Depressive Black Metal (kurz DBM), Suicidal Black Metal (kurz SBM) oder Depressive Suicidal Black Metal (kurz DSBM) bezeichnet ein Subgenre des Metals, das Ende der 1990er Jahre aus dem Black Metal entstanden ist. Das Genre wurde im Verlauf der 2000er Jahre aufgrund von Kontroversen um einige der Protagonisten international bekannt und berüchtigt.
Geschichte Vorläufer Als Vorläufer des Depressive Black Metal werden von Musikern und Rezensenten insbesondere die Interpreten Burzum, Manes, Strid und Bethlehem benannt.
mini|Das Album Hvis lyset tar oss von Burzum gilt als wichtiger Vorläufer des DBM Das Projekt Burzum gilt als besonderer Einfluss. Der Stil, der sich bereits auf dem selbstbetitelten Debüt „durch ein langsameres Tempo, hallendes Schreien, einfach gehaltene Schlagzeugrhythmen und ein Gitarrenspiel, das sich im Depressive Black Metal verbreiten sollte“ auszeichnete, hob sich vom Black Metal der gleichen Generation ab. In einer zeitgenössischen Anzeige wird die Schallplatte als „dunkler, depressiver Black Metal“ beworben. Wolf-Rüdiger Mühlmann nannte das dritte Burzum-Album Hvis lyset tar oss im Magazin Rock Hard einen „(unfreiwillige[n]) Vorreiter des sogenannten Suicidal Black Metal[s]“. Dem Szenejournalisten, -fotografen und -sachbuchautoren Dayal Patterson zufolge verdankt die Ein-Mann-Band Burzum „ihren geschichtsträchtigen Status […] nicht zuletzt der beispiellosen Gabe des einzigen Songwriters Varg Vikernes, Traurigkeit und Sehnsucht nach einem Ausweg zu vertonen“. Frühe Genrevertreter wie Nortt, Shining und Silencer bestätigen diese Einschätzung und nehmen direkten Bezug auf Burzum und Hvis lyset tar oss. Der Musiker Nortt spricht von einem „direkten musikalischen Grundstein“ den insbesondere Burzum für das Projekt Nortt gelegt hätten. Ebenso nennt Niklas Kvarforth Burzum einen zentralen Einfluss auf den von Shining gespielten Stil. Auch der Silencer-Gitarrist Andreas „Leere“ Casado bezeichnet Hvis lyset tar oss als wichtigen Ideengeber für sein Gitarrenspiel.
Die aus Trondheim stammenden Manes werden durch Patterson ebenfalls zu einflussreichen Vorläufern des DBM gezählt. Das erste Demoband der Gruppe Maanens Natt bezeichnete er als ein „verhalltes Etwas, [mit dem] sich das Projekt prompt vom Rest der Szene absetzte“. Das Demo sei „eine zutiefst atmosphärische Reise durch kalte Nordnächte […], auf welcher sich […] melancholische Arpeggien im gezügelten Tempo mit forsch drängenden Riffs paarten“. Hinzu komme der Einsatz eines Synthesizers und ein zwischen feierlichem Sprechen und gutturalem Keifen angelegter Gesang. Die so erzeugte Atmosphäre nahm dabei Einfluss auf unterschiedliche DBM-Vertreter. Kvarforth und Scott „Malefic“ Conner von Xasthur brachten sich zu späteren Aufnahmen als Gastsänger bei Manes ein. Insbesondere Kvarforth betont den Einfluss Manes’ auf den von Shining gespielten Stil.
Patterson benennt mit Strid eine weitere, weniger bekannte, norwegische Band als Vorläufer des DBM. Mit dem als Battle aufgenommenen Demo-Stück End of Life aus dem Jahr 1993 änderte die Gruppe ihren Stil von „rüdem Lärm“ hin zu „Düsternis mit einem Mehr aus Atmosphäre und weniger Tempo sowie qualvollen Schreien“, die sich bei Gruppen des DBM wiederfanden. Das Demo End of Life und die 1994 auf Malicious Records erschienene EP Strid boten so „methodische wie thematische Neuerungen, die im DSBM Standards setzten“. Den Einfluss durch Strid betonten insbesondere Kvarforth und Casado.
Rückwirkend wird, von Musikmagazinen wie dem Decibel, der deutschen Dark-Metal-Band Bethlehem eine wichtige Vorreiterrolle für das Genre zugesprochen. So waren nach Albert Mudrian die ersten Alben der Gruppe „ein wichtiger Katalysator für die Entwicklung des Genres als eigenständigere Variante dieser Musik, die viele der vertrauten Merkmale des Black Metals verwarf und einige neue mit auf dem Weg nahm“. Das mit Bethlehem kooperierende Label Prophecy Productions bewirbt die Gruppe als Begründer des Depressive Black Metals. Laut Patterson klang die Band bereits in ihren Anfängen „gespenstisch, gequält und tieftraurig“. Dabei pflegten Bethlehem, die sich der Bezeichnung als Black Metal von Beginn ihrer Karriere an verweigerten und den Ausdruck Dark Metal mitprägten, andere Themenschwerpunkte als die für den Black Metal üblichen Inhalte Satanismus, Hass oder Natur. Bethlehem pflegten „innere Einkehr und Selbstbetrachtung, indem sie das Menschsein anhand biografischer Arbeit zu ergründen suchten, im gleichen Maße aber auch abstrakter philosophischen oder spirituellen Fragen nachging“. An anderer Stelle fügte Patterson an, dass Bethlehem sich von anderen für den DBM einflussreichen Gruppen besonders inhaltlich abhob und dem DBM einen wesentlichen thematischen Aspekt vorgab.
Gruppen wie Shining, Silencer und Forgotten Tomb suchten den Kontakt zu Bethlehem. Sänger Andreas Classen wurde von Kvarforth als Sänger für Shinings I – Within Deep Dark Chambers eingeladen. Silencer hingegen luden über Bethlehem den Schlagzeuger Steve Wolz zu ihren Studioaufnahmen ein. So spricht auch der Silencer-Gitarrist Casado Bethlehem die bedeutsamste Vorreiterrolle hinsichtlich der Entwicklung des DBM zu. Selbst gab er an, mit Silencer lediglich Musik nach dem Vorbild von Bethlehem gespielt zu haben. So mutmaßt er, dass sich der „Suicidal Black Metal auch ohne Silencer entwickelt [hätte], eben wegen Bethlehem, aber auch Shining“.
Der Theologe Sebastian Berndt stellt das Genre hinzukommend in die Tradition der frühen Mayhem, deren Sänger Per Yngve „Dead“ Ohlin „durch blutige Selbstverletzungen auf der Bühne“ auffiel. Der als „depressiv und unnahbar“ geltende Dead gestalte auf der Bühne nicht nur „regelrechte Rituale“, indem er vor Auftritten sein Bühnenoutfit vergrub und verrotten ließ, sich selbst verletzte oder Schweineköpfe in das Publikum warf, sondern prägte ebenso die Hinwendung zu Selbstverletzungen, Depression, Dunkelheit, Satanismus und Okkultismus.
Patterson sieht in Thorns einen weiteren Vorläufer des DBM. Er geht davon aus, dass der Einfluss von Thorns mit jenem von Burzum vergleichbar sei. Den frühen Veröffentlichungen von Thorns bescheinigt er einen weitreichenden Einfluss hinsichtlich der Abkehr der im Black Metal dominierenden aggressiven Atmosphäre. „[E]s klang […] unvergleichlich finster – erdrückend wie beengend – und tat sich durch subtile Introvertiertheit zwischen den stärker auf Hass ausgelegten Mayhem und Darkthrone hervor.“ Im Widerspruch zu Pattersons Einschätzung hinsichtlich des Einflusses von Thorns, bezieht sich keine der Gruppen, die das Subgenre initiierten, auf Thorns.
Kvarforth bezeichnet neben Strid, Manes, Burzum und Bethlehem die Rock-Band Kent als wichtigen Einfluss auf den eigenen Stil. Casado sieht hingegen Dead Can Dance, Kvist und Enslaved als wegbereitende Faktoren, welche die atmosphärische und spielerische Ausrichtung von Silencer beeinflusst haben. Insbesondere die leisen und atmosphärischen Töne von Dead Can Dance band er in die musikalische Ausrichtung von Silencer ein. Nortt führt neben Burzum das Dark-Ambient-Projekt Aghast und die Funeral-Doom-Band Thergothon als wichtige Einflussfaktoren an.
Etablierung als Genre Ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre traten unterschiedliche Interpreten in Erscheinung, die ihre aus dem Black Metal generierte Musik und Ideologie mit suizidalen oder depressive Texten versahen und die um die Jahrtausendwende erstmals als Subgenre des Metals wahrgenommen wurden.
Zu den ersten Gruppen, die sich vornehmlich dem suizidalen und depressiven Aspekt des Black Metals zuwandten, werden die Kanadier von Malvery und die Schweden von Silencer gerechnet. Beide Gruppen einte die präsentierte Atmosphäre sowie die auf Selbstverletzungen, Suizid und Depression ausgerichteten Texte. Musikalisch hingegen unterschieden sich beide deutlich voneinander. Während Malvery sich eher am Gitarren- und Schlagzeugspiel des Death Metals orientierten, spielten Silencer vermehrt im Black Metal unter gelegentlicher Verwendung von klaren Gitarren und Pianospuren. Auf Metalstorm wird der Gesang beider Gruppen als „einzigartig“ und „wegweisend“ herausgestellt. Während für Nattramn von Silencer das Wahnhafte seines hohen Schreiens betont wird, wird der Gesang von Amer LeChâtier von Malvery als leidend und gequält bezeichnet. LeChâtier beging 1999 Suizid. Das Debütalbum von Malvery Mortal Entrenchment in Requiem wurde posthum veröffentlicht. Nattramn begab sich, Gerüchten zufolge, nach der Veröffentlichung des Silencer-Debüt Death – Pierce Me 2001 in eine psychiatrische Klinik, floh und soll eine Amoktat begangen haben. Weitere Gerüchte um Silencer wurden durch die Gestaltung des Albums forciert. Ein Foto Nattramns zeigte ihn mit freiem Oberkörper vermeintlich blutüberströmt mit Maske und mit fleckigen Verbänden an den Händen, aus welchen Schweinefüße ragen. Aufbauend auf diesem Bild wurde angenommen, Nattramn habe „sich während der Aufnahmen selbst gefoltert und schließlich die Hände amputiert, um sie durch die Schweinefüße auszutauschen“. Patterson nennt Silencer, weitestgehend unabhängig von den Gerüchten um den Sänger, „eine der ersten ‚modernen‘ DSBM-Formationen“ und schreibt ihr eine gewichtige Rolle in der Entstehung und Gestaltung des Subgenres zu. Als besonderen Wert, der sich auf nachfolgende Gruppen auswirken sollte, benennt er den Nattramns Gesang, das gelegentlich an frühe Paradise Lost mahnende Songwriting und den „Fokus auf Schwäche anstelle von Kraftmeierei“. Das Ergebnis gilt als Neubesetzung eines musikalischen Ausdrucks von Schmerz, Depression und Wahnsinn.
mini|Kvarforth bei einem Auftritt mit Shining 2011 Als eine der populärsten Gruppen des Stils prägten die 1996 gegründeten Shining mit ihrem 2000 erschienenem Debütalbum I – Within Deep Dark Chambers die Wahrnehmung als Genre. Dabei gilt die musikalische Entwicklung von Shining als eng mit jener von Silencer verbunden. Kvarforth und Casado lernten sich über den Shining-Sänger Robert, mit welchem Casado zuvor gemeinsam musiziert hatte, kennen, woraus sich eine Freundschaft und ein reger Austausch über musikalische Ideen entwickelte. Nach Patterson half „die Bekanntschaft […] nicht nur den beiden Bands Gestalt zu verleihen, sondern auch vielen Stilelementen, die in die neue Strömung Depressive Black Metal einflossen“. So legte Casado Kvarforth unter anderem Burzum nahe.
Kvarforth, der angab, seine Hörer mit selbstzerstörerischen und suizidalen Bildern und Texten „füttern“ zu wollen,Black Metal Satanica, 2008. prägte dabei den DBM musikalisch, ästhetisch und inhaltlich, während Shining zu einem der populärsten Projekte des Stils wurde. So war Casado zufolge Kvarforth derjenige, „der mit Rasierklingen und alledem ankam“. Kvarforth inszenierte und zelebrierte Selbstverletzungen und die Konfrontation des Publikums als Bestandteil der Auftritte Shinings. Mit kontroversen Auftritten erlangte Shining Bekanntheit in der Szene und prägte das Auftreten im DBM durch Selbstverletzungen während der Konzerte. Kvarforth steht hinzukommend in der Kritik, seinem Publikum Rasierklingen auszuhändigen und es einzuladen, diese Klingen dazu zu verwenden, sich während des Live-Events selbst zu verletzen.
Als weitere Gruppe, die zur Festigung des Genres beigetragen hat, wird die NSBM-Band Abyssic Hate gerechnet. Die Musik des 2001 erschienenen Debüts Suicidal Emotions wurde als Adaption der frühen Burzum gewertet. Atmosphäre, Texte und Gestaltung hingegen deuteten auf das Thema Selbstverletzungen, Depression und Suizid hin. Ein ähnlicher Einfluss durch Burzum, in Kombination mit den Themen des DBM, wird dem amerikanischen Projekt Xasthur zugeschrieben. Das Debütalbum Nocturnal Poisoning aus dem Jahr 2002 gilt dabei als Ausdruck von Depression, Frustration und Hass sowie als eines der wesentlichen Werke des DBM.