mini|Amerikanischer Scharfschütze mit Beobachter (2011) mini|Tätigkeitsabzeichen Scharfschütze/Zielfernrohrschütze der Bundeswehr Scharfschützen sind Soldaten, die im Schusswaffengebrauch durch selektiven gezielten Schusswaffeneinsatz ihren Auftrag mit einem Scharfschützengewehr ausführen. Polizisten im Besonderen Auftrag mit einem Präzisionsgewehr werden als Präzisionsschützen bezeichnet.
Herkunft des Begriffs Das Wort „Schütze“ entstand im deutschen Sprachraum als ein Ausdruck für „Sender für Geschosse“, wobei kein Bezug zu der Form des Projektils oder der Schusswaffe bestand. Die Brüder Grimm als Autoren des Deutschen Wörterbuches leiten die Entwicklung dieses Begriffes aus dem althochdeutschen „scuzzo“ ab und verweisen auf die verwandten Wörter in anderen Sprachräumen, „skut“ im Angelsächsischen, „skytt“ und „skytte“ im Norwegischen, Schwedischen und Dänischen. In Anlehnung daran verweisen spätere Sprachforscher auf die enge Beziehung zum friesischen „sketta“ und dem niederdeutschen „schütte“, aus dem dann im Mittelhochdeutschen „schütze“ entstand.
Die Bezeichnung für einen besonders guten Schützen entstand in der deutschen Umgangssprache in Verbindung mit dem Wort „scharf“, das auch mit „Scharfblick“, „scharfes Auge“, aber auch mit „scharfe Munition“ eine besondere Bedeutung erhält. Das Französische kennt nur die Steigerung des „“, des Meister- oder Eliteschützen. Am aufschlussreichsten sind die im Englischen entstandenen Begriffe: So bezeichnet jemanden, der mit Genauigkeit das „“ (Ziel) trifft.
Der „sharpshooter“ entstand als Lehnübersetzung des deutschen Begriffs und ist spätestens seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Auch die Herleitung von amerikanischen „“, den Schützeneinheiten mit weitreichenden Sharpsgewehren, ist möglich.
Zusätzlich kam der Begriff „“ für den militärischen Spezialisten auf. In diesem Fall stammt er aus dem Jagdwesen. Jemand, der eine „“ (Schnepfe) mit einer Büchsenkugel, also nicht mit dem dafür sonst üblichen Schrotgewehr treffen konnte, musste schon ein sehr guter Schütze sein, da diese Vögel äußerst scheu, gut getarnt und im Flug sehr gewandt sind. Sniper ist inzwischen auch in Deutschland eine gebräuchliche Bezeichnung für Scharfschützen. Das Russische übernahm das englische Wort: .
Gelegentlich verwendet die deutschsprachige Presse die Bezeichnung Heckenschützen für feindliche Scharfschützen oder gewöhnliche Kriminelle, die aus dem Hinterhalt, meist mit einem Präzisionsgewehr, arbeiten. Diese haben oftmals keine militärische Ausbildung. Bekanntestes Beispiel ist der Serienmörder John Allen Muhammad, der internationale Bekanntheit durch die Beltway Sniper Attacks erlangte. Er war kein ausgebildeter Scharfschütze, aber ein sehr guter Schütze. Er hatte bei der U.S. Army das Expert Rifleman's Badge erlangt, welches das US-Army-Äquivalent zur Schützenschnur in Gold der Bundeswehr darstellt.
Geschichte Wurzeln und erste Anfänge mini|Modell eines ladenden Armbrustschützen hinter einer Pavese (Schutzwand) Als Vorläufer des Scharfschützen kann man den mittelalterlichen Armbrustschützen ansehen. In den deutschen Städten waren diese in den sogenannten Schützengilden organisiert. Älteste urkundliche Erwähnungen von Schützengilden stammen aus dem Jahr 1139 aus Gymnich und 1190 aus Düsseldorf. Ironischerweise verbot 1139 Papst Innozenz II. auf dem Zweiten Laterankonzil den Einsatz von Armbrüsten in Kriegen zwischen Christen mit der Begründung, dass die Armbrust „gottlos“, „durch Gott verhasst“ und „unritterlich“ sei. In Kämpfen gegen „Ungläubige“ (z. B. während der Kreuzzüge) war die Nutzung der Armbrust weiterhin erlaubt. Das Verbot war weitgehend ineffektiv. Da die Armbrust eine hocheffiziente Waffe war, ignorierten viele Herrscher das Verbot, um auf dem Schlachtfeld keinen Nachteil zu haben.
Die städtischen Schützenvereine hatten hauptsächlich die Aufgabe, ihre Bürger an der Waffe auszubilden, damit diese ihre Stadt verteidigen konnten. So hatte Köln bereits 1341 einen Schützenmeister für die Armbrustschützen und später einen eigenen Schützenmeister für die ersten Feuerwaffen (Handrohr). Die Einführung dieser beiden Waffen läutete den Niedergang der Ritterheere ein. Mit diesen Waffen konnte nun auch der einfache Infanterist einen adligen Ritter im Kampf besiegen.Jan Boger: Jäger und Gejagte. Die Geschichte der Scharfschützen. Seite 24, 25, Motorbuch, Stuttgart 1987, ISBN 3-87943-373-9. Die Kadenz der Armbrust war im Vergleich zu den im 13./14. Jahrhundert erfolgreicheren Langbögen wesentlich niedriger (1 bis 2 Schuss pro Minute gegenüber max. 10 bis 12 beim Langbogen). Sie war daher weniger zur offenen Feldschlacht geeignet, sondern mehr als Scharfschützenwaffe für statische Belagerungskämpfe. Das berühmteste Opfer eines Armbrustschützen war Richard Löwenherz. Dieser wurde am 29. März 1199 wahrscheinlich von Pierre Basile bei der Belagerung der Burg Châlus-Chabrol beschossen und dabei tödlich verwundet. Es liegt nahe, dass er den Sicherheitsabstand zu den feindlichen Armbrustschützen unterschätzte, da er nur einen Helm als Schutz trug. Dadurch, dass der Armbrustschütze von erhöhter Position aus schoss (er schoss von der höher gelegenen Burgmauer nach unten), wurde die ballistische Kurve „gestreckter“ und somit konnte der Armbrustschütze weiter schießen als auf einer horizontalen Ebene. Die gestrecktere Flugbahn resultiert aus dem physikalischen Prinzip, dass das Geschoss bei einem rechtwinkligen Dreieck zwar die komplette Länge der Hypotenuse fliegt, aber die Erdanziehungskraft nur auf der Länge der horizontalen Kathete auf das Geschoss wirkt.
Die Entwicklung des gezogenen Laufs mini|Züge und Felder in einer modernen 9-mm-Pistole Die zwei entscheidenden Schritte im Scharfschützenwesen waren die Entwicklung des gezogenen Laufs und die Aufstellung der Jägereinheiten ab 1631 in den deutschen Ländern. Das Prinzip des gezogenen Laufs mit Zügen und Feldern wurde im 15. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum entwickelt. Namentlich bekannt ist Gaspard Kollner aus Wien, der um 1498 daran arbeitete. Der spiralförmig gerillte (das englische Wort rifle stammt ursprünglich von dem deutschen Wort geriffelt ab) Gewehrlauf, so wie er heutzutage Verwendung findet, wird Augustus Kotter aus Nürnberg 1520 zugeordnet. Diese neuartigen Gewehre mit Zügen und Feldern wurden Büchsen genannt. Das Wort Büchse wurde anfangs für jedes Gewehr angewandt. Erst im 17. Jahrhundert wurden damit Gewehre mit gezogenem Lauf bezeichnet. Mit Büchsen konnte man deutlich weiter und vor allem präziser schießen als mit Musketen. Die Muskete verfügt nur über einen glatten Lauf (wie bei einer Flinte) und war bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Standardwaffe der Soldaten. Der Vorläufer der Muskete war die Arkebuse, die bis zum Ende des 16. Jahrhunderts die Hauptwaffe der Fußtruppen war. Der Nachteil der Vorderladerbüchsen war der längere Ladevorgang und die deutlich teurere Herstellung. Der Ladevorgang dauerte ca. 2- bis 3-mal länger (je nach Erfahrung des Schützen) als bei einer Muskete, da man die Kugel in einen kleinen Lederlappen einwickeln musste, um der Kugel mehr Halt in dem gedrallten Lauf zu geben. Der Beschaffungspreis einer Büchse war damals fünffach höher als bei einer Muskete. Vor allem die teure Herstellung verhinderte den Einzug in die reguläre Infanterie bis ins 19. Jahrhundert. Des Weiteren war die Handhabung einer Büchse weitaus komplexer und bedurfte einer gründlichen Ausbildung. So mussten z. B. die Büchsen intensiver gereinigt werden und da es kaum standardisierte Läufe gab, musste der Schütze seine Kugeln oftmals selber gießen.Torsten Verhülsdonk, Carl Schulze: Napoleonische Kriege. Einheiten – Uniformen – Ausrüstungen, VS-Books 1996, ISBN 3-932077-00-8
Deutsche Jäger im 17. Jahrhundert Hessen-Kassel 1631 Geburtsstunde der Scharfschützen mini|Wilhelm V. (Hessen-Kassel) ließ 1631 die ersten Jägereinheiten aufstellen, die die Aufgaben heutiger Scharfschützen hatten. mini|Jäger Hessen-Kassel, 1631. Sie operierten selbständig, abseits der regulären Schlachtordnung, als Kundschafter und Scharfschützen. mini|Das weimarsche Büchsenschützen-Bataillon, 1806, gegründet 1790, Stärke 750 Mann
Die mit Büchsen ausgerüsteten deutschen Jäger- und Schützenbataillone aus dem 17. Jahrhundert wurden überwiegend aus freiwilligen Förstern und Jägern rekrutiert. Aber auch Waldarbeiter und Schützen aus den städtischen Schützenvereinen waren dort vereinzelt zu finden. Vor allem die Förster und Jäger brachten oftmals ihre eigenen Jagdwaffen mit gezogenen Läufen (Büchsen) mit. Die deutschen Jägereinheiten des 17. Jahrhunderts waren die ersten Soldaten, die ausschließlich mit den deutlich präziseren und weiterschießenden Büchsen ausgerüstet waren. Darüber hinaus erhielten sie eine wesentlich bessere Schießausbildung im gezielten Schuss als die reguläre Linieninfanterie.
Die erste bekannte Jägereinheit wurde 1631 von Wilhelm von Hessen-Kassel aufgestellt, die bereits die Aufgaben heutiger Scharfschützen hatte. Der Hauptauftrag der Jägertruppe war es, den Feind aufzuklären und mit gezieltem Schuss ausgewählte und weit entfernte Ziele (vor allem Offiziere und Kanoniere) zu bekämpfen und dadurch den Gegner zu schwächen. Aber auch das Ausschalten feindlicher Späher, Meldegänger und Kundschafter gehörte zu ihrem erweiterten Aufgabengebiet. Sie agierten dabei in kleinen Gruppen oder als selbstständige Einzelschützen und nutzten das gegebene Gelände als Deckung aus. Da sie das Anpirschen von Berufs wegen her kannten, stand naturgemäß der gezielte scharfe Schuss im Vordergrund der Ausbildung, und es wurde häufig auf Zielscheiben geübt, was es zu dieser Zeit bei der regulären Infanterie nicht oder kaum gab. Als Signalinstrumente wurden nur Jagdhörner und nie Trommeln verwendet. Die Aufträge erfolgten außerhalb der regulären Schlachtordnung, selbständig und ohne direkten Kontakt zur Führung (siehe Führen mit Auftrag). Das Aufstellen und die Aufgaben dieser Jägereinheit 1631 war der Ursprung des Konzeptes des Scharfschützen. Die Zugangsvoraussetzung für den Dienst bei den hessischen Jägern war, für die damalige Zeit, sehr hoch. Der Anwärter musste, neben der jagdlichen Ausbildung, unbescholten sein, einen guten Charakter vorweisen, über einen entsprechenden Bildungsstand verfügen, bei guter Gesundheit sein und ein „weites“ Auge für den gezielten Scharfschuss besitzen. Eine Aufstellungsorder von 1631 besagte wortwörtlich, dass für „verlaufenes Gesindel“ in den Reihen der Grünröcke kein Platz sei. Weitere Voraussetzung war die Vertrautheit mit Wald und Flur und die Entschlossenheit, zu jeder Jahreszeit und in jeder Gefechtslage selbständig zu kämpfen. Diese Anforderungen wurden größtenteils auch von den Jägereinheiten der anderen deutschen Länder übernommen. Mit dieser konsequent betriebenen Auslese wurde eine Elitetruppe geschaffen, auf die sich die militärische Führung, besonders in entscheidenden Situationen, verlassen konnte. Nach dem Ausscheiden aus der Jägertruppe wurden die Jäger oftmals auf eine Stelle im Staatsdienst übernommen. Auch diese Verfahrensweise förderte ungemein die Disziplin und den Zusammenhalt innerhalb der Jägertruppe. Über die hessischen Jäger ist dokumentiert, dass die Mannschaften auf 300 Schritte einen gezielten Büchsenschuss anbringen konnten, einzelne Jäger sogar bis 500 Schritte (aber mit einer etwas niedrigeren Trefferquote). Zum Vergleich: Mit der Standardmuskete der regulären Infanterie traf ein geübter Schütze maximal auf 80 Schritte zielgenau. Der elitäre Charakter der Jägertruppe von Hessen-Kassel spiegelte sich auch im Sold wider. So erhielten auch die einfachen Mannschaften eine Unteroffiziersentlohnung.