Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e. V. (GUG) ist eine wissenschaftliche Einrichtung zur Förderung der unternehmenshistorischen Forschung mit Sitz in Frankfurt am Main. Um den wissenschaftlichen Austausch in Deutschland und weltweit zu fördern, organisiert sie unter anderem internationale Konferenzen, Vortragsveranstaltungen, Symposien und Arbeitskreise und gibt das wissenschaftliche Fachjournal Zeitschrift für Unternehmensgeschichte heraus.
Historie Anfänge und Gründung der GUG Erstmals wissenschaftliche Beschäftigung fand die Unternehmensgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts, wobei zunächst der Unternehmer, nicht das Unternehmen im Zentrum stand. Eine systematische Beschäftigung mit dem Unternehmen als Organisation erfolgte in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Im Zweiten Weltkrieg wurde wieder verstärkt der deutsche Unternehmer in den Blick genommen, methodisch fiel die deutsche Unternehmensgeschichte vor ihren Stand in der Zwischenkriegszeit zurück.
In den USA erfolgte bereits in den 1920er Jahren eine Anbindung der Unternehmensgeschichte an sogenannte Business Schools. Unternehmensgeschichte wurde hier regulärer Bestandteil der Ausbildung von Führungskräften, während die Disziplin in Deutschland auch nach 1945 zunächst kaum Wirkungsmacht besaß.
Ende der 1960er Jahre erfuhr die Disziplin der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und damit auch die der Unternehmensgeschichte einen starken Aufschwung. Der Fokus unternehmenshistorischer Forschung verschob sich weg von historiographischen Aspekten hin zu Leitfragen, die sich z. B. mit dem sozio-ökonomischen Strukturwandel auseinandersetzten. Hier wirkten dabei gerade die „Krisen ihres Gegenstandes“ als Katalysator für die unternehmenshistorische Disziplin: In den 1960er Jahren gerieten lange Zeit dominierende Industriebranchen (darunter Eisen und Stahl) in kürzester Zeit in die Krise. Im Zuge dessen entstanden eine Reihe Industriemuseen und -archive. Zudem wurde im Kontext der Studentenbewegung die Rolle von Unternehmer und Unternehmen stark kritisiert, was zusätzlichen Legitimationsdruck bedeutete.
Von Seiten der Wirtschaft wurde auf die Gründung einer Einrichtung zur Förderung der unternehmenshistorischen Forschung hingewirkt. Ab 1974 leistete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hier einen aktiven Beitrag, einige Vertreter des IW waren maßgeblich an der Entstehung der GUG beteiligt und übernahmen nach ihrer Gründung wichtige Ämter.
Am 10. Juni 1976 wurde die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e. V. im Haus der Deutschen Industrie in Köln gegründet. Von der Gründungsversammlung wurden Wilhelm Treue zum ersten Vorsitzenden des Vorstandes und Hans Pohl zum ersten Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats gewählt. Gründungsmitglieder waren die August Thyssen-Hütte AG, Christian Adalbert Kupferberg AG, Daimler-Benz AG, Deilmann AG, Deutsche Bank AG, Kamax AG, Hamburg-Mannheimer Versicherung AG, Henkel AG, Hoesch Werke AG, Karstadt AG, Klöckner-Humboldt-Deutz AG, Mannesmann AG, Robert Bosch GmbH, Siemens AG und Taylorix. Seit ihrer Gründung organisiert die GUG jährlich öffentliche Vortragsveranstaltungen sowie wissenschaftliche Symposien.
Von Beginn an verband die GUG die Interessen der Wissenschaft und der Unternehmen. Der Wissenschaft war neben der Vernetzung innerhalb der Forschungsdisziplin am Erhalt der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Tradition. Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie gelegen, der die Einstellung drohte. Die GUG übernahm die Zeitschrift, die seit 1977 unter dem Titel Zeitschrift für Unternehmensgeschichte erschien, seit 2004 einem double-blind Peer-Review-Verfahren unterliegt und heute im Verlag de Gruyter veröffentlicht wird.
Entwicklung der GUG Obgleich seit Ende der 1960er Jahre eine Vielzahl an unternehmenshistorischen Studien im deutschsprachigen Raum entstanden waren, blieb der Vorwurf der – so Werner Plumpe – „Theorielosigkeit“ der Disziplin bestehen. Dies änderte sich, als in den 1980er Jahren neben die klassischen Unternehmensgeschichten anlässlich von Jubiläen eine umfassende Beschäftigung mit der Geschichte der Unternehmen im Nationalsozialismus trat.<br /> Die erste von der GUG betreute Studie fällt ebenfalls in diesen Trend: Zwischen 1984 und 1993 startete die GUG ihr erstes Projekt im Auftrag von Daimler-Benz. Zwei Jahre lang wurde die Zeit des Unternehmens im Nationalsozialismus aufgearbeitet. Trotz ihrer Detailtiefe wurde die Studie als „apologetisch“ kritisiert, auch weil gemäß dem Auftrag das Thema Zwangsarbeit eher knapp behandelt wurde. Nach umfangreicher öffentlicher Kritik folgte ab 1986 ein weiterführendes Projekt zur Zwangsarbeit bei Daimler Benz, das auf Basis von 280 Zeitzeugen-Interviews und einer tiefen Quellenrecherche 1994 mit einer Publikation abgeschlossen wurde und von der Fachwelt positiv aufgenommen wurde.Zur Kritik an der ersten Daimler Studie siehe u.a.:
Zeitgenössische Rezensionen zur Zwangsarbeiterstudie, z.B.: Ab 1986 nahm die GUG ihre Arbeit im Rahmen des Aufbaus von Unternehmensarchiven auf. Erste Aufträge in diesem Bereich erhielt sie von der Adam Opel AG (1986–1989), der R+V Versicherung (1986–1989) und der Dr. August Oetker KG (1986–1987).
Im Juni 1997 richtete die GUG im ehemaligen I. G.-Farben-Haus in Frankfurt am Main ein öffentlichkeitswirksames Symposium zu Unternehmen im Nationalsozialismus aus. Zu diesem Zeitpunkt war das Thema in der historischen Forschung und den Unternehmen wenig beleuchtet. Gleichzeitig wuchs das öffentliche Interesse jedoch, nicht zuletzt durch die sog. Raubgold-Debatte. Der dazu veröffentlichte Tagungsband wurde als Band 1 der 1997 zum C.H. Beck-Verlag gewechselten Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte herausgegeben. In Folge des Symposiums und der gesteigerten öffentlichen Debatte, setzte auch auf Seiten deutscher Unternehmen ein Umdenken in Hinblick auf die eigene (NS-)Geschichte und deren Aufarbeitung ein.Zu methodischen Fragen siehe:
Beispiele für Breite der Forschungsansätze zur Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus sind:
oder Es ist bis in die Gegenwart ein wichtigstes Forschungsthema, das auch immer noch intensiv von den Medien begleitet wird.
Mit der Neubesetzung der Gremien der GUG und reagierend auf die Kritik des Arbeitskreises Kritische Unternehmensgeschichte (AKKU), professionalisierte sich die GUG z. B. durch die Einführung eines Peer-Review-Verfahrens in ihrer Zeitschrift und die Etablierung der von den eigenen Gremien unabhängigen Jury für den Preis für Unternehmensgeschichte. Im Zuge dieser Entwicklungen veränderten sich auch die Aufträge der Unternehmen: Eine professionelle wissenschaftliche Aufarbeitung der unternehmenseigenen Geschichte wurde bei der GUG Standard.
In den 1990er Jahren wurden Arbeitskreise zu Bankengeschichte, Verkehrsgeschichte, Medienunternehmen, Rolle der Unternehmen im Nationalsozialismus, Versicherungsgeschichte, Familienunternehmen und Marketinggeschichte sowie kleinere Workshops zu Einzelthemen etabliert. Den Aufbau von Unternehmensarchiven nahm die GUG seit den 2010er Jahren wieder verstärkt auf.
Um die wirtschaftlichen Tätigkeiten des Vereins vom gemeinnützigen Engagement zu trennen, gründete die GUG e. V. 2012 mit der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte mbH eine Tochtergesellschaft, über die die Projekte im Bereich der Auftragsforschung abgewickelt werden. Im Bereich der Auftragsforschung erarbeitete die GUG unter anderem Gesamtstudien zur Geschichte der Lufthansa, des Warenhauses Hertie, zu Birkenstock, Soennecken und Brenntag, untersuchte aber auch die Entwicklung von Unternehmen wie Sartorius, Wintershall, DEA, Südzucker, Miele und LVM in der Zeit des Nationalsozialismus.
Verein Der Verein wird durch den Vorstand, den Wissenschaftlichen Beirat und das Kuratorium gelenkt. Während der Wissenschaftliche Beirat Vertreter der wissenschaftlichen Disziplin der Unternehmensgeschichte vereint und sich das Kuratorium aus Firmenmitgliedern zusammensetzt, sind im Vorstand beide Gruppen vertreten. Seit März 2019 ist Sabine Falke-Ibach Vorstandsvorsitzende der GUG.
Zunächst hatte die GUG ihren Sitz in Köln. 1995 zog die Geschäftsstelle nach Frankfurt am Main, 1998 folgte die Sitzverlegung der GUG nach Frankfurt am Main.
Die Erledigung der laufenden Geschäfte erfolgt durch die Geschäftsstelle seit 1996 unter Leitung der Geschäftsführerin, Andrea H. Schneider-Braunberger. Sie ist auch Geschäftsführerin der 2012 gegründeten Gesellschaft für Unternehmensgeschichte mbH, die vor allem Archivprojekte und Projekte der Auftragsforschung betreut.
Der GUG e.V. finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden.
Tätigkeitsfelder Öffentliche Vortragsveranstaltung Seit ihrer Gründung organisiert die GUG einmal jährlich gemeinsam mit einem Partnerunternehmen eine öffentliche Vortragsveranstaltung mit Teilnehmern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien. Dabei werden aktuelle Themen wie Bürokratie (2026), Globalisierung (2025) oder Diversitätsmanagement in Unternehmen (2024) aufgegriffen und unter historischer Perspektive beleuchtet.
Wissenschaftliches Symposium Mit den ebenfalls jährlich stattfindenden wissenschaftlichen Symposien will die GUG Raum zur Diskussion ausgewählter wissenschaftlicher Fachthemen bieten, der historischen Forschung neue Impulse geben und mögliche Forschungslücken aufzeigen. Themen der vergangenen Jahre waren Unternehmensgeschichte im Kontext des Kolonialismus (2025), Taxmanagement (2024) und die personelle Verbindung von Unternehmen und Politik (2022). Mit dem Symposium über Selbst- und Fremdwahrnehmungen von Unternehmern seit dem 19. Jahrhundert (2023) wurde ein viel diskutiertes Forschungsthema aus der Gründungsphase der GUG wiederaufgenommen und vor dem Hintergrund der aktuellen Forschungslage betrachtet.
Arbeitskreise Um den wissenschaftlichen Diskurs zu fördern, organisiert die GUG seit den 1990er Jahren themenspezifische Arbeitskreise, beispielsweise zu den Themen Banken- und Versicherungsgeschichte, Familienunternehmen und Marketinggeschichte. Mitglieder sind Hochschulprofessoren, Nachwuchswissenschaftler, Archivare und Unternehmer.
Symposium Unternehmensgeschichte Zusammen mit dem Wittener Institut für Familienunternehmen veranstaltet die GUG das Symposium Unternehmensgeschichte.
Unternehmensgeschichten und -archive Die GUG betreut unternehmenshistorische Studien und begleitet Auftraggeber, Autoren und Herausgeber von der Konzeption bis zum druckreifen Manuskript. Darüber hinaus berät die GUG Unternehmen beim Aufbau von Unternehmensarchiven.
Zeitschrift für Unternehmensgeschichte Seit 1977 veröffentlicht die GUG die zweimal jährlich bei De Gruyter erscheinende Zeitschrift für Unternehmensgeschichte (ZUG). Das Fachjournal gilt als wichtige deutschsprachige Fachzeitschrift im Bereich der Unternehmensgeschichte. Die Beiträge durchlaufen ein anonymisiertes Gutachterverfahren und werden in Deutsch oder Englisch publiziert.
Preis für Unternehmensgeschichte Die GUG vergibt jährlich den Preis für Unternehmensgeschichte. Mit diesem Preis wird eine herausragende Monografie, Dissertation oder Habilitationsschrift zur Unternehmensgeschichte ausgezeichnet. Sie wird in der Schriftenreihe zur ZUG publiziert. Außerdem werden in der Schriftenreihe unabhängige kritische Unternehmensgeschichten, Tagungsbände, sowie Briefeditionen veröffentlicht.
Unternehmensmuseen Online Zusammen mit dem Netzwerk Unternehmensmuseen betreibt die GUG das Portal Unternehmensmuseen Online (UMO). Dabei handelt es sich um ein Online-Verzeichnis der Unternehmensmuseen im deutschsprachigen Raum. Es bietet Hinweise auf Kontaktdaten, Öffnungszeiten sowie aktuelle Ausstellungen und Events der Museen.
Unternehmensgeschichte Online (UGO)