmacht, SS und Polizei zu bewaffneten Trupps zusammenschlossen. In den Südtiroler Polizeiregimentern Alpenvorland, Schlanders und den Standschützen-Einheiten wurden Widerstandszellen gegründet. Dadurch gewonnene Nachrichten wurden an die Alliierten und italienische Partisanen weitergegeben. Der Bund bestand aus nicht mehr als etwa 280 Aktivisten und 500–600 Kontaktleuten. Er hatte eher eine symbolische und dokumentarische Funktion und sollte den Alliierten zeigen, dass es Südtiroler gab, die sich gegen die Nationalsozialisten stellten. Nach Kriegsende suchten AHB-Mitglieder mit ihrer Ortskenntnis nach verborgenen SS-Angehörigen und lokalen Kollaborateuren des NS-Systems, die sie den Alliierten übergaben. Die Beweisführung gestaltete sich aber schwierig. Am 15. Oktober 1945 wurde der Bund aufgelöst.
Ideologische Positionierung Die wichtigsten Führungspersönlichkeiten des Andreas-Hofer-Bundes (Friedl Volgger, Hans Egarter, Michael Gamper) stammten aus dem Umfeld der katholischen Kirche. Um den Bozner Kaufmann Erich Amonn konnte der AHB aber auch einige bürgerliche Widerständler sammeln. Das einigende Moment bildete die Ablehnung des italienischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus. Im Gegensatz zum Völkischen Kampfring Südtirols (VKS) waren die Mitglieder des AHB für die staatliche Rückgliederung Südtirols an ein katholisches Österreich und gegen eine Umsiedlung aus ihrer Heimat nach Deutschland. Hans Egarter schrieb 1945 über die Zielsetzung der Organisation:
Bedeutung Der Andreas-Hofer-Bund konnte durch seine propagandistischen Aktivitäten nur eine Minderheit der Südtiroler für den Verbleib in der Heimat motivieren. Aus dem Südtiroler Widerstand ging die Südtiroler Volkspartei hervor, deren Gründung und sofortige Zulassung durch die Alliierten unter dem ersten Parteiobmann und AHB-Mitglied Erich Amonn ermöglicht wurde. Die wenigen Südtiroler Widerständler blieben wegen eines Nachdenk- und Nachfrageverbots um das Südtiroler Tabuthema Option lange Zeit unverstanden. In der ethnisch versäulten Südtiroler Gesellschaft von Deutschen als „Volksverräter“, „Drückeberger“ und „Nestbeschmutzer“ bezeichnet und von den Italienern als Deutsche verhasst.
Literatur Gottfried Solderer (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Autonomie und Aufbruch (1960–1979). Edition Rætia, Bozen 2002, ISBN 88-7283-183-0. Gerald Steinacher: Südtirol und die Geheimdienste 1943–1945 (= Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte. Band 15). Studien-Verlag, Innsbruck-Wien 2000, ISBN 3-7065-1346-3. Gerald Steinacher (Hrsg.): Südtirol im Dritten Reich. NS-Herrschaft im Norden Italiens 1943–1945. Italienisch: L'Alto Adige nel Terzo Reich. L'occupazione nazista nell'Italia settentrionale 1943–1945. Studien-Verlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2003, ISBN 3-7065-1914-3. (Beiträge teilweise deutsch, teilweise italienisch) Leopold Steurer, Martha Verdorfer, Walter Pichler: Verfolgt, verfemt, vergessen. Lebensgeschichtliche Erinnerungen an den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Krieg. Südtirol 1943–1945. Edition Sturzflüge, Bozen 1993, ISBN 3-900949-02-6.
Siehe auch Andreas-Hofer-Bund Tirol
Einzelnachweise
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