Friedrich Eckart Muthesius (* 17. Mai 1904 in der Kolonie Nikolassee;Geburtsregister Nr. 94/1904, StA Zehlendorf † 27. August 1989 in Berlin) war ein deutscher Architekt und Innenarchitekt der klassischen Moderne. Bekannt wurde er vor allem durch den Entwurf und die Ausstattung des Palastes Manik Bagh in Indore. Weitere Arbeitsschwerpunkte lagen im Wohnungs-, Krankenhaus- und Zweckbau. In der Zeit des Nationalsozialismus war er unter anderem an der Planung von Krankenhaus- und Lagerbauten beteiligt, darunter auch Bauten für Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager.
Leben Herkunft und Familie mini|Anna Muthesius mit ihrem Sohn Eckart MuthesiusFotografie von Rudolf Dührkoop, um 1907
Eckart Muthesius war das dritte von fünf Kindern des Architekten Hermann Muthesius und dessen Frau Anna. Er wuchs in einem kunst- und reformorientierten Umfeld auf: Seine Mutter war ausgebildete Konzertsängerin, entwarf als Autodidaktin Innenarchitektur und Reform-Damenmoden und publizierte zur ästhetischen Erneuerung von Kleidung und Wohnkultur. Sein Vater war Architekt und Architekturtheoretiker sowie Mitbegründer des Deutschen Werkbunds.
mini|Das Elternhaus in Berlin-Nikolassee an der Rehwiese war ein Treffpunkt von Künstlern, Architekten und Reformern der Vorkriegszeit. Der frühe Kontakt zu Fragen von Gestaltung, Materialgerechtigkeit und internationalem Austausch prägte Muthesius’ architektonisches Selbstverständnis nachhaltig.
Seine Patenonkel waren Charles Rennie Mackintosh und Francis Henry Newbery. Zu seinem erweiterten familiären Umfeld gehörte der Architekt Walter Kratz (1899–1957), ein Neffe von Hermann Muthesius, der ebenfalls im Atelier Muthesius ausgebildet wurde und für Eckart Muthesius tätig war. Muthesius war Mitglied im Verein Berliner Künstler und im BDA. Für die Berufsausübung als Architekt war er zudem in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste.
Ausbildung Zwischen 1920 und 1921 absolvierte Muthesius jeweils halbjährige handwerkliche Lehrzeiten als Tischler, Schlosser und Maler.Reto Niggl: Biograhie und Werk. In: Der Palast Des Maharadschas in Indore., 1996, S. 149–150. Anschließend studierte er an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Berlin-Charlottenburg sowie am Polytechnikum in London. Zu seinen Lehrern gehörte der Maler und Entwurfszeichner Harold Bengen, der als Mitglied der Berliner Secession zur Vermittlung moderner Gestaltungsprinzipien beitrug. Zeitweise arbeitete er bereits während dieser Ausbildung im Atelier seines Vaters Hermann Muthesius in Berlin-Nikolassee. Danach sammelte er praktische Berufserfahrung in London, unter anderem in den Architekturbüros von Charles Holloway James sowie des Architekturhistorikers und Fotografen Francis Rowland Yerbury. Dabei kam er auch mit den Ideen des Städteplaners Raymond Unwin und der englischen Gartenstadtbewegung in Kontakt. Nach seiner Rückkehr nach Berlin heiratete er am 5. Juni 1925 die belgisch-schottische Sängerin Miette Hardy. 1926 besuchte Muthesius die Eröffnungsfeierlichkeiten des Bauhauses in Dessau. Ein Jahr später, 1927, besuchte Muthesius, gemeinsam mit seinem Vater, die Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ in Stuttgart mit der Mustersiedlung auf dem Weißenhof.
Frühe Berufsjahre in Berlin Nach dem Tod seines Vaters 1927 führte Muthesius, im Alter von 23 Jahren, unter anderem die begonnenen Arbeiten am Geschäftshaus Potsdamer Platz / Ecke Potsdamer Straße in Berlin weiter, darunter eine neuartige Lichtreklame. Gemeinsam mit Klemens Weigel (1904–1987), Meisterschüler und Mitarbeiter von Hermann Muthesius, gründete er anschließend ein eigenes Architekturbüro.
mini|Wohnhaus Marathonallee 25 in Berlin-Westend, 1930 nach Entwurf von Eckart Muthesius für Fritz Huber errichtet. Der kubische Klinkerbau mit Walmdach gehört zu den frühen Arbeiten des Architekten und steht in der Tradition der Neuen Sachlichkeit. mini|Haus Pegler, Hainbuchenstraße 26, Berlin: 1929 von Eckart Muthesius in Zusammenarbeit mit Klemens Weigel erbaut. Weigel arbeitete bei einzelnen Projekten mit ihm zusammen, darunter auch das Wohnhaus in der Quantzstraße 6 in Berlin-Nikolassee um 1932 sowie Haus W. in Guben, dem Geburtsort Weigels.
Indore und Manik Bagh
1929 lernte Muthesius in Oxford Shri Yeshwant Rao Holkar Bahadur kennen. Dieser beauftragte seinen Freund und Mentor Muthesius im Jahr 1931 seinen Palast Manik Bagh in der Hauptstadt Indore zu bauen und einzurichten. Yeshwant Rao Holkar II. war zu diesem Zeitpunkt Maharadscha von Indore. Neben eigenen Möbeln und Leuchten stattete Muthesius den Palast zusätzlich mit Möbeln von Eileen Gray, Le Corbusier, Jacques-Émile Ruhlmann, Louis Sognot, Charlotte Perriand und Teppichen von Ivan da Silva Bruhns aus. Den Einbau der Klimaregulierung im Palast realisierte er zusammen mit seinem Freund Heinz Riefenstahl. Zwischen Dezember 1931 und Januar 1932 wurden die Möbelentwürfe für den Palast Manik Bagh im Porza-Haus in Berlin ausgestellt. Auch im Rahmen des Großen Staatspreises der Preußischen Akademie der Künste wurden 1932 Arbeiten Muthesius’ für Indore gezeigt. Auch wurden seine Entwürfe, Fotografien und Modelle seiner Arbeiten für Indore 1934 in der Town Hall in Mumbai ausgestellt.
Nach Aufhebung der Privilegien der indischen Fürstenhäuser im Jahr 1976 musste die Familie Holkar den Palast Manik Bagh veräußern. Teile der originalen Innenausstattung wurden 1980 in Monte Carlo versteigert. Das Gebäude selbst besteht weiterhin und wird heute als Verwaltungsgebäude der indischen Steuerbehörden in Indore genutzt.
Zeit des Nationalsozialismus Wettbewerbe und staatliche Aufträge 1934 beteiligte sich Muthesius an einem Wettbewerb für das Deutsche Haus der Weltausstellung 1935 in Brüssel. Nachdem ein erster Entwurf abgelehnt worden war, regte Adolf Hitler einen Wettbewerb an und gab dafür die Architekten Eckart Muthesius, Emil Fahrenkamp und Ludwig Ruff vor. Die organisatorische Durchführung lag bei Eugen Hönig, der weitere Architekten zur Teilnahme einlud. In diesem Zusammenhang wurden weitere Architekten, darunter Ludwig Mies van der Rohe und Karl Wach, einbezogen. Die Modelle und Entwürfe sollten Anfang Juli 1934 vorgelegt werden. Der Wettbewerb stand im Kontext der kulturpolitischen Repräsentationsbestrebungen des nationalsozialistischen Staates.
1941 erhielt Muthesius im Wettbewerb für das Allgemeine Krankenhaus Berlin-Oranienburg einen ersten Preis.
Tätigkeit in Indien 1936–1939 Von 1936 bis 1939 wurde Muthesius, mit einem auf zehn Jahre angelegten Vertrag, der offizielle beratende Architekt für die Städtebau- und Sanierungsbehörde des Fürstenstaates Indore und war dort an der Einführung einer westlichen modernen Formensprache in die zeitgenössische indische Architektur beteiligt. 1938 bereiste er gemeinsam mit dem Bildhauer Constantin Brâncuși Städte Zentralindiens, darunter Maheshwar, Omkareshwar, Mandu und Bhopal, zur Vorbereitung eines nicht realisierten Meditationstempels für Rao Holkar. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs musste Muthesius Britisch-Indien verlassen.
Berufliche Stellung und Mitgliedschaften 1938 ist Muthesius im Reichsadressbuch der staatlichen und kommunalen Baubehörden und Baubeamten mit Wohnsitz in Berlin-Nikolassee (Potsdamer Chaussee 49, dem elterlichen Haus Muthesius) verzeichnet. Das Verzeichnis erfasste Architekten, die der Reichskammer der bildenden Künste angehörten, einer Unterorganisation der 1933 gegründeten Reichskulturkammer. Die Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden Künste war Voraussetzung für die Ausübung des Berufs als Architekt. Die Mitgliedschaft in der Reichskammer war zugleich Teil der nationalsozialistischen Berufslenkung; insbesondere jüdische Architekten wurden ausgeschlossen.
Krankenhaus- und Lagerbauten im Krieg Ab Juli 1943 war Muthesius gemeinsam mit Hellmut Remmelmann als Architekt bei der Planung von Funktionsbauten des im Rahmen des Großlagerbaus errichteten Gemeinschaftslagers Hiesfelder Bruch bei Dinslaken eingebunden. In den Bauakten werden Muthesius & Remmelmann als Teilnehmer mehrerer Baubesprechungen genannt. Ihnen werden Planungen für Krankenbaracke, Wasch- und Badehaus sowie Küchenbaracke zugeschrieben. Ob das Büro darüber hinaus auch Wohnbaracken übernahm, bleibt in den Akten offen.
mini|Erhaltene Steinbaracken des ehemaligen KZ-Außenlagers Eberswalde. Muthesius und Hellmut Remmelmann werden in den Bauakten als verantwortliche Architekten genannt.
Ebenso war Muthesius 1943 auch gemeinsam mit Remmelmann an der Planung des sogenannten Gemeinschaftslagers West in Eberswalde beteiligt. Das im Auftrag der Rüstungskommission III des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition errichtete Barackenlager wurde ab September 1944 als Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück genutzt. Zwei der Baracken stehen noch heute und sind seit 1998 denkmalgeschützt.
Nachkriegszeit und Spezialisierung Im Nachkriegsdeutschland spezialisierte er sich auf den Bau von Krankenhäusern und Zweckbauten, insbesondere für die US-Armee. Bald nach Kriegsende unterhielt Muthesius ein Atelier in der Kronprinzenallee 226, der heutigen Clayallee, in Berlin-Dahlem. Zwischen 1946 und 1947 errichtete er sich in Kloster auf Hiddensee ein eigenes Sommerhaus. 1954 entwarf Muthesius auf Hiddensee ein weiteres Sommerhaus für die Familie Vogt, das später von Walter Felsenstein genutzt wurde und als Haus Pjerregard bezeichnet wird. Beide Hiddensee-Entwürfe basieren auf einer L-förmigen Grundstruktur, die durch einen gerundeten Abschluss akzentuiert wird.
mini|Sommerhaus in Kloster auf Hiddensee, 1947 errichtet. Holzbau mit reetgedecktem Walmdach und L-förmigem Grundriss, eingebettet in die Dünenlandschaft. In den 1950er Jahren hielt sich der Schriftsteller Erich Arendt wiederholt auf Hiddensee auf und wohnte zeitweise in diesem Haus. Heutiger Besitzer ist der Galerist Judy Lybke.mini|Haus Felsenstein, Kloster auf Hiddensee, 1955 für den Regisseur Walter Felsenstein entworfen. Zweigeschossiges Holzhaus mit reetgedecktem Walmdach und L-förmigem Grundriss, das Motive des Sommerhauses Muthesius aufgreift und in veränderter Form weiterentwickelt.
In den 1950er Jahren verlagerte Muthesius seinen beruflichen Schwerpunkt nach Frankfurt am Main. 1954 wurde er dort vom Regierungspräsidium Wiesbaden als Schätzer und Sachverständiger für Hochbau und Krankenhausbauwesen öffentlich bestellt und vereidigt. Im selben Jahr erhielt auch der langjährige Mitarbeiter und Projektpartner Klemens Weigel eine entsprechende Bestellung. Eine Veröffentlichung der Fachzeitschrift Bauwelt nennt Muthesius unter den Berliner BDA-Architekten, die zwischen 1955 und 1959 nach Westdeutschland oder ins Ausland übersiedelten. Parallel unterhielt Muthesius von 1953 bis 1963 ein Atelier in Berlin am Teltower Damm 23; in Frankfurt führte er bis 1971 ein Architekturbüro in der Savignystraße 31 und war weiterhin als Mitglied des Bundes Deutscher Architekten tätig. Ab Mitte der 1960er Jahre hatte Muthesius über zwei Jahrzehnte sein Berliner Büro im Souterrain der Schlüterstraße 45. in der Berliner Denkmaldatenbank Seit Beginn der 1970er Jahre firmierte er dort als Studio M und arbeitete weiterhin mit Klemens Weigel zusammen.
Werk Architektur und Innenarchitektur 1925–1932 1925: Lichtreklame am ehemaligen Mädlerhaus in Berlin 1927–1928: Planung und Ausbau von Crawfords Reklame-Agentur GmbH in der Potsdamer Straße 111, Berlin 1928: Ladengeschäft Revelation für Francis Kennedy in der Tauentzienstraße 11, Berlin 1928: Wohnhaus für Carl August von Gablenz in Berlin 1928–1929: Wohnhaus für Senatspräsident Albrecht von Hagen in Berlin-Schlachtensee um 1929: Ausstattung einer Wohnung mit Bildergalerie für O. T. Falk in London 1929: Haus Pegler in Berlin-Frohnau, Hainbuchenstraße 26 1929: Ausgestaltung der Jockey Bar in Berlin, Lutherstraße 2 1929–1932: Innenausstattung des Palastes Manik Bagh für den Maharadscha von Indore 1930: Wohnhaus für Fritz Huber in Berlin-Westend, Marathonallee 25