Als Kanonische Exegese (oder Kanonische Schriftauslegung) wird eine Exegese von Bibeltexten bezeichnet, welche „den kirchlich rezipierten Bibelkanon theologisch ernst nimmt und zum Auslegungshorizont macht.“Uwe Becker: Exegese des Alten Testaments. Ein Methoden- und Arbeitsbuch. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 2021, S. 161. Als Begründer gilt Brevard Childs. Sein Canonical approach ist ein synchroner Bibelzugang. Der von James A. Sanders vertretene Canonical criticism dagegen ist mit der diachronen historisch-kritischen Bibelexegese kompatibel.
Während die historisch-kritische Methode die Entstehung des Textes aufzuhellen sucht, befasst sich die Kanonische Exegese mit dem Endtext und weist den Rezipienten eine aktive Rolle zu. Sie interagieren mit den innerhalb des Kanons vielfach miteinander verbundenen und verwobenen Texten, welche das Potential haben, die Lesenden zu lenken. Hier besteht eine Nähe zur literaturwissenschaftlichen Rezeptionsästhetik. Der Kanon schafft allerdings privilegierte Intertexte, d. h. Texte aus der Umwelt des Alten oder Neuen Testaments bleiben bei der kanonischen Lektüre außer Betracht.
Die Impulse von Childs und Sanders wurden vor allem in der alttestamentlichen Exegese rezipiert, weniger von Neutestamentlern.Christoph Dohmen, Manfred Oeming: Biblischer Kanon warum und wozu? Eine Kanontheologie, Freiburg/Basel/Wien 1992, S. 18. Nachdem Peter Brandt 2001 die verschiedenen Kanonarrangements im Judentum und Christentum detailliert aufgearbeitet hatte,Vgl. Peter Brandt: Endgestalten des Kanons. Das Arrangement der Schriften Israels in der jüdischen und christlichen Bibel (= Bonner Biblische Beiträge. Band 131). Philo, Berlin/Wien 2001. wurde das Thema der Grenzen des Kanons (die Stellung deuterokanonischer bzw. apokrypher Schriften) in der deutschsprachigen kanonischen Exegese kaum behandelt, und als weitgehend von Alttestamentlern getragene Fachdiskussion wird auch der Rahmen des Tanach nur selten in Richtung auf das Neue Testament überschritten.Melanie Köhlmoos: Kanon und Methode. Zu einer Zwischenbilanz der kanonischen Auslegung, 2009, S. 145.
Brevard Childs und James Sanders Childs: Canonical approach Als Begründer der Kanonischen Exegese gilt Brevard S. Childs, der als Alttestamentler von seinem evangelisch-reformierten Hintergrund, insbesondere der Dialektischen Theologie Karl Barths geprägt war. Er reagierte darauf, dass die Biblische Theologie in den 1960er Jahren in eine Krise geraten war. Die Relevanz der mit den historisch-kritischen Arbeitsgängen freigelegten hypothetischen Vorstufen eines biblischen Textes für den heutigen Leser war schwer aufzuweisen. Hinzu kam, dass die Biblische Theologie in den Vereinigten Staaten stark heilsgeschichtlich ausgerichtet war und die Albright-Schule zeitweise eine archäologische Bestätigung ihres Geschichtsbilds lieferte, die aber durch neue Erkenntnisse ins Wanken geriet.Stefan Krauter: Brevard S. Childs’ Programm einer Biblischen Theologie: Eine Untersuchung seiner systematisch-theologischen und methodologischen Fundamente, 1996, S. 22.
Childs kritisierte, dass die historisch-kritische Exegese als Erbe der Aufklärung einen neutralen, objektiven Zugang zu den Texten anstrebe. Als Erbe der Romantik werte sie das Ursprüngliche und Individuelle höher als das allgemein Rezipierte (= das Kanonische).Stefan Krauter: Brevard S. Childs’ Programm einer Biblischen Theologie: Eine Untersuchung seiner systematisch-theologischen und methodologischen Fundamente, 1996, S. 29. Angesichts dessen forderte Childs, als Exeget einen Standpunkt innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft einzunehmen und den kanonisierten Endtext als Wort Gottes zu lesen, das unter der Leitung des Heiligen Geistes normativ geworden sei und das in Jesus Christus seine Mitte habe. Childs war an dem „kanonischen Prozess“ interessiert, der als Empfangen, Bewahren und Überliefern der Traditionen bereits in der Bibel selbst angelegt sei, und weniger an der Kanonisierung als späte kirchliche Festlegung des Umfangs der normativen Schriften.Christoph Dohmen, Manfred Oeming: Biblischer Kanon warum und wozu? Eine Kanontheologie, Freiburg/Basel/Wien 1992, S. 20.
Zwar lehnte Childs die Allegorese ab, aber die vorkritische Rezeptionsgeschichte biblischer Texte hatte für ihn große Bedeutung.Stefan Krauter: Brevard S. Childs’ Programm einer Biblischen Theologie: Eine Untersuchung seiner systematisch-theologischen und methodologischen Fundamente, 1996, S. 28 f. Der bewusst bezogene kirchliche Standpunkt konnte bei Childs bedeuten, problematische „als ob“-Interpretationen zu vertreten. So seien die Deuteropaulinischen Briefe auszulegen, als ob Paulus sie verfasst hätte – obwohl der Exeget wusste, dass das historisch nicht so war.Stefan Krauter: Brevard S. Childs’ Programm einer Biblischen Theologie: Eine Untersuchung seiner systematisch-theologischen und methodologischen Fundamente, 1996, S. 39 f.
Die Zusammengehörigkeit von Altem und Neuem Testament war für Childs aufgrund der reformierten Bundestheologie evident. Er fand sie bestätigt, indem er im Alten und Neuen Testament einander ergänzende „Strukturmomente“ ermittelte. Im Alten Testament legte er den Endtext in Gestalt der Biblia Hebraica Stuttgartensia zugrunde, ohne die Septuaginta zu berücksichtigen. Im Neuen Testament dagegen arbeitete Childs traditionsgeschichtlich.Thomas Söding: Der biblische Kanon - Geschichte und Theologie. In: Zeitschrift für katholische Theologie 128 (2006), S. 407–430, hier S. 410. Childs meinte, der Kanon der Hebräischen Bibel sei bereits um 100 v. Chr. abgeschlossen gewesen; diese Minderheitsposition musste er allerdings beziehen, um zu begründen, warum er den Masoretischen Text und nicht die Septuaginta als für Christen relevanten Endtext des Alten Testaments behandelte.Stefan Krauter: Brevard S. Childs’ Programm einer Biblischen Theologie: Eine Untersuchung seiner systematisch-theologischen und methodologischen Fundamente, 1996, S. 30.
Wie Childs kanonische Exegese betreiben wollte, führte er 1974 in seinem Kommentar zum Buch Exodus vor. Er ging dort in folgenden Arbeitsschritten vor:
Übersetzung mit philologischen Anmerkungen; Literarische, form- und traditionskritische Beobachtungen; Der Text im Kontext des ganzen Alten Testaments; Der Text im Kontext des Neuen Testaments; Forschungsgeschichte; Theologische Auslegung im Horizont des christlichen Bibelkanons.
Kritiker stellten fest, dass Childs in seinem Exodus-Kommentar herkömmliche diachrone Standardmethoden der Exegese durchaus selbst gebrauchte oder deren Ergebnisse übernahm. Methodenpluralismus wurde von ihm teils zugestanden, teils aber zugunsten eines strikt synchronen Zugangs zum Text abgelehnt.Mark G. Brett: Biblical Criticism in Crisis? The Impact of the Canonical Approach on Old Testament Studies, Sheffield 1991, S. 38–52.
Unklar ist, in welchem Verhältnis Childs’ Konzept der kanonischen Intertextualität zur poststrukturalistischen Literaturtheorie steht: der Kanon stelle ein Feld zur Verfügung, in dem der Leser mit den aufeinander bezogenen Texten interagiere; dadurch entstehe Sinn.Stefan Krauter: Brevard S. Childs’ Programm einer Biblischen Theologie: Eine Untersuchung seiner systematisch-theologischen und methodologischen Fundamente, 1996, S. 37 f. und 41. Childs vermied es, die philosophischen Grundannahmen des Canonical approach zu klären.
Trotz seiner methodischen Schwächen beeinflusste Childs zahlreiche Exegeten, darunter Joseph Blenkinsopp, Christoph Dohmen, Rolf Rendtorff, Christopher Seitz, Gerald Sheppard, Thomas Söding und Georg Steins.
Sanders: Canonical criticism 400px|mini|Die Große Psalmenrolle (11Q5), ein Arrangement biblischer und außerbiblischer Psalmen James A. Sanders’ Verständnis des biblischen Kanons wurde durch die Schriftrollen vom Toten Meer vertieft. Sanders edierte nämlich die Große Psalmenrolle, ein Arrangement biblischer und außerbiblischer Psalmen aus Qumran. Er brachte den Unterschied zwischen Childs’ Ansatz und seinem eigenen so auf den Punkt: „Wenn Childs von ‚Kontext‘ spricht, meint er den literarischen Kontext, wenn ich diesen Begriff gebrauche, meine ich meistens den historischen Kontext.“ Childs habe sich für einen Endtext entscheiden müssen und habe den Masoretischen Text gewählt, einen „sehr rabbinischen Text“, mit dem das Christentum erst spät in Kontakt getreten sei. „Der Fokus auf den Masoretischen Text lässt das Neue Testament, dessen Heilige Schrift die Septuaginta war, meistens draußen in der Kälte stehen.“James Sanders: Canonical Context and Canonical Criticism. In: Horizons in Biblical Theology 2 (1980), S. 173–197, hier S. 186 f.
Sanders untersuchte in Torah and Canon (1972), welche Hermeneutiken Glaubensgemeinschaften beim Umgang mit der Bibel verwenden und inwiefern diese bereits im Text angelegt sind. Indem die Bibelleser den Text theozentrisch und in Richtung auf den eigenen Monotheismus lesen, festige er in ihnen die Überzeugung, dass Gott Herr über die gesamte Wirklichkeit sei. In Canon and Community. A Guide to Canonical Criticism (1984) erklärte Sanders, dass der von ihm geprägte Canonical criticism mit anderen exegetischen Methoden kompatibel sei und diese ergänze. Der kanonische Prozess ist bei Sanders auch ein Auslegungsprozess, der sich innerhalb des Alten Testaments aufzeigen lässt: das antike Israel rezipierte seine heiligen Texte in einer kreativen Weise, indem sie durch Fortschreibungen auf neue Situationen angewandt wurden.Christoph Dohmen, Manfred Oeming: Biblischer Kanon warum und wozu? Eine Kanontheologie, Freiburg/Basel/Wien 1992, S. 210.
Mit ihrem Psalmenkommentar stehen Erich Zenger und Frank-Lothar Hossfeld stärker in der Tradition von Sanders’ Canonical criticism als von Childs’ Canonical approach; Ähnliches gilt für redaktionskritische Beiträge von Odil Hannes Steck, Klaus Koenen und Norbert Lohfink.Dennis Olson: Types of a Recent ‘Canonical Approach’. In: Magne Sæbø (Hrsg.): Hebrew Bible / Old Testament: The History of Its Interpretation. Band 3/2: The Twentieth Century - From Modernism to Post-Modernism. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 196–218, hier S. 217 f.
Kanonische Exegese im deutschsprachigen Raum
Erich Zenger