Eine Schachvariante ist jedes Spiel, das von Schach abgeleitet ist. Eine Schachvariante kann ähnlich wie Schach sein oder völlig davon abweichen. Grundsätzlich gilt, dass eine Schachvariante ein neues Spiel mit anderen Spielregeln als Schach definiert, auf das die bewährten Schachstrategien nicht ohne Änderungen übertragen werden können.

Abweichende Formen des Schachspiels, bei denen die grundlegenden Regeln des Spiels beibehalten werden (z. B. Simultanschach oder Fernschach) bezeichnet man dagegen als Schachform.

Neben den aus dem modernen europäischen Schachspiel abgeleiteten Varianten gibt es auch noch solche, die sich in Asien in einer eigenständigen Entwicklungslinie aus dem indischen „Ur-Schach“ Chaturanga entwickelt haben – die bekanntesten noch heute gepflegten sind das chinesische Xiangqi, das koreanische Janggi, das japanische Shōgi und das thailändische Makruk.

Klassische Varianten Folgende Schachvarianten sind international bekannt. Sie ändern die allgemeinen Schachregeln nur minimal. In erster Linie wird die Brettgröße und die Grundstellung verändert, wobei auch neue Figuren eingefügt werden, die sich aber aus bekannten Bewegungsschemata ergeben.

Schach960

Gemäß einer Idee des ehemaligen Schachweltmeisters Fischer wird eine von 960 möglichen Ausgangsstellungen ausgelost. Damit möchte man vermeiden, dass auswendig gelernte Eröffnungszüge zum Vorteil führen. Diese Variante des Schachs wird Schach960 (ursprünglich „Fischer-Random-Chess“) genannt. Ein denkbarer Nachteil dieser Variante, dass möglicherweise eine Seite einen signifikanten Vorteil erhielte, wird dadurch kompensiert, dass Startstellungen erst unmittelbar vor einer Partie ausgelost werden. Das klassische Schach ist hier in einer der 960 möglichen Ausgangsstellungen enthalten.

Mit den FIDE-Regeln von 2009 erhielt Schach960 einen eigenen Abschnitt in den offiziellen Schachregeln.

Vorgabespiel Bis zum 19. Jahrhundert war das Spiel mit Vorgabe populär, das dazu diente, eine unterschiedliche Spielstärke der Kontrahenten auszugleichen. Es war ein Stufensystem vorhanden (Turmvorgabe, Springervorgabe, Bauer und Zug), das eine Einteilung der Schachspieler in Kategorien ermöglichte. Die unterschiedlichen Materialvorgaben entsprechen jeweils einer Schachvariante. In den Lehrbüchern wurde das Vorgabespiel seinerzeit in besonderen Abschnitten behandelt, die Ansätze zu einer speziellen Eröffnungstheorie umfassten.

Märchenschach Mit dem Begriff Märchen- oder Feenschach bezeichnet man heute eine große Menge an Schachvarianten, bei denen neu entwickelte Figuren zum Einsatz kommen, deren Zugmöglichkeiten meistens Kombinationen der normalen Zugarten sind. Märchenschach führt in der Praxis trotz oft größerer „Spielfelder“ und mehr Figuren häufig zu kürzeren und besonders taktisch anspruchsvollen Partien. Hierbei haben sich schon sehr früh einige wichtige Varianten etabliert.

Janusschach Janusschach wird auf einem 10×8-Brett gespielt. Neben zwei zusätzlichen Bauern erhält jeder Spieler zwei Janus oder auch Kardinal genannte Figuren, die sowohl wie ein Läufer als auch wie ein Springer ziehen können. Der Janus wird in der Grundstellung zwischen Turm und Springer aufgestellt. Da er als einzige Figur auf dem Brett ohne Hilfe einer anderen mattsetzen kann, stellt er, insbesondere bei Mattangriffen, eine interessante Bereicherung des Spiels dar.

Capablanca- und Carrera-Schach mini|Spielfiguren für Capablanca Chess Capablanca-Schach wurde 1940 von Exweltmeister José Raúl Capablanca erfunden. Zu den normalen Schachfiguren kommen ein Janus (Kombination aus Läufer und Springer) und ein Kanzler (Kombination aus Turm und Springer) hinzu. Es wurde ursprünglich auf einem 10×10-Brett gespielt, später hat sich das 10×8-Brett durchgesetzt. Die Startaufstellung ist Turm–Springer–Janus–Läufer–Dame–König–Läufer–Kanzler–Springer–Turm.

Viele andere Aufstellungen der gleichen zehn Figuren wurden im Lauf der Geschichte vorgeschlagen, beginnend mit Pietro Carrera im Jahr 1617. Beim Carrera-Schach steht der Kanzler zwischen Turm und Springer in der b-Linie und der Janus zwischen Springer und Turm in der i-Linie.http://www.chessvariants.org/historic.dir/carrera.html Carrera’s Chess auf Chessvariants.org (englisch)

Sam Trenholme hat 2009 unterschiedliche Aufstellungen mit dem Computer daraufhin getestet, welche Aufstellung am fairsten ist, d. h. wo der Vorteil von Weiß am kleinsten ist. Hierbei liegt Abergs Variante (Turm, Janus, Springer, Läufer, Dame, König, Läufer, Springer, Kanzler, Turm) vor Carrera-Schach und vier weiteren getesteten Aufstellungsvarianten.

Die Benennung der Kombinationsfiguren ist uneinheitlich. Der Kanzler heißt oft auch Marschall, der Janus wird unter anderem Erzbischof, Kardinal, Paladin, Pegasus und Zentaur genannt.

Capablanca-Random-Chess Diese Variante verbindet diverse Elemente auf dem 10×8-Brett. Zu Capablancas erweiterten Figurensatz mit Kanzler und Erzbischof (auch Janus) wird eine Startstellung aus 48.000 Möglichkeiten ausgelost, solche mit ungedeckten Bauern werden verworfen. Rochaden bleiben wie beim Chess960 unverändert Elemente des Spiels. So verhält sich Capablanca-Random-Chess zum Capablanca-Chess wie Schach960 zum klassischen Schach.

Eine dieser Startpositionen war in den USA patentiert und wird dort unter dem Namen Gothic Chess kommerziell vertrieben. Aus diesem Grunde werden einige Startaufstellungen im Capablanca-Random-Chess verworfen und neu ausgelost.

Seirawan-Schach Auch in dieser 2007 von Yasser Seirawan und Bruce Harper herausgebrachten Variante kommen der Janus und der Kanzler aufs Brett. Seirawan-Schach wird auf einem 8×8-Brett gespielt, und die Ausgangsstellung ist die gleiche wie beim herkömmlichen Schach. Der Janus (von Seirawan Falke genannt) und der Kanzler (von Seirawan Elefant genannt) sind in Reserve und dürfen bei der erstmaligen Räumung eines Feldes in der Grundreihe dort eingesetzt werden.http://www.seirawanchess.com/ Seirawan Chess

Los-Alamos-Schach

Los Alamos Schach wird auf einem 6×6-Brett und ohne Läufer gespielt. Die Bauern dürfen keinen Doppelschritt ausführen und werden nur in Dame, Springer oder Turm umgewandelt. Rochade und en-passant-Schlag gibt es nicht. Der Name nimmt Bezug auf das Los Alamos National Laboratory, wo 1956 Paul Stein und Mark Wells ein Schachprogramm entwickelten. Da Rechenzeit für den Rechner MANIAC I knapp war, wurde für Testpartien diese vereinfachte Schachvariante verwendet. Sie ist die erste Schachvariante (normales Schach eingeschlossen), in der ein Computer eine ganze Partie gespielt hat.

Reform-Schach László Polgár hat zu Übungszwecken einige Schachvarianten entwickelt. Er führte keine weiteren Figuren ein, sondern reduzierte die Brettgröße auf 8×6, 5×8, 9×6 (mit zwei Damen) oder 6×9. Die Aufstellung der Figuren ist beliebig. Es haben sich aber einige günstige Startstellungen herauskristallisiert.

Sonstige Varianten auf einem 8×8-Schachbrett

Andernach-Schach Die schlagende Figur wechselt die Farbe (der König ausgenommen). Diese Variante ähnelt ein wenig dem japanischen Shogi. Sie hat ihren Namen vom jährlichen Treffen von Schachfreunden in Andernach, wo sie 1993 eingeführt wurde.

Arimaa Arimaa ist ein strategisches Brettspiel für zwei Spieler, erfunden 2002 vom indisch-amerikanischen Informatiker Omar Syed. Es ist mit einem normalen Schachset spielbar, die Regeln unterscheiden sich jedoch stark. Ein Entwicklungsziel war, dass es sehr schwer sein sollte, ein starkes Arimaa spielendes Computerprogramm zu entwickeln. Dies sollte insbesondere dadurch erreicht werden, dass jeder Spielzug aus bis zu vier Bewegungsschritten besteht, so dass es viele Möglichkeiten gibt, einen einzelnen Zug auszuführen. Der Spielbaum verzweigt sich dadurch viel stärker als beim Schach.

Atomschach Beim Atomschach (manchmal auch Phantomschach genannt) werden, wenn ein Stein geschlagen wird, gleichzeitig alle Steine auf unmittelbar benachbarten Feldern vom Brett genommen, wie nach der Detonation einer Atombombe. Beim Atomschach kommt es oft zu sehr kurzen Partien, der Anzugsvorteil von Weiß ist beträchtlich. Nach dem Eröffnungszug 1. Sg1–f3 ist f7–f6 bereits der einzige Zug, um einen zum Gewinn führenden Einschlag auf f7 im dritten Zug zu verhindern. Häufig ist die Regelvariante, bei der nur Offiziere, nicht aber Bauern durch die Explosion vernichtet werden. In anderen Varianten wird das Schachgebot und Schachmatt ignoriert, oder die Schlagzüge von Bauern verursachen keine Explosionen. In einer weiteren Variante mit erheblich kleinerem Anzugsvorteil werden zwar die Bauern, aber nicht die Könige von den Explosionen auf benachbarten Feldern vernichtet. Der König wird nur durch direkte Angriffe bedroht. Hier darf der König auch selbst schlagen, aber keine gedeckte Figur, auch wenn die deckende Figur durch die Explosion vernichtet werden würde.

Auslöschungsschach (extinction chess) Der König hat hier keine Sonderstellung. Man gewinnt, wenn der Gegner nicht mehr alle sechs Figurenarten hat, also entweder keinen König oder keine Dame oder keinen Läufer mehr etc. Bauern dürfen auch in Könige umgewandelt werden. Ein umgewandelter Bauer zählt als die Figur, in die er umgewandelt ist. Man verliert also, wenn man seinen letzten Bauern umwandelt, da man keinen Bauern mehr hat. Es gewinnt allerdings, wer gleichzeitig seinen letzten Bauern umwandelt und dem Gegner die letzte Figur einer Art schlägt. Hat man einen Bauern z. B. in eine Dame umgewandelt, kann man die originale Dame verlieren, ohne das Spiel zu verlieren. Rochieren darf man auch aus dem Schach oder über ein bedrohtes Feld. Auslöschungsschach wurde 1985 von dem amerikanischen Spieleautor R. Wayne Schmittberger publiziert.

Bauernschach Beim Bauernschach wird nur mit Bauern oder unter Hinzufügung weniger weiterer Figuren (z. B. der beiden Könige (Endspieltraining!)) gespielt. Man gewinnt, indem man mit einem Bauern die gegnerische Grundreihe erreicht. Bauernschach eignet sich schon für Kinder ab etwa 4 Jahren zur Erlernung elementarer Schachregeln.

Beirut-Schach Diese Variante beinhaltet die Möglichkeit eines Selbstmordattentats. Vor dem Spiel markieren die Spieler eine ihrer Figuren (aber nicht den König) auf der Unterseite mit einem roten Punkt, welcher die Bombe darstellt. Anstelle einen Zug zu spielen kann ein Spieler „Boom!“ rufen, und die markierte Figur sprengt sich selbst und die Figuren auf den benachbarten Feldern in die Luft. Das Spiel ist zu Ende, wenn der gegnerische König bei einem Anschlag stirbt, oder wenn er matt gesetzt wird. Während des Spieles dürfen die Figuren nicht inspiziert werden.

Berolinaschach Statt mit normalen Bauern wird mit Berolina-Bauern gespielt, deren Zug- und Schlagweise vertauscht sind: Sie können diagonal vorwärts auf ein leeres Feld oder orthogonal vorwärts auf ein vom Gegner besetztes Feld ziehen. Ein Doppelschritt diagonal vorwärts aus der Ausgangsstellung ist möglich, und auch der En-passant-Schlag nach einem Doppelschritt. Zum Beispiel kann Weiß einen Bauern von b2 nach d4 ziehen, und wenn Schwarz einen Bauern auf c4 hat, kann dieser anschließend nach c3 en-passant schlagen.

Beuteschach Eine schlagende Figur kann optional die Zugfähigkeit der Geschlagenen erbeuten und in einem späteren Zug nutzen. Diese Beute kann aber nur einmal genutzt werden. Eine Figur kann zu jeder Zeit nur eine Beute besitzen; ggfs. muss der Ziehende entscheiden, ob eine vorher erbeutete Zugfähigkeit durch die der geschlagenen Figur ersetzt wird. Wenn eine Figur geschlagen wird, die eine Beute besitzt, kann der Ziehende wahlweise deren Beute oder deren normale Zugfähigkeit erbeuten.

Crazyhouse oder Einsetzschach