mini|1961: Sowjetische und amerikanische Panzer stehen sich am Checkpoint Charlie in Berlin gegenüber Live Oak (amerikanischer Name für Virginia-Eiche) war der Name einer geheimenBis 1987 war sogar der Name Live Oak als Verschlusssache eingestuft. Quelle: Sigurd Hess: In bester Schußposition militärischen Organisation der drei westlichen Alliierten USA, Großbritannien und Frankreich sowie seit 1961 der Bundesrepublik Deutschland, die den alliierten Zugang zu West-Berlin sicherstellen sollte. Sie wurde als Reaktion auf die Berlinkrise vom November 1958 aufgestellt und bestand von 1959 bis 1990. Ihr erster Sitz befand sich beim United States European Command in Saint-Germain-en-Laye bei Paris. 1961 zog der Live-Oak-Stab auf das Gelände des europäischen Hauptquartiers der NATO, SHAPE, das zunächst im französischen Rocquencourt, ab 1967 im belgischen Casteau bei Mons stationiert war.NATO. Files On-line. Military Planning for Berlin Emergency (1961-1968), Scope and content
Hintergrund Für die Westalliierten war der freie Zugang zu ihren Sektoren von Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von zentraler Bedeutung im Kampf mit der Sowjetunion um politischen und militärischen Einfluss in Europa. Eine vertragliche Regelung kam Ende 1945 aber lediglich für den Luftweg zustande. Drei Luftkorridore von jeweils 32 Kilometern Breite von Frankfurt am Main, Hannover und Hamburg nach Berlin wurden vereinbart. Im Verlauf des Jahres 1946 erfolgten die Detailabstimmung mit der sowjetischen Seite und die Einrichtung eines von allen vier Besatzungsmächten besetzten Kontrollzentrums im Gebäude des Alliierten Kontrollrats in Berlin-Schöneberg, das bis 1990 bestehen blieb.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 28f.
Der Landweg auf Straße und Schiene war abhängig von Einzelabsprachen, mündlichen Vereinbarungen und eingewöhnten Handhabungen mit der sowjetischen Seite. Die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion und insbesondere die Berlin-Blockade 1948/49 machten deutlich, wie bedroht dieser Zugang war und wie sehr die Sowjetunion diesen Umstand politisch nutzen konnte. Auf der anderen Seite hatte die Sowjetunion ein großes Interesse daran, Berlin ganz zu kontrollieren und damit eine Enklave des im Kalten Krieg zunehmend als feindlich wahrgenommenen Westens auszuschalten.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 9f.
Bis Ende der 1940er Jahre verringerten die Westmächte zudem ihre in Berlin vorhandene Militärmacht. Die Garnisonen waren spätestens von diesem Zeitpunkt an nicht mehr in der Lage, operativ gegen eine sowjetische Blockade vorzugehen. Es wäre also in jedem Fall eine Form von Entsatz aus den Besatzungszonen im westlichen Deutschland nötig geworden, wie er letztlich mit der Berliner Luftbrücke stattfand, wenn auch vor allem auf wirtschaftlicher und humanitärer Ebene und weniger im militärischen Sinn. Alternativ wären lediglich die Option einer Aufgabe Berlins oder eines Atomkriegs geblieben. In den folgenden Jahren kam es zu mehreren kurzfristigen Störungen des Alliierten Militärverkehrs von und nach Berlin. Zudem kündigte die sowjetische Seite 1955 an, die Abfertigung solchen Verkehrs nur noch begrenzte Zeit abzuwickeln und diese Aufgabe an die Deutsche Demokratische Republik abzugeben. Eine Kontrolle durch Deutsche wollten die Westalliierten aber nicht akzeptieren.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 11f.
Zudem hatte die Regierung Adenauer in ihren Verhandlungen mit den westlichen Alliierten über einen deutschen Verteidigungsbeitrag von Anfang an klargestellt, dass sie zu einer solchen Leistung nur unter der Voraussetzung westlicher Sicherheitsgarantien für die Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin bereit sei. Die NATO akzeptierte diese Forderung bei ihrem Gipfeltreffen in New York am 27. September 1950 und erklärte, dass sie einen Angriff auf Westdeutschland oder West-Berlin als einen Angriff auf die NATO betrachte. Damit bestand neben der Sicherheitsverpflichtung der drei westlichen Hauptsiegermächte gemäß dem Viermächte-Status eine Sicherheitsgarantie der NATO für West-Berlin.Bruno Thoss: Information, Persuasion, or Consultation. The Western Powers and NATO during the Berlin Crisis, 1958–1962
In den folgenden Jahren einigten sich weder die drei Westmächte noch die NATO insgesamt darüber, wie diese Sicherheitsgarantie umgesetzt werden könne. Die gewaltsame Durchsetzung des Zugangs nach Berlin erschien angesichts der konventionellen Kräfteverhältnisse gegenüber der Sowjetunion aussichtslos. Im Raum Berlin allein standen den 11.000 westalliierten Soldaten vier sowjetische Divisionen und eine der NVA gegenüber. Insofern barg jede Berlin-Konfrontation das Risiko, in einen nuklearen Konflikt zu eskalieren. Auf US-Seite wurde erstmals im Januar 1954 ein Dokument mit Handlungsvorschlägen für den Fall des sowjetischen Vorgehens gegen eigene Konvois aufgestellt, in der Folge aber offensichtlich nicht angewendet.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 52.
Am 27. November 1958 begann die Berlinkrise mit einem Ultimatum des sowjetischen Partei- und Regierungschefs Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, in dem er den Viermächtestatus für Berlin aufkündigte und die Entmilitarisierung West-Berlins forderte. Bereits zuvor, am 14. November, hatte er drei amerikanische Militärfahrzeuge auf dem Transitweg bei Babelsberg anhalten und zehn Stunden lang an der Weiterfahrt hindern lassen, woraufhin diese schließlich umkehrten.
Von Mitte November 1958 an versuchten die USA, vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Krise, eine koordinierte Planung für den Zugang zu Berlin mit Großbritannien und Frankreich festzulegen. Die Pläne der amerikanischen Joint Chiefs of Staff sahen dabei zunächst ein sehr robustes Vorgehen vor, bis hin zum Einsatz von Atomwaffen, um den Weg freizukämpfen. Dies wollten die europäischen Alliierten jedoch nicht mittragen, und auch in der US-Regierung gab es ablehnende Stimmen. In der Folge überarbeitete das US-Militär seine Pläne und entwickelten dabei das Instrument der probes, bewaffneter westalliierter Militärkonvois, die die Transitstrecken befuhren und die sowjetische Haltung testeten. Sie sollten später zum zentralen geplanten Instrument von Life Oak werden.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 53ff. Im Januar 1959 gab die sowjetische Führung zu erkennen, dass sie keinen allgemeinen Krieg wolle und stellte ihre Störungen ein. Damit war die Krise vorerst entschärft. Als Reaktion auf die Behinderungen beschlossen die Westalliierten den Aufbau einer Organisation, die Gegenmaßnahmen in künftigen Krisen vorbereiten und koordinieren sollte.
Im Gegensatz zum zivilen Transitverkehr zwischen BRD und West-Berlin mit seinen zahlreichen Routen standen den Westalliierten für ihren militärischen und zivilen Verkehr neben den drei Luftkorridoren lediglich die Autobahn und der Schienenweg Helmstedt-Berlin zur Verfügung. Diese stellten zudem die sichersten Kommunikationsverbindungen dar, weil jede elektronische Kommunikation mit den Berliner Stellen der Westalliierten abgehört wurde.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 33.
Aufbau der Organisation Live Oak Die diplomatischen Konsultationen zwischen den für Berlin verantwortlichen Westmächten führten Anfang 1959 zur Bildung der Tripartite Ambassadorial Group, bestehend aus den Botschaftern Frankreichs und des Vereinigten Königreichs in den Vereinigten Staaten sowie dem Unterstaatssekretär für Europäische Angelegenheiten im US-Außenministerium. Diese Gruppe wurde 1961 um den deutschen Botschafter erweitert und wurde als Washington Ambassadorial Group bezeichnet. Diese Washingtoner Gruppe trug die Gesamtverantwortung und koordinierte die Notfallplanung für Berlin. Zusätzliche Unterstützung (advice and assistance) lieferte die Bonn Group, bestehend aus dem amerikanischen, britischen und französischen Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland und seit 1961 einem Vertreter des Auswärtigen Amtes. Die Bonner Gruppe überwachte die Lage in Berlin, konnte erste Maßnahmen ergreifen und entschied in der Regel Alltagsfragen, jedoch blieb die Washingtoner Botschaftergruppe die letzte Autorität für alle Viermächte-Planungen.
Zur Steuerung der westlichen Reaktionen im Falle künftiger Berlinkrisen wurde zudem ein Vierergremium aus den drei westalliierten und dem deutschen NATO-Botschafter eingesetzt. Angesichts der militärischen Kräfteverhältnisse ging es im Wesentlichen darum, sicherzustellen, dass bei Bedarf ein Signal des starken westlichen Zusammenhalts an die Sowjetunion gesandt werden konnte. Während sich die USA und Frankreich in dieser Hinsicht einig waren, galt Großbritannien als Schwachstelle, weil dort wenig Bereitschaft bestand, für Berlin ein Risiko einzugehen. Auch der deutschen Seite traute man wenig Durchhaltevermögen zu. Die übrigen NATO-Mitglieder, die nicht dem Vierergremium angehörten, wurden nur begrenzt informiert, weil man annahm, dass sie ebenfalls die Konsequenzen aus einem militärischen Vorgehen gegenüber der Sowjetunion scheuten.
Nach einem weiteren Zwischenfall auf der Transitroute am 2. Februar 1959 befahl Lauris Norstad, der Oberkommandierende der alliierten Truppen in Europa, am 18. Februar, beim United States European Command einen geheimen, zunächst rein US-amerikanischen Stab als ausführendes Organ für das im Entstehen begriffene Botschaftergremium aufzubauen. Bis März luden die US-Streitkräfte zunächst ihre britischen und dann ihre französischen Partner zum Aufbau eines eigenen Stabes für die Berlinfrage mit dem Namen Live Oak ein. Deutsche Experten sollten bei Bedarf hinzugezogen, jedoch nicht in den Stab integriert werden.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 57. Die Entscheidung, diesen Stab aufzustellen, fiel am 4. April 1959 zwischen den drei Alliierten.NATO. Archival Description. Military Planning for Berlin Emergency (PDF; 128 kB) Diese Planung wurde zwar geheim gehalten, jedoch war beabsichtigt, dass die sowjetische Militäraufklärung und Geheimdienste vom Aufbau der Organisation Live Oak erfuhr, um die westliche Entschlossenheit zu erkennen. Bei dieser Gelegenheit verabschiedeten die drei Außenminister auch die grundlegende Arbeitsanweisung für Live Oak. Neben der Offenhaltung des Zugangs zu Westberlin war der zweite Hauptauftrag, die sowjetische Seite vom Rückzug aus den verbleibenden gemeinsamen Organen und von der Übergabe von Zuständigkeiten an deutsche Einrichtungen abzuhalten. Dabei sollten diplomatische Mittel ausdrücklich den Vorrang haben und militärische Maßnahmen nur bei Wirkungslosigkeit der Diplomatie genutzt werden.Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Band 12. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2021. S. 60.