mini|Reigen. Privatdruck (1900) in 200 Exemplaren für Schnitzlers FreundeReigen ist das seit mehreren Jahrzehnten erfolgreichste Bühnenstück von Arthur Schnitzler, während es zu Lebzeiten des Autors und bis 1981 auf Wunsch des Verfassers nur in wenigen Fällen aufgeführt werden durfte. Es schildert zehn Gespräche zwischen einem Mann und einer Frau vor und nach dem Sexualakt.
Schnitzler schrieb die erste Fassung zwischen 23. November 1896 und 24. Februar 1897. Zuerst veröffentlichte er den Text als Privatdruck, den er an Freunde verschenkte. 1903 wurde es im Wiener Verlag von Fritz Freund veröffentlicht und zu einem Bestseller.
Die Uraufführung fand in ungarischer Übersetzung am 13. Oktober 1912 in Budapest statt, jedoch ohne Beteiligung des Verfassers. Die erste vollständige Aufführung mit Zustimmung des Autors erfolgte am 23. Dezember 1920 am Kleinen Schauspielhaus in Berlin und war einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts. Auch in Wien kam es wenige Monate später zum Skandal. In Berlin kam es zum so genannten „Reigen-Prozess“, nach dem Schnitzler ein Aufführungsverbot für das Stück verhängte, das bis zum 1. Januar 1982 in Kraft war. Bestimmte urheberrechtliche Umstände erlaubten aber Verfilmungen in Frankreich und eine Schallplattenaufnahme.
Inhalt Zehnmal treffen einzelne Personen auf ein gegengeschlechtliches Gegenüber; sie führen zehn Dialoge und jedes Mal kommt es zum Geschlechtsverkehr, der jedoch nur durch Gedankenstriche angedeutet wird. Als Strukturprinzip verwendet Schnitzler die Tanzform des Reigens, indem eine Figur immer zwei Szenen hintereinander hat, nur in der letzten Szene tritt die Dirne aus der ersten wieder auf. Damit hat jede Figur zwei Sexualpartner. Schnitzler beschreibt aber nur die Situationen vor und nach dem Sexualakt, der Geschlechtsverkehr selbst wird nicht gezeigt. Im Text wird er mit Gedankenstrichen angedeutet, auf der Bühne wird er häufig durch das Senken und Heben des Vorhangs oder durch Verdunkelung der Bühne angezeigt. Nach jeder Szene wird ein Partner ausgetauscht und dabei auch gesellschaftliche Schranken überschritten, von Dirne, Soldat und Stubenmädchen über junger Herr, Ehefrau, Ehemann und süßes Mädel bis zum Dichter, der Schauspielerin und dem Grafen, der am Schluss wieder mit der Dirne zusammentrifft und so den „Reigen“ schließt.
mini|Die Augartenbrücke (um 1870), Schauplatz der 1. Szene zwischen Dirne und Soldat
Die Dirne und der Soldat Spät abends. An der Augartenbrücke.
Die Dirne spricht auf der Straße einen Soldaten an, der sich auf dem Heimweg in die Kaserne befindet. Weil es ihm bis zu ihrer Unterkunft zu weit ist und er auch keine Zeit mehr bis zum Zapfenstreich hat, überredet sie ihn, bei ihr zu bleiben, und lockt ihn mit den Worten „Geh, bleib jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch ’s Leben haben“ zum Geschlechtsverkehr. Aus Angst, von der Polizei entdeckt zu werden, steigen die beiden zum Flussufer hinunter. – Nach dem Koitus hat es der Soldat eilig, von der Dirne weg und in die Kaserne zu kommen. Nachdem sie sich ihm zuvor umsonst angeboten hat, da sie Geld „nur von Zivilisten“ verlangt, verweigert der Soldat der Dirne zuletzt sogar noch das wenige Geld, das sie für den Hausmeister braucht. Über ihren Namen Leocadia spottend macht er sich davon, die Dirne flucht ihm und seiner Brutalität hinterher.
mini|Die Praterauen, Schauplatz der 2. Szene mini|Wiener Burgtheater, Wirkungsbereich des Dichters und der Schauspielerin, von dem in den Szenen 7, 8 und 9 die Rede ist.
Der Soldat und das Stubenmädchen Prater. Sonntag Abend. Ein Weg, der vom Wurstelprater aus in die dunkeln Alleen führt. Hier hört man noch die wirre Musik aus dem Wurstelprater, auch die Klänge vom Fünfkreuzertanz, eine ordinäre Polka, von Bläsern gespielt.
Der Soldat und das Stubenmädchen, das Ausgang hat, spazieren spätabends von einem Tanzetablissement im beliebten Wiener Vergnügungspark Prater in die nahe gelegenen Auen. Um sie herum lagern bereits andere Liebespaare im Gras, das Mädchen bekommt Angst und will zurück. Der Soldat bietet ihr das Du-Wort an, macht keine langen Umschweife und verführt sie. – Während der Liebesumarmung klagt das Stubenmädchen „Ich kann dein G’sicht gar nicht sehn“, der Soldat erwidert lakonisch: „A was – G’sicht!“ und fällt ein weiteres Mal über sie her. – Nach dem Koitus ist der Soldat ernüchtert, er möchte gleich zurück ins Tanzlokal, um den Abend mit Freunden fortzusetzen und um neue Eroberungen zu machen, er muss erst um Mitternacht in der Kaserne sein, das Stubenmädchen aber muss bereits nach Hause. Widerwillig bietet er ihr seine Begleitung an, wenn sie auf ihn warten möchte, und lädt sie auf ein Glas Bier ein. Dann tanzt er schon mit der Nächsten.
Das Stubenmädchen und der junge Herr Heißer Sommernachmittag. – Die Eltern sind schon auf dem Lande. – Die Köchin hat Ausgang. – Das Stubenmädchen schreibt in der Küche einen Brief an den Soldaten, der ihr Geliebter ist. Es klingelt aus dem Zimmer des jungen Herrn. Sie steht auf und geht ins Zimmer des jungen Herrn. Der junge Herr liegt auf dem Diwan, raucht und liest einen französischen Roman.
Alfred, Sohn aus gutem Hause, ist Samstag Nachmittag allein zu Haus, die Eltern sind aufs Land gefahren, nur das Stubenmädchen Marie ist da. Sie sitzt in der Küche und schreibt einen Liebesbrief an den Soldaten. Die Atmosphäre ist heiß und schwül, es liegt etwas in der Luft. Immer wieder lockt der junge Mann Marie mit vorgetäuschten Wünschen aus der Küche zu sich ins Zimmer. Zuletzt gesteht er ihr kühn, dass er sie heimlich beim Entkleiden beobachtet hat, und beginnt sie auszuziehen. Sie wehrt sich pro forma: , gibt aber nach und Alfred fällt über sie her. – Es läutet an der Tür. Dies ist dem jungen Herrn eine willkommene Ausrede, Marie nachschauen zu schicken, ob wohl schon länger geläutet wurde, obwohl sie beteuert, sie habe während des Verkehrs . Als sie zurückkommt, geht der junge Herr auf Distanz und flieht vor ihren Zärtlichkeiten ins Kaffeehaus. Das Stubenmädchen stiehlt von seinem Schreibtisch eine Zigarre für ihren Geliebten, den Soldaten.
Der junge Herr und die junge Frau Abend. – Ein mit banaler Eleganz möblierter Salon in einem Hause der Schwindgasse. Der junge Herr ist eben eingetreten, zündet, während er noch den Hut auf dem Kopf und den Überzieher anhat, die Kerzen an. Dann öffnet er die Tür zum Nebenzimmer und wirft einen Blick hinein. Von den Kerzen des Salons geht der Lichtschein über das Parkett bis zu einem Himmelbett. (…) Es klingelt. Der junge Herr fährt leicht zusammen. Dann setzt er sich auf den Fauteuil und erhebt sich erst, als die Tür geöffnet wird und die junge Frau eintritt.
Alfred, der junge Herr, hat ein Rendezvous mit Emma, einer verheirateten Frau. Er trifft alle erdenklichen Vorbereitungen, bis sie endlich erscheint. Sie ist verschleiert und dennoch sehr nervös, gesehen und bei ihrem Ehebruch entdeckt zu werden, und schwört, nur kurz zu bleiben. Die beiden hatten schon zuvor im Freien ein Rendezvous, doch diesmal wird es mit Hilfe der Schwester, die als Alibi dient, ernst. Alfred umschwärmt sie mit Liebesschwüren und trägt zuletzt seine Angebetete ins Schlafzimmer. – Die Absicht misslingt, Alfred ist zu nervös, es kommt nicht zum Verkehr. Der junge Herr versucht, sein Versagen wortreich mit einem Zitat aus einem Roman von Stendhal zu entschuldigen, in dem eine Gesellschaft von Kavallerieoffizieren ihre Liebesabenteuer erzählt. „Und jeder berichtet, daß ihm bei der Frau, die er am meisten, weißt du, am leidenschaftlichsten geliebt hat… daß ihn die, daß er die – also kurz und gut, daß es jedem bei dieser Frau so gegangen ist wie jetzt mir.“ Emma heuchelt Verständnis für die missliche Lage, ironisiert aber die Tatsache mit dem Trost, dass sie von nun an nichts als „gute Kameraden“ seien. Als Emma Alfred oral stimuliert, kehrt aber seine Manneskraft zurück. – Beide sind stolz und erfüllt und verabreden sich für den nächsten Tag bei einem Gesellschaftsball zum Tanz und am Tag danach wieder in der Wohnung.
Die junge Frau und der Gatte Ein behagliches Schlafgemach. Es ist halb elf Uhr nachts. Die Frau liegt zu Bette und liest. Der Gatte tritt eben, im Schlafrock, ins Zimmer.
Am selben Tag abends (dies geht aus dem Text nicht hervor, kann aber angenommen werden) trifft die junge Frau im Ehebett auf ihren Ehemann, der ihr nach einem arbeitsreichen Tag von den Schwierigkeiten des Liebeslebens vor der Ehe vorschwadroniert: „Ihr hört ja viel und wißt zu viel und lest ja wohl eigentlich auch zu viel, aber einen rechten Begriff von dem, was wir Männer in der Tat erleben, habt ihr ja doch nicht. Uns wird das, was man so gemeinhin die Liebe nennt, recht gründlich widerwärtig gemacht.“ Scheinheilig bedauert er das Schicksal des „süßen Mädels“, das sich unverheiratet der Liebe hingibt: „Ihr, die ihr junge Mädchen aus guter Familie wart, die ruhig unter Obhut euerer Eltern auf den Ehrenmann warten konntet, der euch zur Ehe begehrt; – ihr kennt ja das Elend nicht, das die meisten von diesen armen Geschöpfen der Sünde in die Arme treibt. […] Ich mein’ ja auch nicht nur das materielle Elend. Aber es gibt auch – ich möchte sagen – ein sittliches Elend, eine mangelhafte Auffassung für das, was erlaubt, und insbesondere für das, was edel ist.“ Er lässt sich über die Unmoral von Ehebrecherinnen aus, vor deren Umgang er warnt. Emma versucht diese Frauen vorsichtig zu verteidigen, indem sie ihnen „Vergnügen“ beim Betrug unterstellt. Der Ehemann ist empört und bezeichnet deren Lust nur als „oberflächlichen Rausch“. Dann, im Bewusstsein seiner moralischen Hoheit, liebt er seine Frau. – Nach dem Verkehr kehrt in der Ehefrau die Erinnerung an die Flitterwochen in Venedig zurück. Vorsichtig deutet sie an, dass sie die Leidenschaft ihres Mannes öfter genießen möchte. Dieser blockt ab und wendet sich zum Schlafen.
mini|Arthur Schnitzler, Autor des Reigen, der sich in der Figur des Dichters selbst porträtiert hatLahan, B.: Sie liebten sich und sie schlugen sich: Arthur Schnitzler und Adele Sandrock. Du listiger Schimpanse. Die Welt, Hamburg 20. Dezember 1975. In: Lindken, H.-U.: Arthur Schnitzler. Aspekte und Akzente. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang GmbH 1987, S. 249 (Fotografie von Ferdinand Schmutzer, ca. 1912)
Der Gatte und das süße Mädel Ein Cabinet particulier im Riedhof.(Zum) Riedhof (Johann Benedickter’s Restaurant u. Weinhaldung) war eine weltbekannte Gaststätte in Wien 8. Vgl. etwa Ansichtskarte; siehe auch Adolf Lorenz: Ich durfte helfen. Mein Leben und Wirken. (Von Lorenz besorgte Übers. und Bearbeitung von My Life and Work. Charles Scribner’s Sons, New York) L. Staackmann Verlag, Leipzig 1936; 2. Auflage ebenda 1937, S. 101 f. Behagliche, mäßige Eleganz. Der Gasofen brennt. Auf dem Tisch sind die Reste einer Mahlzeit zu sehen, Obersschaumbaisers, Obst, Käse. In den Weingläsern ein ungarischer weißer Wein. Der Gatte raucht eine Havannazigarre, er lehnt in der Ecke des Diwans. Das süße Mädel sitzt neben ihm auf dem Sessel und löffelt aus einem Baiser den Obersschaum heraus, den sie mit Behagen schlürft.