Die soziale Angststörung (SAS), früher auch soziale Phobie genannt, ist eine Angststörung, die sich durch eine ausgeprägte und übermäßige Furcht oder Angst vor sozialen Situationen auszeichnet und zu einem erheblichen Leidensdruck sowie einer Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit im Alltag führt. Das bestimmende Merkmal der sozialen Angststörung ist eine anhaltende Furcht oder Angst vor negativer oder positiver Bewertung durch andere. Diese Angstsymptome können durch wahrgenommene oder tatsächliche Beobachtung durch andere ausgelöst werden.
Seit dem Erscheinen des DSM-5 und der ICD-11 wird die Bezeichnung Soziale Angststörung benutzt, weil dadurch die Problematik (auch unter Ärzten) weniger bagatellisiert wird. Außerdem soll damit eine klare Abgrenzung zu spezifischen Phobien erreicht werden, um die hohe psychosoziale Belastung durch eine SAS deutlich zu machen. Auch die Abläufe einer SAS unterscheiden sich deutlich von denen einer Phobie, da hier keine situationsabhängigen, automatisierten Reiz-Reaktions-Abläufe stattfinden. Vielmehr liegt eine komplexe Angststörung vor, bei der die Annahme, von anderen negativ bewertet zu werden, eine zentrale Rolle im Alltag der Betroffenen spielt.
Die Soziale Angststörung gehört zu den häufigsten psychischen Störungen. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass die Prävalenz der sozialen Angststörung zunimmt, insbesondere bei jungen Menschen.
Beschreibung mini|upright=1.6|Eine soziale Angststörung unterscheidet sich von den Persönlichkeitsmerkmalen Introversion und Schüchternheit. Menschen mit einer sozialen Angststörung meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte, da sie fürchten, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und auf Ablehnung stoßen zu können. Sie fürchten, dass ihnen ihre Nervosität oder Angst angesehen werden könnte, was ihre Angst oftmals noch weiter verstärkt. Begleitet wird die Angst oft von körperlichen Symptomen wie Erröten (siehe auch Erythrophobie), Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Verkrampfung, Sprechhemmung und häufigen Versprechern, Schwindelgefühlen, Harndrang, Beklemmungsgefühlen in der Brust, Kopf- und Magenschmerzen, Durchfall, Übelkeit (Würgereiz) oder Panik sowie von kognitiven Symptomen wie Gedankenkreisen, Derealisation und Depersonalisation.
Um all das zu vermeiden, gehen Menschen mit einer sozialen Angststörung Situationen, in denen sie der Bewertung durch andere ausgesetzt sind, oft von vornherein aus dem Weg. Dies kann ein berufliches und privates Weiterkommen sehr erschweren und mitunter zu vollkommener sozialer Isolation führen. Die Störung kann über einen langen Zeitraum anhalten, zudem erkranken viele Betroffene noch zusätzlich an einer Depression oder werden abhängig von Alkohol, Beruhigungsmitteln oder anderen Drogen oder Medikamenten, welche die Symptome überdecken oder verdrängen können.
Soziale Angststörungen beginnen meist in Kindheit und Pubertät. In bestimmtem Rahmen und Ausmaß gelten Schüchternheit und soziale Gehemmtheit noch als normal. Die Diagnose sollte erst gestellt werden, wenn ungewöhnlich starke Ängste zu einem verhängnisvollen Vermeidungsverhalten in entsprechenden Situationen führen.
Kulturelle Unterschiede Auch der kulturelle Hintergrund spielt eine Rolle dabei, wie genau sich eine soziale Angststörung äußert. In ostasiatischen Kulturen etwa wird häufiger eine altruistische Variante beobachtet, die begleitet wird von der Befürchtung, dass „das eigene Erscheinungsbild, der Gesichtsausdruck oder die natürlichen Bewegungsabläufe oder etwa der Körpergeruch, der Augenkontakt oder das Erröten eine andere Person unangenehm berühren“ (siehe Taijin Kyōfushō). In westlichen Ländern dagegen dominiert eher eine egozentrische Variante, begleitet von der Befürchtung, sich selbst zu blamieren oder beschämt zu werden.
Häufigkeit Nach Schätzungen leiden zwei bis zehn Prozent der Bevölkerung unter sozialen Ängsten. Exakte Angaben sind schwierig, da sich die SAS in ihrem Schweregrad stark unterscheiden können und insbesondere der Übergang von Schüchternheit zur SAS schwierig zu bestimmen ist. Soziale Angst darf zudem nicht mit sozialen Defiziten verwechselt werden, obwohl die SAS aus sozialen Defiziten entstehen kann (oder auch erst zu diesen führen kann).
Eine Repräsentativstudie mit rund 4100 Teilnehmern aus der deutschen Allgemeinbevölkerung im Alter von 18 bis 65 Jahren ermittelte anhand eines standardisierten diagnostischen Interviews eine 12-Monats-Prävalenz von 2 %. Über die gesamte Lebenszeit waren laut US-amerikanischen Studien 7–12 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer sozialen Angststörung betroffen; Frauen etwas häufiger als Männer.Frank Jakobi u. a. (2004): Psychische Störungen in der deutschen Allgemeinbevölkerung (PDF). doi:10.1007/s00103-004-0885-5.
Eng umschriebene soziale Angststörungen, zum Beispiel nur Furcht vor öffentlichem Sprechen und Essen, sind eher selten. Am häufigsten ist die allgemeine SAS vor den meisten Aktivitäten im zwischenmenschlichen Bereich, wie an Partys oder Familienfesten teilzunehmen, anderen zu schreiben, neue Kontakte zu knüpfen (insbesondere zu Menschen des begehrten Geschlechts) oder eine Unterhaltung mit dem Chef, den Kollegen, den Nachbarn und selbst mit Nahestehenden zu führen.
Diagnostik ICD-11 Mit dem Inkrafttreten der ICD-11 im Jahr 2022 wird die Bezeichnung „Soziale Angststörung“ verwendet. Sie wird den „Angst- oder furchtbezogene Störungen“ zugeordnet. Zur Diagnose müssen folgende Mindestkriterien erfüllt sein:
Ausgeprägte und übermäßige Furcht oder Angst, die regelmäßig in einer oder mehreren sozialen Situationen auftritt. Die betroffene Person befürchtet, sich auf eine Weise zu verhalten oder Angstsymptome zu zeigen, die von anderen negativ bewertet werden könnten. Relevante soziale Situationen werden regelmäßig vermieden oder nur unter intensiver Furcht oder Angst ertragen. Die Symptome sind nicht vorübergehend, d. h., sie halten über einen längeren Zeitraum an. Die Symptome lassen sich nicht besser durch eine andere psychische Störung erklären. Die Symptome führen zu einem erheblichen Leidensdruck und zu Einschränkungen im Leben der Person.
DSM-5-TR Im seit 2022 gültigen DSM-5-TR wird die soziale Angststörung dem Kapitel der „Angststörungen“ zugeordnet. Es werden folgende Mindestkriterien vorgegeben:
Ausgeprägte Furcht oder Angst, in denen die Betroffenen beurteilt werden könnten. Betroffene befürchten, sich auf eine Weise zu verhalten oder ihre Angst zu offenbaren, die von anderen negativ bewertet werden könnte. Die sozialen Situationen rufen fast immer eine Furcht- oder Angstreaktion hervor. Die sozialen Situationen werden vermieden oder nur unter intensiver Furcht oder Angst ertragen. Die Furcht oder Angst geht über das Ausmaß der tatsächlichen Bedrohung durch die soziale Situation hinaus und steht in keinem Verhältnis zum soziokulturellen Kontext. Die Furcht, Angst oder Vermeidung ist andauernd, typischerweise über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten. Die Furcht, Angst oder Vermeidung verursacht in klinisch relevanter Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in wichtigen Funktionsbereichen der Betroffenen. Die Furcht, Angst oder Vermeidung ist weder die Folge einer physiologischen Wirkung einer Substanz noch die Folge eines medizinischen Krankheitsfaktors. Die Furcht, Angst oder Vermeidung kann nicht durch die Symptome einer anderen psychischen Störung (z. B. einer Körperdysmorphen Störung oder einer Autismus-Spektrum-Störung) erklärt werden.
Das DSM-5-TR erlaubt eine Zusatzcodierung, die angibt, ob die SAS nur in Leistungssituationen (z. B. Sprechen vor Gruppen) auftritt. Personen mit dieser Zusatzcodierung befürchten und vermeiden keine anderen sozialen Situationen.
Zur zuverlässigen Diagnose einer Sozialen Angststörung kann das halbstrukturierte Interview SCID-5 der American Psychiatric Association verwendet werden.
Abgrenzungen Ein Hauptproblem bei der Differenzialdiagnostik der sozialen Angststörung liegt in der erheblichen Kriterienüberlappung mit der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung (ÄVPS). Betroffene haben aber meist eng umschriebene Ängste (zum Beispiel vor Prüfungen, öffentlichen Reden), während die von ängstlich-vermeidenden Persönlichkeiten weit auf viele unterschiedliche Situationen ausgedehnt sind. Außerdem wird die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung im höheren Maße als ich-synton erlebt: Das heißt, dass Betroffene ihre ängstlichen Denkmuster und ihr unsicheres Verhalten trotz Leidensdruck als integrativen Bestandteil ihrer Persönlichkeit betrachten. SAS-Betroffene hingegen erleben ihre Symptome eindeutig und klar als Störung, die nicht Teil ihrer Persönlichkeit ist (Ich-Dystonie).
Menschen mit SAS ängstigen eher die sozialen Begleitumstände, als die Intimität enger persönlicher Beziehungen – vor der sich ängstlich-vermeidende Personen fürchten. Wichtige Merkmale zur Unterscheidung sind schließlich bei Personen mit ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung das allgemeine Unbehagen in den meisten sozialen Situationen, die deutliche Angst vor Kritik und Zurückweisung und ausgeprägte Schüchternheit. Im Gegensatz zur SAS zeigen sich erste Anzeichen einer ÄVPS auch bereits in der frühen Kindheit und entwickeln sich dann lebenslang.Peter Fiedler, Michael Marwitz (2016): Abgrenzung von sozialer Phobie gegenüber der ÄVPS
Komorbidität Alle Angststörungen treten sowohl häufig untereinander als auch zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Mehr als die Hälfte der Menschen mit SAS leidet zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens zusätzlich an einer anderen oder mehreren anderen Angststörungen. Die seltene und noch weitgehend unerforschte Kommunikationsstörung Mutismus kann in Begleitung der SAS auftreten. Häufig sind auch Depressionen in Verbindung mit Angsterkrankungen. Etwa ein Drittel konsumiert Alkohol. Sehr oft ist ebenfalls die Kombination von sozialer Angststörung und ADHS zu beobachten (insbesondere bei SCT-Symptomatik).Deutscher Ärzte Verlag: Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. 3. Auflage. 2007. ISBN 978-3-7691-0492-9, S. 277–289.Nina Müller: Die soziale Angststörung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. S. 46f, Waxmann 2002. ISBN 978-3-8309-6136-9.David B. Schatz (2006): (PDF). doi:10.1177/1087054706286698.
Ursachen Psychologische Faktoren Lerntheoretische Ansätze sehen soziale Ängste durch Vermeidungskonditionierung bedingt. Dabei wirkt das Vermeiden einer angstauslösenden Situation angstmindernd. Wird in sozialen Situationen Angst verspürt, wird diese Situation weitgehend vermieden. Auch Prozesse des Modelllernens können für die SAS verantwortlich sein. Beobachtungslernen, also das Beobachten von sozial ängstlichen Reaktionen, kann selbst angstauslösend sein.
Vermeidung wird bei der sozialen Angststörung als Ursache für die Aufrechterhaltung dieser gesehen, weil keine korrigierende Erfahrung gesammelt werden kann und damit keine Gewöhnung an die angstauslösenden Reize (Habituation) erfolgt. Um diesen Vermeidungsmechanismus zu überwinden, wird eine kognitive Verhaltenstherapie nach Clark und Wells empfohlen.
Kognitionspsychologische Theorien fokussieren dabei vor allem auf die Rolle, welche Ängste Einfluss auf die Verarbeitung von Informationen haben. Dabei sehen sich Menschen mit sozialen Ängsten meist negativer und machen sich mehr Sorgen. Die Sozialkontakte werden so negativer wahrgenommen, als sie sind. Kern der Störung sind dabei negativ verzerrte Selbstbilder, die eine aufrechterhaltende Bedingung der Störung darstellen. (Hackmann, Clark & McManus, 2000, S. 605).Hackmann, A., Clark, D. M. & McManus, F. (2000). Recurrent images and early memories in social phobia. Behaviour Research and Therapy, 38 (6), S. 601–610.