Ulrich Blum (* 19. Mai 1953 in München) ist ein deutscher Ökonom. Er war 1986 Gastprofessor an der Université de Montreal, ab 1987 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und seit 1992 ordentlicher Professor und Inhaber des Gründungslehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Technischen Universität Dresden. Von 1992 bis 1994 war er ebendort Gründungsdekan der Fakultät Wirtschaftswissenschaften. Von 2004 bis 2011 war er Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Seit 2004 ist er ordentlicher Professor für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und leitet seit 2015 als Gründungsdirektor das Center for Economics of Materials.
Leben Blum wurde 1953 als Sohn von Eberhard Blum, ehemaliger Rittmeister der Wehrmacht und nachmaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes, in München geboren. Er besuchte u. a. das Lycée Français Charles De Gaulle de Londres und das Winchester College in England. Nach dem Abitur am Landschulheim Schondorf am Ammersee war er von 1973 bis 1975 Soldat auf Zeit bei der Bundeswehr und schied dort als Leutnant aus. Sein letzter Dienstgrad war Oberstleutnant der Reserve an der Offizierschule des Heeres.
Von 1975 bis 1979 studierte er als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Karlsruhe (TH). 1979 wurde er Diplom-Ingenieur und ist seit 1981 mit Melanie, geborene Pollert, verheiratet, mit der er zwei Kinder hat, Elisa und Johannes. 1982 wurde er bei Rolf Funck am Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung mit der Dissertation „Regionale Wirkungen von Infrastrukturinvestitionen“ zum Dr. rer. pol. promoviert und habilitierte sich 1986 in Volkswirtschaftslehre mit der Arbeit „Raumwirkungen des Budgets der gesetzlichen Rentenversicherung: Eine theoretische und empirische Analyse räumlich und zeitlicher Wirkungen interregionaler Finanzflüsse“.
Von 1986 bis 1988 war er im Rahmen eines Feodor-Lynen-Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung Gastprofessor an der Université de Montréal in Kanada, und ab Herbst 1987 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zwischen 1992 und 1994 war er Gründungsdekan der Fakultät Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität Dresden, wo er von 1992 bis 2004 ebenfalls Ordinarius und Gründungslehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung, war.
Seit 2004 ist Ulrich Blum Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war von 2004 bis 2011 Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Aufgrund politischen Drucks verzichtete er Ende 2011 auf sein Amt als Präsident des IWH. Seit 2012 ist er Gastprofessor an der University of International Business and Economics (UIBE) in Peking. 2014 wurde er Exzellenzprofessor der VR China. 2015 wurde er Gründungsdirektor des Centers for Economics of Materials in Halle, einer gemeinsam von der Martin-Luther Universität und der Fraunhofer-Gesellschaft getragenen Forschungseinrichtung. Seit September 2021 ist er gemeinsam mit Ralf B. Wehrspohn Geschäftsführer des von mehreren Unternehmen neu gegründeten Deutschen Lithiuminstituts (ITEL).
Seit 1998 ist er wissenschaftliches Mitglied des Centre de recherche et développement en économique der Universität Montreal und 2005 am universitätsübergreifenden Centre interuniversitaire de recherche en économie quantitative. Ab 2005 bis 2014 war er Präsident der August-Lösch-Gesellschaft. 2010 lehnte er einen Ruf auf das Rektorat der Handelshochschule Leipzig (HHL) ab. Von 2011 bis 2012 war er Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Wirtschaftsforschungsinstitute. 2008 erhielt er die Ehrenpromotion der Technischen Universität Dresden. Seit 2012 ist er Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Blum gehörte mehreren Beiräten und Kommissionen an wie der Kommission „Wirtschaftsintegrierende Forschungsförderung“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (Vorsitzender), der Europäischen Normungskommission „Future Landscape of European Standardization“ (Vorsitzender), dem Technologiebeirat des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Arbeit, dem Forschungsbeirat des Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (Vorsitzender) und dem WirtschaftsBeirat beim Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalt.
Blum ist stellvertretender Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.Ein Ökonom und Schreiner – Artikel in der FAZ (28. Oktober 2004), abgerufen am 19. Juli 2015.
Ulrich Blum hat schon früh die Probleme der Euroeinführung thematisiert und seinerzeit insbesondere die CSU, die FDP und die damals neugegründete AfD in ihrer skeptischen Haltung zur Griechenlandrettung bestärkt.
Wissenschaftlicher Werdegang Regionale Wirtschaftsentwicklung Blum befasste sich mit Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere mit dem Thema Wettbewerb, insbesondere unvollkommenen Wettbewerb, und der Ordnungsökonomik. Ursprünglich standen regionale und damit verbunden sozialpolitische Verteilungsfragen im Vordergrund, wie sie in der Promotionsschrift und der Habilitationsschrift sowie Zeitschriftenbeiträgen abgehandelt wurden. Seine Veröffentlichungen rangieren unter den wichtigsten regionalwissenschaftlichen Arbeiten der Perioden 1977–1989 sowie 1990–1999. Die Umverteilungswirkungen der Sozialversicherungsbudgets zeigten, dass manche schwache Länder weiter geschwächt und starke Länder gestärkt wurden, was den Absichten der Regionalpolitik widerspricht. Diese Fragestellung wurde vom Bundesverfassungsgericht mit Interesse aufgenommen und ist in die Beurteilungen des damaligen Urteils zum horizontalen Finanzausgleich des Jahres 1986 eingeflossen.
Als Beitrag zur räumlichen Ökonometrie entwickelte er das Konzept des räumlich verteilten Lags.
Ergänzend wurden Abhängigkeiten zwischen einzelnen Datensätzen einbezogen, um beispielsweise das Sparverhalten einer unteren Einkommensgruppe von dem einer höheren zu erfassen. Weiterhin erfolgte die Analyse eines Vergleichs von räumlichen Erreichbarkeiten in den USA und in Europa unter Einbeziehung einer variablen räumlichen Korrelation.
Industrieökonomik und Institutionenökonomik Die starke wissenschaftliche Verbindung zur Universität Montreal führte zu einer Weiterentwicklung der Forschung in Richtung Wettbewerb und Industrieökonomik und damit auch einer Verbindung von Raumtheorie und Transformationstheorie. Es sind besonders technologiegetriebene institutionelle Fehlanpassungen, die erhebliche Schübe bzw. Disruptionen auslösen, wie am Beispiel des Niedergangs der DDR, aber auch an historischen Beispielen aus dem Ende des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit gezeigt werden kann. Die Forschungsergebnisse fließen unmittelbar in die Lehre ein und werden in zwei Lehrbüchern zur Institutionenökonomik und zur Industrieökonomik zusammengefasst.
Blum ist ein gefragter Gutachter in Kartellverfahren, beispielsweise zeigte er im Zusammenhang mit dem ostdeutschen Zementkartell Anfang des Jahrtausends, dass der vom Bundeskartellamt errechnete Mehrerlös um ein Vielfaches zu hoch gegriffen war, weshalb in einer abschließenden Begutachtungsrunde tatsächlich die Ordnungsgelder gegenüber den Unternehmen massiv gesenkt wurden, sowie aktuell im Kartellverfahren gegen Absprachen der Lkw-Hersteller.
Wiedervereinigung und Aufbau Ost Für die mit der Zentralverwaltungswirtschaft verbundenen Effizienzverluste aufgrund eines unzugänglichen Wettbewerbs interessierte sich Blum schon früh und veröffentlichte hierzu erste Analysen zu Polen mangels empirischer Daten über Ostdeutschland. Nach verschiedenen Schriften zur Eigentumsregelung und zur Konvergenz Ost/West prägte er den Begriff der Headquarterlücke, also dem Fehlen von großen Unternehmenssitzen, die durch die Eigentumsordnung der Wiedervereinigung verhindert wurde und nachhaltig die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit beschränkt, weil eben dort rund 30 % der unternehmerischen Wertschöpfung entsteht. Zudem hat dies erhebliche negative Auswirkungen auf die Steuereinnahmen der betroffenen Gebietskörperschaften.
Als Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle legte er eine Studie zu den Wirkungen der Transferzahlungen aus den Westen nach Ostdeutschland vor und zeigte in Analogie zur „holländischen Krankheit“, welche massiven Schäden durch die weitgehende konsumtive Nutzung dieser Finanzmittel entstanden. Die Probleme des Aufbau Ost dokumentierte er in einem Datenkompendium zum zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung. In diesem Kontext zeigte er auch, dass ab Mitte der 2000-Jahre fiskalisch der Aufbau Ost abgeschlossen war, weil durch die hohen Produktionsleistungen der erheblichen Teile der ostdeutschen Beschäftigten, die nach Westen abgewandert waren (im Saldo knapp 2 Millionen Personen) eine Wertschöpfung erzielt wurde, die weit über den Kosten der Stabilisierung der ostdeutschen Wirtschaft lag.
Früh hat Blum erkannt, dass fehlende Führungsfunktionen zur Achillesferse des Aufbaus Ost werden. Mit Kollegen hat er daher analysiert, wie in den neuen Ländern die Gruppenstruktur der Unternehmen nachhaltig gestärkt werden kann. Ausgangspunkt war hierbei das im Kontext der Innovationstheorie und der Transformationsforschung als Quelle neuer Dynamik erkannte Herausbilden von Clustern. Als Ratgeber der koreanischen Regierung hat er Problemlagen einer Wiedervereinigung auf Korea übertragen und ein auch ins Koreanische übersetztes Vademecum verfasst, das aus der deutschen Erfahrung heraus Antworten auf die kritischen Phasen des Übergangs im Falle einer koreanischen Wiedervereinigung vermittelt.
Risikoforschung und Standardisierung Auf der Grundlage der von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung geförderten Kooperation mit der Universität Montréal entstanden mehrere Schriften zum Thema Risiko im Straßenverkehr. Bedeutsam sind hierbei insbesondere der Nachweis von starken Effekten der Risikosubstitution und der Risikohomeostasis,G. J. Wilde: Risk homeostasis theory: an overview. In: Injury Prevention. Band 4, Nummer 2, Juni 1998, S. 89–91, , PMID 9666358, . dass also die durch Regulierung oder Technik eingedämmte Möglichkeit, sich Risiken auszusetzen, die Risikobereitschaft in andere Bereiche abwandern lässt bzw. erhöht. Die weitere Durchdringung dieser Fragestellung wurde in einem DFG-Projekt vertieft.
Durch Basel II sollten in den Neunzigerjahren die Eigenkapitalrichtlinien für Banken im Nachgang zu der kleinen Bankenkrise verbessert werden. Blum sah früh, dass dies erhebliche Auswirkungen auf Unternehmen haben würde, die bekanntlich über Bankkredite finanziert würden und konnte gemeinsam mit dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit sowie der FutureValue Group ein Risikomodell aufbauen, das die Unternehmen in Sachsen auf diese Entwicklung vorbereiten half. Das Modell wurde später zum Risikokompass weiterentwickelt.
Durch Normung kann Risiko systematisch reduziert werden. Über die im Sinne der endogenen Wachstumstheorie starken Impulse auf das wirtschaftliche Wachstum hinaus macht sie die Welt flach und erzeugt „level-palying fields“.