Als sokratische Methode wird in philosophiegeschichtlicher und didaktischer Fachliteratur eine Vorgehensweise im Diskurs bezeichnet, die Platon in einer Reihe seiner literarisch gestalteten Dialoge darstellt. In ihnen lässt er seinen Lehrer Sokrates als Hauptsprecher auftreten und die Vorgehensweise im Umgang mit einzelnen Problemen und Gesprächspartnern demonstrieren. Die von Platon und anderen Sokratikern verfassten fiktiven Dialoge, in denen Sokrates eine wichtige Rolle spielt, werden sokratische Dialoge genannt.

Als charakteristische Elemente der Methode gelten die Suche nach einer Definition, die das Untersuchungsobjekt genau beschreibt und abgrenzt, und die gemeinsame Überprüfung der Tauglichkeit von Definitionsvorschlägen, Behauptungen und Konzepten, wobei es um die Aufdeckung allfälliger Unstimmigkeiten geht. In didaktischer Hinsicht ist das prägende Merkmal das Bestreben, einem Lernenden durch geeignete Fragen zu ermöglichen, seine Irrtümer selbst herauszufinden und so sein Erkenntnispotenzial zu aktivieren.

Ob man überhaupt von einer sokratischen Methode sprechen kann und ob die so benannte Gesprächsführung auf den historischen Sokrates zurückgeht oder nur zu den Eigentümlichkeiten der von Platon geschaffenen literarischen Sokrates-Gestalt gehört, ist in der Forschung stark umstritten. Nach Platons Darstellung bezeichnete Sokrates seine Dialogpraxis als „Hebammenkunst“ (Mäeutik), was auf ein Verfahren deutet, das bestimmten Grundsätzen folgt.

Die Frage der historischen Realität Der Begriff sokratische Methode kommt in den Quellen nicht vor, er stammt aus neuzeitlichen philosophiegeschichtlichen Darstellungen. Platon gibt aber einige Hinweise auf eine besondere Diskurskunst seines Lehrers. Einer davon findet sich in der Apologie des Sokrates, einer literarisch ausgestalteten Version der Verteidigungsrede, die Sokrates im Jahr 399 v. Chr. als Angeklagter hielt. Dort bittet Sokrates die Anwesenden, nicht daran Anstoß zu nehmen, dass er in seiner Argumentation auf seine „gewohnte Weise“ verfahre.Platon, Apologie des Sokrates 27b. Im Dialog Theaitetos vergleicht Sokrates seine didaktische Vorgehensweise mit der „Hebammenkunst“ seiner Mutter, einer Hebamme: Wie die Hebamme den Frauen bei der Geburt ihrer Kinder hilft, so helfe er den Seelen bei der Geburt ihrer Einsichten.Platon, Theaitetos 148e–151d. Ein Indiz dafür, dass man spätestens im 4. Jahrhundert v. Chr. Sokrates für den Urheber einer bestimmten Methode hielt, liefert Aristoteles. Er schreibt in seiner Metaphysik, es gebe zwei Errungenschaften, die man dem historischen Sokrates mit Recht zuschreiben könne: die heranführende Art der Herleitung (eine Art von induktiver Argumentation) und die allgemeine Abgrenzung von Bestimmungen (das Definieren der Allgemeinbegriffe).Aristoteles, Metaphysik 1078b27–29.

Im Dialog Politeia lässt Platon Sokrates die Frage stellen, ob eine Untersuchung „nach der gewohnten Methode“ vorgenommen werden soll.Platon, Politeia X 596a. Da es dort aber um eine Untersuchung unter dem Gesichtspunkt der Ideenlehre geht, bei der es sich um spezifisch platonisches Gedankengut handelt, kann nicht die „sokratische Methode“ gemeint sein.

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem literarisch geschilderten „platonischen“ (in Platons Dialogen auftretenden) Sokrates und Sokrates als historischer Persönlichkeit gehört zu den schwierigsten Problemen der antiken Philosophiegeschichte. Eine überzeugende Rekonstruktion der Philosophie des historischen Sokrates gilt heute als unmöglich.Eine forschungsgeschichtliche Übersicht bietet Louis-André Dorion: The Rise and Fall of the Socratic Problem. In: Donald R. Morrison (Hrsg.): The Cambridge Companion to Socrates, Cambridge 2011, S. 1–23. Siehe auch Debra Nails: Agora, Academy, and the Conduct of Philosophy, Dordrecht 1995, S. 8–31. Unklar ist auch, ob Aristoteles eigene Informationen über den historischen Sokrates verwertete oder seine Kenntnisse nur Platon verdankte. Von der Beantwortung der Frage nach der Glaubwürdigkeit der Quellen hängt ab, ob man die „sokratische Methode“ als charakteristisches Merkmal der philosophischen Untersuchungen des historischen Sokrates betrachtet. Skeptische Forscher beschränken sich auf die Feststellung, dass Platon als Schriftsteller seinem Lehrer, den er als Meister des Dialogs ins beste Licht rückt, eine bestimmte überlegene Art der Gesprächsführung zuschreibt.Zur Quellenproblematik siehe Hugh H. Benson: Socratic Method. In: Donald R. Morrison (Hrsg.): The Cambridge Companion to Socrates, Cambridge 2011, S. 179–200, hier: S. 179 Anm. 2; Louis-André Dorion: The Rise and Fall of the Socratic Problem. In: Donald R. Morrison (Hrsg.): The Cambridge Companion to Socrates, Cambridge 2011, S. 1–23, hier: 16f.

Der Mangel an klaren Quellenaussagen über die Existenz und den genauen Inhalt einer von Sokrates eingeführten und praktizierten Methode hat sogar zu einer Forschungsmeinung geführt, der zufolge es eine solche Methode nicht gibt. Vielmehr sei es ein Merkmal von Sokrates’ philosophischen Bemühungen, dass er über keine besonderen Werkzeuge, keine einzigartigen und machtvollen Waffen gegen die Unwissenheit verfügt habe. Er habe nur seinen bis zuletzt ungebrochenen Willen, die Unwissenheit zu reduzieren, besessen, nicht aber ein Wissen über bestimmte Schritte, mit denen dies methodisch zu erreichen wäre. Zwar habe er eine besondere Art der Suche nach Definitionen gehabt, nicht jedoch eine Theorie der Definition, und von einer Methode im Sinne einer relativ systematischen, theoretisch begründeten Verfahrensweise könne man nicht sprechen.Thomas C. Brickhouse, Nicholas D. Smith: The Socratic Elenchos? In: Gary Alan Scott (Hrsg.): Does Socrates Have a Method?, University Park 2002, S. 145–157, hier: 147, 154–157; David Wolfsdorf: Socrates’ Pursuit of Definitions. In: Phronesis 48, 2003, S. 271–312, hier: 298, 301f., 304f.

Besonders nachdrücklich sprach sich der renommierte Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848–1931) gegen die Annahme aus, es gebe unabhängig von der Persönlichkeit des Sokrates eine sokratische Methode, die man formulieren und erlernen könne. Nicht mit einer Methode habe Sokrates fasziniert, sondern nur durch die Vorbildlichkeit, mit der er nach seinen Grundsätzen gelebt habe: „Die sokratische Methode ohne Sokrates ist nicht mehr, als die Pädagogik zu sein pflegt, die einem Seelenführer von Gottes Gnaden abguckt, wie er sich räuspert und wie er spuckt, seine angebliche Methode auf Flaschen zieht und dann meint, das Wasser des Lebens auszuschenken.“Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Platon. Sein Leben und seine Werke, 5. Auflage, Berlin 1959 (1. Auflage Berlin 1919), S. 81.

Die meisten Forscher verwenden Ausdrücke wie „sokratische Methode“ oder „sokratische Argumentationstechnik“, doch gehen ihre Ansichten im Detail auseinander. Die Skeptiker, welche die Existenz einer bestimmten Methode bestreiten, haben sich zwar bisher nicht durchgesetzt, doch haben sie gezeigt, dass die herkömmlichen Vorstellungen über „die sokratische Methode“ zumindest problematisch sind. Viele Fragen bleiben offen.

Umstritten ist auch die Frage, ob der historische Sokrates seine Dialogpraxis als „Hebammenkunst“ (Mäeutik oder Maieutik) aufgefasst und bezeichnet hat oder der Vergleich mit der Geburtshilfe ein Einfall Platons war. Einige Indizien deuten darauf, dass der historische Sokrates tatsächlich seine Hilfestellung beim philosophischen Nachforschen mit der Tätigkeit einer Hebamme verglichen und in dieser Metapher sein Verständnis von Erkenntnisvermittlung zusammengefasst hat.Für die Historizität plädieren Bruno Vancamp: L’historicité de la maïeutique socratique: réflexions critiques. In: L’Antiquité Classique 61, 1992, S. 111–118 und Julius Tomin: Socratic Midwifery. In: The Classical Quarterly 37, 1987, S. 97–102. Anderer Meinung sind Richard Robinson: Plato’s Earlier Dialectic, 2. Auflage. Oxford 1953, S. 83f., Kenneth Dover: Socrates in the Clouds. In: Gregory Vlastos (Hrsg.): The Philosophy of Socrates, Garden City (N.Y.) 1971, S. 50–77, hier: 61f. und Myles F. Burnyeat: Socratic Midwifery, Platonic Inspiration. In: Hugh H. Benson (Hrsg.): Essays on the Philosophy of Socrates, New York 1992, S. 53–65. Vgl. Thomas Alexander Szlezák: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie, Teil 2: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 91–127, insbesondere S. 91–98.

Merkmale der Methode Die Vorgehensweise des platonischen Sokrates ist durch zwei Aspekte gekennzeichnet: den erkenntnistheoretischen Ansatz und das didaktische Prinzip. Die Erkenntnistheorie wird insbesondere im Dialog Theaitetos thematisiert. Die spezifisch sokratische Praxis des Bemühens um Erkenntnis wird in einer Reihe von Werken Platons vorgeführt: Apologie des Sokrates, Charmides, Euthydemos, Euthyphron, Gorgias, Hippias maior (Echtheit umstritten), Hippias minor (Echtheit umstritten), Ion, Kriton, Laches, Lysis, Menon, Politeia (Buch I) und Protagoras. Für die sokratische Didaktik sind vor allem der Menon und der Theaitetos aufschlussreich.

Die Erkenntnissuche Hinsichtlich des Vorgehens bei der Erkenntnissuche lassen sich drei charakteristische Merkmale der „sokratischen Methode“ herausarbeiten: die Annahme, dass der Ausgangspunkt möglicher philosophischer Erkenntnis eine korrekte, das heißt die wirkliche Natur des Untersuchungsgegenstands genau beschreibende Definition ist. der sokratische Elenchos, die Widerlegung unzureichend durchdachter Behauptungen, insbesondere untauglicher Definitionsvorschläge die Strategie der Überprüfung der Stimmigkeit eines von einem Dialogteilnehmer vertretenen Gesamtkonzepts.

Die Bedeutung des Definierens Das Definieren von Allgemeinbegriffen ist ein Hauptanliegen des (platonischen) Sokrates, wobei er sich vor allem auf das Gebiet der Ethik konzentriert. Dort geht es ihm um Fragen wie „Was ist Tapferkeit?“ oder „Was ist Frömmigkeit?“. Er hält die Begriffsbestimmung für eine vorrangige Aufgabe des Philosophen, der sich einem bestimmten Thema zuwendet. Damit meint er nicht eine Definition im modernen Sinne, also eine beliebige Zuordnung eines Ausdrucks zu einem Inhalt, eine bloße Konvention zwecks Verständigung und Vermeidung von Missverständnissen. Vielmehr zielt für ihn die Frage „Was ist X?“ auf eine exakte Bestimmung dessen, was die Natur von X tatsächlich ausmacht.In der englischsprachigen Literatur lautet die Frage gewöhnlich „What is F?“ und eine zu definierende Eigenschaft wird als „F-ness“ bezeichnet. Somit drückt die Definition eine Gegebenheit aus, die als objektive Tatsache erkannt werden soll. Für jedes Untersuchungsobjekt gibt es eine einzige schlechthin richtige Definition, die der Philosoph aufzufinden versucht. Wenn das Untersuchungsobjekt eine Eigenschaft ist, soll deren Definition das beinhalten, was alle Träger dieser Eigenschaft – und nur sie – zu solchen macht. Beispielsweise ist Tapferkeit so zu definieren, dass die Definition genau das ausdrückt, was in jedem Tapferen vorhanden ist und bewirkt, dass er tapfer ist. Wer diese Definition gefunden hat, der hat das Wesen der Tapferkeit erfasst. Er kann nicht nur erkennen, wer tapfer ist und wer nicht, sondern versteht auch, warum das so ist. Zwar kann man eine Vorstellung von Tapferkeit haben, ohne die Definition dieser Tugend zu kennen, doch setzt ein philosophisches Verständnis von Tapferkeit die Kenntnis der Definition voraus.Hugh H. Benson: Socratic Method. In: Donald R. Morrison (Hrsg.): The Cambridge Companion to Socrates, Cambridge 2011, S. 179–200, hier: 193–198.