Anne Tismer (* 9. August 1963 in Versailles) ist eine deutsche Performancekünstlerin und Schauspielerin. Tismer ist Mitbegründerin des Kunst- und Theaterhauses Ballhaus Ost.Dirk Pilz: Der unwiderstehliche Charme des Aufbruchs. In: „NZZ Online“ vom 24. Februar 2006

Leben und Werk Kindheit und Ausbildung miniatur|Mit Nina Petri bereitete sich Tismer für die Aufnahmeprüfung am Max Reinhardt Seminar vor Anne Tismer wurde 1963 in Versailles geboren. Familie Tismer zog aus beruflichen Gründen häufiger um. So verbrachte Anne Tismer die ersten Jahre ihrer Kindheit in Frankreich, Holland, Spanien und den USA. Als junges Mädchen kam sie mit ihren fünf Geschwistern nach Hamburg, wo sie das Gymnasium besuchte.Anne Tismer im Beim Schülertheater im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe entdeckte sie für sich die Schauspielerei. „Das ist die Welt, in der ich sein wollte“, sagte sie. Nach dem Abitur 1982 begann Tismer jedoch an der Hamburger Universität Jura und Sinologie zu studieren, um vielleicht Diplomatin zu werden und um damit den Erwartungen der Familie zu entsprechen. Doch die Zweifel, ob das der richtige Beruf wäre, wurden stärker. Heimlich reiste sie mit ihrer Freundin Nina Petri, die sie vom Schülertheater kannte, auf Vorsprechtour zu diversen Schauspielschulen. Bei ihrem ersten Versuch am Wiener Max-Reinhardt-Seminar wurde sie aufgenommen und begann dort ihre Schauspielausbildung im Jahre 1983; das Studium in Hamburg brach sie nach zwei Semestern ab. Ein Jahr vor dem Ende der vierjährigen Ausbildung verließ Tismer im Jahre 1986 die Schauspielschule ohne Abschluss.

Erste Bühnenerfahrungen In der Spielzeit 1986/87 begann Tismer mit dem Stück Kindsmord von Peter Turrini in dem Theater Drachengasse in Wien unter der Regie von Erni Mangold ihre Bühnenlaufbahn.Spielpläne des Theaters Drachengasse

Tismers erstes Engagement im Jahre 1987, am Theater Bonn unter Peter Eschberg, verlief anders, als von ihr erwartet: „Da bin ich Amok gelaufen, nichts war so, wie ich es mir vorher gedacht hatte“, sagte sie. Wegen „Arbeitsverweigerung“ (Tismer soll beharrlich einen Nacktauftritt abgelehnt haben) und möglicherweise „unflätigen Benehmens“ wurde ihr fristlos gekündigt. Tismer beschreibt es im Rückblick so: „Wenn das jetzt mein Leben sein soll, mit Peter Eschberg zu arbeiten, dann will ich lieber gar nicht ans Theater.“ Nach der Enttäuschung in Bonn gab es für sie aber auch das Stück Ribble Bubble Pimlico von Kurt Schwitters, bei der ein damals noch unbekannter Bühnenmusiker, Christoph Marthaler, die Regie übernahm, weil der vorgesehene Regisseur erkrankte. Die beiden harmonierten; die gemeinsame Arbeit an der Rolle konnte abends in einer Kneipe in entspannter Atmosphäre beginnen und sich am nächsten Tag bei der Probe im Theater fortsetzen.Ulrike Kahle: Königin vom anderen Stern. In: Theater 2003, Jahrbuch der Zeitschrift «Theaterheute», Seite 81 und 82

1988 spielte Tismer zusammen mit Sophie Rois, die am Max-Reinhardt-Seminar im Jahrgang über ihr gewesen war, und Studenten des Mozarteums in der Kunstaktion Gegenwart der Erinnerung nach dem Roman von Gert Jonke unter der Regie Robert Hunger-Bühlers an verschiedenen Stätten im Rheinland.Kunstmarkt.com zu Jo Schultheis Tismer und Hunger-Bühler heirateten und bekamen 1988 die Tochter Okka Hungerbühler, (deren Namen sich ohne Bindestrich schreibt); sie trennten sich bereits 1993, ohne sich jedoch scheiden zu lassen. Ein Jahrzehnt später beschrieb Hunger-Bühler ihre Beziehung mit den Worten, „wie zwei brennende Büsche“ seien Tismer und er gewesen, als sie noch zusammen waren. „Es soll Schauspieler geben, die nach der Arbeit einfach abschalten können. Wir konnten es nicht.“ Tismer sagte über Hunger-Bühler – ebenfalls ein Jahrzehnt nach der Trennung: „Immer noch für mich der Einzige, überall, in allen Stücken, die ich sehe, da können die Anderen spielen, was sie wollen. Ich schau, ich werde wach und bin sinnlich berührt durch ihn. Das ist ihm geschenkt worden, das ist er einfach.“

Zeit mit Jürgen Kruse mini|Am Stadttheater Freiburg setzte Regisseur Jürgen Kruse Tismer auch als Sängerin einer Country-Rockband ein Nach dem Ausstieg beim Bonner Theater musste Tismer nicht lange auf ihre nächste Chance warten. Der neue Intendant vom Stadttheater Freiburg, Friedrich Schirmer, hatte den „Jungen Wilden“ Jürgen Kruse als Oberspielleiter verpflichtet. Und Kruse vertraute in seiner Eröffnungsinszenierung der unbekannten Schauspielerin Tismer die Hauptrolle an. Tismer sagte zu Kruses Theater: „Das Intensive war so anziehend. Man möchte dabei sein, wenn jemand etwas wirklich will.“ Bereits diese erste gemeinsame Zusammenarbeit 1989 in Freiburg sorgte für Aufsehen.

Kruse kommentierte den Erfolg in der ihm eigenen Diktion: „Die Judith war ein Brecher, das Ding.“ Der Theaterkritiker Gerhard Jörder beschrieb Tismers Spiel in Friedrich Hebbels Judith so: „Mit vielen unterschiedlichen, nur aufs erste befremdlich anmutenden Stilmitteln setzt die junge Darstellerin die schwierige Rolle der vergewaltigten Verführerin zusammen: ein stets ins Künstliche gewendetes, hochartikuliertes Sprechen bis hin zu mechanisch ruckartiger, ja abgehackter Rede, ein hysterisch-schrilles, klirrendes Wispern beim Zwiegespräch mit Gott, dann große, ausfahrende Racheengel-Posen; schließlich, nach dem Mord, ein Zustand von leiser, fast manierierter Trance – eine Schlafwandlerin, die den abgehauenen Kopf des Geliebten wie ein Spielzeug mit sich herumträgt.“Ulrike Kahle: Königin vom anderen Stern. In: Theater 2003, Jahrbuch der Zeitschrift «Theaterheute», S. 76, 78.

Für Jürgen Kruse, der immer recht laut Rolling Stones hörte musste, um überhaupt arbeiten zu können, gehörte zu dieser Zusammenarbeit, dass seine Schauspielerin auch als Sängerin ausdauernd auf der Bühne stehen konnte. Neben zahlreichen normalen Konzerten setzte Kruse die Country-Rockband „The Raiders of the Rainbows feat. Anne Tismer“ auch häufig bei seinen Inszenierungen ein. Seine Proben dauerten von 16 Uhr bis Mitternacht, und die Zeit danach konnte mit zur Arbeitszeit gehören. „Das war sehr schwierig mit den Probenzeiten“, sagte Tismer, „man musste auch vor den Proben für den Jürgen da sein, für Gespräche, und auch nach den Proben gab es längere Gespräche.“ Der weitere Erfolg blieb aber nicht aus. Die wundersame Schustersfrau von Lorca in der Inszenierung von Kruse mit Tismer in der Titelrolle bekam 1992 den Preis der Heinrich Enrique Beck-Stiftung. In diesem Stück stand sie wie 1990 im Prinzen von Homburg zusammen mit ihrem Mann Robert Hunger-Bühler auf der Bühne.Mephisto: Ohne Licht, ohne Lärm, Henschel Verlag 2001, S. 18 und 140. Für die Titelrolle in Richard II. von Shakespeare in der Inszenierung von Kruse wurde Tismer dann selbst 1994 von der Zeitschrift Prinz ausgezeichnet. Sie bezeichnete diese Rolle am Staatstheater Stuttgart einmal als ihre aussagekräftigste. Die Kritikerin Ulrike Kahle schrieb zu dieser Rolle: „Sie war Richard. Saß auf ihrem Thron, bastelte Kronen. Hineingeworfen in die Königsexistenz. Ein überfordertes Kind, das König spielen muss. Einsam, gefangen, ausgesetzt. Verließ nie diesen Thron vorn an der Rampe, kein Leben neben Amt, Sitz, Bürde. Anne Tismer spielte den kindlichen König in unaufhörlich wechselnden Stimm- und Sprechhaltungen. Sprechen wie etwas Fremdes, Aufgezwungenes: schrill, verschreckt, nölig, zart, burschikos, auftrumpfend. Kind-Mann-Megäre, virtuos, wahr, vielstimmig.“

Aus der jungen, unbekannten Schauspielerin war die Muse eines Regisseurs geworden, die ihm überallhin folgte. Von 1989 bis 1994 arbeitete sie fast ausschließlich mit Kruse am Stadttheater Freiburg, am Schauspiel Frankfurt und am Staatstheater Stuttgart zusammen. 1995 berief Leander Haußmann Kruse in das Leitungsteam des Schauspielhauses Bochum. Für die allein erziehende Mutter Tismer gab es einen Einschnitt mit dem Wechsel nach Bochum. Sie sagte: „Auf der einen Seite ist das sehr intensiv mit dem Jürgen, auf der anderen Seite auch sehr krank. Eigentlich kann man kein Kind erziehen, wenn man sein Leben nicht ein bisschen auf das Kind abstimmt. Als sie in die Schule kam, musste ich das einschränken.“ Zudem begann Tismer in Bochum die Spielfreude in einem Regiekonzept zu verlieren, bei dem auf der Probenbühne ein Stück, an dem ein Autor Jahre gearbeitet hatte, binnen weniger Minuten umgemodelt wurde. Ungeachtet davon blieb ihr der Erfolg treu. Für die Titelrolle in der Medea von Euripides in der Inszenierung von Kruse erhielt sie 1996 den Darstellerpreis der NRW-Theatertage.Handbuch der Kulturpreise, 4, S. 465. Nach sieben Jahren trennten sich die Wege von Tismer und Kruse.

Aufstieg zum Theaterstar Tismer wurde freiberufliche Schauspielerin. Sie konzentrierte sich auf die Zusammenarbeit mit Regisseuren, „die sie sucht, weil sie sie suchen für eine ganz bestimmte Produktion“, und die die Texte und das Material nicht „zerrupften“, sondern sorgfältig erarbeiteten. Sie fand Peter Stein, Dieter Giesing und Luc Bondy. Dieter Giesings Inszenierung von Die Schwärmer von Robert Musil mit Anne Tismer als Regine im Jahr 1997 wurde mit dem Bayerischen Theaterpreis ausgezeichnet. Die Kritikerin Christine Richard schrieb zu Tismers Spiel in diesem Stück: „Bei dem Regisseur Jürgen Kruse, diesem Exorzisten, der dem Theater seinen Naturalismus austreibt, bekam Tismer oft etwas Hochkünstliches, mißriet Affekt zur Affektiertheit, zur schrillen Nummer. Wer sie jedoch als Regisseur sanft anfaßt, kann Theaterwandlungswunder bewirken. Dann hat Anne Tismer eine vollkommene Bühnenpräsenz mitten aus dem Text heraus und steht zugleich wie neben sich selbst, wirkt traumverloren, somnambul – wie in Giesings Zürcher Inszenierung von Musils ‘Schwärmern’.“ Während der Wiener Festwochen 1998 spielte Tismer die Susanne in Figaro läßt sich scheiden von Ödön von Horváth in der Regie von Luc Bondy. Bei der Abstimmung zur Schauspielerin des Jahres konnte sie mit diesen beiden Rollen von 42 Kritikerstimmen 4 auf sich vereinigen, was ihr zusammen mit Caroline Ebner (ebenfalls vier Stimmen für zwei Rollen) den zweiten Platz einbrachte; es gewann Natali Seelig mit sechs Stimmen für zwei Rollen.Theater 1998, Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute, S. 140.

Im Mai 1999 wurde Tismer gleich mit zwei Stücken zum ersten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Neben Figaro läßt sich scheiden schaffte es auch Der Kuß des Vergessens von Botho Strauß in der Regie von Matthias Hartmann in die Auswahl der zehn besten Inszenierungen des Jahres. Bei der Wahl zur Schauspielerin des Jahres 1999 erhielt Tismer 7 Stimmen von 39 Kritikern für ihre Rolle der Ricarda in Der Kuß des Vergessens, womit sie hinter Angela Winkler, die 8 Stimmen erhielt, Zweite wurde.Theater 1999, Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute, Seite 147 Benjamin Henrichs schrieb über ihre Ricarda: „Auch wer schon lange ins Theater geht, muß hinterher sagen: Einen solchen Auftritt, eine solche Schauspielerin hat er noch nicht gesehen! (…) Nun weiß jeder Mensch, daß jeder Mensch aus vielen verschiedenen Menschen besteht. Anne Tismers Ricarda verbindet und vermischt diese verschiedenen Menschenwesen nicht zu einem einzigen, kunstvoll-komplizierten Geschöpf. Sie zerbricht die Figur (noch radikaler als der Autor Strauß) in ihre Einzelteile. Das ist ein Schauspieler-Kunststück und ein Gewaltakt, ist aber auch Realismus.“Benjamin Henrichs in der Süddeutschen Zeitung vom 27. Februar 1999 (zitiert nach dem Lexikon Theater)

mini|Schaubühne am Lehniner Platz