mini|Die Lage von Ad Statuas am oberpannonischen Donaulimes
Das Kastell Ad Statuas ist ein ehemaliges römisches Kohortenkastell, dessen Besatzung einen Abschnitt des oberpannonischen Donaulimes (Limes Pannonicus) sicherte. Die Fortifikation wurde in unmittelbarer Nähe zur Donau hin errichtet. Heute befindet sich die Anlage auf der zur Stadt Ács gehörenden Gemarkung nördlich des Gehöfts Vaspuszta im Komitat Komárom-Esztergom, Nordungarn.
Lage Wie ältere unter den römischen Schichten entdeckte Funde beweisen, ist das Kastellareal bereits während der Bronzezeit besiedelt worden.Dénes Gabler in: Mitteilungen des Archäologischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. 5, 1976, S. 209. Die Fortifikation war Teil des dichtgesetzten Überwachungssystems entlang des Donaulimes und wurde direkt in die stark überschwemmungsgefährdeten Donauauen gebaut. Aufgrund des flachen Terrains konnte von hier aus die sich entlang des Ufersaums hinziehende Wachturmkette westlich und östlich des Kastells gut eingesehen werden. Noch etwas weiter westlich der Garnison gab es eine Abzweigung zur relativ nahe am Flussufer gehaltenen Limesstraße, die recht genau in südöstliche Richtung nach Tata verläuft.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 50. Dort lag in der Antike eine römische Zivilsiedlung.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 51. Erstaunlich ist die in Pannonien einzigartige Nähe zum nächstgelegenen, östlichen Kastell Ad Mures.Kastell Ad Mures bei . Während die normale Entfernung zwischen den Garnisonsstandorten rund 15 bis 18 Kilometer (12 bis 13 römische Meilen) beträgt, liegen diese beiden Fortifikationen lediglich 5,4 Kilometer auseinander.Dénes Gabler: Untersuchungen am oberpannonischen Donaulimes. In: Studien zu den Militärgrenzen Roms, II. Vorträge des 10. Internationalen Limeskongresses in der Germania Inferior. Rheinland-Verlag, Köln 1977, S. 297–312, hier: S. 298. Am gegenüberliegenden Ufer hatte der germanische Stamm der Quaden seinen Sitz, der für Rom oftmals zum gefährlichen Gegner wurde.
Forschungsgeschichte Der antike Name Ad Statuas ist erstmals durch das Itinerarium provinciarum Antonini Augusti, ein Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. überliefert. In einer der wichtigsten Quellen für den spätantiken Limes, der Notitia dignitatum aus dem 4. Jahrhundert, scheint das Lager hingegen nicht mehr auf. Die ersten Fundmeldungen aus dem Bereich des Lagerdorfes (Vicus) stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert. So berichtete 1817 der ungarische Statistiker und Geograph Elek Fényes (1807–1876), dass am Lovad-Bauernhof ein „römischer Keller“ mit intaktem Gewölbe auf Stein- und Ziegelpfeilern zu Tage kam. Möglicherweise handelte es sich hier um einen Teil der Heizanlage (Hypokaustum) des Kastellbades. Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen setzten 1948 mit einer Grabung durch den Archäologen László Barkóczi ein.Dénes Gabler: Ad Statuas castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 70–72; hier S. 70. Erst 1964 führte Barkóczi seine Studien weiter, indem er einige Suchschnitte durch den Lagerbereich zog.Dénes Gabler: Untersuchungen am oberpannonischen Donaulimes. In: Studien zu den Militärgrenzen Roms, II. Vorträge des 10. Internationalen Limeskongresses in der Germania Inferior. Rheinland-Verlag, Köln 1977, S. 297–312, hier: S. 301. Diesen nicht sehr aufschlussreichen Untersuchungen folgte zwischen dem 23. August bis zum 22. September 1966 eine Notgrabung am KastellDénes Gabler (Hrsg.): The Roman Fort at Ács-Vaspuszta (Hungary) on the Danubian limes. Teil 2. B. A. R., Oxford 1989. S. 29., der weitere Kampagnen in den Jahren 1967 sowie 1970 bis 1972 folgten, die alle unter der Leitung des Archäologen Dénes Gabler standen.
Baugeschichte Erstes Holz-Erde-Lager Den Standort des frühesten Holz-Erde-Lagers mutmaßte Gabler ein paar hundert Meter weiter östlich des späteren Steinkastells. Der Archäologe nahm an, dass die Gründung dieser spekulativen Anlage in der frühen Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) liegen könnte.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 25; Dénes Gabler: Ad Statuas castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 70–72; hier S. 72.
Lager I Das erste archäologisch gesicherte Holz-Erde-Lager entstand am selben Standort wie die späteren Fortifikationen. Seine Errichtung ordnete Gabler der zweiten Hälfte der trajanischen Herrschaft zu. Archäologisch fassbar blieb von dieser Bauphase unter anderem ein Rest des südlichen Umfassungsgrabens, unmittelbar im rückwärtigen Bereich des später errichteten steinernen Stabsgebäudes (Principia)Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. István Király Múzeum, Székesfehérvár 1976. S. 27. sowie ein Stück des dahinterliegenden, 2,10 bis 2,40 Meter starken Erdwalls. Gabler stellte zudem fest, dass sich an der Innenseite des nordöstlich orientierten Grabenstücks – also an dessen nördlichem Saum – Pfostengruben abzeichneten, die zu diesem ältesten Lager gehört haben müssen. Der Grundriss und damit die Größe ließen sich jedoch nicht mehr erschließen.Dénes Gabler: Untersuchungen am oberpannonischen Donaulimes. In: Studien zu den Militärgrenzen Roms, II. Vorträge des 10. Internationalen Limeskongresses in der Germania Inferior. Rheinland-Verlag, Köln 1977, S. 297–312, hier S. 307. Mit der Erkenntnis, in diesem Grabenstück einen Rest der Dekumanfront vor sich zu haben, konnte bestimmt werden, dass die Prätorialfront, die dem Barbaricum zugewandte Schmalseite des Kastells, wie bei den beiden Nachfolgekastellen nach Norden ausgerichtet war. Auch die topographische Gesamtorientierung des Kastells blieb während der kommenden Jahrhunderte unverändert.
Lager II Aufgrund von Überschwemmungsgefahren wurde bereits kurz nach 117 n. Chr., während der frühen Regierungsjahre des Kaisers Hadrian (117–138), die Anlage eines neuen, zweiten Holz-Erde-Lagers notwendig. Es entstand am selben Platz, jedoch rund 40 Meter nach Süden verschoben. Wie die Ausgrabungsbefunde zeigten, war dieses neue, von der Cohors I Thracum equitata (Erste teilberittene Kohorte der Thraker) errichtete Kastell, nur geringfügig kleiner als der spätere Steinbau. Der Erdwall dieser von einem Pfosten- und Balkensystem gestützten rechteckigen Anlage war 3,60 bis 3,80 Meter breit. Er wurde an den beiden Längs- und Schmalseiten von insgesamt vier Toren durchbrochen und besaß die für diese Zeit typischen abgerundeten Ecken (Spielkartenform). Als Besonderheit war der neue Wehrgraben vor der Porta decumana, dem rückwärtigen, südlichen Tor der Garnison, als Clavicula ausgeformt. Bis heute gibt es hierfür keine Parallelen am pannonischen Donaulimes. In dieser Zone konnten Gabler und seine Grabungsmannschaft auch die Reste eines Erdwalls untersuchen, der hinter der hölzernen Verteidigungsmauer aufgeschüttet worden war und den Wehrgang trug.
Zwar ließ sich der Grundriss der Principia des Holz-Erde-Kastells aufgrund von starken Störungen nicht mehr rekonstruieren, doch konnten Reste roter Freskenfragmente aus dem Bereich geborgen werden. Wie eine später abgetragene und überpflasterte nord-südlich orientierte Steinmauer andeuten könnte, besteht die Möglichkeit, dass zumindest Teile des Stabsgebäudes aus dieser Zeit auf einem Steinfundament gegründet waren.Dénes Gabler (Hrsg.): The Roman Fort at Ács-Vaspuszta (Hungary) on the Danubian limes. Teil 2. British Archaeological Reports, Oxford 1989, S. 642.
Unter der breiten Berme des späteren Steinkastells fand sich Terra Sigillata aus dem mittelgallischen Töpfer-Zentrum in Lezoux bei Clermont-Ferrand, das seine Produktion bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. aufnahm. Dieses Keramikmaterial konnte der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161) zugeordnet werden. Des Weiteren wurden Sigillaten aus der Rheinzaberner Manufaktur des Herstellers Cobnertus in den Schichten der Holz-Erde-Periode II festgestellt.Dénes Gabler, Andrea H. Vaday: Terra sigillata im Barbaricum zwischen Pannonien und Dazien. Akadémiai Kiadó, Budapest 1986, ISBN 963-05-3879-2, S. 35.
Steinkastell Prinzipatszeit Nach der Zerstörung des Holz-Erde-Kastells in den Markomannenkriegen (166–180), die sich durch eine starke Brandschicht nachweisen ließ, wurde zwischen 170 und 178 ein steinerner Neubau in Angriff genommen, der sich an dem weitgehend genormten Kastelltypus der Prinzipatszeit orientierte. Seine Ausmaße ließen sich bei der Grabung noch recht gut bestimmen, obwohl die gesamte Prätorialfront und ein Teil der vorderen Praetentura (Vorderlager) bereits von der Donau überspült wurden und dadurch schwer beschädigt waren. Insgesamt war das Steinkastell im Vergleich zu ähnlichen Garnisonen mit 1,2 Hektar jedoch relativ klein bemessen. Die an der Dekumanseite noch vollständige Rückfront des Lagers war 106 Meter breit, ein im Donaubett noch sichtbarer Steinblock aus dem Mauerwerk der einstigen Porta praetoria, dem Haupttor der Fortifikation, zeigte die einstige Längsausdehnung von rund 112 Metern noch recht deutlich an.
mini|Ein Rekonstruktionsversuch der Porta decumana des Kastell Mautern/Donau zeigt, wie auch das rückwärtige Tor in Ács-Vaspuszta ausgesehen haben könnte. Die steinerne, 1,10 Meter breite Wehrmauer wurde unmittelbar vor dem einplanierten Graben des Holz-Erde-Kastells errichtet. Genau über dem alten Graben erhob sich ein, zur Abstützung hinter der Steinmauer aufgeschütteter, rund fünf Meter breite Erddamm, der den Wehrgang trug. Hinter den abgerundeten Ecken stand je ein an die Wehrmauer angelehnter rechteckiger Wachturm. Der 1967 erforschte südöstliche Eckturm umfasste eine Fläche von 5,25 × 5,40 Metern, seine Innenmaße betrugen 3 × 2,82 Meter.Dénes Gabler (Hrsg.): The Roman Fort at Ács-Vaspuszta (Hungary) on the Danubian limes. Teil 2. British Archaeological Reports, Oxford 1989, S. 71
Von den vier Toren des Kastells konnten speziell die beiden an den Flanken positionierten Tore, die Porta principalis sinistra (Südwesttor), die gegenüberliegende Porta principalis dextra (Nordosttor) und die rückwärtige Porta decumana (Südosttor) untersucht werden. Je ein Tor durchbrach an allen vier Seiten des Kastells die Umfassungsmauer. Die Tortürme bildeten dabei baulich mit dem Verbund der Wehrmauer eine Einheit. Der Baukörper der schon erwähnten Porta praetoria war durch Flussschäden bereits stark beschädigt. Die Tore besaßen mit Ausnahme der Porta decumana eine einspurige, etwa vier Meter breite DurchfahrtDénes Gabler: Ad Statuas, Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation, Budapest 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 71. und wurden von je zwei 6 × 4,70 Meter großen rechteckigen Türmen flankiert. Sie sprangen leicht aus der Flucht der Wehrmauer hervor – ein wichtiges Detail für die bauchronologische Zuordnung. Wie für die Erbauungszeit üblich, war der Durchgang der Porta decumana enger gestaltet und wich – im Vergleich mit den anderen Torbauten – in seiner Bauausführung ein wenig von den anderen ab. Vor der Lagerumwehrung war ein neuer, relativ schmaler Spitzgraben mit 4 bis 4,10 Metern Breite ausgehoben worden, dessen Berme hingegen mit 3,8 Metern auffallend großzügig angelegt war. Zumindest vor der Porta decumana ließ sich feststellen, dass es dort eine Holzbrücke gegeben haben muss, die diesen Graben überwand.
Die Bebauung im Kastellinneren weicht zumeist sehr untypisch von den Hauptvermessungsachsen des Lagers ab, was Gabler als Indiz dafür nahm, dass diese Gebäude teilweise nicht zeitgleich mit der Umfassungsmauer entstanden sein können.