miniatur|hochkant|Umschlag der amerikanischen Erstausgabe von 1969 bei Random House Portnoys Beschwerden, englischer Originaltitel Portnoy’s Complaint, ist ein 1969 veröffentlichter Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth. Die erste deutsche Übertragung von Kai Molvig erschien 1970 im Rowohlt Verlag. Im Jahr 2006 ließ der Carl Hanser Verlag den Roman von Werner Schmitz neu übersetzen.
In Form eines an seinen Psychiater Dr. Spielvogel gerichteten Monologs schildert Alexander Portnoy, der Titelheld des Romans, seine Jugend in einer jüdisch-amerikanischen Familie, seine Behauptungsversuche gegen die überbehütende Mutter und die erwachende Sexualität, die bald zu seiner bestimmenden Obsession wird.
Portnoy’s Complaint wurde zum Bestseller, der seinen Autor weithin öffentlich bekannt machte. Die unverblümte, oft mit Vulgärausdrücken gewürzte Schilderung aberwitziger sexueller Eskapaden und die vermeintlich klischeehafte Darstellung amerikanischer Juden lösten heftige Kontroversen aus. Der Roman blieb bestimmend für Philip Roths weitere literarische Karriere und wurde von vielen Lesern autobiografisch interpretiert.
Inhalt
Als Portnoys Beschwerden bezeichnet der Psychiater Dr. Spielvogel eine Persönlichkeitsstörung, die aus dem Konflikt zwischen starken moralischen Prinzipien und einem ausgeprägten Sexualtrieb entstehe. Sie äußere sich in der häufigen Ausübung verschiedenster Sexualpraktiken, die jedoch allesamt nicht zu sexueller Befriedigung führten, sondern zu Schamgefühlen, Bestrafungs- und Kastrationsängsten. Der Auslöser liege häufig in der Mutter-Kind-Beziehung. Benannt hat Spielvogel die Störung nach seinem Patienten Alexander Portnoy.
Alexander Portnoy, geboren 1933, wächst in einer jüdischen Familie in einem jüdischen Viertel in Newark, New Jersey, auf. Vater Jack ist ein Versicherungsvertreter, dessen unnachahmliche Fähigkeit, noch den Ärmsten Versicherungen anzudrehen, verhindert, dass er jemals auf eine höhere Hierarchieebene gelangt. Privat ist er schwach und leidet unter Verstopfung, sodass er viel Zeit auf der Toilette verbringt. Mutter Sophie ist dominant, kontrollsüchtig, überängstlich und lehnt alles Fremde ab, sei es den Umgang mit „Gojim“ oder auch nur das Fast Food. Zwischen den beiden Kindern sind die Rollen früh verteilt. Die ältere Tochter Hannah zählt nicht; das Genie der Familie ist der Sohn Alexander, den es zu fördern, aber insbesondere vor falschen Einflüssen zu beschützen gilt. Mit Einsetzen seiner Pubertät verbringt auch Alexander bald die meiste Zeit auf der Toilette, um exzessiv zu masturbieren, begleitet von einer für ihn charakteristischen Mischung aus sexueller Lust und Schuldgefühlen sowie der Sorge seiner an der Tür rüttelnden Mutter.
Alexanders heimliche, da in seiner Familie undenkbare Leidenschaft sind nichtjüdische „Schicksen“. Typisch für seine Annäherungsversuche ist eine Episode, bei der er beim Anpirschen auf Schlittschuhen an ein eislaufendes Mädchen stolpert und sich das Bein so kompliziert bricht, dass er vorübergehend hinkt. Auf dem College kommt es zur ersten längeren Beziehung mit einer Nichtjüdin, der sanftmütigen Kay Campbell aus dem Mittleren Westen, die er wegen ihres ausgeprägten Hinterteils bloß „Pumpkin“ (Kürbis) nennt. Ihre Liebe ist so ungetrübt, dass sie bereits an Heirat denken, als die kategorische Weigerung Kays, zum jüdischen Glauben zu konvertieren, den ansonsten völlig areligiösen Portnoy auf einen Schlag das Interesse an ihr verlieren lässt. Auch die Beziehung einige Jahre später zu Sarah Abbot Maulsby, wegen ihrer Yankee-Attitüde und ihrer elitären Herkunft von ihm „Pilgrim“ (Pilger) genannt, scheitert, was sich symbolisch in ihrer Unfähigkeit ausdrückt, mit ihm die Fellatio zu vollziehen.
Erst mit Mary Jane Reed, genannt das „Äffchen“, findet Portnoy, der inzwischen Anwalt geworden ist, zum ersten Mal eine Form von Erfüllung seiner lüsternen Träume. Das gutherzige, unsichere, ungebildete Model ist von einer selbst Portnoy überraschenden sexuellen Freizügigkeit, wobei ihre Reduzierung sozialer Kontakte auf die Sexualität die Folge ihrer traumatischen Kindheit ist. Zwar bringt Portnoy sie zu allerlei sexuellen Ausschweifungen wie einem Dreier mit einer italienischen Prostituierten, doch er kann sich nicht vorstellen, sie jemals zu heiraten, weil sie ihm nicht „ernsthaft“ genug ist. Auf einer Europareise verlässt er sie in einem Athener Hotel. Von nun an sieht er ständig Schreckensbilder vor seinem geistigen Auge, wie sie Suizid begeht, für den man ihn, den so smarten, ernsthaften Anwalt, verantwortlich machen könnte.
Zu seiner jüdischen Selbstfindung reist Portnoy schließlich weiter nach Israel, wo er in einem Kibbuz auf die wehrhafte Sozialistin Naomi trifft, die ihm nicht nur verbal, sondern auch in körperlicher Selbstverteidigung überlegen ist. Als er sie zu vergewaltigen versucht, fügt sie ihm seine ultimative Niederlage zu: Er bleibt impotent, eine Strafe, zu der er sich wegen seiner „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gegenüber Mary Jane verurteilt sieht.
Deutungsansatz
Im Vorspann zu dem Roman wird Portnoy‘s Complaint, wie oben angesprochen, als eine Krankheit bezeichnet, bei der stark empfundene ethische oder altruistische Impulse in ständigem Widerstreit mit einem extremen sexuellen Verlangen stehen. Der Protagonist, nach dem diese Krankheit ihren Namen erhalten hat, berichtet bzw. „beichtet“ in dem Roman seinem Analytiker Dr. Spielvogel die eigene Vergangenheit. Dabei geht es in diesem Bericht im Wesentlichen um zwei Erlebnisbereiche: zum einen den seiner Krankheit und seiner Kindheit und Jugend im Elternhaus, zum anderen um seine anschließenden Begegnungen mit dem anderen Geschlecht, insbesondere mit seiner Geliebten „The Monkey“.Franz Link: Portnoy’s Complaint. 1969. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh Verlag, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 141.
Der „kvetch“ des Protagonisten, wie er mit dem jiddischen Wort seine wehleidige Klage bezeichnet, ist im Hinblick auf den ersten Erlebnisbereich insbesondere auf die Einengung seiner persönlichen Entwicklung und Lebensfreiheit ausgerichtet, als die er die elterliche Sorge um ihn empfindet. Nach seiner Wahrnehmung sind seine Eltern durch die jahrtausendlange Ghettoexistenz des jüdischen Volkes bestimmt und von der Sorge um die Erhaltung des Stammes in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Kinder geprägt. Sie unternehmen daher alles nur Erdenkliche, damit ihr Sohn Alexander im richtigen Glauben aufwächst und gesund bleibt, um seine überdurchschnittliche Intelligenz in nützlicher Form einzusetzen und durch Heirat und Zeugung von Kindern den Stamm in Zukunft zu erhalten.
Portnoys Eltern verkörpern dabei Krieger zufolge ein „jüdisches Elternpaar, das an der Grenze zwischen Archetypik und Karikatur steht“. Die Mutter ist demgemäß „von überlebensgroßem Einfluß“, der Vater dagegen, der sich für seine Familie in seinem Beruf aufreibt, schwach und beständig konstipiert; Roth zeichnet laut Krieger ein jüdisches Elternpaar, dass „seine gesamte Existenz als Dienst, als Opfer für den Sohn“ begreift, der es besser haben und es zu etwas bringen soll. Der Preis für diese gleichsam märtyrerhafte Aufopferungsbereitschaft der Eltern Portnoys ist jedoch für den Sohn ein unentrinnbares Netz von Geboten und Verboten und die lebenslange „Hypothek der Verpflichtung zur Dankbarkeit, zur Anerkennung der für ihn gebrachten Opfer“.Gottfried Krieger: Philip Roth. In: Martin Christadler (Hrsg.): Amerikanische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Kröner Verlag, Stuttgart 1973, ISBN 3-520-41201-2 S. 144f.
In den ersten Jahren seiner Kindheit fügt sich Alexander Portnoy in dieses Familienszenario ohne Widerspruch ein; mit zunehmendem Alter empfindet er die in ihn gesetzten Erwartungen und Hoffnungen jedoch zunehmend als Belastung und Einschränkung. Er unternimmt verschiedene Rebellionsversuche, beispielsweise indem er nach Abschluss seines Studiums und seiner Ausbildung es nicht darauf anlegt, sonderlich viel Geld zu verdienen und sich stattdessen für politische Anständigkeit bzw. Sauberkeit und soziale Gerechtigkeit einsetzt und mit mehreren „shikses“, d. h. nichtjüdischen Mädchen, anbändelt und bereits in einer frühen Phase einer exzessiven sexuellen Selbstbefriedigung frönt.Vgl. zu diesem Deutungsansatz Franz Link: Portnoy’s Complaint. 1969. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh Verlag, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 141.
Portnoy gibt als Erzähler selber keinen genaueren Grund dafür an, warum er sich durch die elterliche Fürsorge in seiner Persönlichkeitsentfaltung gehemmt sieht und spricht auch an keiner Stelle von der Unterdrückung irgendwelcher Fähigkeiten durch seine Eltern. Er glaubt ausschließlich selbst, seine sexuellen Begierden kontrollieren zu müssen, die in ihrer Exzessivität möglicherweise eine Art Kompensation für seine gestörte Persönlichkeitsentwicklung darstellen.
Dennoch lassen sich Krieger zufolge aus den Vermutungen, Selbsterklärungen und Hypothesen, die Portnoy sich selbst und seinem Psychiater anbietet, verschiedene Momente finden, die andeuten, dass Portnoy Opfer seines jüdischen Milieus, seiner Erziehung und seiner eigenen ungezügelten Einbildungskraft geworden ist. Er befindet sich in einem „Dilemma zwischen erzwungener Wohlanständigkeit und um jeden Preis zu verheimlichende[r] Rebellion“; der Widerstand gegen seine Eltern erzeugt ungeheuere Schuldkomplexe in ihm; angesichts der übergroßen Repression, die er empfindet, wird die Selbstbefriedigung für ihn sehr schnell zum Mittel der Selbstbehauptung.Vgl. detaillierter Gottfried Krieger: Philip Roth. In: Martin Christadler (Hrsg.): Amerikanische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Kröner Verlag, Stuttgart 1973, ISBN 3-520-41201-2 S. 143–145.
Die repressiven Bedingungen des Elternhauses resultieren dabei zu einem nicht unerheblichen Teil aus den Konstanten des jüdischen Milieus, so dass Portnoy einerseits mit dem Selbstbewusstsein eines Außenseiters aufwächst, andererseits jedoch zugleich durch eine messianische Gewissheit geprägt ist, etwas Besseres zu sein als die Goyim. Vor dem Hintergrund dieser beiden Momente in Portnoys Leben ist es dann nicht verwunderlich, dass der Geschlechtsverkehr mit einer shikse für ihn eine nahezu metaphysische Dimension annimmt. Auch als Erwachsener führt Portnoy eine Art Doppelexistenz, die in dem Roman auch an dem Leitmotiv seiner übermäßigen Einbildungskraft spürbar wird. Schon als Kind und Heranwachsender nimmt Portnoy in seiner Phantasie die möglichen Reaktionen auf sein Verhalten vorweg; diese Form der negativen Wirklichkeitsbewältigung bestimmt ebenfalls sein Leben im Erwachsenenalter. So wird Portnoys Unfähigkeit, eine echte Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen bzw. eine dauernde Bindung zuzulassen, verständlich. Darüber hinaus begleitet Portnoy von Kind an seine Furcht vor Impotenz oder Kastration, die ihm die Möglichkeit der Identitätssicherung verbaut und ihn nach seinen Erfahrungen in Israel dazu drängt, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.Vgl. detaillierter Gottfried Krieger: Philip Roth. In: Martin Christadler (Hrsg.): Amerikanische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Kröner Verlag, Stuttgart 1973, ISBN 3-520-41201-2 S. 145–147.
Die starken ethischen und altruistischen Motive in Portnoys Handeln, die sich später beispielsweise in seiner Tätigkeit für eine Kommission in der Stadt New York gegen Diskriminierung äußern, sind allerdings von seinen Eltern in keiner Weise unterdrückt worden. Diese sind vor allem sehr nachdrücklich darauf bedacht, dass er keine Ehe mit einer Nichtjüdin eingeht. Dieser Einfluss seiner Eltern kommt beispielsweise wirksam zum Ausdruck, als Portnoy von einer Freundin, die er am College kennengelernt hat, verlangt, sie solle zum jüdischen Glauben konvertieren, falls sie heiraten wollten.